Almeria: Kämpfe in Europas Gemüsegarten

30. März 2019 - 16:53 | | Politik | 0 Kommentare

200.000 Menschen wohnen in der spanischen Stadt Almeria, doch schaut man bei Google Maps die Stadt an, denkt man im ersten Moment, sie sei von einigen weißen Dörfern umgeben. Zoomt man jedoch näher dran wird einem erst klar, dass dies keine Dörfer, sondern Gewächshäuser sind. In diesem Plastikmeer herrschen miserable Arbeitsbedingungen für viele als illegalisiert bezeichnete Menschen, die nahezu alle aus den Maghrebstaaten oder Zentralafrika stammen. Auch aus Almería kommt der Großteil des Gemüses her, was wir in Deutschland in den Regalen der Supermärkte konsumieren können.

„Prekarität hat viele Gesichter“ tituliert die Gruppe Interbrigadas in ihrem Bericht zu ihrer Solidaritätsarbeit in Almería. Sie sind hier zu Gast aus Deutschland für den Märzmonat bei der andalusischen Basisgewerkschaft SOC-SAT (Sindicato Andaluz de Trabajadores), um sie in ihrem Kampf für bessere Arbeitsbedingungen zu unterstützen. Seit einigen Jahren reisen sie nach Andalusien für einen Monat, um die gewerkschaftliche Arbeit vor Ort zu stärken und die Themen nach Deutschland zu transportieren. Zuvor war die Solidaritätsgruppe bereits in Lateinamerika in einigen Ländern aktiv.

Wie sind denn nun die Bedingungen in den Gewächshäusern Andalusiens? Der Mindestlohn, der auf 6,90€ erhöht wurde, wird nahezu gar nicht eingehalten. Ständig tauchen Arbeiterinnen und Arbeiter auf, die sich über 3 – 4€ Stundenlohn beklagen, von ihren Chefs geschlagen werden oder massiv unbezahlte Überstunden leisten müssen. Auch Akkordarbeit mit 11-14 Stunden stellen keine Ausnahme dar, auch nicht in ganz vielen Betrieben, die sich mit ,,bio“ labeln. Gewerkschaftlich organisierte Mitglieder in den Betriebsräten werden gefeuert, vor allem papierlose Arbeiterinnen und Arbeiter trauen sich nicht aufzulehnen, da nach einigen Jahren Arbeit die Möglichkeit bestünde einen legalen Aufenthalt zu erhalten und eine große Anzahl an Nichterwerbstätigen in Andalusien mit einer Jugendarbeitslosigkeit von 50% für die Lohnarbeit bereit stehen könnten. Außerdem existiert seit dem Ablaufen des Tarifvertrags vor ein paar Jahren kein real bestehender Vertrag, der die Unternehmer für gewisse Standards verpflichtet, da bis heute nach einem Neuen verhandelt wird, den bewusst die Arbeitgeber verzögern oder zum Teil verweigern, um weiter unter den miserablen Arbeitsbedingungen zu profitieren und sich im Wettbewerb durchzusetzen.

Die Konditionen sind weitgehend bekannt, doch die Europäische Union lässt bewusst eine solche Zone unangetastet liegen, damit weiterhin billig das Gemüse produziert wird und die Lebensmittel sich im europäischen Binnenmarkt gegen außerliegende Produkte durchsetzen können. Auch einige der in Almería lebenden Menschen, vor allem die spanische Bevölkerung, möchte nicht unbedingt einen großen Umschwung herbeirufen, da durch den großen Export auch Arbeitsplätze entstehen. Besonders zynisch erscheinen jedoch die Wahlergebnisse: In Almería konnte die rechtsextreme VOX mit ihrer antimuslimischen Antimigrationsposition ordentlich Stimmen gewinnen. Im Bezirk El Ejido, der von Gewächshäusern umgeben und in den letzten Jahren häufiger zu rassistische Ausschreitungen ausgeartet ist, gewann VOX sogar den Stimmbezirk im sonst sozialdemokratisch dominierten Andalusien.

Leider bemühen sich die großen Gewerkschaften um UGT und CCOO nicht aktiv darum, die extrem marginalisierten Arbeiterinnen und Arbeiter zu organisieren und sie mit ihrer größeren personellen Kapazität zu unterstützen, weshalb um so wichtiger die Präsenz der SAT, sowie zum Teil der anarcho-syndikalistischen CNT, auf Seiten der einfachen arbeitenden Menschen ist. Die SAT dominiert in vielen Betriebsräten und etabliert sich als direkter Ansprechpartner und Unterstützer der Landarbeiterinnen und -arbeiter . Die Menschen schauen regelmäßig bei den Büros der Basisgewerkschaft in Almería und Umland vorbei, in der nicht nur über Arbeitskampf gesprochen und geplant wird, sondern auch schon bei deutlich niedrigschwelligen Aktionen wie dem Begleiten bei bürokratischer Arbeit und Erstellen von Anzeigen gegenüber den Chefs geholfen wird, da viele mit sprachlichen Defiziten zu kämpfen haben. Auch zu direkteren Aktionen wird des Häufigen aufgerufen, bei denen unsoziale Arbeitsbedingungen geprangert werden.

Die Interbrigadas unterstützte im gesamten Monat beispielsweise diese Arbeiten der SAT. So organisierten sie mit den Gewerkschaftlern eine Demonstration für einen neuen verbindlichen Tarifvertrag am 24.3. und zog durch verschiedene Arbeiterdörfer, an der sich am Ende über 1000 Menschen beteiligten, fast nahezu alles migrantische Arbeiterinnen, Arbeiter und Familienangehörige mit Unterstützung der Basisgewerkschaften SAT und CNT, sowie vereinzelten Mitgliedern von PODEMOS, Izquierda Unida und Anticapitalistas aus Almería und anderen Städten Andalusiens. Auch hier keine Spur von UGT und CCOO, obwohl die extrem ungerechten Arbeitsbedingungen nach Unterstützung förmlich schreien.

Die Dankbarkeit derer die Unerhört bleiben und von der Gesellschaft an den Rand gedrängt werden, spiegelt sich immer wieder in den Büros und bei der Demonstration an sich wider. Aktive Gewerkschafter der SAT und Interbrigadas wurden häufiger zum Essen von den Arbeiterinnen und Arbeitern eingeladen und sehr herzlich empfangen. Eine Gewerkschaft wie die SAT, die auf Seiten derjeniger kämpft, welche marginalisiert und ausgestoßen werden, versteht den Sinn einer praktisch solidarisch im Sinne der Arbeiterklasse agierenden Organisation, während die großen Gewerkschaften wieder einmal lieber in Sozialpartnerschaft enden. Eine wirklich beeindruckende Arbeit der Basisgewerkschaft SAT und der Solidaritätsgruppe Interbrigadas ist in der sonst von miserablen Lebensbedingungen geplagten Plastikmeer Almerías zu sehen.

Über den Autor

Avatar
Aktivist bei DieLinke.SDS Köln und zurzeit bedingt durch das Auslandssemester bei Anticapitalistas Granada. Meine Themenschwerpunkte liegen bei Kapitalismus vs. Klima und aktuelles über die Türkei und Spanien. Mitglied bei: DIE LINKE, DieLinke.SDS, marx21, Bewegungslinke, GEW
Ihr findet mich auf: Facebook