Israels Besatzung und der palästinensische Widerstand

22. November 2016 - 16:10 | | Politik | 0 Kommentare
Title image by Wall in Palestine, flickr, licensed under CC BY-SA 2.0 (edited by JusticeNow!).

Nur wenige Personen setzen sich seit Jahrzehnten so leidenschaftlich für die palästinensische Sache und gegen die Verbrechen der israelischen Regierung ein wie der Politikwissenschaftler und Aktivist Norman Finkelstein. Mit seinen Büchern leistet Norman einen unschätzbar wertvollen Beitrag für den Frieden in der Region. Er hat auch mein eigenes Bild vom Nahostkonflikt mitgeprägt wie kaum ein anderer (und damit maßgeblich einen Beitrag zu meiner Entscheidung geleistet, nach Nablus, Palästina zu ziehen).  Es ist mir daher eine große Freude, dieses Interview zu übersetzen und der deutschen Leserschaft zugänglich zu machen.

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Dieses Interview von Tommaso Segantini mit Norman Finkelstein erschien zuerst auf Tommasos Blog
und wurde von Jakob Reimann für JusticeNow! und Die Freiheitsliebe übersetzt.

Das Jahr 2017 markiert den 50. Jahrestag der israelischen Besetzung der palästinensischen Gebiete im Zuge des 6-Tage-Krieges 1967. Im Austausch mit dem freien Journalisten Tommaso Segantini diskutiert Norman Finkelstein – berühmter Wissenschaftler, politischer Aktivist und Autor von Werken wie „Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern – Mythos und Realität“, „Die Holocaust-Industrie: Wie das Leid der Juden ausgebeutet wird“ und „Antisemitismus als politische Waffe – Israel, Amerika und der Missbrauch der Geschichte“ – verschiedene Themen im Kontext des israelisch-palästinensischen Konflikts, darunter das Erbe der Obama-Regierung, die Möglichkeit einer vernünftigen Lösung in der Zukunft und die Aussichten und Strategien des palästinensischen Widerstands.

Mit außerordentlicher intellektueller Sorgfalt gepaart mit seinem besonderen moralischen Gewicht bietet Finkelstein eine klare und scharfsinnige Darstellung des jahrzehntelangen Nahostkonflikts zwischen Israel, den Palästinensern und den umliegenden Staaten. Der US-Wissenschaftler wirft einen Blick auf die Zukunft, geleitet von seiner Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit, die im Laufe seines Lebens stets seinen politischen Kampfgeist geprägt hat.

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Tommaso Segantini: Die USA und Israel haben vor Kurzem einen Deal über Hilfszahlungen im Wert von 38 Mrd. US-Dollar für das nächste Jahrzehnt ausgehandelt. Die Präsidentschaftskandidaten der beiden großen US-Parteien scheinen das vollständige Fortbestehen der bedingungslosen Unterstützung Israels der vorherigen Regierungen zu repräsentieren. Was ist Dein Urteil über Obamas Erbe bezüglich des israelisch-palästinensischen Konflikts, und welche Faktoren könnten dazu führen, dass die USA ihre Position zu Israel in Zukunft ändern?

Norman Finkelstein: Die Amtszeit der Obama-Regierung fiel mit den schlimmsten Verwüstungen zusammen, die der Gazastreifen seit dem Krieg von 1967 erlebt hatte.

Obama wurde November 2008 ins Amt gewählt. Am 26. Dezember 2008 begann die Operation Cast Lead [dt.: „Gegossenes Blei“, J.R.]. Während des Angriffs wurden 1.400 Menschen in Gaza getötet, darunter bis zu 1.200 Zivilisten, 350 davon Kinder. 6.300 Häuser wurden zerstört, 600.000 Tonnen Schutt und Trümmer wurden zurückgelassen. Obama schwieg während des Massakers. Er wollte jedoch nicht, dass Gegossenes Blei von seiner Amtseinführung abgelenkt oder sie getrübt hätte, also forderte er den israelischen Premierminister Ehud Olmert auf, den Angriff zu beenden. Cast Lead endete am 17. Januar 2009, drei Tage vor Obamas Amtseinführung. Er inszenierte das Massaker zum Wohle seiner Amtseinführung. Er ist ein betäubender, abstoßender Narzisst.

Dann kam im Jahr 2014 Operation Protective Edge [dt.: „Fels in der Brandung“, J.R.]. 2.200 Menschen in Gaza wurden getötet, darunter bis zu 1.600 Zivilisten, 550 Kinder. 18.000 Häuser wurden zerstört, 2,5 Millionen Tonnen Trümmer wurden zurückgelassen. Während des Massakers wiederholte die Obama-Regierung wieder und wieder das Mantra, dass „Israel das Recht hatte, sich selbst zu verteidigen.“ Obama war nicht einfach der Commander-in-Chief der Vereinigten Staaten [dt. Oberbefehlshaber, J.R.], er war vielmehr der Enabler-in-Chief [dt. etwa „Ober-Ermöglicher“, J.R.] der wiederkehrenden israelischen Verwüstungen.

Es ist aufschlussreich, wie Operation Protective Edge beendet wurde. Am 3. August bombardierte Israel vorsätzlich ein weiteres UN-Schutzgebäude, das siebte seiner Art im Laufe des Massakers 2014. Am selben Tag verurteilte Ban Ki-Moon – Generalsekretär der Vereinten Nationen und komatöse Marionette der Vereinigten Staaten – schließlich die israelische Aktion, und beschrieb sie als moralischen Skandal. Die Obama-Regierung war also diplomatisch isoliert in der Welt. Schließlich verurteilte dann auch die Obama-Regierung den Angriff – und Netanyahu kündigte sofort den Rückzug der israelischen Streitkräfte aus Gaza an.

Was aus diesen Tatsachen hervorgeht, ist, dass Obama die ganze Zeit über die Macht hatte, das Massaker zu stoppen: in dem Moment, als er den Mund aufmachte, war es zu Ende. Die größten Massaker in Gaza ereigneten sich während Obamas Amtszeit und wurden durch ihn ermöglicht, er hätte sie an jedem Punkt beenden können. Er beendete das erste Massaker, um seine Amtseinführung nicht zu ruinieren, und das zweite Massaker, weil er diplomatisch isoliert war. Und ich habe noch nicht einmal die illegale, unmoralische, unmenschliche Blockade des Gazastreifens erwähnt, die Ende 2007 begann und im Grunde mit Obamas Amtszeit zusammenfällt. Ich denke, das fasst ganz gut Obama, den unerträglichen Narzisst und die abscheuliche Akte der Obama-Administration zusammen.

Schließlich hat die Obama-Regierung in den letzten Tagen viel Lärm um die illegalen jüdischen Siedlungen gemacht – einfach köstlich. Obama ist schockiert, dass Netanyahu eine Siedlung baut! Was war denn los während seiner acht Jahre im Amt? Er bemerkt es erst jetzt, in den letzten zwei Monaten seiner Präsidentschaft? Fakt ist, Obama macht sich nur Sorgen um seine „Erbe“, er will in seinen Memoiren ein Kapitel darüber haben, wie er versucht hat, den israelisch-palästinensischen Konflikt zu lösen. Deshalb spricht er jetzt über die Siedlungen und wird vielleicht kein Veto gegen eine Resolution des UN-Sicherheitsrats einlegen, die diese verurteilt. Er tut es nur für seine Memoiren, die wohl Dutzende Bänden umfassen wird.

Was ist das oberste Ziel der israelischen Politik? Inwieweit ist die israelische Expansionspolitik von ideologischen, ökonomischen und politischen Faktoren getrieben?

Norman Finkelstein: Israel hat zwar ein Interesse an den Wasserressourcen im Westjordanland, dies kann jedoch keine 50 Jahre andauernde Besatzung erklären. Mein Eindruck ist, dass Israel die besetzten Gebiete nicht aufgeben will, weil es jedes Zugeständnis an die arabisch-muslimische Welt als Zeichen der Schwäche auffassen würde. Sobald sie Territorium erobern, wollen sie es nicht mehr hergeben.

Norman Finkelstein bei einem Vortrag an der Suffolk University in Massachusetts. By Miguel de Icaza, wikimedia commons, licensed under CC BY-SA 3.0.

Sieh Dir den Fall an, als Israel im Jahr 1978 den Süd-Libanon besetzte. Die Besetzung hielt bis zum Mai 2000. 22 Jahre sind eine lange Zeit, und es war keine leichte Besatzung für Israel. Die Hisbollah entwickelte sich zu einer beachtlichen Guerilla-Armee und Israel verlor mehrere hundert Soldaten. Als sich Israel schließlich zurückzog, wurde offenbar nicht der Verlust eines lebenswichtigen Interesses beklagt. Trotzdem gingen die israelischen Streitkräfte 2006 wieder zurück, um zu zeigen, dass sie im Mai 2000 keineswegs verloren hatten. Es war rein pädagogisch – Israel hatte keine materiellen Interessen, sie wollten eine Lektion erteilen und zeigen, dass sie noch immer das Sagen haben.

Israel kämpfte auch sehr hart darum, die Siedlungen, die es auf der ägyptischen Sinai-Halbinsel nach dem Krieg von 1967 errichtete, nicht aufgeben zu müssen. Das Camp David Abkommen von 1979 mit Anwar Sadat wäre um ein Haar nicht zustande gekommen, Israel war fest entschlossen, die Sinai-Siedlungen zu halten. Tatsächlich gab es einen ziemlich klaren Grund, warum Israel so resistent war. Der israelische Ministerpräsident Menachem Begin befürchtete, würden die Siedlungen im Sinai abgebaut, hätte dies einen Präzedenzfall geschaffen für den Abbau der Siedlungen im Westjordanland. Aber dann stellt sich die Frage: Warum halten sie die Siedlungen im Westjordanland?

Viele angesehene Analytiker versuchen, rationale Erklärungen für das Verhalten von Staaten abzuliefern. Es scheint jedoch, als könnte das Verhalten von Staaten in einer großen Anzahl von Fällen nicht rational erklärt werden kann – es sei denn, Du willst im Falle Israel den Versuch, die arabische Welt in die Unterwerfung zu zwingen, als rational ansehen. Es gibt nicht wirklich eine rationale Erklärung für Israel, die Siedlungen zu behalten.

Es gibt eindeutig auch ein ideologisches Element unter den fanatischen Teilen der israelischen Bevölkerung. Auch ist das Siedlungs-Business mittlerweile extrem angewachsen: es gibt 600.000 Siedler, mit Straßen, jeder Menge Infrastruktur, es gibt riesige wirtschaftliche Investitionen in die Siedlungen, und es gibt Menschen, die von all dem profitieren. Aber insgesamt sehe ich kein konkretes Interesse, das diese fünfzigjährige Weigerung, sich zurückzuziehen, erklären könnte.

Das Damascus Gate im palästinensischen Ostteil von Jerusalem ist des Öfteren Schauplatz von blutigen Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften. Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Masato Tanaka, licensed under CC BY-NC 2.0.

Welche regionalen Neuausrichtungen und Veränderungen, die während des Arabischen Frühlings stattgefunden haben, beeinflussen den israelisch-palästinensischen Konflikt und in welcher Weise? Was war die Haltung Israels gegenüber den arabischen Aufständen im Jahr 2011?

Norman Finkelstein: Israel war zunächst resistent gegen den Arabischen Frühling. Zum Beispiel der Fall Ägypten, die USA hielt bis zum Ende an der Verteidigung Mubaraks fest. Als es klar war, dass der ägyptische Präsident Husni Mubarak untergehen würde, stimmte Washington seinem Sturz zu. Israel kritisierte die USA heftig dafür, dass sie nicht länger durchhielt und das Mubarak-Regime nicht vehementer verteidigte.

Am Ende erwies sich der Arabische Frühling als ein Geschenk des Himmels für Israel. Es kam zu einer großen staatlichen Neuausrichtung in der arabischen Welt. Schau Dir die Operation Protective Edge [Gaza-Krieg im Sommer 2014, J.R.] an: Ägypten und Saudi-Arabien unterstützten offen Israel, während die Türkei schwieg. Die Arabische Liga traf sich während Protective Edge nur ein einziges Mal und sprach faktisch ihre Unterstützung für Israel aus. Die Saudis drängen auf eine Lösung des Israel-Palästina-Konflikts, damit sie ihr militärisches Bündnis mit Israel zementieren können, während die Türkei ein Abkommen zur Beilegung des Mavi-Marmara-Vorfalls besiegelt hat (in dem Israel im Rahmen einer humanitären Hilfsmission nach Gaza neun türkische Staatsbürger getötet hat) und sich offen mit Israel auf eine Linie bringt.

Es ist eine Katastrophe für die Palästinenser. In der arabisch-muslimischen Welt sind sie jetzt isoliert. An dieser Stelle ist der einzige Verbündete – und das auch nur rhetorisch – der Iran.

Dennoch ist es eine ausgemachte Katastrophe. Diese einstmals arabisch-muslimischen Verbündeten begingen Verrat an der palästinensischen Sache. Die Palästinenser wurden zum Faustpfand der Saudis degradiert. Wie es die saudischen Parasiten immer tun, kauften sie die PLO [Palästinensische Befreiungsorganisation, J.R.] – so arbeiten sie. Da der palästinensische Kampf jedoch noch immer die Unterstützung des eigenen Volkes hatte, konnte Arafat einen gewissen Grad an Unabhängigkeit bewahren. Heute gibt es keinen palästinensischen Kampf mehr, kein palästinensisches Volk, es gibt nur atomisierte Individuen, von denen jeder versucht, das Beste für sich selbst zu tun. Mahmud Abbas hat keine eigenständige Macht gegenüber den Saudis, er führt nur Befehle aus. Die Saudis versuchen nun, sich einen Nachfolger für Mahmoud Abbas auszusuchen, sie wollen ihn mit diesem Verbrecher aus Gaza ersetzen, Mohammed Dahlan. Die CIA und die Saudis wollen diesen Typen, und sie werden ihn wohl bekommen.

Es wird häufig behauptet, dass eine Zweistaatenlösung aufgrund der Lage vor Ort nicht mehr möglich ist. Du hast wiederum gesagt, dass eine Zweistaatenlösung derzeit physisch nicht unmöglich ist, dafür aber politisch unmöglich. Was sind die wesentlichen politischen Restriktionen, auf die Du Dich beziehst? Kannst Du kurz erläutern, unter welchen Bedingungen die beiden Seiten eine Einigung über die kritischen Fragen – wie Grenzverlauf, Rückkehrrecht der Flüchtlinge oder der Status von Jerusalem – erreichen könnten?

Norman Finkelstein: Das sind Fragen, die technisches Fachwissen verlangen. Es erfordert Kenntnisse des physischen Terrains. Topographen und Kartographen sowohl der israelischen wie auch der palästinensischen Seite sagen, dass es einen Weg gibt, mit Hilfe von Gebietsaustausch einen zusammenhängenden palästinensischen Staat zu bewahren, so dass die Gesamtfläche die gleiche wie die in den Grenzen von 1967 bleibt, während rund 60 Prozent der jüdischen Siedler in den illegalen Siedlungen unter israelischer Herrschaft verbleiben würde. Dies würde die Evakuierung der verbleibenden 40 Prozent bedeuten, was an dieser Stelle zugegebenermaßen keine kleine Zahl ist: 240.000 der 600.000 Siedler.

Aber es ist machbar. Umfragen haben gezeigt, dass mit ausreichendem finanziellen Anreiz, die meisten der Siedler bereit wären zu gehen, denn ein großer Teil von ihnen sind so genannte „Quality-of-Life“-Siedler, was bedeutet, sie sind in die Westbank gezogen, weil ihnen alle möglichen staatlichen Subventionen gewährt wurden, billiger Hausbau, und so weiter. Ein kleinerer Anteil umfasst die ideologischen Siedler. Sogar sie würden – sobald die israelische Armee abziehen würde – wahrscheinlich ihre Taschen packen und nach Hause gehen. Das Problem ist also der politische Wille.

Bei der Räumung einiger illegaler israelischer Siedlungen im Gazastreifen 2005 kam es teils zu heftigen Krawallen zwischen radikalen zionistischen Siedlern und israelischen Sicherheitskräften. Wesentlich heftigere, bürgerkriegsähnliche Zustände könnten sich auch abspielen, sollte die Westbank irgendwann geräumt werden. By Israel Defense Forces, licensed under CC BY-NC 2.0.

Heute ist die Besatzung für Israel kostenlos: Europa subventioniert die Besatzung, die palästinensische Autonomiebehörde überwacht die Besatzung, während die USA Israel vor sämtlichen diplomatischen Konsequenzen bewahrt. Es gibt keinen Anreiz für Israel, die Besatzung zu beenden. Was geändert werden muss, ist das Machtgleichgewicht, das im Moment weit auf Seiten Israels liegt.

Zur Frage des Rückkehrrechts gibt es keine einfache Antwort. Nach dem Völkerrecht haben palästinensische Flüchtlinge das Recht auf Rückkehr. Auch die großen Menschenrechtsorganisationen Amnesty International und Human Rights Watch treten beide für das Rückkehrrecht ein – der Rechtsanspruch ist also da.

Politik und Recht sind jedoch zwei verschiedene Dinge. Es gibt keine automatische Durchsetzung von Rechten, es sei denn, du bist auf der Seite der Mächtigen. Bist du aber auf der Seite der Machtlosen, musst du einen Weg finden, Macht im Namen deiner Sache aufzubringen.

Dann stellt sich die Frage: angesichts des objektiven Machtgleichgewichts in der heutigen Welt, wie viel können die Palästinenser von ihrem gesetzlich garantierten Rückkehrrecht ernsthaft erwarten?

Israel hat eine Bevölkerung von 8,3 Millionen Menschen. Von diesen 8,3 Millionen sind etwa 6 Millionen jüdisch. Die Zahl der palästinensischen Flüchtlinge beträgt etwa 6 Millionen. Ist es realistisch zu erwarten, dass die internationale öffentliche Meinung auf Ebene der Staaten oder Völker verlangt, dass Israel seine Grenzen öffnet und die Zahl der rückkehrenden Palästinenser der aktuellen israelisch-jüdischen Bevölkerung entspricht? Zurzeit stellen israelische Juden 75 Prozent der israelischen Bevölkerung. Würde das Rückkehrrecht vollumfänglich umgesetzt, würde die Bevölkerung Israels auf etwa 14 Millionen ansteigen, so dass Juden von einer „Super-Mehrheit“ auf deutlich weniger als die Hälfte der Bevölkerung absinken würden. Wird die öffentliche Meinung Israel diese Forderung stellen? Ich glaube nicht, dass das eine realistische Erwartung ist. In der post-Holocaust Welt verfügte die Idee eines „Jüdischen“ Staats (im Guten wie im Schlechten) über eine Menge internationaler Legitimität. Eine Zweistaatenlösung, nach der ein arabisch-palästinensischer Staat Seite an Seite mit einem „Jüdischen“ Staat existiert, der eine arabisch-palästinensische Mehrheit hat, macht hingegen keinen Sinn. Man muss eine Formel ausarbeiten, die maximale Unterstützung der internationalen Gemeinschaft erhält, die heute eine „gerechte“ Lösung der Flüchtlingsfrage unterstützt „auf Basis“ – was nicht dasselbe ist wie „mit Implementierung“ – des Rechts auf Rückkehr (und Entschädigung) im Rahmen einer Zweistaatenlösung.

Norman Finkelstein über die israelische Besatzung. By Jakob Reimann, licensed under CC BY-NC 2.0.

Von einigen Teilen der Linken sowie der Solidaritätsbewegung wurdest Du wegen Deiner Kritik an der Einstaatenlösung oder an etwas, dessen logische Konsequenz das Ende Israels, wie es heute existiert, bedeuten würde, des Öfteren beschuldigt, zu Establishment-freundlich oder nicht radikal genug zu sein. Ich stimme Dir zu, dass es zu diesem Zeitpunkt der einzige Weg ist, um eine breite Öffentlichkeit zu erreichen, für eine Zweistaatenlösung einzustehen, voll verankert im Völkerrecht. Warum denkst Du, dass einige Teile der Linken manchmal fast ideologisch gegen eine Zweistaatenlösung agitieren? Und in welchem Ausmaß, denkst Du, schadet deren Haltung – wie ehrbar die Absichten auch immer sein mögen – der Bildung einer geeinten Massenbewegung mit erreichbaren Zielen?

Norman Finkelstein: Zuerst eine persönliche Bemerkung: ich unterstütze weder zwei Staaten noch einen Staat. Ich bin ein Linker der alten Schule, ich unterstütze überhaupt keine Staaten. Die Welt ist ein winziges Sandkorn, das im Universum umherirrt. Die Vorstellung, dieses Sandkorn in Staaten aufzuhacken – insbesondere zu diesem Zeitpunkt – macht keinen vernünftigen Sinn. All die großen Herausforderungen, denen die Menschheit heute gegenübersteht, sei es der Klimawandel oder die Krise des Kapitalismus, sind globaler Natur.

Es liegen aber Welten zwischen dem, was auf der einen Seite die Vernunft und die Gerechtigkeit diktieren, und was auf der anderen Seite die Politik erlaubt. Ich sehe derzeit keine Möglichkeit, dass Staaten in naher Zukunft abgeschafft werden.

Das bedeutet nicht, dass wir unsere Ideale vergessen sollten, ich habe meine nie aufgegeben. Aber die Politik bedeutet, darüber zu urteilen, wie das Machtgleichgewicht auf der Welt aussieht. Das Maximale, was in diesem Augenblick erreicht werden kann, ist ein israelischer Rückzug aus den besetzten Gebieten und eine vernünftige Lösung der Flüchtlingsfrage.

Eines der Probleme des palästinensischen Kampfes ist, dass er sehr persönlich ist. In der Politik geht es aber nicht darum, was jeder persönlich für fair hält. Die Frage ist, können wir auf der internationalen Bühne realistischerweise auf ein neues Machtgleichgewicht im Sinne der Einstaatenlösung hoffen? Meiner Meinung nach, beantwortet sich die Frage von selbst. Es geht nicht darum, dass ich nicht radikal genug bin. Es geht darum, dass viele Aktivisten denken, in der Politik kannst du wie von einer Speisekarte aussuchen, was dir gefällt.

Warum denkst Du dann, dass sogar einige prominente Gelehrte oft die Einstaatenlösung befürworten?

Norman Finkelstein: Einzelne können sehr gute Gelehrte sein und gleichzeitig nicht gerade die besten politischen Analysten, genauso wie es fähige Politiker gibt, die nicht unbedingt die Klügsten sind. Politik ist eine besondere Kunst. Manche Menschen haben ein natürliches Talent für die Politik, sie haben reiche praktische Erfahrung, und sie haben eine respekteinflößende, angeborene Intelligenz. Ich würde in diese Kategorie Rosa Luxemburg und Leo Trotzki, Noam Chomsky und Allan Nairn, Mahatma Gandhi und Hisbollah-Führer Sayyed Nasrallah stecken. Im Allgemeinen haben Wissenschaftler keine Ahnung, wie Politik funktioniert.

Die Erste Palästinensische Intifada von 1987, die Du aus erster Hand miterlebt hast, gilt gemeinhin als Erfolg. Welche besonderen Bedingungen trugen zum Erfolg des Aufstandes bei, und welche Lehren lassen sich aus der Intifada für den künftigen palästinensischen Widerstand ziehen?

Norman Finkelstein: Wenn Du sagst, die Erste Intifada war ein Erfolg, dann ist das nicht ganz richtig. Ich halte es für einen Erfolg, und viele der Leute, die sich zurückerinnern können, betrachten es als solchen. Doch die meisten jungen Palästinenser erinnern sich nicht an die Intifada. Deine Generation hat sie völlig vergessen. Zudem betrachten es diejenigen, die sich daran erinnern, als ein Scheitern, weil es zu den Oslo-Abkommen geführt hat, die zweifellos eine Katastrophe für die Palästinenser waren.

Tatsächlich war die Erste Intifada jedoch ein großer Erfolg. Zwei große Faktoren ermöglichten ihren Erfolg. Erstens hatte die korrupte Führung der PLO ihren Sitz zu der Zeit in Algier, weswegen sie den Palästinensern in den besetzten Gebieten nicht groß reinreden konnte. Zweitens waren damals viele lebendige Massenorganisationen in der Institution PLO eingebunden – politische Parteien, Gewerkschaften, Frauenorganisationen usw. Als die Intifada dann am 7. Dezember 1987 spontan begann, sprangen alle diese Organisationen ins Gefecht und begannen sich zu organisieren und zu mobilisieren, sie nahmen die Gestaltung ihres Schicksals selbst in die Hand. Innerhalb einiger Tage wurden Flugblätter verteilt, neue freiwillige Organisationen verschmolzen, buchstäblich jeder und jede waren beteiligt, von Steine werfenden Kindern im Alter von zwei Jahren bis zu achtzig-jährigen Frauen, die sich der israelischen Armee widersetzten. Es war eine echte Massenmobilisierung mit einer intelligenten dynamischen Führung. Die Israelis wussten nicht, wie sie reagieren sollten oder was als Nächstes kam.

Nablus im Westjordanland war eines der Zentren der Ersten wie auch der Zweiten Intifada. Hier ein Schneepanorama der Stadt, freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Philipp Blank, Blankerman.

Die Repression der israelischen Armee war schrecklich, keine Frage, aber es gab Grenzen, wie viel Repression Israel ausüben konnte, denn der Widerstand war gewaltlos. Am Ende der Ersten Intifada wurden nach zwei Jahren etwa tausend Palästinenser getötet. Genauso viele sterben heute in Gaza während der israelischen Operationen in nur ein paar Wochen. Dank der vernünftigen Forderungen – Souveränität und ein Ende der Besatzung – konnte die Intifada erfolgreich die internationale Öffentlichkeit für sich gewinnen. (Übrigens wurde die Flüchtlingsfrage damals kaum erwähnt.) Infolgedessen wurde das Image Israels zertrümmert.

Die Intifada war eine Massenmobilisierung, sie hatte ein organisatorisches Rückgrat und sie demobilisierte Israels mächtigste Waffe, die Armee. Es erfüllte die beiden Bedingungen eines erfolgreichen gewaltlosen Widerstands: die internationale Gemeinschaft betrachtete sowohl die Mittel, Gewaltlosigkeit, als legitim als auch die Ziele, unabhängige Souveränität.

BDS [das internationale, gegen die israelische Besatzung gerichtete Boycott, Divestment and Sanctions Movement, J.R.] sagt, dass es eine gewaltfreie Form des Widerstands ist, was absolut richtig ist, und weshalb es auch nichts zu beanstanden gibt. Wenn jedoch die Ziele von BDS als ungerecht angesehen werden – wie gewaltlos die Mittel auch immer sein mögen – werden sie nie die nötige internationale Unterstützung bekommen, es wird nie passieren. Sowohl die Mittel als auch die Ziele müssen von der öffentlichen Meinung als gerecht angesehen werden.

„MAKE HUMMUS NOT WAR!“ – gefunden in Akko, Israel. By Jakob Reimann, licensed under CC BY-NC 2.0.


This interview with Norman Finkelstein was lead by Tommaso Segantini  and first appeared on Tommasos Blog. Die Freiheitsliebe and JusticeNow! send the best wishes and a big THANK YOU! to Tomaso to Italy and to Norman Finkelstein to the States – connect critical journalism worldwide!

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