6 Millionen streikende Frauen in Spanien!

10. März 2019 - 15:34 | | Politik | 5 Kommentare
8.März 2019 in Granada

¡A la huelga compañera! Ein riesiges violettes Meer an streikenden Frauen erreicht auch dieses Jahr die globale mediale Aufmerksamkeit. Nach dem wahnsinnigen Erfolg im letzten Jahr mit circa 5 Millionen streikenden Frauen, folgten dieses Jahr dem Aufruf der Gewerkschaften und feministischen Organisationen eine weitere Million Frauen auf die Straße. 350.000 in Madrid, 250.000 in Barcelona, 200.000 in Zaragoza, 200.000 in Valencia, 130.000 in Sevilla und 100.000 in Gijon sind nur einige Zahlen, die Demonstrationen ereigneten sich von Metropolen, über Großstädten hin bis zu mittelgroßen Städten in allen Regionen Spaniens.

Ein ganz großes, starkes und beeindruckendes Signal geht in Richtung sexualisierte Gewalt, der ungleichen Bezahlung, veralteten Rollenmustern sowie der ungerechten Verteilung von Sorgearbeit, dessen Folgen Frauen täglich in Spanien und auch vielen anderen Ländern ausgesetzt sind. In den letzten 15 Jahren sind fast tausend, 2019 bereits neun, Frauen von ihren Ehemännern ermordet worden. Die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich noch drüber. Darüber hinaus verdienen Frauen in Spanien durchschnittlich 30% weniger Gehalt für die gleiche Arbeit als Männer. Sehr häufig kümmern sich Frauen unbezahlt auch noch bis ins hohe Alter um ihre Enkelinnen und Enkel. Die Ungleichheit drückt sich dramatisch aus, es gibt genug Gründe dagegen zu protestieren, wie es letztendlich die Frauen taten.

Neben den Streiks in den Betrieben, den Universitäten und den Sorgeeinrichtungen, wurde auch zu einem Konsumverzicht aufgerufen, um auf die unsoziale und umweltschädliche Produktionsweise hinzuweisen und zu kritisieren. Die Demonstrationen, aber auch der Aufruf, waren von einer klaren antikapitalistischen Kritik geprägt, welche die Frauenunterdrückung als Teil des ungerechten gesamten Wirtschaftssystems eingliedert.

Liebe (bewaffne) dich Frau, beginne die Revolution!

Die feministische Bewegung hat in Spanien eine Größe angenommen, in der sich die Verhältnisse gedreht haben. Merkwürdig erscheinen nun diejenigen, die nicht streiken gehen. An den Universitäten herrschte Geisteratmosphäre, da Professorinnen sowie Studierende vor allem die Proteste geführt haben. Sich als Feministin zu bezeichnen erscheint normal zu sein. Es geht soweit, dass der Vorsitzende der rechtsneoliberalen Partei Ciudadanos Albert Rivera proklamiert für einen ,,liberalen Feminismus“ sich einsetzen zu wollen. Bemerkenswert für seine Auslegung von Feminismus ist es darüber vor vier Frauen seiner Partei in einer Pressekonferenz zu reden, in der die Frauen gar nicht zu Sprache kommen. Auch Ministerinnen des aktuellen Kabinetts wurden in Madrid bei der Demonstration gesichtet, um nicht in Erklärungsnot zu geraten. Das baskische Parlament konnte am Freitag sogar gar nicht tagen, da die Mehrheit der Abgeordneten Frauen sind und jene den Tag bestreikten.

In der Universitätsstadt Granada, in der ungefähr 230.000 Menschen leben, protestierten um die 60.000 Frauen und solidarische Männer, also ein Drittel der Stadt, nachdem am Vortag nachts bereits einige Hunderte marschierten. Noch nie sah man so wenige Menschen in den großen Straßen der Innenstadt an den Fenstern oder Straßenrändern, welche die üblichen Demonstrationen bestaunten, da sie schlicht mitliefen. Gefühlt alle Kommilitoninnen der Universidad de Granada liefen mit. Plakate mit Ablehnung des Patriarchats, alten Rollenmustern, sexistischer Gewalt und am Trio von Colón (also den drei rechten Parteien, welche vor einem Monat gemeinsam demonstrierten und die andalusische Landesregierung bilden) sind in zahlreicher Menge zu sehen. In der gesamten Demoroute wurden die Megafone von Frauen besetzt und eine kämpferische und solidarische Stimmung kreiert, die über mehrere Stunden pausenlos anhielt. Momente wie diese sind es, die den politischen Aktivismus und das Glauben an eine bessere Welt bekräftigen. Ein Gefühl von Selbstermächtigung tritt durch die riesige Welle an Politisierung von Menschen, denen man sonst entfremdet gegenübersteht, in der gemeinsamen Sache ein.

Jetzt heißt es diese Solidarität und Praxis nicht auf einen Tag zu begrenzen, sondern das Feuer am Laufenden zu halten, bis diese strukturelle Ungleichheit zwischen den Geschlechtern gänzlich verschwindet und eine solidarische und nachhaltige Welt in Visier genommen wird, die diese internationalen Frauenstreiks beinhalten.

Über den Autor

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Aktivist bei DIE LINKE. Köln. Meine Themenschwerpunkte liegen bei Kapitalismus vs. Klima und aktuelles über die Türkei und Spanien. Mitglied bei: DIE LINKE, DieLinke.SDS, Bewegungslinke, GEW
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5 Kommentare

  • 1
    Avatar Janna says:

    Schöner Artikel. In Deutschland sieht man ja am 8. März leider weniger Menschen auf der Straße.
    Meiner Meinung nach das einzige was dem Artikel fehlt: Patriarchat, sexualisierte Gewalt, etc. in Kombination mit Kapitalismus …
    Ist kein spanisches Problem! Und keins de südlichen „Machokultur“.
    Auch Deutschland sollte dagegen kämpfen und diese Verantwortung nicht von sich weg schieben.

    • 1.1
      Avatar Sergen Canoglu says:

      Natürlich existieren diese Probleme auch in Deutschland und wollte nicht das Problem kleinreden oder anderes. Die strukturellen Probleme sind dieselben. Es wäre interessant herauszufinden, warum insbesondere in Spanien so viele auf den Straße sind, während in Deutschland zusammengezählt ungefähr im ganzen Land etwa nur 70.000 Menschen gestreikt haben. Dazu werde ich demnächst versuchen eine Mitinitiatorin vom Streik zu interviewen.

  • 2
    Avatar Roi says:

    Diese Daten sind falsch. Die Gewerkschaften lieferten die Daten. Diese Daten glaubt niemand.

    • 2.1
      Avatar Julius Jamal says:

      naja bis auf die Medien, die Menschen, die dort wohnen, aber hey

    • 2.2
      Avatar Sergen Canoglu says:

      @Roi Also mein Eindruck ist, dass jeder diesen Zahlen glaubt, und wenn du dir ein paar Videos zu den Massendemonstrationen angeschaut hättest, wüsstest du, dass diese Zahlen stimmen könnten. Außerdem, welche Zahlen schlägst du denn vor? Die würde ich gerne sehen wollen