Auflehnung will durchdacht sein – Through the Darkest of Times

20. Februar 2020 - 12:00 | | Kultur | 0 Kommentare
Through the Darkest of Times

Den Widerstand in der Nazizeit nachvollziehen und nachfühlen: Am 30. Januar 2020 ist das Computerspiel „Through the Darkest of Times“ erschienen. Drei Jahre lang wurde es von den Entwicklerkollektiven „Saftladen Berlin“ und „Paintbucket Games“ entwickelt und ist nun für 15 Euro bei Steam erhältlich. Eine Rezension von Benni Roth

Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler durch den deutschen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 begann die Terrorherrschaft der „Nationalsozialisten“, von der das Spiel handelt. Der Spieler schlüpft in die Rolle eines Nazigegners, der eine Widerstandsgruppe anführt. In einem Unterschlupf, über die Stadtkarte von Berlin gebeugt, plant die Gruppe Woche für Woche politische Aktionen. Sie muss sich um ihre Unterstützer, genug Geld, Kampfmoral und vor allem die eigene Sicherheit kümmern. Der Erfolg ihrer Handlungen hängt von den Fähigkeiten der Kämpfer, erforderlichen Hilfsmitteln und der Gefahrenstufe ab. Alles kann von Zeugen beobachtet oder von der Staatsgewalt unterbrochen werden, mit Verhaftung oder Tod enden. Der Spieler muss abwägen, ob etwas die Gefahr wert ist oder der Schutz der eigenen Genossen wichtiger. Sabotage, Aufklärung oder Verfolgten helfen?

Neben rundenbasierter Spielroutine aus der Vogelperspektive gibt es Zwischensequenzen, in denen der Spieler historische Ereignisse und den Nazialltag erlebt. Hier müssen kurzfristige Entscheidungen getroffen werden. Will ich vor den Augen der SA in einem jüdischen Geschäft einzukaufen oder nicht? Was sage ich, wenn der Nachbarsjunge in die Hitlerjugend eintritt? Was mache ich, wenn die Gestapo kommt? Gefühle wie Aufregung, Angst, Misstrauen, aber auch Wagemut, Erleichterung und Stolz kommen auf. Selbst geschichtsbewussten Spielern verschlagen die bekannten oder noch unbekannten Verbrechen der Nazis die Sprache. Alltagsszenen geben Aufschluss, warum so viele Deutsche an der Naziherrschaft teilnahmen: Angst vorm Terror, Glauben an Goebbels‘ Propaganda, Aufstiegschancen durch Diskriminierung anderer, die Illusion einer Volksgemeinschaft, Trott und Gewohnheit.

„Through the Darkest of Times“ ist lehrreich und vor allem beim ersten Mal aufregend zu spielen. Allerdings können wiederholte Handlungen auf dem Stadtkarten-Interface ermüden, einmal gespielte Zwischensequenzen lapidar durchgeklickt werden und die Gefahr des Naziterrors unterschätzt werden, weil das Spiel selbst im schwierigen Modus zu einfach ist. Zudem erfährt man wenig über den historischen Widerstand und kann den Eindruck gewinnen, alle – Kommunisten, Anarchisten, Sozialdemokraten, Liberale, Christliche, Konservative – seien gleichermaßen beteiligt gewesen. Die verschiedenen Ideologien haben kaum Einfluss auf Gruppendynamik und Handlungserfolg. Auch Kritik an den verschiedenen Strömungen gibt es zu wenig: Zwar werden die Verbrechen in der Sowjetunion unter Stalin angesprochen, nicht jedoch das Versagen der Arbeitereinheitsfront – die sektiererischen Tendenzen in der KPD und opportunistischen Tendenzen in der SPD –, die Verbrechen der anderen Alliierten (zum Beispiel der Kolonialmacht Großbritannien), der späte Widerstand der Konservativen, das Konkordat zwischen Hitler und dem Papst. Dies suggeriert, das politische Programm sei im Kampf gegen die Nazis egal gewesen. Schließlich kann auch die schöne Gestaltung  – düstere, graue Bilder, traurige Musik – eine falsche Sichtweise vermitteln: Denn auch nach 1933 schien die Sonne, blühten bunte Blumen und Nazianhänger waren nicht an den dunklen Schatten ihrer Augenhöhlen zu erkennen.

Nichtsdestotrotz ist „Through the Darkest of Times“ ein historisch lehrreiches Spielerlebnis, das viel über Möglichkeiten und Schwierigkeiten politischen Handelns im Zeichen der Gefahr lehrt. In Parametern wie Gruppenmoral und Mobilisierungspotenzial denken, unterschiedliche Fähigkeiten politischer Mitstreiter bei der Aufgabenteilung beachten, Wochen im Voraus planen und Aktionen aufeinander aufbauen, Aufwand und Ertrag abwägen, Risiken berücksichtigen – all das hilft in der politischen Arbeit. Deshalb kann ein gemeinsamer Spielenachmittag mit zwei, drei Freunden oder Genossen und die gemeinsame Diskussion über das Spielerlebnis eine Bereicherung sein.


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