Rein Rhetorisch: Wenn die Verschwörung mit am Tisch sitzt

Über Möglichkeiten Verschwörungstheoretikern im persönlichen Umfeld nur mit der Macht der Rhetorik entgegenzutreten.

Gerade kommt man aus dem lachen heraus, irgend eine dumme Geschichte die man aus der gemeinsamen Vergangenheit ausgekramt hat; der Glühwein dampft, das Essen ist fantastisch – und plötzlich kommt es zu diesem ganz speziellen, unangenehmen Schweigen, denn diese eine Person fängt an zu reden. Dieser eine Freund, dieser Verwandte, diese ganz spezielle Person, welche vor einigen Jahren noch eine ganz normale Person gewesen zu sein schien – und heute über „Corona-Lügen“, über „Linksgrüne Merkel-Kommunisten“ und der „chip-Impfe“ schwurbelt.

Viele politisch aktive Menschen haben das im letzten Jahrzehnt erlebt, doch gerade seit dem die Covid-Pandemie unser aller Leben durcheinander geworfen hat wurde es noch einmal schlimmer: in den letzten zwei Jahren, befindet eine aktuelle Studie, haben gut ein Viertel aller Deutschen den Kontakt zu mindestens einer ihnen nahestehenden Person abgebrochen, weil diese Verschwörungsideologien anheimgefallen sind. Und, gerade bei dem gesellschaftlichen Druck, der rund um die Feiertage herrscht, muss es noch einmal betont werden: das ist auch völlig in Ordnung. Wir alle haben nur ein Leben, und keine toxische Person hat ein Recht darauf, an dem einzigen Leben teil nehmen zu dürfen, das du hast, egal wie eng verschränkt die Vergangenheit oder wie nahe der Verwandtschaftsgrad.
Das gesagt, viele von uns werden doch in die oben beschriebene Position hineinstolpern. Sei es, weil man aus dem einen oder anderen Grund der Person nicht ausweichen kann (sie tauchen auch gerne uneingeladen auf), vielleicht aber auch weil man eben genau diese Personen nicht aufgeben möchte. Gerade politisch Aktive und interessierte Menschen wollen schlicht nicht hinnehmen, dass eine inversive Ideologie eine geliebte Person aus ihrem Leben reißt; genau für euch ist dieser Artikel.
Denn einige Tipps und Tricks aus der Rhetorik-Theorie können jeden von uns helfen, einen positiven Einfluss auf diese Personen auszuüben. Doch eines nach dem anderen: nicht jede Strategie passt zu jeder Situation.

Mit wem haben wir es zu tun?

Der Gläubige

Der größte Teil der Menschen, die sich noch nicht geimpft haben, stehen der Vakzinierung nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber; sie haben verschiedene Gerüchte gehört, sind sich unsicher, wurden noch nicht von der gängigen Argumentation überzeugt. Häufig sind die Ängste nicht im mindesten trivial; Personen mit Gebärmutter fürchten sich, unfruchtbar zu werden, männlich gelesene Personen vor Impotenz. Eltern fürchten sich um das gesundheitliche Wohl von Kindern, Jugendliche vor Eingriffe in ihre körperliche Autonomie. Seit Riemann wissen wir, dass Angst eine der stärksten Handlungsgrundlagen in Menschen ist – und eine der stärksten Kräfte bei der Persönlichkeitsentwicklung[1]. Gerade diese Gruppen sind häufig die lautesten und unkritischsten Anhänger von Verschwörungstheorien, weil diese ihnen eine Art rhetorischen Rettungsanker zuwerfen, um sich ihren eigenen Ängsten nicht stellen zu müssen.
Die gute Nachricht ist, bei dieser Gruppe ist eine positive Einflussnahme im Allgemeinen am zuverlässig zu erreichen. Das komplizierte: es verlangt am meisten Vorarbeit, um effektiv zu sein.
Um eine solche Person zu überzeugen, hilft das altbewährte Faktenbüffeln allerdings nur bedingt. Genau zu wissen, wie gering das Risiko durch eine Impfung ist.  Dass mRNA-Impfstoffe nicht unsicher sind oder wie gering die Chance auf irgendwelche langwierigen, negativen Nachwirkungen der Impfung ist sind alles nützliche Fakten für eine rationale Diskussion und generell informiert zu sein über den aktuellen Stand der Forschung ist immer gut – allerdings wirst du, realistisch gesehen, keine Debatte führen. Menschen, die zu irrationalen Schlüssen gekommen sind, werden nicht durch rationale Argumente den Weg zurückfinden. Aber was hilft dann?

Professorin Karen Douglas, Sozialpsychologin und Philosophin, hat genau zu diesem Thema geforscht und die beiden größten Faktoren sind, welche Verschwörungsanhänger de-radikalisieren: die Konfrontation mit der Inkohärenz der eigenen Thesen und das Vorhandensein von Gegenbeispielen im direkten Umfeld.
Eine gängige Methode in der Psychotherapie katastrophisierende Gedankengänge zu durchbrechen (Also Gedanken während Angstattacken, welche die extremste negative Konsequenz kleinerer Fehltritte oder der aktuellen Situation annehmen und ständig wiederholt werden) ist das Zerlegen eben dieser Gedanken in ihre Einzelteile. Wenn du dir, beispielsweise, von deinem Elternteil, welches davon überzeugt ist, dass 5-G-Türme Corona auslösen, in den Einzelheiten erklären lässt, wie das von statten gehen soll, dürfte die Person recht schnell an die Grenzen der eigenen Argumentation kommen. Das Problem ist hierbei, dass du im vornherein wissen solltest, an was die Person glaubt, du musst wissen, was tatsächlich der Fall ist und – das ist das wichtigste – dir mitunter viel Geduld, Zeit und Aufmerksamkeit nehmen. Ein Fehler wäre es, irgendwann schlicht mit den Augen zu rollen oder in eine belehrende Funktion zu fallen; dadurch fühlt sich der oder die Gläubige angegriffen und zieht sich aus dem Gespräch zurück. Er oder sie müssen selbst sehen, dass ihre Weltsicht Lücken hat. 
Der einfacherere Faktor ist etwas, das du wahrscheinlich so oder so bereits getan hast: dich impfen lassen. Was du unbedingt tun solltest ist, diesen Fakt offensiv nach außen zu Tragen. Genau wie die Zunahme der Impfungen und, damit verbunden, das vorhanden sein von geimpften Personen einer der größten Faktoren war in Deutschland die Impfskepsis abzubauen, kann auch der Verschwörungsglaube an deinem Impfstatus zerbrechen.

Der Prediger

Leider wird es nicht in jedem Fall so leicht bleiben, nicht immer sind die betroffenen Personen überhaupt noch mit rationalen Gesprächen oder Argumenten zu erreichen. Hier meinen wir Leute, welche aktiv politisch in der Querdenkerszene unterwegs sind; die bereits Kontakt zu ihrem sozialen Umfeld eingeschränkt haben, teilweise auch bereits rechtsextreme, antisemitische und gewaltbereite Ansichten eingeimpft bekommen haben. Wenn du mit dem existenziellen Horror befasst bist, so eine Person am Tisch sitzen zu haben, mag es ausweglos erscheinen, eine Konversation ausweglos. Aber gerade hier liegt eine noch größere Gefahr; denn genau wie bei sonstigen Reaktionären Gedankengut ist das Vorhandensein dieser Meinungen auf irgendeiner Plattform bereits genug, um neue Anhänger zu überzeugen – und keine Plattform ist mächtiger als das eigene Wohnzimmer. Doch es gibt zwei Möglichkeiten, diese Personen zumindest für die anderen Anwesenden zu entschärfen (falls du keine Möglichkeit hast, den Verschwörungstheoretiker schlicht aus dem Haus zu entfernen).
Zuerst sollten wir uns ansehen, was für eine Funktion Verschwörungstheorien für eine direkte Funktion erfüllen, ganz besonders im Kontext des Individuums. Julien Giry, Systemtheoretiker, Identifiziert vier Kernfunktionen, zwei im sozialen Kontext (die politische Mobilisierung und die „Verteufelung“ bestimmter Gruppen oder Akteure) und zwei Psychologische (Die Erstellung einer Durchgängigen Narrative für alles, eine „Re-Verzauberung der Welt“ und die Konstruktion eines selbst durch einen „Ego-defensiv Modus“); schauen wir uns die letzten beiden genauer an, können wir einen Leitfaden erstellen, wie solchen Personen rhetorisch beizukommen ist.
Als Emil Durkheim Ende des 19. Jahrhunderts vom Übergang der mechanischen zur organischen Gesellschaft, in der nun statt der kleinteiligen Dorfgemeinden die von einander Abhängigen, arbeitsteiligen Groß-Gesellschaften entstanden, bemerkte er auch einen Übergang von einer narrativ-basierten Mythologie als Erklärung und Rationalisierung von Handlungen hin zu einem Positivismus, einer nüchternen Betrachtung der Verhältnisse und dem Versuch, Objektivität zu erzielen in unseren Weltbeschreibungen.
Nach Giry versuchen Verschwörungstheorien nun, genau diesen Prozess umzukehren. Theorien wie Q-Anon oder die verschiedenen umfassenden antisemitischen Thesen lassen nichts in der Welt außerhalb ihrer Narrative, binden jeden Aspekt des sozialen Alltags mit ein und Unterwerfen alles einem Kampf zwischen der eigenen Seite und einem imaginären Feind; die politischen Implikationen sind mannigfaltig und interessant, aber heute sollten wir uns nur auf diese Trennlinie fokussieren: die Weltsicht eines Verschwörungspredigers, ist er einmal tief gefestigt in seiner Ideologie, unterscheidet sich fundamental von der gewöhnlicher Menschen. Was wir tun müssen ist also, den Zuhörern diesen Unterschied aufzuzeigen.

Die Verschwörungsideologie erhält sich und ihre Anhänger durch eine radikale Totalität, sie verkürzt: die Identifikation mit den aufgestellten Thesen ist permanent und absolut. Eine Kritik an der Theorie ist eine Beleidigung an der Person selbst und wird auf das Äußerste bekämpft.
Wenn man also keinen echten Zugang zu der Logik der Betroffenen hat und am Ende keine Kritik äußern kann, bleibt dann noch etwas anderes als die Resignation? Ja – Fragen stellen!
Anders als bei den reinen Gläubigern ist her der Sinn und Zweck allerdings nicht, dass die Person selbst erkennt, dass ihre Ideologie Lücken hat. Wie die meisten Erscheinungsformen faschistoider Ideologien besteht hier kein eigener Anspruch an Kohärenz – man benötigt keine Logik, sondern lediglich eine gute Geschichte. Was man aber tun sollte ist, sich zu dem Kernpunkt der jeweiligen Spaltung zwischen Positivismus und Geschichte vorzuarbeiten. Das Mittel der Wahl muss die offene Frage sein; in der Taktik dieser Rhetorik liegt folgende Idee: der Theoretiker kann auf einen offenen oder Verdeckten Angriff mit einer gewissen postmodernen Ironie reagieren („Aber das stimmt doch gar nicht“ – „Hör auf mir deine Meinung aufzudrücken!“), aber einer offenen Frage muss er oder sie sich stellen, da sonst keine Möglichkeit besteht, die eigene narrative darzulegen. Was nun der Gegenredner möchte ist, bei jeder neuen Rechtfertigung für die Haltung des Verschwörungstheoretikers zu fragen „Aber wie kommst du darauf?“, bis man zu dem entscheidenden Punkt kommt: die Art und Weise, wie er oder sie von dieser Geschichte überzeugt wurden. Schaffst du es bis hier her schaffst, ist schon viel gewonnen, denn die meisten Zuhörer werden bereits die Abstrusität der Thesen gesehen und sich abgewandt haben. Der letzte, entscheidende Schritt ist, wenn erzählt wurde, wie es zum Kontakt kam
„Ich habe es irgendwo gelesen“, „Ist doch logisch!“ oder etwas vergleichbares, folgende Frage zu stellen: „Denkst du, das ist eine gute/logische/erwachsene Art und Weise, Schlussfolgerungen zu treffen?“

Hier kann der Theoretiker nicht mehr aus; eine aggresiv-Ablehnende reaktion ist nicht mehr effektiv, weil der Punkt sehr weit weg vom eigentlichen Thema ist, und eine Rechtfertigung kann sich nicht mehr wirklich ergeben.
Sicher handelt es sich lediglich um einen Rhetorischen Trick, nur ein Werkzeug um deine Sprache in eine etwas effizientere Art einsetzen zu können. Aber falls es dazu kommt, dass du mit einer solchen Person am Tisch sitzt, nimmst du ihr vielleicht bereits ihre wichtigste Waffe: das Gefühl, nicht zu wissen, was man tun kann. Keine wieder rede zu hören. Denn so verbreitet sich faschistisches Gedankengut – was nie wieder passieren darf.

Und falls du dich jetzt fragst, was zu tun ist, wenn nun kein Verschwörungstheoretiker, sondern ein gefestigter Rechtsextremer bei dir am Tisch sitzt, wenn du mit offenem Menschenhass, Rassismus und Faschismus konfrontiert siehst? Das wird in Teil zwei besprochen.

Nicht nur rhetorisch,
ein frohes Fest! 


[1]Fritz Riemann, „Grundformen der Angst“, 1961, Wien

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