Krise, Kontrollverslust, Konspirationismus – Zum linken Umgang mit Verschwörungstheorien

21. Mai 2020 - 12:00 | | Politik | 0 Kommentare
Bild von Ria Sopala auf Pixabay

Als vor einiger Zeit verschiedene Videos auftauchten, in denen sich der aus Mannheim stammende Sänger Xavier Naidoo unzweifelhaft als Anhänger rechtsradikaler Verschwörungstheorien zu erkennen gab, war das mediale Interesse insgesamt eher gering. Zwar schien es kurz so, als würde Naidoos konspirationistische Offenbarung eine Debatte um die Hintergründe und Gefahren von Verschwörungsglauben auslösen. Angesichts der grassierenden Corona-Pandemie versiegte diese jedoch schon nach wenigen Tagen, zumal schon lange klar war, dass Naidoo nicht nur evangelikaler Fundamentalist, sondern auch stramm rechter Verschwörungstheoretiker ist.

In den letzten Tagen jedoch ist das mediale und gesellschaftliche Interesse an Verschwörungstheorien erneut deutlich gestiegen. Grund dafür sind die zahlreichen von sogenannten „Corona-Leugnern“ organisierten „Hygiene-Demos“, an deren Rande in mehreren Fällen sogar Übergriffe auf Journalisten stattfanden. Auch die im Internet grassierenden Falschmeldungen und gar von Politikern und Prominenten verbreiteten „alternativen Fakten“, die eine rationale Bewältigung der Corona-Krise gefährden, bereiten nicht nur Gesundheitsexperten Kopfschmerzen.

Eine Auseinandersetzung mit den Gefahren, die von Verschwörungstheorien ausgehen, ist längst überfällig. Denn auch wenn einiges, was da auf YouTube-Kanälen, in sogenannten „alternativen Medien“ oder in WhatsApp-Gruppen an Mythen, Lügen und Legenden verbreitet wird, lustig klingt: Verschwörungstheorien sind gefährlich. Und zwar nicht nur, weil sie zur Spaltung und Unterminierung der aufgeklärten, demokratischen Gesellschaft beitragen, wie wir gerade in Deutschland beobachten können. Sie können sogar, zumindest in Einzelfällen, Menschen das Leben kosten.

Von Hanau bis Christchurch

Der Attentäter von Hanau zum Beispiel, der Anfang des Jahres in einer Shisha-Bar neun Menschen tötete, war Anhänger rechtsradikaler Verschwörungstheorien. Dies beweisen nicht nur auf seinem Rechner festgestellte Daten, sondern auch ein im Jahr 2019 verfasster Brief an die Generalbundesanwaltschaft, der vor konspirationistischem Wahnsinn nur so strotzte. Auch der Attentäter von Christchurch glaubte an rechtsradikale Mythen, insbesondere an die von rechtspopulistischen Politikern befeuerte Legende vom „Großen Austausch“. Schon früher, im Jahr 2016, führte der unter dem Schlagwort „Pizzagate“ von Anhängern Donald Trumps verbreitete Mythos um von den Clintons entführte Kinder unter einer Pizzeria in Washington beinahe zu einem Amoklauf: Ein mit einem Sturmgewehr bewaffneter Mann stürmte besagtes Restaurant und bedrohte Personal und Gäste, da er sich dazu verpflichtet fühlte, die angeblich dort gefangenen Kinder zu befreien.

Bei den drei genannten Beispielen handelt es sich selbstverständlich um Extreme, doch auch harmlosere Fälle können mitunter gefährliche Folgen haben. Beispielsweise hat sich im Zuge der grassierenden Covid-19-Pandemie im Internet der Mythos verbreitet, dass die 5G-Mobilfunktechnologie und deren Strahlen für die zahlreichen Krankheitsfälle verantwortlich seien. Das mag lustig klingen, hat aber mitunter zur Folge, dass sich Menschen nicht an die vorgegebenen Quarantänemaßnahmen halten und auf diese Weise die Gesundheit Dritter gefährden.

Digitale Parallelwelten

Das Internet und die sich dadurch ergebenden Möglichkeiten der Vernetzung spielen für die Verbreitung von Verschwörungstheorien eine zentrale Rolle. Verschwörungsmythen sind keinesfalls ein neues Phänomen: Seit Jahrhunderten sind sie vor allem in Krisenzeiten Teil der individuellen und gesellschaftlichen Reaktion. Im Gegensatz zu früheren Zeiten ist es jedoch deutlich einfacher geworden, sich mit Gleichgesinnten in Verbindung zu setzen. Auf Twitter, Facebook und Co. existieren ganze Communities, in denen sich Verschwörungstheoretiker miteinander austauschen. Aufgrund der Tatsache, dass auf den meisten Plattformen Inhalte wenig bis gar nicht moderiert werden, blühen und gedeihen die konspirationistischen Parallelwelten online. Einer schnellen Selbstradikalisierung steht damit nichts im Wege.

Auch sogenannte „alternative Medien“, die sich oft irgendwo zwischen Querfront und offenem Rechtsradikalismus bewegen, spielen eine zentrale Rolle beim Verbreiten von Verschwörungstheorien. Wie das funktioniert, lässt sich gerade beispielhaft an einem vom konspirationistischen Magazin „KenFM“ verbreiteten Video beobachten, in dem die derzeitigen Maßnahmen gegen das Covid-19-Virus quasi als Staatsstreich der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung dargestellt werden. Gekonnt und auf sprachlich hohem Niveau werden hier Fakten verdreht oder unter den Tisch fallen gelassen, Lügen verbreitet und Angst geschürt, um die große Erzählung von den bösen amerikanischen Milliardären zu fabrizieren. Über 3,2 Millionen Menschen haben das Video bereits gesehen, das sogar von verschiedenen Prominenten auf ihren Kanälen weiterverbreitet wurde.

Realitätsverweigerung, Kontrollverlust und kapitalistische Moderne

Schon immer waren Verschwörungstheorien aufgrund der Tatsache populär, dass sie komplexe Realitäten in Gut und Böse sortieren. Auf diese Weise zeigen sie scheinbar einfache Lösungswege aus der entweder lediglich perzipierten oder tatsächlich vorherrschenden Misere auf und geben Menschen das Gefühl, die Kontrolle über das Geschehen behalten zu können. Es ist einfacher, die Welt in Schwarz und Weiß, Ursache und Wirkung, Täter und Opfer, Schuldig und Unschuldig zu sortieren, als Graustufen der menschlichen Realität zu analysieren. Darüber hinaus ist es ein durchaus befriedigendes Gefühl zu glauben, man gehöre zu den Wenigen, die verstanden hätten, wie die Welt tatsächlich funktioniert. Es wäre ein grober Trugschluss zu glauben, dass dieser Mechanismus im Laufe der Jahrhunderte mit steigendem Bildungsniveau, wissenschaftlichem und technologischem Fortschritt sowie zunehmender Demokratisierung an Bedeutung verloren hätte. Besonders in Krisenzeiten, wie sich gerade weltweit beobachten lässt, ist der Wunsch nach einfachen Erklärungen nach wie vor groß. Problematisch ist dies nicht nur deshalb, weil auf diese Weise nicht Lösungen, sondern (falsche) Schuldzuweisungen im Mittelpunkt stehen, sondern auch, weil ein solches Denken leicht zu Gewalt gegen die vermeintlich Schuldigen führen kann.

Die Welt, in der wir leben, ist hoch komplex. Sie ist geprägt von einer großen Zahl individuell unlösbarer Herausforderungen und Probleme: Wirtschaftskrisen, ökonomische Ungleichheit, Armut, alte und neue Kriege und Konflikte, globale Migration und Flucht, technologischer Fortschritt, gesellschaftlicher Wandel sowie Klimawandel und Umweltzerstörung. Allein die Analyse dieser miteinander verbundenen und teilweise angsteinflößenden Problematiken stellt einen Kraftakt dar. Eine Lösung dieser in erheblichem Maße aus dem globalen, neoliberalen Kapitalismus resultierenden Probleme setzt jedoch darüber hinaus auch noch die Akzeptanz der Notwendigkeit eines tiefgreifenden gesellschaftlichen und ökonomischen Wandels voraus. Da ist es einfacher, die Augen zu verschließen, wie es große Teile des bürgerlich-liberalen Mainstreams tun, um sich nicht das Versagen der kapitalistischen Moderne eingestehen zu müssen, oder sich gleich in eine Parallelwelt zu flüchten, in der die genannten Probleme wahlweise nicht existieren, schlichtweg erfunden oder Resultat böswilliger Machenschaften sind.

Die derzeit grassierende Corona-Pandemie ist selbstverständlich nicht Resultat kapitalistischen Versagens. Zwar spielen sozioökonomische Faktoren eine wichtige Rolle, wie zum Beispiel die Tatsache, dass in südeuropäischen Ländern eine adäquate Krisenreaktion dadurch erschwert wurde, dass aufgrund der neoliberalen Austeritätspolitik das heruntergesparte Gesundheitssystem schnell an seine Grenzen kam. Doch eine klar zu benennende Ursache gibt es nicht. Krankheiten und Epidemien sind schlichtweg Teil der menschlichen Realität. Bis ein Impfstoff entwickelt ist, sind wir dem Virus mehr oder weniger ausgeliefert und müssen uns mit massiven Einschränkungen des täglichen Lebens begnügen, um uns zu schützen. Doch auch dann kann niemand garantieren, dass man sich nicht womöglich doch ansteckt. Diesen Verlust der eigenen Autonomie zu akzeptieren, fällt schwer. Gleichzeitig sind einfache, befriedigende Erklärungen nur wenige Klicks entfernt, die sich darüber hinaus von rationalen Kritiken des Ausnahmezustandes mitunter schlecht unterscheiden lassen. Die Hinwendung nicht zu vernachlässigender Teile der Bevölkerung zum Verschwörungsglauben ist Resultat des gesellschaftlichen und individuellen Kontrollverlustes.

Postdemokratie und Rechtspopulismus

In Folge von Postdemokratisierungsprozessen, die seit Anfang der 90er Jahre im Zuge des „neoliberalen Turn“ vollzogen wurden, haben viele Menschen keinerlei Vertrauen mehr in gesellschaftliche beziehungsweise politische Eliten, Institutionen oder Werte. Insbesondere Personen, die zu den Verlierern der ökonomischen Modernisierungsprozesse der letzten Jahrzehnte gehören, stehen denjenigen, die aus ihrer Sicht ihre Abgehängtheit zu verantworten haben, skeptisch gegenüber. Auf Grundlage dieses zerstörten Vertrauens findet leicht eine Hinwendung zu rechtspopulistischen Kräften oder ein Abrutschen in konspirationistische Kreise statt. Schuld daran ist auch eine politische Linke, die sich mehr mit Identitäts- als mit Klassenpolitik beschäftigt und auf diese Weise nicht mehr als relevante Alternative wahrgenommen wird.

Die Übergänge zwischen Konspirationismus und Rechtspopulismus sind fließend. Dass die sogenannte „Neue Rechte“ vom derzeitigen Aufschwung verschwörungstheoretischen Denkens profitiert, liegt nicht nur an den Gemeinsamkeiten beider Phänomene: Extreme Feindbilder, Schwarz-Weiß-Denken, Heraufbeschwörung des guten, reinen „Volkes“, Furcht vor allem Andersartigen. Es liegt auch daran, dass rechtspopulistische Akteure wie beispielsweise die AfD Verschwörungstheorien aktiv verbreiten und für ihre Zwecke nutzen. Auch die russische Regierung hat längst erkannt, dass Verschwörungstheorien das Potential haben, westliche Gesellschaften zu destabilisieren. Auf dem vom Kreml finanzierten Propagandasender „RT Deutsch“ dürfen deshalb regelmäßig Personen aus der rechten deutschen Verschwörungsszene zu Wort kommen, um Angst und Panik zu verbreiten.

Die Aufgabe der politischen Linken

Konspirationistisches Gedankengut ist weiter verbreitet, als man auf den ersten Blick glauben mag. Der sogenannten „Mitte-Studie“ der Friedrich-Ebert-Stiftung zufolge glaubte 2019 in Deutschland fast jede*r Zweite an irgendeine Form von Verschwörung. Und: Die Grenzen zwischen gesunder Skepsis gegenüber der angeblich perfekten bürgerlich-liberalen Demokratie und zum Teil gefährlichen Mythen und Legenden verschwimmen.

Es ist Aufgabe der politischen Linken, klar gegen Letzteres, auch in den eigenen Reihen, beispielsweise in Form verkürzter, teils antisemitisch motivierter Pseudo-Kritik des Kapitalismus, vorzugehen. Für Verschwörungsglauben jeglicher Form ist in sozialistischen Bewegungen kein Platz. Gleichzeitig gilt es, nüchtern und in klarer Abgrenzung zu allerlei Verschwörungsgeschwurbel, deutlich zu machen, dass in der bürgerlich-liberalen Demokratie vieles eben nicht mit rechten Dingen zugeht. Das liegt nicht an irgendwelchen Geheimorganisationen oder ähnlichem, sondern schlichtweg daran, dass das Kapital zur Durchsetzung seiner Interessen kein Problem hat, die Regeln des bürgerlichen Staates von Zeit zu Zeit zu brechen. Beste Beispiele: Lobbyismus und Korruption. Nicht nur in weit entfernten Diktaturen und Oligarchien arbeiten Kapital und Staat Hand in Hand, sondern auch hier, im hochgelobten demokratischen Westen, wäscht eine Hand regelmäßig die andere. Darüber hinaus machen Enthüllungen von Whistleblowern regelmäßig deutlich, dass sich der liberal-demokratische Staat gerne auch mal selbst über die eigenen Normen hinwegsetzt, siehe NSA-Skandal, und dass große Teile der Bourgeoisie ihm dies bereitwillig gleichtun, siehe Panama-Papers. Es ist daher für die politische Linke von großer Bedeutung, kritisch und differenziert zu bleiben, um die Gratwanderung zwischen der Ablehnung konspirationistischen Schwachsinns einerseits und der Abgrenzung zu liberaler Gutgläubigkeit andererseits zu erreichen.

Besonders in Zeiten großer Unsicherheit werden irrationale Reflexe aktiviert. Die Krise in Folge der Corona-Pandemie stellt dabei keine Ausnahme dar. Es ist an uns, zum Wohle Aller gegen jegliche Form konspirationistischen Gedankenguts anzukämpfen. Gleichzeitig gilt es, sich gegen jegliche autoritären und regressiven Reaktionen des bürgerlichen Staates zu wehren sowie für eine solidarische Lösung der Krise zu streiten.

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