Kommunisten gegen Hitler und Stalin – Im Gespräch mit Marcel Bois

3. Oktober 2015 - 14:11 | | Kultur | 3 Kommentare
kommunistengegen

Die deutsche Linke hat eine lange und vielseitige Tradition, mit der Opposition gegen den Stalinismus innerhalb der linken Bewegung hat sich nun der Historiker Marcel Bois, in seinem Werk „Kommunisten gegen Hitler und Stalin“ beschäftigt. Im Interview macht er deutlich, wie die Opposition aussah und was wir aus ihrer Geschichte heute noch lernen können.

Vor kurzem ist dein Buch „Kommunisten gegen Hitler und Stalin“ erschienen. Kannst du in wenigen Worten sagen, worum es dort geht?

Marcel Bois: Thema des Buches ist eine Verwandlung und der Widerstand dagegen. Verwandelt hat sich Kommunistische Partei Deutschlands (KPD): Zu Beginn der Weimarer Republik handelte es sich bei ihr um eine lebendige, demokratische und diskussionsfreudige Organisation. Keine zehn Jahre später war daraus eine weitgehend undemokratische, dogmatische und bürokratische Partei geworden, deren politische Linie aus Moskau vorgegeben wurde. Die Geschichtswissenschaft bezeichnet den dazwischen liegenden Prozess als „Stalinisierung“. Er fand parallel zum Aufstieg des Stalinismus in der Sowjetunion statt.
Aber nicht alle Kommunisten ließen diesen Wandel widerspruchslos über sich ergehen. Auf dem linken Parteiflügel entstanden verschiedene Gruppen und Fraktionen, die sich gegen die Entdemokratisierung wehrten und für eine Rückkehr zur „alten KPD“ kämpften. Von ihnen handelt mein Buch.

Dahinter scheint wahnsinnig viel Arbeit zu stecken. Biographische Daten von über 1.000 AktivistInnen der linken Opposition der KPD hast du ausgewertet, und du warst in Archiven auf mehreren Kontinenten. Wie sah deine Forschung konkret aus?

Marcel Bois: In dem Buch stecken in der Tat mehrere Jahre Arbeit. Neben der Forschungsliteratur habe ich zahllose Briefe, Protokolle und Zeitungsartikel ausgewertet. Beispielsweise war ich an der Harvard University in den USA, wo sich der Nachlass von Leo Trotzki befindet. Dort liegen mehr als 10.000 Briefe aus den Jahren nach 1929, also aus Trotzkis Exilzeit. Sein Briefwechsel mit verschiedenen deutschen KommunistInnen umfasst knapp tausend Schriftstücke. Die habe ich ausgewertet.
Überhaupt hatte ich das Glück, auf Quellen zurückgreifen zu können, die der früheren Forschung noch verschlossen waren – etwa das umfangreiche ehemalige Parteiarchiv der KPD. Das befand sich lange Zeit in der Sowjetunion und in der DDR. Westliche Forscher durften es nicht sichten. Mittlerweile befinden sich die Bestände frei zugänglich im Berliner Bundesarchiv.
Die von dir angesprochenen biografischen Daten musste ich größtenteils in mühsamer Kleinarbeit aus diesen Quellen ziehen. Oft berichtete die oppositionelle Presse darüber, wenn Personen aus der KPD ausgeschlossen wurden. Wenn ich Glück hatte, stand da vielleicht noch ein Beruf oder ein Geburtsjahr dabei. Recht ergiebig war das Gestapo-Archiv in Düsseldorf. Denn die Nazis hatten zahlreiche Personenakten über politische Gegner angelegt.
Verwehrt war mir leider, im größeren Umfang Zeitzeugen zu interviewen. Es lebt heute fast niemand mehr, der in der Weimarer Republik politisch aktiv war. Immerhin konnte ich noch vor mehr als zehn Jahren ein längeres Gespräch mit dem mittlerweile verstorbenen Josef Bergmann führen, der Mitglied der „rechtskommunistischen“ KPO war.

Über verschiedene Strömungen, die sich als linke Opposition der KPD verstanden, sind schon Bücher erschienen, zum Beispiel über den Leninbund oder über die Bolschewiki-LeninistInnen. Doch andere Strömungen sind noch nie richtig erforscht worden. Dein Buch ist die erste Gesamtdarstellung. Was ist darin komplett neu?

Marcel Bois: Es gab tatsächlich eine Strömung, die bislang von der Forschung weitgehend ignoriert wurde – obwohl sie sich am längsten von allen linken Oppositionsgruppen in der Partei halten konnte. Das war die sogenannte Weddinger Opposition, die ihre Hochburgen in Berlin und der Pfalz hatte. Vor allem in der Ludwigshafener BASF-Arbeiterschaft war sie stark vertreten. In meinem Buch gibt es die erste systematische Darstellung ihrer Geschichte.
Außerdem ist neu, dass ich die Entwicklung der linken KPD-Opposition über die gesamte Weimarer Republik hinweg verfolge – und so auch personelle Kontinuitätslinien aufzeigen kann, die bislang eher ignoriert wurden. Andere Arbeiten haben sich immer nur auf einzelne Gruppen konzentriert.
Nicht zuletzt habe ich als erster die Sozialgeschichte der linken Opposition untersucht. Ich habe beispielsweise die Sozialstruktur der Gruppen erforscht, die Rolle der Frauen in der Opposition oder aber auch die Presse der LinkskommunistInnen.

Du beschäftigst dich schon seit vielen Jahren mit linken KommunistInnen. Welche Fakten waren für dich überraschend?

Marcel Bois: Ich war erstaunt darüber, wie groß diese Gruppen teilweise waren. In den Jahren 1926 und 1927, also auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen in der KPD, gehörten mehr als 20.000 Personen der innerparteilichen Opposition an.
Zudem hat mich überrascht, wie stark die Linken in der Arbeiterschaft verankert waren. Die KPD-Führung hat sie nämlich als kleine Gruppe „intellektueller Kleinbürger“ diffamiert. Dieses Bild hat sich auch zum Teil in der Forschung gehalten.

Der Begriff „Linke Opposition“ umfasst sehr unterschiedliche Strömungen – auf der einen Seite TrotzkistInnen, die für eine ArbeiterInneneinheitsfront gegen die Nazis gekämpft haben, auf der anderen Seite Ultralinke, die aus Prinzip jede Einheitsfront ablehnten. Kann man überhaupt von *der* linken Opposition sprechen?

Marcel Bois: Das ist in der Tat schwierig. Die Begriffe „linke Opposition“ oder LinkskommunistInnen sagen inhaltlich recht wenig aus, weil die entsprechenden Akteure teilweise sehr unterschiedliche Positionen vertreten haben. Aber nicht nur das: Die Strömungen veränderten selbst im Laufe der 1920er Jahre ihre Ansichten. Die Weddinger Opposition beispielsweise lehnte lange Zeit die Einheitsfrontpolitik ab. Später gehörten ihre Mitglieder der trotzkistischen Opposition an, die für die Einheitsfront kämpfte.
Meines Erachtens gibt es nur zwei Punkte, die alle AktivistInnen der linken Opposition einte: Das war zum einen ihr Ruf nach der Wiederherstellung der innerparteilichen Demokratie. Zum anderen haben sie früher als alle anderen den Aufstieg des Stalinismus in der Sowjetunion kritisiert.
Trotz dieser Unschärfe benutze ich die Begriffe „linke Opposition“ oder LinkskommunistInnen, weil es sich um Selbstbezeichnungen handelte. Durch sie wollten die entsprechenden Personen zeigen, dass sie die „wahren“ Linken in der stalinisierten Partei waren.

Was können junge KommunistInnen heute aus den Erfahrungen der linken Opposition in der KPD lernen?

Marcel Bois: Für junge Leute, die heute auf der Suche nach gesellschaftlichen Alternativen sind, ist sicherlich ein wichtige Erfahrung: Kommunismus muss nicht zwangsläufig Mauer, Stacheldraht und Stasi bedeuten. Die Entwicklung von der frühen kommunistischen Bewegung zum Stalinismus war keineswegs ein Automatismus. Alternative Entwicklungswege waren denkbar und es gab damals Menschen, die sich dafür einsetzten.
Wenn man sich den gegenwärtigen Aufschwung von rechten Parteien wie der FPÖ in Österreich, dem französischen Front National oder Jobbik in Ungarn anschaut, dann erscheint es mir auch angebracht, sich mit den Faschismusanalysen der linken Opposition zu beschäftigen. Sie gehören meines Erachtens zum Besten, was die KPD-Linken vorgebracht haben – und wurden in der Vergangenheit leider weitgehend ignoriert.

In deinem kurzen Fazit ziehst du wenige politische Schlussfolgerungen. Ist das den Zwängen des bürgerlichen Wissenschaftsbetriebs geschuldet?

Marcel Bois: Nun, wissenschaftliche Arbeiten sind in der Tat nicht unbedingt der Ort für politische Agitation. Aber abgesehen davon überlasse ich es meinen LeserInnen gerne selbst, Schlussfolgerungen aus dem Geschriebenen zu ziehen. Bei der Lektüre sollten sie eigentlich merken, falls sich aus bestimmten historischen Ereignissen oder Entwicklungen Analogien zu heute herstellen lassen. Wenn ich sie erst darauf aufmerksam machen muss, dann habe ich vorher schon etwas falsch gemacht.

 

Ein Beitrag der Zeitschrift „Klasse gegen Klasse

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3 Kommentare

  • 1
    Fritz Huber sagt:

    der Artikel vergisst zu erwähnen, dass Hitler nur durch die Kommunisten an die Macht gekommen ist.
    Die Kommunisten haben sich für Hitler und gegen die SPD entschieden.

    Der Stalinismus ist, wie der Nationalsozialismus eine speziell ausgeprägte Form von Kommunismus, also alles Brüder im Geiste und eine „LINKE Ideologie“. (man möge sich hierzu Stalins Reden anhören).

    Also hört endlich auf, NAZIS als Rechte zu bezeichnen!

  • 2
    Ja ja die "Wiederherstellung der innerparteilichen Demokratie"..... sagt:

    Ich muß immer schmunzeln wenn die linke Opposition von „Wiederherstellung der innerparteilichen Demokratie“ schreibt. Demokratie heißt Mehrheit unterdrückt Minderheit. Und eine Minderheit war die linke Opposition nun einmal. Deshalb schreibt z. Bsp. eine R. Fischer davon, das Stalin zwar die Mehrheit in der Partei vertrat, aber diese Mehrheit war nur eine scheinbare Mehrheit und weiter solch einen Käse….. Man konnte sich einfach nicht damit abfinden das man in der Minderheit war und begann dann mit der Zersetzung der Partei……

  • 3
    Ja ja die "Wiederherstellung der innerparteilichen Demokratie"..... sagt:

    @Fritz Huber

    Solch einen Käse wie sie erzählen hat die linke Opposition damals auch erzählt…..