Konstante feministische Mobilisierungen in Spanien

31. März 2020 - 14:30 | | Politik | 0 Kommentare

Auch dieses Jahr nahm das violette Meer am 8. März die Straßen Spaniens ein. Zehntausenden demonstrierten in den verschiedenen Großstädten, im großen Maße Frauen. Aber nicht nur dort. Auch in den Kleinstädten und Dörfern streikten sie. Zwar mit etwas weniger Menschen, aber nicht weniger entschlossen.

8. März 2020. Es ist wieder soweit. An die Bilder und Videos der beeindruckenden großen Mobilisierungen zum internationalen Frauenkampftag aus Spanien der letzten drei Jahre können sich viele noch erinnern. 2019 nahmen rekordhafte 6 Millionen Frauen an diesem historischen Tag am Streik teil. Sie nahmen sich den öffentlichen Raum, der ihnen durch die patriarchal-kapitalistische Gesellschaft immer wieder genommen wird.

Mediale und politische Diskursverschiebung

Kein anderes Thema dominiert den öffentlichen Diskurs wie der, den sich die Feministinnen erkämpft haben. In den Medien wird über sexualisierte Gewalt, Tötungsdelikte von aktuellen oder ehemaligen Ehepartnern, ungleiche Bezahlung oder die Nichtwerschätzung von Fürsorgearbeiten geredet (dazu gehören neben Kindererziehung und Haushaltsführung unter anderem auch emotionale Arbeit, aber auch all die sozialen Erwerbsarbeiten in den Kindergärten, Schulen und Pflegeeinrichtungen, die überproportional von Frauen geleistet werden).

Anfang dieses Jahres wurde in Spanien die erste Koalitionsregierung mit Beteiligung des linken Parteienbündnisses Unidas Podemos gebildet, die sich explizit feministisch nennt. Irene Montero, die populäre Politikerin von Podemos und Ministerin für Gleichstellung, hat Anfang März nun einen Gesetzesentwurf mit dem Titel „Gesetz zur vollständigen sexuellen Freiheit“ (Ley Orgánica de Garantía Integral de la Libertad Sexual) veröffentlicht. Dieser umfasst eine stärkere Strafe für Täter von sexualisierter Gewalt, sowie eine finanzielle Ausweitung von Präventivmaßnahmen. Außerdem würde diese auch neuerdings Gewalt gegen Trans*personen beinhalten. Irene Montero bezeichnet dieses Gesetz als Erfolg der feministischen Bewegungen der letzten Jahre, sollte das Parlament dieses letztendlich auch beschließen.

Wiederholte breite Mobilisierung

In diesem Jahr gingen am 8. März in Spanien etwas weniger Frauen auf die Straße. Das hatte mehrere Gründe: Erstens erhielten sie dieses Jahr keine aktive Unterstützung durch die Gewerkschaften, da über den angeblich fehlenden Streikcharakter diskutiert wurde. Dieses Jahr fiel der 8. März nämlich auf einen Sonntag. Zweitens überschattete die Corona-Krise die großen Mobilisierungen. Viele Menschen wollten nicht demonstrieren, um sich vor einer potentiellen Ansteckung zu schützen. Zu diesem Zeitpunkt wuchsen die Infiziertenzahlen in Spanien dramatisch an. Drittens ist es sowieso schwierig, Demonstrationen solcher Größen jährlich zu überbieten. Bei sechs Millionen streikenden Frauen letztes Jahr erscheint es schwierig, dieses Niveau erneut zu erreichen.

Die Breite der Demonstrationen bringt trotzdem jedes Jahr immense Motivationsschübe für Aktivistinnen. Nicht nur in der Verschiedenheit der Teilnehmenden – von Omas, über Studentinnen zu Gewerkschafterinnen, Weißen oder Schwarzen, Trans*personen und Lesben –, sondern auch auf geographischer Ebene. Nicht nur in den urbanen Ballungszentren wird demonstriert, sondern auch in den eher ländlich geprägten Regionen. In der katalanischen Kleinstadt Barberà del Vallès mit etwa 30.000 Einwohner beispielsweise gingen am Sonntagmorgen fast 150 Menschen auf die Straße.

Feminismus ist nicht nur ein urbanes Thema

Die Demonstrationsroute wurde bewusst so gewählt, dass die Teilnehmenden von einer öffentlichen Einrichtungen der Sorgearbeit zur nächsten liefen, um auf die schlechten Arbeitsbedingungen und Ungleichheiten – denen mehrheitlich Frauen und Menschen mit Migrationsgeschichte aus dem Globalen Süden ausgesetzt sind – aufmerksam zu machen. Die Orte, die oft als unsichtbar gelten, sollten somit stärker ins Blickfeld der Bürgerinnen und Bürger gebracht werden. Aktuell wird an der Corona-Krise auch relativ schnell sichtbar, wie wichtig und gesellschaftstragend gerade diese Reproduktionsstellen sind. Ohne die überarbeiteten und schlecht entlohnten Frauen im Pflegebereich würde diese Gesellschaft einbrechen. Deshalb wird zu recht (nicht nur zu Zeiten der Pandemie) eine deutliche Aufwertung dieser Berufe gefordert. Doch das adressiert nicht nur die materielle Entlohnung – auch der transformatorische Charakter dieser Forderung wird sichtbar.

Ein gutes und würdiges Leben für alle, was zahlreich auf den Transparenten zu lesen und in den Redebeiträgen zu hören war, stellt grundlegendere Fragen: Brauchen wir überhaupt ein profitorientiertes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem oder sollten wir nicht Bedürfnisse in den Vordergrund stellen?

Nicht nur Sorgearbeit und sexualisierte Gewalt waren wichtige Themen, welche die Demonstrierenden aufgriffen, sondern auch das Bildungswesen. Auch hier wurde ein Bruch mit der aktuellen profitorientierten und altbackenen Art und Weise des Lehrens gefordert. Die zukünftige Bildung soll inklusiv, kostenlos und feministisch sein.