Get Out

„Get Out“ ist nicht nur ein intelligenter Blick auf die Beziehungen zwischen Weißen und Schwarzen in den heutigen USA mit Anspielungen auf die jüngste Welle von letalen Polizeiübergriffen auf unbewaffnete Afroamerikaner. Der Film ist ein funktionstüchtiger Horror-Thriller, der einen auch noch zum Lachen bringt.

Get Out“ ist aber keine flache Horror-Komödie in Stil etwa von „Scary Movie“, sondern bietet echte Spannung, eine fast klassische Dramaturgie und Pointen, die sich nicht immer in der ersten Sekunde erschließen. Die Charaktere sind mehrdimensional, ihre Psychologie glaubhaft.

So werden eher Erinnerungen an „Rosmaries Baby“ wach, wenn Regisseur Jordan Peele das Publikum immer tiefer in seine äußerst beängstigende Welt der weißen, bürgerlichen, eigentlich liberalen Vorstädte zieht. Diese Weißen (Filmzitat: „Unter zu vielen Weißen fühle ich mich unwohl“) in ihren Strickpullovern, ihren Versuchen „ghettomäßig“ zu reden, ihrem „Verständnis“ für alles – sie sind die Monster in diesem Film – ein „Rollentausch“ unter vielen in diesem großartigen Film. Man denke an die Streifen, in denen sich harmlose „Weißbrote“ in den falschen Teil der Stadt verirren und im Gangland landen.

Das Echo der Sklaverei

In „Get Out“ landet der schwarze Fotograf Chris (Daniel Laluuya) mit seiner weißen Freundin Rose (Allison Williams) im Haus ihrer reichen Eltern – und der Horror beginnt. Er müsse sich nicht vor ihren Eltern fürchten, meint Rose, die würden Obama ein drittes Mal wählen, wenn sie könnten. Doch gerade der verborgene Rassismus liberaler Kleinbürger kommt immer wieder hervor, und zwar schon bevor es so richtig „spooky“ wird. Nicht zufällig wurde Alabama als Drehort gewählt, wo alte, dunkle Themen wie Sklaverei und Lynchjustiz noch überall lauern.

Bevor das Pärchen noch das Haus von Roses Eltern erreicht, kommt es zu einer unangenehmen Begegnung mit dem lokalen Cop, der ihr Auto an den Straßenrand winkt. Rassistische Polizeigewalt, die Ereignisse von Ferguson, die Black Life Matter-Bewegung tauchen sofort im Bewusstsein des Publikums auf. Gleichzeitig werden Hollywood-Gewohnheiten auf die Schippe genommen, wie etwa die, dass in Splatterfilmen so oft der Schwarze das erste Opfer ist (üblicherweise stirbt auch jeder, der Sex hat oder Drogen konsumiert).

Gefährliche weiße Liberale

In Film geht es so weiter, dass Roses Familie den schwarzen Freund der Tochter freundlich aufnimmt. Reminiszenzen an „Guess, who´s comming to Dinner“ („Rat mal, wer zum Essen kommt“) mit den ersten schwarzen Hollywood-Star Sidney Poitier werden wach. Die wenigen „Brüder“ und „Schwestern“, die Chris trifft, verhalten sich äußerst seltsam. Sie alle versichern, wie toll sie es hier finden, doch sie erscheinen gesteuert, die Mimik passt nicht zur Sprache, sie wirken wie hypnotisiert. So entsteht eine Stimmung die sich von einem starken Unwohlfühlen über paranoide Episoden, dem Gefühl einer allumfassenden Verschwörung ausgeliefert zu sein bis zum blanken Entsetzen entwickelt.

Der Horror der Geschichte

Die Gefahr geht nicht etwa von einer Bande Nazi-Skins oder den primitiven Rednecks aus, die wir aus Filmen wie „Texas Chainsaw Massacre“ oder „Beim Sterben ist jeder der Erste“ kennen, nein es sind die „normalen“ weißen Durchschnitts-Amerikaner, vor denen sich der schwarze Held fürchten muss – und wir mit ihm, denn die Horror-Effekte in „Get Out“ sind ernst gemeint und man reagiert körperlich auf sie. Doch sie wirken nicht im luftleeren Raum, der Rassismus, der die USA immer noch prägt, drängt sich als Kontext auf.

Die Geschichte von Sklaverei, Folter, Mord und Vergewaltigung ist eigentlich mehr Horror als ein Mensch verkraften kann und spiegelt sich in der aktuellen Polizeibrutalität, der Anzahl schwarzer Strafgefangener in den privatisierten Gefängnissen der USA. So erscheint es fast natürlich, diese Thematik in einem Horror-Thriller zu behandeln.

Der Regisseur Jordan Peele, Comedian und Filmemacher, meinte dazu im Interview: „Wir können den ganzen Tag über „Rasse“ diskutieren, aber wenn du einen Film siehst, der es schafft, dich in die Schuhe von jemandem anderen zu stecken, siehst du die Welt anders. Also glaube ich, dass die Kraft einer Story auf eine Art größer ist, als die der Konversation.“

Rassismus im System

Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass es Leute in den USA gibt, die den Film als rassistisch, im Sinne von „anti-weiß“ verunglimpfen. Eine seltsame Reaktion darauf, dass ein Film die Klischees einer rassistischen Gesellschaft, die ihren heutigen Reichtum auch der Versklavung der Schwarzen verdankt und wo heute mehr Schwarze in Haft sind, als damals in Sklaverei, etwas umdreht.

Den Film als rassistisch zu bezeichnen, ignoriert völlig die realen, vor allem ökonomischen Ungerechtigkeiten unter denen die afro-amerikanische Bevölkerung leidet, während den Weißen die systematische Unterdrückung der Schwarzen oft gar nicht bewusst ist.

Den ganzen alles erfassenden, strukturellen Rassismus in das System eines Horror-Films zu packen ist eine geniale Idee, um auch einem weißen Publikum klar zu machen, wie vernichtend und niederdrückend die täglichen „kleinen“ rassistischen Formulierungen, die „kleinen“ Demütigungen für Angehörige von Minderheiten sind.

„Get Out“ bedeutet „Verschwinde hier“ und im Film heißt das, dass sich Chris so schnell wie möglich in Sicherheit vor den durchgedrehten Weißen bringen soll. Für die real von Rassismus betroffenen Menschen gibt es allerdings kein „Get Out“ – nicht ohne die ganze Gesellschaft umzukrempeln.

Der Beitrag erschien in der neuen Linkswende.

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