Donald Trumps Raubzug in Afghanistan

1. September 2017 - 16:00 | | Politik | 0 Kommentare

Donald Trump fand seinen Grund, um den katastrophalen 16 Jahre andauernden Krieg in Afghanistan weiterzuführen: die bis zu 3 Billionen US-Dollar wertvollen Ressourcen im Land. In einer Grundsatzrede formulierte er seine Afghanistanstrategie, die letztendlich nur die weitere Eskalation bedeutet. Trump ist die Verkörperung des feindseligen US Empire.


Im Jahre 1776 schrieb der britische Historiker Edward Gibbon in Verfall und Untergang des Römischen Reiches:

„Sie bemühten sich, die Menschheit davon zu überzeugen, ihr Motiv sei nicht etwa die Verlockung der Eroberung, sondern vielmehr getrieben von der Liebe zur Ordnung und zur Gerechtigkeit.“

Was Gibbon hier zum Imperium Romanum schreibt, ist ein allgemeingültiges Motiv von Imperien. Neben der Hard Power – also der Wirtschaftsmacht und vor allem der Militärmacht, der Eroberung, der physischen Gewalt – muss ein Imperium, um erfolgreich bestehen zu können, auch auf dem Gebiet der Soft Power punkten: dem Krieg um die Köpfe. Militärische Gewalt muss der eigenen Bevölkerung genau wie der Welt verkauft werden, sie muss stets mit einem Narrativ einhergehen, welches die tatsächlichen Motive verschleiert und in etwas Positives verkehrt. Was im Alten Rom galt, gilt auch für das Imperium des jungen 21. Jahrhunderts – dem US Empire. In seiner berühmten Rede vor dem US-Kongress nach den Anschlägen vom 11. September 2001, erklärte George W., die Terroristen „hassen unsere Freiheit“, und der frischgeborene „War on Terror“ ist der „Kampf der Zivilisation“ für „Fortschritt, Pluralismus, Toleranz und Freiheit“. Mochte es noch ein wenig schwerfallen, dem Öl-Cowboy aus Texas – und vor allem seinem Vizepräsidenten und ehemaligen Halliburton-CEO Dick Cheney – das Freiheit-und-Demokratie-Narrativ abzukaufen, so lösten sich beim charismatischen Verfassungsrechtler aus Illinois die Zweifel in Luft auf. Gewiss ließ Friedensnobelpreisträger Obama auf acht Länder seine Bomben niederregnen, um für die Menschenrechte der Unterdrückten dieser Welt zu kämpfen – keine Frage!

Doch als mit Donald Trump der Fanatismus ins Weiße Haus einzog, sollte sich diese Interdependenz aus Hard Power und Soft Power ändern. So wie Trump aus seinem schändlichen Rassismus oder seinem Frauenhass nie ein großes Geheimnis machte, war er auch stets ein leidenschaftlicher Anwalt der Raubtiermentalität des US-Imperiums: „In den alten Zeiten, weißt Du, wenn es einen Krieg gab, gehörte dem Sieger die Beute“, trauerte Trump bei ABC News’ George Stephanopoulos im Jahr 2011 im Hinblick auf das irakische Öl der guten alten Zeiten hinterher. „Du gehst rein. Du gewinnst den Krieg, und du nimmst es dir.“ Einmal davon abgesehen, dass Trump hier irrwitzigerweise dem Wahn verfallen ist, die USA hätten den Krieg im Irak – in welcher Bedeutung des Wortes auch immer – gewonnen, so beschreibt er hier schlicht Kriegsverbrechen. Zwar ist die Auffassung, die USA sollten sich mit Gewalt die Kontrolle über das Öl in Middle East aneignen, seit Jahrzehnten fester Ideologiebaustein unter den Rechtsaußen-Kriegsfalken des US-Politestablishments, doch hält das humanitäre Völkerrecht unzweideutig fest, dass eine Ressourcenausbeutung in besetzten Gebieten im Trump’schen Sinne schlicht illegal ist, wie die Juristin Sarah Saadoun im Harvard International Review erklärt.

Ende Juli titelte die New York Times: „Trump findet Grund für die USA, in Afghanistan zu bleiben: Bodenschätze.“ Businessman Trump betrachtet die Welt als den ureigenen Selbstbedienungsladen der USA und hat seine Philosophie des militärisch abgesicherten Ressourcenklaus nun auch auf Afghanistan übertragen. Seine als Privatmann noch geäußerte heftige Kritik an Obamas Afghanistan-Politik und Trumps generelle Opposition zum Krieg ist endgültig begraben.

Trump ist nun voll auf Linie der Kriegsfalken des US-Establishments, welches zu bekämpfen er einst antrat, und schließlich bereit, die Empire-Politik seiner beiden Vorgänger – und seiner so sehr verhassten Kontrahentin Hillary – auch in Afghanistan weiterzutreiben.

Ein kurzer Blick zurück.

„Die Medizin des Westens ist schlimmer als die Krankheit der Taliban.“

US-Soldaten patrouillieren durch ein Opiumfeld im Musa Qaleh District, Afghanistan, April 2012. By Cpl. Kenneth Jasik, Marines, Flickr, published under public domain.

Mit seinen 16 Jahren ist der Afghanistankrieg der längste Krieg in der US-Geschichte und kostet die US-amerikanischen Steuerzahler mehr als 2 Billionen US-Dollar. George W. Bush bezeichnete ihn als seinen „Kreuzzug“. Bereits die US-Invasion 2001 war völkerrechtlich höchst zweifelhaft, erklärt Law Professor Ryan T. Williams von der University of Pennsylvania in einer wissenschaftlichen Studie, doch „mehr als ein Jahrzehnt später gibt es kein einziges internationales Gesetz, mit dem der fortwährende Einsatz militärischer Gewalt vereinbar wäre.“ – ein illegaler Krieg des US-Imperiums also. Es sind direkt fast 100 Tausend Menschen im Afghanistankrieg gestorben, 26 Tausend tote Zivilisten darunter, durch indirekte Kriegsfolgen weitere unaussprechliche 360 Tausend Tote. Die afghanische Zivilbevölkerung steht heute am Rand einer humanitären Katastrophe, ihr Elend ist noch größer als vor der US-Invasion 2001. „Die Medizin des Westens ist schlimmer als die Krankheit der Taliban.“ – meint daher der renommierte Middle East-Analyst Anders Corr. Die von Washington gekaufte und von Korruption zerfressene Marionetten-Regierung Karzai reaktivierte den zum Sturz der Taliban 2001 nicht vorhandenen Opiumhandel – teils mit aktiver Beihilfe der CIA – so dass heute wieder über 90 Prozent (sic!) des weltweiten Heroins aus Afghanistan stammen.

Die USA töteten einen Taliban-Führer nach dem anderen, dennoch ist die Terrororganisation heute stärker als je zuvor und hat mehr Gebiete unter Kontrolle als zu jedem anderen Zeitpunkt seit der US-Invasion 2001, rund 50 Prozent Afghanistans werden von den Taliban gehalten. Das quasi-religiöse Dogma sämtlicher US-Regierungen „Töte den Kopf und du schwächst die ganze Gruppe.“ ist eine ideologisch verblendete Wunschvorstellung und hat nichts mit der Realität zu tun. Die Hinrichtung von Führern etablierter Terrorgruppen wie den Taliban ist „höchst kontraproduktiv“, wie eine Studie der University of Chicago zum Thema Terrorgruppen seit 1945 zweifelsfrei nachwies. Vielmehr würde die Terrorgruppe über verschiedene Rebound-Effekte auf sämtlichen Ebenen gestärkt. Neben den Taliban ist auch Al-Qaida in Afghanistan wiedererstarkt, auch der IS hat eine Afghanistan-Filiale etabliert.

Die USA verfolgen eine Strategie der verbrannten Erde, ihr Krieg hat maßgeblich zur Zerstörung Afghanistans beigetragen. Dieses heillose Chaos ist natürlich nicht Donald Trump anzulasten, sondern der katastrophalen Politik seiner Vorgänger Bush und Obama, doch der Opportunist Trump schlachtet dieses Chaos nun aus und will zukünftig im großen Stile Afghanistans wertvolle Bodenschätze stehlen.

Ressourcenklau durch Corporate America

Afghanistans besondere plattentektonische Beschaffenheit beschert ihr nicht nur eine wunderschöne Landschaft, sondern auch ein einzigartiges und reichhaltiges Mineralienprofil. Das Bagram Valley im Nordosten des Landes, Februar 2016. By Afghanistan Matters, Flickr, licensed under CC BY 2.0 (edited by JusticeNow!).

Das heutige Afghanistan bildet eine plattentektonische Schnittstelle zwischen Eurasien und dem Ur-Kontinent Gondwana, was zur Folge hatte, dass es zu jeder Zeit massive geologische Aktivitäten gab, die Afghanistan mit einem einzigartigen und reichhaltigen Profil an Mineralien ausgestattet haben. Afghanistans Vorkommen an mineralischen Bodenschätzen, so umschreibt es das Institut für Seltene Erden und Metalle, „liest sich wie die Wunschliste einer Industrienation“: Lithium, Kupfer, Uran, Chrom, Milliarden Tonnen hochwertiges Eisenerz, Edelsteine, Gold, dazu Gas, Kohle, Öl und insbesondere Seltene Erden. Bereits 2014 berichtete LiveScience, Afghanistan würde auf Bodenschätzen im Wert von über 1 Billion US-Dollar sitzen, während CNBC Zahlen des afghanischen Minen- und Erdölministeriums zitiert, welches den Ressourcenreichtum gar auf 3 Billionen US-Dollar beziffert.

Von besonderer Bedeutung ist das signifikante Vorkommen an Selten Erden – einer Mineraliengruppe, die für die Produktion sämtlicher High-Tech-Elektronikprodukte – von Smartphones über Drohnen bis zu Spaceshuttles – fundamental wichtig ist. China hat die global mit Abstand größten Vorkommen an Seltenen Erden und ist mit der fast achtfachen Produktionsmenge des Zweitplatzierten Australien auch der dominante Produzent – ein Quasi-Monopolist. Mit ihrer enormen Bedeutung für die globale Wirtschaft – Peking setzt Preismanipulation bereits heute als wirtschaftspolitische Waffe ein – sind die Seltenen Erden schon längst zu einem brisanten politischen Faktor geworden und könnten für das 21. Jahrhundert eine geostrategisch ähnlich zentrale Rolle einnehmen, wie es das Erdöl im 20. Jahrhundert war. In Afghanistan liegen die Seltenen Erden hauptsächlich in der von den Taliban kontrollierten Helmand-Provinz, die auch einer der zentralen Kriegsschauplätze ist. Mit 1,4 Millionen Tonnen ist das gesamtafghanische Vorkommen etwa genauso groß wie das der USA, nach Trumps „Geh rein und nimm es dir.“-Mentalität könnten die USA ihr faktisches Vorkommen der strategisch wichtigen Metallerze demnach effektiv verdoppeln.

Trumps politische Berater, Lobbyisten aus der Industrie – etwa der CEO des Bergbauunternehmens American Elements, oder der Besitzer der Söldnerfirma DynCorp –, sowie afghanische Funktionäre und Afghanistans Präsident Ashraf Ghani flüsterten dem US-Präsidenten ein, „Afghanistans riesiger Reichtum an Bodenschätzen,“ berichtet der oben erwähnte New York Times-Artikel, „kann gewinnbringend von westlichen Konzernen ausgebeutet werden.“ Während China mit Milliardeninvestitionen der derzeitige Hauptinvestor in Afghanistans Minenbusiness ist und Deutschland scharf auf die afghanischen Lithiumvorkommen in der Helmand-Provinz im Süden ist, will nun auch Trumps Corporate America seinen Teil vom Kuchen. Mit der Aussicht auf lukrative Deals für US-Firmen, entdeckte Businessman Trump – der schon im Wahlkampf ankündigte, er wolle die USA wie einen Konzern führen – nun schließlich sein Interesse an Afghanistan, das in den ersten sieben Monaten seiner Präsidentschaft kaum Thema war; mit Ausnahme natürlich des 13. Aprils, als Kriegsverbrecher Donald Trump sein Phallussymbol auf Afghanistan abwarf: die schändlicherweise „Mutter aller Bomben“ genannte Massenvernichtungswaffe, die größte je auf Menschen abgeworfene nichtnukleare Bombe der Geschichte.

Mitte August stellte Trump dann seine neue Strategie für Afghanistan vor.

„Nichts als die Aussicht auf weiteres Töten.“

In einer Militärbasis in Arlington, Virginia, hielt Trump seine Grundsatzrede, die gespickt war mit schwülstigem Patriotismus, Selbstbeweihräucherung, US-Exzeptionalismus, Glorifizierung von Krieg und militaristischen Schwülstigkeiten. Trumps eindimensionale Analyse des Krieges ließ erkennen, dass er – beziehungsweise seine Redenschreiber – offenbar nicht das Geringste Verständnis des Nahen und Mittleren Ostens und speziell von Afghanistan hat. Neben Trump-typischen martialischen Äußerungen – etwa, er wolle „ISIS auslöschen, Al-Qaida zerschmettern“ – enthielt seine Rede drei wesentliche Punkte:

  1. „Wir werden uns nicht erneut im Aufbau staatlicher Strukturen engagieren.“
  2. „Wir werden uns an wirtschaftlicher Entwicklung beteiligen, um unsere Kosten für den Krieg zu tragen.“
  3. „Wir töten Terroristen […] Die Vergeltung wird schnell und machtvoll sein, da wir Beschränkungen aufheben und Befugnisse erweitern werden.“

 Die Message dieser drei Punkte an die Afghanen vor Ort lautet in etwa wie folgt:

  1. Wir interessieren uns nicht für Stabilität und Sicherheit in Afghanistan.
  2. In Komplizenschaft mit korrupten Eliten vor Ort werden wir afghanische Bodenschätze plündern.
  3. Wir werden sehr viele Afghanen töten.

Trump weigerte sich, konkrete Zahlen über zusätzlich nach Afghanistan zu entsendende Truppen zu nennen, das Pentagon sprach hingegen von 3.900 zusätzlichen Truppen. „Es gab nichts in dieser Rede,“ meint Matthew Hoh vom Center for International Policy, „als die Aussicht auf weiteres Töten.“ Trumps Rede zur Eskalation des Afghanistankriegs wurde im Allgemeinen positiv aufgenommen, insbesondere auch im Trump-kritischen pro-Hillary-Lager der US-Politlandschaft: „einer von Donald Trumps feinsten Momenten als Präsident“, biedert sich Paul D. Miller in Foreign Policy an den von ihm verhassten Trump an. Ein wiederkehrendes Motiv: Das erste Mal, als sich das normalerweise mit Schaum vorm Mund in Hasstiraden gegen Trump ergehende Lager der US-Demokraten in Eintracht hinter ihrem Präsidenten versammelte, war, als dieser Anfang April völkerrechtswidrig 59 Tomahawk-Raketen auf Assads Militär abfeuerte – Krieg als einendes Motiv der US-Politik.

Ein im Sommer veröffentlichter Bericht der Vereinten Nationen ergab, dass die Zahl getöteter Zivilisten in Afghanistan so hoch ist wie nie zuvor im 16 Jahre andauernden Krieg, insbesondere hervorgerufen durch steigende Zahlen getöteter Frauen und Kinder. Die Zahl der von der afghanischen und der US-Regierung aus der Luft getöteten Zivilisten stieg 2017 um dramatische 43 Prozent zum Vorjahr an, allein im Juni flog die USA 389 Luftschläge, ein „Rekordmonat“ seit mehr als vier Jahren. Im Oktober 2015 bombardierte das US-Militär über 30 Minuten hinweg aus der Luft ein von Ärzte ohne Grenzen betriebenes Krankenhaus in Kunduz und tötete dabei 42 Menschen. Im Juni töteten die USA 16 afghanische Polizisten aus der Luft. Bereits wenige Tage nach Trumps Amtseinführung im Februar dieses Jahres bombardierten US-Kampfjets „wahllos dichtbesiedelte Wohngebiete“ in der Helmand-Provinz und töteten dabei mindestens 18 Zivilisten, überwiegend Frauen und Kinder.

Angesichts solcher Zahlen und Berichte drängt sich die Frage auf, welche „Beschränkungen“ es denn überhaupt sein sollen, die Trump jetzt noch aufheben könnte.

Die Freiheit, die die USA der Welt versprochen hat, ist schon lange nur noch eine kaputte Karikatur ihrer selbst. By JusticeNow!, licensed under CC BY-SA 4.0.

Die fallende Maske des US Empire

Trumps Wahlerfolg nährte sich vor allem aus der Tatsache, dass ein Großteil der US-Bevölkerung sick and tired vom Establishment in Washington und dessen Jahrzehnte der graugrauen Austauschbarkeit war. Trump war der Held dieser entfremdeten Masse aus DC-Gleichgültigen und gewann die Präsidentschaft als der Unbeugsame, der Anti-Establishment – und vor allem als der Anti-Hillary. Doch anstatt das von seinen Anhängern verhasste Establishment zu bekämpfen, holte er es in sein Kabinett – dem reichsten Kabinett der US-Geschichte. Insbesondere wurde er für seinen glorifizierten Nicht-Interventionismus ins Amt gewählt, für das versprochene Ende der Regime-Change-Politik, für sein Raus aus Middle East und sein America First. Doch er eskalierte die Kriege im Irak, Syrien und im Jemen, tötete im Kampf gegen den IS bereits so viele Zivilisten wie Obama in seiner gesamten Amtszeit, bombardierte mehrfach Truppen von Assad, ordnete Drohnenschläge in der fünffachen Rate von „Drohnenkönig“ Obama an – und wird aus Profitgier nun erneut Afghanistan in Brand setzen. Log Trump als Kandidat seine Anhänger noch schamlos an, so spuckt er ihnen als Präsident nun ins Gesicht.

Die Zeiten des verschleiernden Soft Power-Geplänkels sind vorbei. Trump macht schlicht keinen Hehl daraus, den Afghanistankrieg zu eskalieren, um Ressourcen zu stehlen – „Entschädigungen“, wie er es nennt. Trump lässt die verkrustete Maske des US Empire fallen, die Welt blickt nun in dessen Antlitz: Es ist die hässliche, verrottete Fratze des Imperiums, dem Geld und Macht alles und Menschenleben nichts bedeuten.

US-Konzerne werden reicher, Afghanen werden sterben.

Afghanistan from Above. By Afghanistan Matters, Flickr, licensed under CC BY 2.0 (edited by JusticeNow!).


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