Gegen die Instrumentalisierung des Antisemitismus-Begriffs – Im Gespräch mit der Jewish Antifa

17. März 2018 - 11:00 | | Politik | 3 Kommentare

In der deutschen Linken ist kaum ein politisches Thema so umstritten wie der Nahostkonflikt. Klare Position bezieht in dieser Frage die Jewish-Antifa aus Berlin, welche sich sowohl gegen die Besatzung stellt, wie auch gegen die Instrumentalisierung des des Antisemitismus-Begriffs. Wir haben ein Gespräch mit ihnen geführt.

Die Freiheitsliebe: Wer oder was ist die „Jewish Antifa Berlin“?

Jewish Antifa: Wir sind eine Gruppe von ungefähr 20 Berlinerinnen und Berlinern. Die meisten von uns sind in Israel geboren und groß geworden, aber einige sind auch deutsche Jüdinnen und Juden oder aus anderen Ländern. Wir haben uns zunächst in verschiedenen antirassistischen und antikapitalistischen Gruppen in Tel Aviv und Berlin getroffen und kennengelernt und hatten schließlich das Gefühl, dass es an der Zeit ist, uns als spezifisch jüdische Gruppe aufzustellen. Wir arbeiten konsensbasiert und treffen uns monatlich um Veranstaltungen und Aktionen zu diskutieren.

Die Freiheitsliebe: Wie bezeichnet ihr das Land, aus dem ihr kommt?

Jewish Antifa: Nicht jede von uns kommt aus Israel-Palästina, aber jede, die dort aufgewachsen ist, hat ihre eigene Antwort auf diese Frage. Das hängt immer damit zusammen, wer fragt und von der Situation allgemein. Wenn wir sagen, dass wir aus Israel kommen, dann könnten wir dadurch zur Auslöschung der palästinensischen Geschichte des Landes beitragen, in dem wir geboren und aufgewachsen sind. Andererseits ist die Existenz dieses Staates ein Fakt. Wenn wir sagen, dass wir aus Palästina kommen, dann machen wir zwar einerseits ein starkes politisches Statement, könnten aber auch so missverstanden werden, als beanspruchten wir einen Teil der Unterdrückung unter der unsere palästinensischen Freunde leiden. In unseren Veröffentlichungen sprechen wir daher meist über Israel-Palästina.

Die Freiheitsliebe: Bitte kommentiert folgende These: „Es bedarf innerhalb der allgemeinen Antifa keiner spezifisch jüdischen Gruppierung!“

Jewish Antifa: Zunächst einmal: für mich klingt diese These sowohl bekannt als auch ermüdend. Sie entstammt derselben Haltung, mit der sich weiße Feministinnen an „women of colour“ mit der Bitte wenden, „doch bitte die Bewegung nicht zu spalten“ oder die schwarze Juden in Israel/Palästina dazu auffordert, endlich aufzuhören, sich auf ihre spezifischen Erfahrungen und Geschichten zu beziehen, die ihnen spezifische Formen der Diskriminierung eingebracht haben. Und während es natürlich wahr ist, dass alle Kämpfe um Gerechtigkeit miteinander verbunden sind, schließt dies doch keineswegs aus, dass jeder dieser Kämpfe auch seine Besonderheiten hat – warum sollten wir das leugnen? Ich persönlich habe auch immer und immer wieder bemerkt, dass die Vernachlässigung dieser Unterschiede politische Arbeit nicht nur nicht effizienter gemacht hat, sondern schließlich zu einer Abstrahierung der verschiedenen Wege und Beweggründe führte, die die Leute ursächlich politisiert haben.

Die Erfahrungen der jüdischen radikalen Linken in Deutschland sind insofern einzigartig, als dass wir verschiedene Versionen der jüdischen Erfahrung und jüdischen Geschichte geerbt haben und dies lässt uns von einem spezifischen Standort aus sprechen, wenn wir unsere Positionen zu Rassismus, Diskriminierung, gemeinsamem Kampf und Revolution formulieren. Es ist eine Sache, als nicht-jüdische Kritikerin des zionistischen Staates – der nicht jüdisch ist – mit Antisemitismus-Vorwürfen angegriffen zu werden und eine etwas andere, demselben Vorwurf als Jüdin oder Jude ausgesetzt zu werden. Das ist es, was meiner Meinung nach das „Jewish“ in Jewish Antifa notwendig macht. Als Angehörige der betroffenen Gruppe fühlen wir uns in der Lage, die Instrumentalisierung des Antisemitismus-Begriffs gut angreifen zu können.

Die Freiheitsliebe: Was bedeutet „jüdisch“ für atheistische Antifaschistischen und Sozialisten, die sich nicht mit dem – angeblich – „jüdischen“ Staat identifizieren?

Jewish Antifa: Wenn ich jetzt für mich selbst spreche, dann darf ich sagen, dass ich eine starke jüdische Identität habe. Das bezieht sich zunächst Mal auf meine Herkunft, meine Familiengeschichte, mein über Generationen hinweg bestehendes Gepäck, das mein heutiges Ich geprägt hat. Ich wurde in der ehemaligen Sowjetunion geboren, wo jüdisch zu sein, von vielen als ethnische und kulturelle Identität wahrgenommen wurde und nicht als religiöse. Das kann zum Beispiel ein bestimmter Humor sein – denn mensch braucht wohl eine Menge Lachen, wo das Leben schwierig ist und Juden haben eben dort und auch anderswo Antisemitismus und Diskrimination erlebt.

Meine jüdische Identität stellt auch deswegen meine Wurzeln dar, weil ich kein Land oder einen Staat habe, der meiner wäre oder in dem ich mich als einheimisch betrachten würde. Viele Generationen meiner Vorfahren sind von Land zu Land gezogen, einschließlich meiner Eltern und Großeltern; einige von ihnen mehr als einmal. Es kann mitunter schwer sein, sich dieser Lücke zu stellen, aber ich ziehe es vor, damit zu leben, statt mich mit der Illusion zu identifizieren, die der Staat Israel uns auf Kosten der Palästinenser bietet, denn sie sind die Eingeborenen dieses Landes.

Meine jüdische Identität ist für mich deshalb auch eine politische Herausforderung, der ich mich stelle. Sie bringt eine lange Geschichte der Migration, der Vertreibung, Armut, mörderischen Gewalt, Freundlichkeit und Solidarität, aber eben auch eine kurze Geschichte des Siedlerkolonialismus und der unfreiwilligen Beteiligung an der Vertreibung und schrecklichen Gewalt gegen die Palästinenserinnen mit sich – einfach durch die Tatsache, Bürgerin Israels zu sein. Das hilft mir zu verstehen, dass solche Identitäten nicht per se inhärent und absolut einer Opfer- oder Tätergruppe zuzuordnen sind, sondern es kommt immer auf die Frage an, in welchem politischen Kontext du dich befindest. Dieses Argument bringt auch Jackie in ihrer Performance auf und damit kann ich mich stark identifizieren.

Die Freiheitsliebe: Was war eure Motivation, Jackie Walker einzuladen, um ihre Ein-Frau-Show „The Lynching“ zu präsentieren? Wie waren die Rückmeldungen darauf?

Jewish Antifa: Jackie hatte geplant, in Berlin zur Konferenz „Zur Zeit der Verleumder“ zu kommen und wir sahen die Möglichkeit, einen Abend mit ihr zu organisieren und ihrer Stimme damit eine Bühne zu bieten. Das wollten wir tun, weil Jackies Fall Ähnlichkeiten zu vielen anderen hat – Fällen, in denen Leute politisch motiviert zum Schweigen gebracht und diffamiert werden. Das identifiziert Jackie in ihrem Stück als >Maßnahmen durch das Establishment<.

Als Jewish Antifa können wir uns auch sehr gut auf den spezifischen Grund beziehen, der ihr all diese negative Aufmerksamkeit eingebracht hat – Jackie kritisiert Israel offen und hat ihre Stimme als Politikerin genutzt, um die Verbrechen dieses Staates gegen die Palästinenser zu benennen.

Natürlich hat auch diese Art des Diskurses oder vielmehr der Diffamierungskampagne, unter dem bzw. der sie nun schon eine Weile zu leiden hat, auch uns erreicht. Das begann, während wir noch das Event planten und war auch zu erwarten. Es gab eine Vielzahl an gegnerischen Einwürfen, die unterschiedlich aggressiv im jeweiligen Stil waren und als Organisator*innen mussten wir dies auf verschiedenen Ebenen händeln. Diese Dynamik ist bereits bekannt, da kulturelle Veranstaltungsorte, Verlage und akademische Einrichtungen in Deutschland sich immer weigern, mit antizionistischen Aktivitäten in Zusammenhang gebracht zu werden. Und dabei handelt es sich eigentlich um Orte, die beanspruchen, linken Aktivismus zu beherbergen!

Wir waren jedoch auch sehr bewegt davon, wie die Sache sich letztlich entwickelt hat – obwohl es am konkreten Veranstaltungsort auch internen Widerspruch gab, so hatten wir doch überwältigende Unterstützung von den meisten Menschen, die dort verantwortlich sind.

Die Freiheitsliebe: Was ist euer Fazit aus diesem Abend?

Jewish Antifa: Der Abend konnte ja letztlich ungestört wie geplant ablaufen und die wichtigste Erkenntnis, die wir daraus ziehen, ist die Überzeugung, dass er notwendig war.

Die Atmosphäre während des ganzen Abends, der Ausdruck von Wertschätzung und Dankbarkeit, die Art und Weise, wie die Zuhörer auf die verschiedenen Darbietungen reagierten, der ganze Aufwand, um die Vision dieses Abends zu verwirklichen – all das hat uns eindrücklich bewiesen, dass es einen Hunger nach solchen Veranstaltungen gibt, dass dies noch weitgehend fehlt.

Wenn mensch bedenkt, dass es sich bei der Veranstaltung “The Lynching” um das erste große Event unserer Gruppe handelt, dann können wir es vermutlich als einen guten Start bezeichnen. Die Q&A mit Jackie nach ihrer Veranstaltung offenbarte eine Vielzahl an Stimmen und Standpunkten im Raum, die nicht immer in perfektem Einklang miteinander oder mit Jackies Position standen, und dennoch haben wir es geschafft, einen gemeinsamen Ort herzustellen, in dem diese vorgebracht werden konnten und die Solidarität wirken konnte. Das ist ein echter Fortschritt.

Die Freiheitsliebe: Und was sind eure Ziele für das kommende Jahr?

Jewish Antifa: Im Jahr 2018 werden wir sowohl unsere Unterstützung und Teilnahme an den politischen Aktivitäten unserer vielen Genossen fortsetzen, als auch unsere eigenen Aktivitäten anstoßen. Unsere Zielrichtung dabei ist es, einen konsistenten jüdischen Antirassismus als legitimen Bestandteil im deutschen linken Diskurs zu etablieren.

Die Freiheitsliebe: Danke für das Gespräch.

Das Interview führte Christoph Glanz, Antifaschist und Palästina-Aktivist.

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