Marx, Engels und die Religionskritik

12. Mai 2016 - 10:39 | | Politik | 3 Kommentare
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Die Debatten des 21. Jahrhunderts haben erstaunliche Ähnlichkeiten mit denen im 19. und 20. Jahrhundert. Es ist keinesfalls überraschend, dass der Begriff »Kulturkampf« in letzter Zeit so freizügig in Zeitungen verwendet wird. Ein großer Teil der Rhetorik, die wir in Frankreich zum Thema Kopftuch, in der Schweiz zum Minarettverbot oder in Deutschland zu den Salafisten hören, ähnelt dem Kulturkampf, den Bismarck in den 1870er Jahren führte.

Diese staatlich geführte Kampagne zur Verunglimpfung einer Religion zielte auf die Unterdrückung der Religionsfreiheit der katholischen Jesuiten ab. Wer auf der Wikipedia-Seite zum Kulturkampf gedanklich das Wort »Katholik« durch »Muslim« ersetzt, erkennt die Ähnlichkeit der Stimmung in der »westlichen Welt« von damals und heute. Im Mittelpunkt von Bismarcks Vorgehen stand das Verbot politischer Äußerungen durch Geistliche von der Kirchenkanzel herab, aber das war nur eine von zahlreichen Maßnahmen, die sich gegen Katholiken wandten und eine allgemeine antikatholische Stimmung in der Gesellschaft schaffen sollten, um die Macht der herrschenden Klasse zu stärken und das neue Deutsche Reich gegen Instabilität abzusichern. August Bebel, der Gründer der Sozialdemokratischen Partei, wandte sich im Jahr 1872 im Reichstag gegen Bismarck und bezog Position gegen ein Verbot des reaktionären Jesuitenordens, des Horts der Gegenreformation und der Gegenaufklärung, durch den Reichstag. Damit stellte er sich gegen die Mehrheit der Liberalen und demokratischen Linken, die Bismarcks Gesetzgebung im Namen der Aufklärung und der Trennung von Staat und Kirche unterstützten. Um dieselbe Zeit kämpfte Engels gegen starke Tendenzen in der Sozialdemokratie, die ausdrückliche Unterstützung des atheistischen Kriegs gegen die Religion in das Parteiprogramm aufzunehmen, weil er meinte, dies wäre ein fataler Fehler, der die Partei von der Mehrheit der gläubigen Arbeiter abgeschnitten hätte. Schließlich wurde die Position von Marx und Engels im Programm von 1891 in Form der »Erklärung der Religion zur Privatsache« übernommen, die Festschreibung des Atheismus im Programm war damit gescheitert.

Die Weimarer Verfassung schützte die Religionsfreiheit und verbot jegliche Diskriminierung auf konfessioneller Grundlage. Das Gesetz enthielt auch einen Artikel, der die Rolle der Religion in Schulen behandelte. In staatlichen Schulen sollte Religion gar keine Rolle spielen, aber religiöse Privatschulen waren erlaubt, solange sie keine öffentlichen Gelder in Anspruch nahmen. Die Einmaligkeit der Weimarer Verfassung kann an den Umständen abgelesen werden, unter denen sie entstand, nämlich in der Folge einer proletarischen Revolution in Russland und einer – unvollendeten – revolutionären Erhebung in Deutschland. In der neuen Sowjetrepublik in Russland, der oft fälschlicherweise unterstellt wird, von Anfang an auf die Zerstörung der Religion aus gewesen zu sein, wurden der gewaltige Besitz und Reichtum der russisch-orthodoxen Kirche, die bis zur Oktoberrevolution 1917 offizielle Staatskirche mit dem Zar als religiösem Oberhaupt war, durch die junge revolutionäre Demokratie beschlagnahmt und es fand eine vollständige Trennung von Kirche und Staat statt. Religion wurde nicht verboten. Die unter dem Zarentum unterdrückten Religionen (Islam, Judentum und andere) erhielten vielmehr vollständige religiöse Freiheit, die ehemalige christliche Staatskirche verlor dagegen sämtliche Privilegien und ihr erheblicher Reichtum vor allem in Form von Grundbesitz wurde enteignet. Das entsprach in etwa der heutigen Forderung der Punk Band »Pussy Riot« nach Auflösung der antidemokratischen kirchlichen Macht sowie der Zusammenarbeit zwischen der Regierung Putins und dem russisch-orthodoxen Patriarchat. In vielen Regionen Russlands war die Mehrheit der Roten Armee muslimisch und es existierten sogar Schariagerichte neben revolutionären Gerichten.

Wie wir am Beispiel Bismarcks und seinem Kulturkampf gegen die katholische Kirche bereits gezeigt haben, wurde und wird Säkularismus immer auch für reaktionäre politische Zwecke instrumentalisiert. In den 1930er Jahren fand in Deutschland ein weiterer antikirchlicher Kulturkampf statt, den diesmal die Nazis an der Macht anführten und der im Verständnis der Nazis auf die vollständige Trennung von Staat und Kirche abzielte. Im Jahr 1935 forderte Reichsinnenminister Frick die »völlige Entkonfessionalisierung des öffentlichen Lebens«. Hermann Göring hatte schon 1933 sämtliche katholische Zeitungen in Köln verbieten lassen und erklärt, dass der »politische Katholizismus« (unbequem erinnernd an den heutigen Begriff »politischer Islam«) nicht toleriert werde. Nach 1935 richtete sich die Aufmerksamkeit jedoch in erster Linie auf die Schulen. Im Laufe der nächsten Jahre wurde der Religionsunterricht entweder eingeschränkt oder vollständig abgeschafft. So sollten im Oldenburger Münsterland 1936 sämtliche Kruzifixe aus Klassenzimmern und anderen staatlichen Gebäuden entfernt werden, und nur eine Massenbewegung konnte erreichen, dass sie wieder aufgehängt wurden. Nach der Logik einer abstrakten Verteidigung des Säkularismus und der Trennung von Staat und Kirche hätten Marxisten und Sozialisten diese Kampagne der Nazis unterstützen oder sich ihr zumindest nicht in den Weg stellen dürfen. Als Antwort auf den Brief eines jungen Kommunisten, der »gegen jede Unterstützung der Kirchen« war, schrieb Trotzki: »Natürlich kann keine Rede davon sein, die Kirche zu unterstützen«, aber, warnte er:

Für uns kann es nur die Frage geben: unterstützen wir den politischen Kampf der Katholiken und Protestanten für ihr Recht, Katholiken und Protestanten zu bleiben und als solche zu handeln, oder nicht. […] Lösungen wie die Trennung von Kirche und Staat, von Schule und Kirche sind natürlich richtig und müssen, wann immer die Gelegenheit sich bietet, propagiert werden. Aber diese Lösungen treffen in Wirklichkeit nicht ganz den Nagel auf den Kopf. (aus»Der Kirchenkampf unterm Faschismus« (Aus einem Brief, 19. August 1935)

Oberflächlich betrachtet entsprach Hitlers Projekt der Trennung von Kirche und Staat unserem Prinzip des Säkularismus, aber in Wirklichkeit bestand dessen eigentliche Funktion darin, die Kirchen als unabhängige Institutionen aufzulösen und der vollständigen politischen Kontrolle der Nazis zu unterstellen. Außerdem sollte wahrhaft christliches Denken aus dem Bewusstsein der Menschen gelöscht und durch eine germanisch-arische Mythologie des Nationalsozialismus ersetzt werden. Dieses Beispiel zeigt, dass eine abstrakte und undialektische Herangehensweise an den »Säkularismus« reaktionären politischen Kräften durchaus in die Hände spielen kann. Und in der jüngeren Geschichte Frankreichs ist genau das geschehen.

Ein Artikel von Kate Davison, der in Theorie21 veröffentlicht wurde. Der erste Teil beschäftigte sich mit Religionskritik als Tarnung für Rassismus, der zweite mit der Linken und ihrem Verhältnis zur Religion, der dritte mit der Debatte um Islamunterricht.  Der vierte analysiert warum Menschen sich wieder der Religion zuwenden.

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3 Kommentare

  • 1
    günter says:

    Der Dietz-Verlag in Ost-Berlin hat 1961 die gesammelten Werke von Marx und Engels herausgegeben (Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED). Auf Seite 170 heißt es: »Der Koran und die auf ihm fußende muselmanische Gesetzgebung reduzieren Geografie und Ethnografie der verschiedenen Völker auf die einfache und bequeme Zweiteilung in Gläubige und Ungläubige.

    Der Ungläubige ist ein harby, d.h. der Feind. Der Islam ächtet die Nation der Ungläubigen und schafft einen Zustand permanenter Feindschaft zwischen Muselmanen und Ungläubigen.« Auf Seite 171 heißt es bei Marx: »Da der Koran jeden Ausländer zum Feind erklärt, wird niemand wagen, in einem muselmanischen Land aufzutreten, ohne seine Vorsichtsmaßnahmen getroffen zu haben.« Auf Seite 173 erklärt Marx, dass Christen nach dem Islam kein Eigentum haben dürfen: »Es versteht sich, dass Besitz in diesem Falle nicht Eigentum bedeutet, das den Christen durch den Koran untersagt ist, sondern nur das Recht der Nutznießung.«

    Und Türken stellt Marx als extrem habgierig heraus, etwa auf Seite 175 (Kapitel: »Zur Geschichte der orientalischen Frage«): »Die Türen der Kirche sind verschlossen und werden von Türken bewacht, die sie nur gegen Bezahlung öffnen und je nach ihrer Laune oder Habgier schließen.«

    Auf vielen Buchseiten wird der Islam von Marx und Engels als feindselig bezeichnet. Nach der derzeit vorherrschenden politischen Korrektheit sind solche Aussagen »rassistisch« und »islamophob«.

    • 1.1
      günter says:

      sieht so aus, daß nach Meinung der islamliebe (pardon, „Freiheitsliebe“) Marx &co. wohl nur „rassisten“ waren „denen die religionskritik nur als vorwand diente“.
      aber das hatten wir schon.
      wie oft wollt ihr euren längst widerlegten Unsinn noch wiederkäuen, wie lange euch noch fälschlich als Marxisten ausgeben?