Europäischer Islam – Ein nicht so versteckter Rassismus

Seit einigen Jahren taucht, in der anhaltenden Debatte über die Integration von Muslimen, immer häufiger Bezeichnungen wie „europäischer Islam“, „Euro-Islam“ oder „deutscher Islam“ auf. Politiker, Journalisten und „Experten“ scheinen die Etablierung eines solchen Islams, als eine Art Zauberformel gegen alle Integrationshindernisse zu betrachten. Zu den prominenten Vertretern dieser Ansicht gehören u.a. Jens Spahn und Ahmad Mansour.

Aber was genau ist hier eigentlich gemeint? Manch einem mag die Forderung nach einem „europäischen“ Islam absurd erscheinen, zumal der Islam doch schon seit Jahrhunderten in Europa existiert. Sei es nun die Geschichte Andalusiens oder die muslimische Bevölkerung des Balkans. Aber selbstverständlich ist hier weder von demographischen, kulturellen noch historischen Tatsachen die Rede. Wenn besagte Politiker und Experten von einem „europäischen“ oder „deutschen“ Islam reden, dann meinen sie das in Verbindung mit angeblichen, „europäischen“ Werten.

Die Rede ist dann von Frauenrechten, Religionsfreiheit, säkularer Ordnung und einem Bekenntnis zur Demokratie. Verständnisarten des Islams, welche all diese Dinge beinhalten sind selbstverständlich unterstützenswert. Jedoch stellt sich hier die Frage, warum diese Werte „europäisch“ sein sollen? Muss Islam erst „europäisch“ und „westlich“ sein, um progressiv zu sein? Kann er nicht arabisch, kurdisch, amazigisch oder indonesisch sein und gleichzeitig ein z.B. progressives Frauenbild beinhalten?

Progressiv= Westlich?

Die gängige Erwiderung darauf ist, dass derart progressive Werte sich nur im „europäisch-geprägten Westen“ durchgesetzt hätten. Schließlich seien in weiten Teil der „islamischen Welt“ weder Frauenrechte, Säkularismus, sexuelle Freiheit, noch Religions- und Meinungsfreiheit garantiert. Ob sich solche Ideen und Wertevorstellungen in einer Gesellschaft durchsetzen hat aber weniger etwas mit kultureller und religiöser Prägung zu tun, als vielmehr mit materialistischen Umständen. Das Phänomen des Islamismus kann man so z.B. nicht verstehen, ohne die historischen, sozioökonomischen Umstände zu kennen, welche durch z.B. Kolonialismus und arabisch-nationalistische Regime entstanden sind.

Außerdem waren derartige Vorstellungen in der mehrheitlich-muslimischen Welt alles andere als unbekannt. Ein Beispiel: In seinem Kommentar zu Platos Republik vertrat Ibn Rushd die Ansicht, dass Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen genauso nützlich und fähig seien wie Männer. Frauen könnten genauso gute Kriegerinnen, Handwerkerinnen und Philosophinnen sein. Ibn Rushd kritisierte daher die damalige Norm, welche Frauen in den privaten Haushalt verbannte. Mit dieser Ansicht war er nicht nur vielen der heutigen, ultrakonservativen Islamisten voraus, sondern auch einigen der europäischen Aufklärern. Selbst Religionskritik ist der islamischen Geschichte nicht fremd. Der blinde Skeptiker Al-Ma’arri kritisierte nicht nur Christentum, Zoroastrismus und Judentum, sondern sogar den Islam selbst. Al-Ma’arri starb 1057 wohlhabend und an Altersschwäche. Erst 2013 wurde er posthum für seine Ketzerei bestraft. Terroristen der Al-Nasura-Front haben in Syrien eine Statue Al-Ma’arris enthauptet.

Die Implikation hier scheint klar: „Muslime sind nicht in der Lage alleine ein zeitgemäßes Verständnis ihrer Religion zu entwickeln. Allein mit westlich-europäischem Einfluss ist dies möglich.“ Wen das an orientalistische Narrative aus der Kolonialzeit erinnert, der liegt völlig richtig. Der Orientalist und Historiker Ernest Renan (1823-1892) glaubte, dass sich die Qualitäten einer „Rasse“ primär in ihren kulturellen Erzeugnissen äußern. Vor allem Sprache und Religion waren hier für ihn entscheidend. Er schrieb „semitischen“ Religionen wie Judentum und Islam einen inhärenten Fanatismus zu, welcher sie von „arischen“ Religionen unterscheiden würde. Er glaubte auch, dass eine semitische Religion, die Errungenschaften einer arischen Kultur zerstören könnte. Als Beispiel nannte er hierfür den Niedergang vor-islamischer, iranischer Kultur.

Weiß waschen

Wenn man sich die heutigen Islamisierungsängste ansieht, so scheint diese orientalistischen Ansichten bis heute gehalten zu haben. Selbst eine liberale Muslima wie Seyran Ates fürchtet einen Niedergang europäischer Demokratie und Werte, ausgelöst durch eine falsche Islam-Politik. Die Einzige Lösung dieser drohenden Gefahr scheint es zu sein den Islam von seinen fremden Elementen zu „säubern“. Ihn also im wahrsten Sinne des Wortes weiß zu waschen. Dieses Narrativ ist inhärent rassistisch.

Aber nicht nur der Rassismus ist hier das Problem. Die Annahme, dass progressive Werte für Geschlechtergleichheit, Religionsfreiheit etc. essentiell „europäisch“ und „westlich“ seien, ist genauso eine Kernthese des Islamismus. Islamistinnen und Islamisten glauben fest daran den Islam vor fremden Einflüssen reinhalten zu müssen, welche drohen in von innen heraus zu zerstören. Progressive Muslime betrachten sie dabei als Komplizinnen und Komplizen der „Feinde des Islams“. Es ist ironisch, dass ausgerechnet die selbsternannten Kämpfer gegen den Islamismus selbigem anscheinend hier rechtgeben. Islamismus warnt vor einer drohenden „Verwestlichung“. Der Islam soll von innen verfälscht werden, durch die Integration angeblich kulturfremder Werte und Vorstellungen. Geschlechtergleichheit, sexuelle Freiheit und Demokratie gelten somit als fremde Ideen, essentiell anders von islamischer Kultur und Identität. Wer einen europäischen Islam verlangt, der verlangt auch seine „Verwestlichung“. Mit dieser Forderung werden islamistische Narrative somit bestätigt.

Auch wenn der Wunsch nach einem deutschen bzw. europäischen Islam komplett etabliert in der derzeitigen Debatte ist, so sollten wir schnellsten damit aufhören diesen Wunsch zu normalisieren. Vielmehr sollten wir die Gleichsetzung von „Europäisch“ und „Progressiv“ als das benennen, was es ist: Rassistisch und ein Bärendienst im Kampf gegen den Islamismus.

Ein Beitrag von Ibn Karim.

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