Verschwörungstheorien: Mit Marx gegen Illuminaten?

7. Dezember 2017 - 15:15 | | Politik | 0 Kommentare
Foto: Pixabay

Die Welt gerät aus den Fugen, aber warum? Verschwörungstheorien bieten Erklärungen an, verhindern aber oft eine effektive Kritik an den herrschenden Verhältnissen. Eine marxistische Analyse eines populären Phänomens. Von David Meienreis

Sie sind eine allgegenwärtige Erscheinung unserer Zeit: Verschwörungstheorien. Mit ihren häufig rassistischen und antisemitischen Beiklängen sind sie vor allem auf der (extremen) Rechten verbreitet. Aber auch in anderen politischen Lagern kursieren Theorien, die – oft zu Recht – auf dem Verdacht beruhen, dass in der Welt nicht alles mit rechten Dingen zugeht und die Öffentlichkeit über die Machenschaften mächtiger Zirkel belogen wird.

Probleme von Verschwörungstheorien

Doch es gibt zwei wesentliche Probleme an Verschwörungstheorien: Erstens lenken sie von den eigentlichen Problemursachen ab und den Unmut der Menschen auf ganz falsche Ziele. Aktuell können wir das zum Beispiel an den weit verbreiteten „Theorien“ über die muslimische Weltverschwörung beobachten. Die Annahme, dass „der Islam“ die Weltherrschaft erringen und in Europa und Amerika Kalifate errichten wolle, weist Ähnlichkeiten mit den Behauptungen über die „jüdische Weltverschwörung“ auf, die ab Ende des 19. Jahrhunderts aufkam.

Zweitens aber geben Verschwörungstheorien den Menschen, die unter dem Kapitalismus leiden, keine Werkzeuge und keine Strategie an die Hand, wie sie die Welt verändern können. Die einzige angebotene Strategie besteht meist darin, die jeweiligen Strafverfolgungsbehörden auf Missstände aufmerksam zu machen – oder Selbstjustiz an den vermeintlichen Verschwörern zu üben.

Plädoyer für die Verschwörungstheorien

Trotz dieser Schwächen: Zu Beginn ein kurzes Plädoyer für die Verschwörungstheorien. Wenn die Nazis den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätten, stände heute wahrscheinlich die Todesstrafe auf die Behauptung, Marinus van der Lubbe habe gar nicht im Alleingang den Reichstag angezündet. Ohne die hartnäckigen Recherchen einiger Journalisten (und weniger der zuständigen Untersuchungsausschüsse zum NSU) würde sich heute jeder üblen Anschuldigungen aussetzen, der behauptete, der thüringische Verfassungsschutz diene gar nicht in erster Linie dem Schutz der Verfassung und der Bekämpfung politischer Gewalttaten.

Vom Watergate-Skandal zur Riester-Rente

Bis kurz vor Schluss wollte niemand Bob Woodward und Carl Bernstein Glauben schenken, den beiden Reportern der „Washington Post“, die den Watergate-Skandal aufdeckten. Hätte der schweizerische Geheimdienst nicht seine Akten geöffnet, wüssten wir heute nicht, dass die Tradition der schwarzen Kassen in der CDU auf Vermögen zurückgeht, das Funktionäre des Dritten Reichs nach dem Krieg nach Liechtenstein und in die Schweiz transportierten, um es dann mit Wissen der US-Militäradministration für den Aufbau pro-kapitalistischer Parteien in den westlichen Besatzungszonen einzusetzen. Und es war kein Geringerer als der damalige Chefökonom der Weltbank, Joseph Stiglitz, der nach der Finanzkrise der asiatischen Tigerstaaten Ende der 1990er Jahre sein Amt mit der Begründung aufgab, er habe Zweifel, ob die Rettungsmaßnahmen der globalen Finanzinstitutionen tatsächlich den betroffenen Staaten haben helfen sollen oder nicht eher Bankhäusern aus den OECD-Staaten.

Eine britische Untersuchungskommission und der damalige US-Außenminister, Colin Powell, haben bestätigt, dass der Irakkrieg, den die USA und Großbritannien nach dem 11. September 2001 begannen, tatsächlich nicht dem Weltfrieden, der Demokratie und dem Wohlergehen der irakischen Bevölkerung dienen sollte. Und auch wenn dabei niemand ums Leben gekommen ist: Die Abläufe, die zur Einführung der Riester-Rente geführt haben, lassen sich im Grunde genommen ebenso als Verschwörung beschreiben. Gregor Gysi hat argumentiert, dass es sich bei der Werbung der Regierung für dieses Konstrukt im juristischen Sinne um Anlagebetrug handele. Parlament, Versicherungswirtschaft und Medien haben jahrelang mitgezogen.

Eine eher banale Erkenntnis

Doch Verschwörungstheorien bauen und bauschen eine aus marxistischer Sicht eher banale Erkenntnis auf: Die Dinge sind nicht so, wie sie scheinen. Regierungen und Verwaltungen handeln nicht für das Allgemeinwohl. Sie sagen der Öffentlichkeit nicht die Wahrheit. Und wenn es um viel Geld und Macht geht, setzen sie sich über Gesetze und Verfassungen hinweg. Leider beschränken sich die meisten Verschwörungstheorien auf einen winzigen Teilaspekt, oder sie bauen ein (paranoides) Weltbild zusammen, das aus lauter solchen Teilaspekten besteht.

Setzt man diese Teilaspekte – das vermeintliche Fehlfunktionieren der einen Behörde oder des anderen Unternehmens – zusammen und verallgemeinert, ergibt sich ein recht ernüchterndes Bild: Bäckereien sind nicht in erster Linie dazu da, die Menschen mit Backwaren zu versorgen. Armeen dienen nicht in erster Linie dem Schutz der Bevölkerung. Das Unternehmensziel der Pharmaunternehmen ist nicht die Herstellung und Verbreitung heilender Medikamente. In der kapitalistischen Wirtschaft spielen die Gebrauchswerte, die produziert werden, eine untergeordnete Rolle. In erster Linie geht es um die Vermehrung des Kapitals. Und der Staat und seine Organe schützen und erhalten diese Wirtschafts-, Eigentums- und Gesellschaftsordnung.
In gewissem Sinn gehören Verschwörungen zum Alltagsgeschäft des globalen Kapitalismus: Ständig finden irgendwo mehr oder weniger geheime Treffen statt, bei denen unternehmerische, politische oder militärische Strategien besprochen werden, bei deren Umsetzung das Leid oder auch der Tod von Menschen und ebenso der Bruch von Gesetzen und Verträgen billigend in Kauf genommen werden. Alles, was in unserer gesellschaftlichen Welt passiert, ist interessengeleitet. Aber das passiert in der Anarchie des Marktes und der internationalen Politik: Interessen und Interessengruppen stoßen aufeinander, und meist müssen alle Beteiligten – alle „verfeindeten Brüder“, wie Marx sie nannte – am Schluss akzeptieren, dass sie nicht alle ihre Ziele erreicht haben.

Cui bono? Wem nützt es?

Verschwörungstheorien wenden Lenins völlig richtige Frage „Cui bono? Wem nützt es“ falsch an, indem sie sich einen beliebigen Endzustand anschauen und dann schlussfolgern, dass diejenigen, denen er am meisten nutzt, ihn auch herbeigeführt haben. Aber diese Logik führt, wenn man sie konsequent anwendet, in vielen Fällen zu absurden Schlüssen. Zum Beispiel wird mitunter behauptet, dass die herrschenden Klassen die Wirtschaftskrisen herbeiführen, um Sozialkürzungen durchsetzen und die arbeitende Klasse disziplinieren zu können.

Kapitalismus: Krisenbehaftete Klassengesellschaft

Das Chaos in der Welt ist mit einer marxistischen Herangehensweise dagegen viel besser zu verstehen: Der Kapitalismus ist eine krisenbehaftete Klassengesellschaft. Er gerät auf Grund von Überproduktion und fallenden Profitraten immer wieder in Krisen, und die Herrschenden in Wirtschaft und Staat versuchen, diese Krisen gegeneinander und auf Kosten der Bevölkerungsmehrheit zu überwinden. Lenin fragt während eines Konflikts, wem welche Aussage, welche Handlung nützt – und das zu fragen ist richtig und hilfreich.

Erklärungen, die das Chaos und den Klassencharakter unserer Gesellschaftsordnung übersehen, indem sie alles auf Verschwörungen zurückführen, verfehlen das Wesentliche und verhindern so eine effektive Kritik an den herrschenden Verhältnissen: Zum einen bleiben die Einrichtungen der bürgerlichen Gesellschaftsordnung strukturell von Kritik verschont. Alles wäre vermeintlich gut, wenn nur die Verschwörer aus dem Verkehr gezogen würden. Sie sind die Störfaktoren in einer Welt, die ansonsten reibungslos funktionieren könnte. Die Verschwörer werden zu Personifizierungen der Unordnung in dieser Welt gemacht. Die Vorstellung, dass es in den Hinterzimmern der Macht Strippenzieher gibt – ob man sie sich als Illuminaten, die Weisen von Zion oder Momos Männer mit den Zigarren vorstellt –, die die Geschicke der Welt leiten, scheint für manche beruhigender als die Einsicht, dass niemand das System des globalen Kapitalismus kontrollieren kann.

Die Welt demokratisieren

Die meisten Verschwörungstheorien stellen berechtigte Fragen. Manche liefern plausible Antworten. Viele sind ein Sammelsurium weltfremder, oft rassistischer Hirngespinste. Aber alle zusammen sind sie vor allem beschränkt und zur Erklärung der Welt eher ungeeignet. Selbst die schlimmsten Albträume der Verschwörungstheoretikerinnen und -theoretiker kommen nicht an den Alltag der globalen Kapitalreproduktion heran, an das alltägliche, völlig legale Elend und die Gewalt und Unterdrückung, in der Milliarden Menschen leben. Selbst wenn allen Verschwörungszirkeln das Handwerk gelegt würde, wäre die Welt keinen Deut besser. Das eigentliche Problem ist nicht, dass einige geheime Verschwörer sich illegal Macht und Reichtum aneignen, sondern dass eine winzige Minderheit ganz legal die Welt als ihr Privateigentum behandelt. Wer Verschwörungen ein Ende setzen will, muss die Welt demokratisieren. In der marxistischen Tradition sagt man dazu: den Sozialismus erkämpfen.

Über den Autor

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.