Ägypten: Die religiöse Spaltung muss beendet werden

28. März 2015 - 15:53 | | Politik | 0 Kommentare
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Die Konterrevolution nimmt, voran getrieben durch konfessionellen Slogans und verlogenen Nationalismus gestützt von islamistischen und sekulären politische Kräften, zu.

Konfessionalismus ist der Weg der Konterrevolution. Tantawi kannte diesen Weg nur allzu gut. Die Einheit der Massen in den Straßen ist durch die Aktionen des Regimes, die Erinnerung an die Januarrevolution auszulöschen, zerstört und Verwirrung hat das Bewusstsein ersetzt.

Mubarak fällt, die Massen verlassen die Straßen, während die Arbeiter weiter streiken.

Der 1. Schritt war es denn Rücktritt Mubaraks zu zustimmen und die Einsetzung eines Militärrats mit dem Ziel die Revolution zu hintergehen. Währenddessen brachen die sit-ins auf den Plätzen ab, weil es keine revolutionäre Massenpartei gab, die die Massen hätte überzeugen können auf den Straßen zu verweilen bis das komplette Mubarak-Regime beseitigt ist. Aber die Sache war zugunsten des Militärs entschieden und schnell begannen sie die letzten Reste auf dem Tahir-Platz mit Gewalt zu verdrängen nur um dann ihr Augenmerk auf die Arbeiter zu legen, die seit dem 5 Februar streikten und auch nach dem Sturz Mubaraks weitermachten. Der Militärrat begann eine üble Medienkampagne gegen die Arbeiterbewegung indem sie deren Forderungen als „egoistische Eigennützigkeit“ beschrieben, welche dadurch den Produktionsprozess störe und damit die nationale Wirtschaft gefährde. Streiks wurden sogar als Gefahr für die Revolution bezeichnet.

Durch das fehlen einer in der Arbeiterbewegung verwurzelten politischen Kraft, welche die Möglichkeit gehabt hätte, die Forderungen der Revolution nach Säuberung der industriellen Institutionen und Dienstleistungen von Mubaraks Männern und sozialer Gerechtigkeit zu realisieren, war Tantawis Militärrat fähig die Arbeiterbewegung zu schädigen, bevor sie in eine Phase der direkten Repression eintreten, also Streiks als illegal zu deklarieren und die Streikenden durch Militärgerichte hinter Gittern zu bringen. Um die Arbeiterbewegung zu stoppen, die sich rasant in Bezug auf Bewusstsein und Organisierung entwickelte, zerbrachen sie mit militärischen Mitteln Arbeiterstreiks in Suez, Alexandria, Helwan und anderswo. Wir fingen an Koordinierungen von Generalstreiks von ganzen Sektoren, die Forderungen ziviler Administration für die Militärfabriken so wie die Säuberung des zivilen Luftfahrtministerium von Offizieren und andere Forderungen zu beobachten, die ein gewachsenes Bewusstsein ausdrückten, welches nun eine Gefahr für das Militär über die Kontrolle von Macht und Wohlstand wurde.

Der 2. Schritt des Militärrat war es, die Massenbewegung zu fragmentieren, in dem sie die Armen und Unterdrückten auf Basis von Religion und Konfession teilten. Dabei wurde dies vom politischen Islam unterstützt, ganz voran der Muslimbruderschaft. Die politische Bühne um die Zeit des (Verfassungs-) Referendum des 19 März 2011 drückte diese Tendenz aus: erneut wurden sektiererische Slogans wiederholt nachdem sie von der Revolution des 25 Januars beiseite geschoben wurden und die öffentliche Meinung sich gegen sie richtete.

Die Masse der koptischen Christen litt Seite an Seite mit der muslimischen Unterschicht an Armut, aber darüber hinaus mussten sie religiöse Unterdrückung, der Unterdrückung des Staates, der sie als Bürger zweiter Klasse behandelte und die Unterdrückung durch die Gesellschaft, welche die Staatsunterdrückung neben der Verbreitung reaktionärer religiöser Ideen übernahm, erdulden.

Diese konfessionelle Politik der Massen, isolierte sie in ihren Kirchen, und sie nahmen nicht an den politischen und sozialen Protesten teil, außer unter Druck großer Angst. Es waren Gefangene der religiösen Führer der Kirche und des Staates, welcher sie unterdrückte aber ihnen einen Schutz vor der Tyrannei der Muslime anbot.

Aber in den letzten Jahren Mubaraks ereigneten sich religiös motivierte Vorfälle, wo die Rolle des Staates klar war. Einer der wichtigsten, war die Tötung von Kopten während der Weihnachtsnacht in Naga‘ Hammadi, geplant durch Abd-al-Rahim al-Ghul, Vorsitzender der parlamentarischen Fraktion der (regierenden) Nationaldemokratischen Partei. Dann gab es noch den Vorfall der Explosion bei der Qadissayn-Kirche in Alexandria, die durch das Innenministerium mit dem Ziel der Verlängerung des Ausnahmezustandes und der Störung des Aufstiegs der Massen eingerichtet wurde. Im Zuge des Qadissayn-Vorfalls gingen die Kopten zum ersten mal seit der Revolution von 1919 auf die Straße, um gegen die die anhaltenden sektiererischen Vorfälle zu protestieren, sie zogen singend gegen die Polizei aus, die die Massaker vorbereitet hatte und nicht gegen die Muslime. Sie gingen zu Hunderttausende in Kairo und Alexandria auf die Straße und die erste Schlacht von Maspero fand statt, als die Polizei die Demonstrationen der böse Kopten mit Gas und Vogelschrott zerbrach.

Als die Kopten auf die Straßen gingen, nahmen die letzten Elemente der Revolution gegen Mubaraks Regime Gestalt an. Zuerst griffen die Studenten die nationalistische Anliegen auf, dann traten die Arbeiter hervor und forderten soziale Gerechtigkeit und die politischen Kräfte protestierten gegen Mubaraks Tyrannei. All diese Kräfte der Armen und Unterdrückten sammelten sich in der Januarrevolution: Die Studenten und Arbeiter, die Kopten und Frauen, sie erhoben die Forderungen aller Ägypter nach Freiheit, soziale Gerechtigkeit und Menschenwürde.

Das Verfassungsreferendum vom 19 März 2011 war ein Schlag gegen die Einheit und der Militärrat, in Bündnis mit den Islamisten war erfolgreich im erreichen ihrer Ziele. Anstatt der Hoffnung der Kopten auf Beendigung ihrer Diskriminierung, schien die Wirklichkeit der Ergebnisse der Revolution, die Behauptung zusammenzufassen, dass Ägypten „islamisch“ wäre und jedem, dem es nicht gefällt soll nach Kanada auswandern.

Natürlich ist es dabei nicht stehen geblieben. Dies war nur der Beginn einer Serie von Brandanschlägen auf Kirchen, einige durchgeführt durch das Regime selbst und die meisten mit der Unterstützung mancher islamistischer Kräfte.

Der teuflische Plan des Militärs, die Massen zu spalten, gipfelte in dem Maspero-Massaker (9. Oktober 2011) gegen die Kopten durch das Rufen „Gott ist groß“ durch einige der Soldaten und der Salafisten, die plötzlich am Tatort erschienen waren.

Dieses Massaker hatte eine zerstörerische Wirkung auf das Zusammenwachen der koptischen Massen mit muslimischen Armen in der Januar-Revolution und unter dem Druck der starken Empfindlichkeiten gegen Unterdrückung und Repression, kauerten die Kopten, gefangen, zwischen dem Staat, der sie vernichten wollte und die Islamisten, die das Massaker begrüßten, in Reaktion darauf wieder in ihren Kirchen, religiösen Slogans ausrufend. Zwischen den Hammer des Staates und dem Amboss der islamistischen Bewegungen, zwischen nach Kanada auswandern und dem Maspero-Massaker, kauerten die Kopten in ihren Kirchen, bevor sie in die Umarmung des Staates zurückkehren, der sie manchmal tötet und immer unterdrückt aber sie niemals nach Kanada schickt!

Dies ist einer der negativen Lektionen der Januar-Revolution – haben wir gut davon gelernt?

Arbeiten wir daran die Kopten für die Revolution wiederzugewinnen, durch Verteidigung ihrer Forderungen, welche das Herz der Forderungen der Revolution sind? Es ist die Pflicht jeden Revolutionärs sich gegen die Unterdrückung der Kopten durch Staat oder religiöse Gruppen zu stellen. Wir müssen die sektiererischen Parolen und Praktiken überwinden und gegen jede Gruppe kämpfen, der sie erhebt

Die koptischen Massen bleiben so lange in der Umarmung des Staates gefangen – was ein Erfolg für die Konterrevolution ist – so lange die politische Bühne von sektiererischen Organisationen oder Slogans dominiert ist. Die Revolution ist die Befreiung der Unterdrückten und es ist ein Fest für die Armen. Aber wenn sie von konfessionellen Terrorgruppen geführt wird und nicht die Forderungen der Armen erhebt, ist sie dazu bestimmt zu scheitern.

Dieser Brief des revolutionären Sozialisten Haitham Mohamedain wurde aus dem englischen von dem linken Aktivisten Felix J übersetzt.

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