Mit Fußball gegen Fremdherrschaft

4. Dezember 2018 - 12:00 | | Kultur | 0 Kommentare

Der Kampf gegen die Kolonialmächte wurde auch mit dem Gewehr geführt. Dies war jedoch nur ein Baustein im Kampf um Befreiung.

Als die algerische Mannschaft am 9. Mai 1958 in Tunis 2:1 gegen Marokko gewann, konnte von einem normalen Fußballspiel nicht die Rede sein.  Sicherlich: der Ball war rund und das Spiel dauerte 90 Minuten, doch das war hier eigentlich Nebensache. Es ging um viel mehr: um das Ende der französischen Kolonialherrschaft in Algerien. Die Mannschaft war keine normale Nationalmannschaft, sondern die Fußballauswahl der algerischen Befreiungsfront FLN.

Es braucht mehr Wege zur Befreiung

Die FLN hatte im Verlauf des Befreiungskrieges, der schon fast vier Jahren andauerte, erkannt, dass sie die französischen Truppen nicht einfach mit Waffengewalt besiegen konnten. Militärisch waren diese überlegen und brachten mit massiven Folter- und Ermordungskampagnen – diese sogenannte „Französische Doktrin“ sollte ein paar Jahre später Vorbild für die lateinamerikanischen Militärdiktaturen werden – die FLN an den Rand der militärischen Niederlage. Aus dieser schwierigen Situation zogen sie, dass sie die Öffentlichkeit für sich gewinnen mussten um die französische Regierung zuisolieren – ein Puzzleteil dafür war der Fußball.

Popkonzerte gegen Apartheid

Auch der ANC in Südafrika war keineswegs gegen den bewaffneten Kampf. Die Niederlagen der Südafrikanischen Armee im von ihr besetzten Namibia trugen auch zur Schwächung des rassistischen Apartheidsregimes bei. Doch ebenso wichtig war die vollständige internationale Isolierung des Regimes. Als die wichtigsten Bands der 80er ein Geburtstagskonzert für den inhaftierten Nelson Mandela spielten und die Sportwelt Südafrika boykottierte, lastete irgendwann genug Druck auf den NATO-Mächten, die die Apartheidsregierung bis dahin unterstützt hatten. Sie mussten schließlich das Regime zum Aufgeben bewegen.

Aber auch der bewaffnete Kampf führte selten zu einem klaren militärischen Sieg auf dem Feld. Viel wichtiger war es, die Besatzungstruppen mit kleinen Nadelstichen zu verletzen und zu zermürben. Irgendwann ließ die Unterstützung an der Heimatfront der Kolonialmacht nach. Irgendwann sah die Bevölkerung nicht mehr ein, ihre Söhne am anderen Ende der Welt sterben zulassen und immer mehr Geld und Soldaten in den Krieg dorthin zu schicken.

Der Kampf dauert an

Vom Indochinakrieg in den 50ern bis heute zu den Guerillaaktionen der PKK in Nordkurdistan sind Nadelstiche eines der erfolgreichsten Mittel im Befreiungskrieg. Auch in Europa, in Nordirland, war diese Taktik im Einsatz. Nachdem ein Großteil ihrer Aktivistinnen und Aktivisten inhaftiert war und es klar wurde, dass die IRA keinen schnellen militärischen Sieg gegen Großbritannien erringen würde, formulierte sie in den 1970ern das Konzept des „long war“. Das Ziel war es, die Besatzungstruppen zu zermürben, Investitionen un lukrativ zu machen – kurz: die Region für London unregierbar zu machen. Auch wenn Nordirland noch heute Teil des Vereinigten Königreichs ist, waren die IRA erfolgreich. Der Friedensvertrag brachte eine Gleichberechtigung der irischen Bevölkerung und zwang London dazu, das Recht auf ein Unabhängigkeitsreferendum anzuerkennen. Auch wenn sich zu viele Befreiungsbewegungen zu neuen Diktaturen entwickelten, war die antikoloniale Bewegung eine der erfolgreichsten Befreiungsbewegungen des zwanzigsten Jahrhunderts. Heute sind die meisten ehemaligen Kolonien unabhängig. Doch einige Länder wie die Westsahara, Palästina oder Kurdistan kämpfen noch immer um ihre Selbstbestimmung.

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Critica ist die Studierendenzeitung des SDS (http://www.linke-sds.org/media/critica/)