Eine kleine Geschichte über die deutsche Sinti

13. September 2018 - 12:00 | | Gesellschaft | 1 Kommentare

Viele Menschen können mit dem Wort „Sinti“ nicht viel anfangen. Wenn sie jedoch das Wort „Zigeuner“ hören, dann werden viele Assoziationen frei gesetzt. Die meisten Assoziationen sind Stereotype, die nichts mit der Wirklichkeit der Sinti zu tun haben müssen. Manche sind positiv, andere eher ambivalent, die meisten sind jedoch negativ besetzt. Wie zum Beispiel, dass „Sinti die Wäsche von der Leine klauen, Läuse und Flöhe haben, Streitlustig sind, faul, dem Sozialstaat auf der Tasche liegen usw. „

Deutsche Sinti: Wenn sie auf der Reise sind, fallen sie für die Mehrheitsbevölkerung dadurch auf, dass sie in „Kolonnen mit großen Autos und Wohnwagen“ über das Land fahren und meistens auf legalen und ihnen zugewiesenen Plätzen stehen. Wo sie jedoch in Deutschland leben, warum sie auf die Reise fahren und womit sie ihr Geld verdienen, ist den meisten Menschen unbekannt. Oft werden sie mit Argwohn und Misstrauen beäugt und die meisten sind froh, wenn sie wieder weg sind und nicht allzu viel Schaden angerichtet haben.

Dass alle deutschen Sinti deutsche Nachnamen und auch oft deutsche Vornamen haben, dass sie schon seit vielen Jahrhunderten hier in diesem Land leben und Deutsch ihre Erstsprache ist, ist den meisten Deutschen unbekannt. Für deutsche Sinti ist Deutschland die Heimat, weil sie nun mal kein anderes Land haben, das sie als Heimat bezeichnen können. Der Ursprung der deutschen Sinti genauso wie die der der Roma, liegt im heutigen Nordwest-Indien und Pakistan. In Pakistan gibt es immernoch ein Bundesstaat namens Sindh und dessen Bewohner sich noch heute „Sindhi“. Ein weiterer Ursprung liegt im indischen Bundestaat Rajastan, in dem die Ethnien „Doma“ oder „Loma“ leben, welche immernoch nomadisch leben.

Wann wir genau Nordwest-Indien verlassen haben und warum, ist bis heute nicht letztendlich geklärt. Es wird wohl zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert nach Christi gewesen sein und es wäre möglich, dass wir durch Krieg und Vertreibung diese Region verlassen mussten. Jedoch haben unsere Vorfahren uns keine Quellen hinterlassen um dies genau festzustellen. Über das byzantinische Reich, wo wir ca. im 11. Jahrhundert siedelten und Athinganoi (das altgriechische Lehnwort für Zigeuner) genannt wurden, sind wir über den Balkan nach Mitteleuropa gekommen. Die erste urkundliche Erwähnung über die „Ägypter“ gab es in Hildesheim. Wie es der Autor Ulrich Völklein in seinem Buch „Zigeuner das verachtete Volk“ schreibt:

„Seit dem ausgehenden 14. Jahrhundert sind Sinti urkundlich im deutschsprachigen Raum erwähnt. Keiner dieser Erwähnungen beschreibt die Sinti als kriminell oder Streitsüchtig. Durch Kriege und Hungersnöte gab es in ganz Europa Veränderungen, die gerade die Randgruppen der mittelalterlichen Gesellschaft betrafen. Sinti wanderten zur dieser Zeit umher und hatten Schutz- und Geleitbriefe bei sich die sie als verfolgte Christen aus Klein-Ägypten auswiesen. Klein-Ägypten bezog sich aber nicht auf Nordafrika sondern auf einer Enklave im babylonischen Reich die so genannt wurde.

Im Laufe der Zeit änderte sich die Geschichtsschreibung über die Sinti. Ihnen wurden Streitsucht, Diebstahl und viele andere Dinge vorgeworfen. Dadurch bedingt wurden sie in den meisten Städten nicht mehr geduldet und waren starken Repressionen, Vertreibung, Zwangsinternierung sowie Totschlag (Vogelfrei) ausgesetzt. Dies geschah die Jahrhunderte hindurch  bis zum systematischen Völkermord im Dritten Reich „

Die negative Geschichtsschreibung beruht sehr wahrscheinlich auf gesellschaftlichen Umbrüchen und Notlagen der Bevölkerung im ausgehenden 14. und 15. Jahrhundert die ganz  Europa betrafen. Mehrere Missernten, Kriege und der Untergang des „Ritterstandes“ trafen die marginalisierten Gesellschaftsgruppen am härtesten.

Hierzu zählten als Ethnien die Sinti und Roma, Juden und als Berufsgruppen Prostituierte, Bettler, Kesselflicker, Hausierer, Musikanten, Schauspieler und Taschenspieler. Diese Berufsgruppen und Ethnien waren es gewohnt, freiwillig oder unfreiwillig herumziehen zu müssen, weil sie so etwa ihr Lebensunterhalt bestritten oder vertrieben wurden. Dieser tiefverwurzelte Hass gegenüber Sinti und Roma, aber auch Juden, hat sich über die Jahrhunderte verfestigt und es wurden viele Legenden über diese zwei Volksgruppen gebildet, die sich in Kindermärchen, Aberglauben, Metaphern und Sprichwörtern bis zum heutigen Tage erhalten haben.

Francesco Arman

Deutscher Sinto (Me kamau tut mu Tschabo)

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Ein Kommentar

  • 1

    In Indien leben keine „Loma“. Lom nennen sich die manchmal sogenannten „armenischen Zigeuner“ in der Türkei und Transkauskasien; die Fremdbezeichnung unetr der sie bekannt sind ist Poşa/ Bosha.

    „Doma“ leben wohl nicht in Rajasthan sondern im nördlicheren Teil Indiens.

    Die Herleitung von „Sinti“ von der uin Pakistan gelegenen Landschaft Sindh dürfte mittlerweile widerlegt sein, wenngleich der Ursprung dieser Bezeichnung, die erstmals Ende des 18.Jhs. schriftlich auftaucht, noch nicht geklärt ist. Da die Sinti jedoch auch andere Eigenbezeichnungen hatten, z.B. Kale („die Schwarzen“ im Romnes und anderen indischen Sprachen) oder Manusch, spricht u.a. deshalb etwas dafür, daß „Sinti“ eine spätere (Fremd-)Bezeichnung ist, die später zur Eigenbezeichnung wurde.