Rüstungskonzern instrumentalisiert Flüchtlinge

9. Oktober 2015 - 11:13 | | Politik | 3 Kommentare

Der Rüstungskonzern Rheinmetall möchte Geflüchteten (Refugees) die Möglichkeit bieten eine Ausbildung zu absolvieren. Hierbei sollen jeweils 50 Ausbildungs- undPraktikumsplätze zur Verfügung gestellt werden. [1] Ein Unternehmen, das Waffen und Munition herstellt, die dann in die Krisenregionen der Welt exportiert werden und somit Mitverursacher von Fluchtgründen ist, möchte jetzt eben jene Menschen, die vor Krieg, Elend und Terror geflüchtet sind, eine „beruflicher Perspektive“ bieten. Die„berufliche Perspektive“ besteht darin am Standort Unterlüß (Niedersachsen) an dem Waffen gebaut werden, Geflüchtete zu „integrieren“, somit zu eine Art Mittäter zumachen. Dieses Vorhaben ist schon an sich zynisch und rücksichtslos.

Zudem ist der Rheinmetallkonzern der größte Waffenproduzent Deutschlands. Daher spielt dieser eine entscheidende Rolle beim Exportieren von Fluchtursachen, die vonDeutschland ausgehen. Deutschland ist weltweit der drittgrößte Exporteur von Waffen. In den ersten 6 Monaten von 2015 wurden Militärgüter im Wert von 6,35 Milliarden genehmigt, folglich fast so viele wie im ganzen Jahr 2014 exportiert wurden. [3] Gleichzeitig ist die Anzahl der Flüchtenden gestiegen, die sich auf denlebensgefährlichen Weg nach Europa macht.

Es ist festzuhalten: „Da fliehen Menschen aus Kriegsgebieten, mussten mit ansehen wie Angehörige und Bekannte durch Waffen (auch aus Deutschland) getötet wurden und nun “dürfen” sie beim Waffenproduzent Nummer 1 in Deutschland eine Ausbildung machen.“ (DIE LINKE. Südheide) [2]

Der Rheinmetall-Vorstandsvorsitzende Armin Papperger begründet das Ausbildungs- Praktikumsangebot folgendermaßen: „Wir wollen einen Beitrag zur Integration der Flüchtlinge leisten und unserer gesellschaftspolitischen Verantwortung mit einer möglichst langfristigen und dauerhaften Wirkung gerecht werden“. (In: Cellesche Zeitung vom 25.09.2015) [1]

Die Perversion besteht auf mehreren Ebenen:
1) Der Waffenkonzern versucht sich offenbar mit seinem „gesellschaftlichen Beitrag“ als wohltätig zu profilieren.
2) Aus diesem selbstlosen Handeln heraus sollen Geflüchtete für ein möglichst positives Image instrumentalisiert werden.
3) Die eigentliche historische Verantwortung, die gerade Rheinmetall haben sollte, wird für werbemäßige Wohlfühlpropaganda umgedeutet.
4) Es wird sich als verantwortungsvoll dargestellt, da ein „Beitrag zur Integration der Flüchtlinge“ geleistet würde.
5) Das zynische Vorhaben wird nicht als bedenklich, oder moralisch fragwürdigangesehen

Historischer Kontext und Zynismus ohne Scham
Am Standort Unterlüß (Niedersachen) wird seit 1899 produziert. Rheinmetall hat sowohl für den ersten Weltkrieg als auch unter der Nazi-Diktatur für den zweiten Weltkrieg mit Kriegsgütern aufgerüstet. Während des 2. Weltkriegs wurden in den Fabriken von Rheinmetall Zwangsarbeiter*innen eingesetzt und ausgebeutet. Aus den kapitalistischen Verhältnissen ist in Deutschland der damalige herrschende Faschismus hervorgegangen. Die Zwangsarbeiter*innen wurden der Profit bzw. Gewinnoptimierung, welche über die rassistische NS-Ideologie „legitimiert“ war, untergeordnet, menschenunwürdig behandelt und ausgebeutet. So wurde die Fortsetzung der kapitalistischen Verhältnisse mit despotischen Mitteln aufrechtgehalten. „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen“ so Max Horkheimer über den Zusammenhang von Faschismus und Kapitalismus. 
Bei Rheinmetall unter dem Namen „Reichswerke Hermann Göringt“ waren von ca. 600.000 Arbeiter*innen die Hälfte Zwangsarbeiter*innen, die aus den von Nazi-Deutschland besetzten Gebieten verschleppt und deportiert wurden. Zu Kriegsende wurden bloß in Unterlüß (Niedersachen) ca. 5000 Zwangsarbeiter*innen (davon 2500 aus Polen, 1000 aus der Sowjetunion, 500 aus Jugoslawien sowie 1000 aus andern Ländern) von den Alliierten befreit. [4] Weiterhin ist es ein historischer Fakt, dassMenschen mit jüdischen Glauben aus Ungarn in einem Außenlager des KZ Bergen-Belsen für die Produktion zugrunde gerichtet wurden. 

Untersch
iede und Ähnlichkeiten
Die Zwangsarbeiter*innen wurden menschenunwürdig behandelt, ausgebeutet und deren Produktivkraft für die Waffenherstellung benutzt, mit denen in deren Heimat weitere Gräueltaten der Nazis vollzogen werden konnten. Es gibt hier eine gewisse Ähnlichkeit, wobei sehr zu betonen ist, dass die Ausbildungs- und Praktikumsplatzangebote von Rheinmetall nicht mit dem Leid der Zwangsarbeiter*innen zur NS- Zeit gleichgesetzt werden dürfen. Eine Ähnlichkeit ist, dass die Arbeit der Geflüchteten für die Waffenproduktion verwendet würde. (Diese haben zudem mehr oder weniger die Wahl ob sie diese „berufliche Perspektivet“ wählen oder nicht.) Im Gegensatz dazu hatten die Zwangsarbeiter*innen keine Wahlmöglichkeit. Ein essentieller Unterschied wie viele ist, dass die Geflüchteten das Arbeiten bei Rheinmetall überleben werden, anders als die Zwangsarbeiter*innen im Dritten Reich.
Weiter würde die Arbeitskraft der Geflüchteten, die in einer Ausbildung anfällt, mit in das jeweilige Endprodukt einfließen. Diese Rüstungsgüter würden dann in Regionen exportiert in denen sie ihre Auswirkung als Fluchtursache entfalten. So würde also das Ergebnis der Arbeitskraft, welche dann in Kriegsgüter umgewandelt wäre, in die vorherige Heimat der Geflüchteten verfrachtet. Ob die Waffen, die ein Mensch aus Syrien herstellen würde in Nordafrika statt in Syrien landen, ist nicht von entscheidener Bedeutung. Es kommt hier auf das fragwürdige Prinzip an. Deutschland als drittgrößter Exporteur weltweit verschifft Waffen aller Art, wie Handfeuerwaffen, Munition, Panzer in Krisenregionen und an Diktaturen. Dort werden diese Kriegsgüter auch benutzt. Schließlich führt der Einsatz von Kriegsgütern weiter zu Zerstörung, Terror, Elend, Angst und Armut. Die Menschen die aus dem Mittleren Osten und  Nordafrika, vor allem Syrien und Irak fliehen genau davor, vor Krieg und traumatisierenden Zuständen. Es ist moralisch sehr fragwürdig Flüchtenden eine wirtschaftliche Perspektive dahingehend anbieten zu wollen, indem diese an den Produktionsstätten von Fluchtursachen mitwirken können.
Diese angestrebte Aktion ist durchzogen von Zynismus. Hierfür versucht sich Rheinmetall noch als wohltätig mit Herz für Geflüchtete medienwirksam zu inszenieren. Das ist einfach unglaublich und macht uns fassungslos.

Rheinmetall sollte sich mit der Geschichte seines Unternehmens auseinandersetzen und seine Produktion auf zivile Nutzgüter umstellen. Weiter teilen wir die Einschätzung der Basisgruppe Revolutionärer Antikapitalist*innen der Linksjugend Göttingen und stellen fest:

„Die militärische und wirtschaftliche Verelendung großer Teile der Welt ist Folge der kapitalistischen Großmachtkonkurrenz um Einflusszonen und Rohstoffmärkte und Fluchtursache Nummer 1. Deshalb stehen wir als antikapitalistische Systemalternative an der Seite der Mehrheit der Menschen gegen Krieg, Umweltzerstörung, Terror und Flucht und für eine sozialistische Gesellschaft auf Basis des Gemeineigentums an den Produktionsmitteln ein.“ [5]

„Kein Fußbreit den Faschist*innen – Nazis offensiv entgegentreten!“
Gleichzeitig   möchten wir unsere Solidarität mit den Geflüchteten bekunden, die im   Fokus von rassistischen Demos und Brandanschlägen auf Asylunterkünften   sind. Der Stimmungsmache von neofaschistischen, rechtspopulistischen   Umtrieben und „besorgten Bürgern“ stellen wir uns entschieden entgegen.
Ein Gastbeitrag von Martin Schefferski.

Über den Autor

3 Kommentare

  • 1
    saxe sagt:

    Das ist schon mehr als teuflisch,das Gewissen bleibt aus Geldgier(Geldnot der Elite?)auf der Strecke.Die Asylanten sollten mal alle bei der Merkel Gmbh vor dem Reichstag für Frieden Protestieren,anstatt die Toiletten und das Mobilar in den Flüchtlingsunterbringungen vor Frust zu zerstören.

    • 1.1
      Schnoddr sagt:

      Ja es ist eine Schande. Die armen Leute haben keine Ahnung, worum es hier eigentlich geht.
      Sie werden nicht nur von Rheinmetall instrumentalisiert.
      Man zerlegt sie scheibchenweise – systemisch induziert. Dagegen kommen alle Helfer der Welt nicht an.

  • 2
    Christian sagt:

    Ich sage mal, so, wenn ich ein Mensch bin, der in Deutschland und seinen Verbündeten und den dort bestehenden staatlichen Institutionen wie Militär, Geheimdiensten und Polizeibehörden die Inkarnation des Bösen sieht, dann werde ich nicht für einen Rüstungskonzern arbeiten, der eben genau diese und auch nur diese Institutionen beliefert. Wenn ich aber eine positive Grundhaltung gegenüber der Bundesrepublik Deutschland, ihren Verfassungsorganen und auch der Bundeswehr habe und diese positive Grundhaltung haben die meisten Flüchtlinge (mit ein Grund, warum sie nach Deutschland kommen), dann werde ich die in dem Artikel geäußerten Gedankengänge und Bedenken nicht nachvollziehen können. Deutsche Rüstungskonzerne sind weder für die Kriege dieser Welt verantwortlich, noch leisten sie einen Beitrag dazu. Im Gegenteil, leisten sie doch durch ihre Arbeit, die in erster Linie nicht aus Produktion, sondern aus Forschung und Entwicklung besteht, einen Beitrag dazu, die Welt sicherer und friedlicher zu machen.