Diskriminierung der ‚Klugen‘: Die Universität als kolonialer Lernort

14. Mai 2015 - 13:45 | | Gesellschaft | 4 Kommentare

Wer weiß, deutsch, männlich und bürgerlich ist, hat die besten Chancen, an einer deutschen Hochschule Fuß zu fassen. Wer das nicht ist: Pech gehabt. Die Hochschulen zeigen in ihrer Personalpolitik und auch in der Gestaltung der Curricula koloniale Tendenzen auf.

Der Kolonialismus lebt. Die von ihm erzeugten Straßennahmen oder Embleme zirkulieren nach wie vor. Aber auch seine Attitüden werden weiterhin reproduziert. Wer wissen will, wie koloniale Haltungen und diskriminierende Strukturen in modernem Deckmantel aussehen, sollte einen Blick auf die deutschen Hochschulen werfen.

Herrenmenschenhaltung

Zunächst: Hier sollen keine Wissenschaftler_innen diskutiert werden, die imperiale Realpolitik unterstützen. Die gibt es auch, keine Frage. Forschung, die für das Militär verwendet werden kann, muss an dieser Stelle erwähnt werden. Genauso wie die vorherrschende ‚neoklassizistische‚ Wirtschaftswissenschaft, die mit ihren zahlreichen Vertreter_innen innerhalb des IMF, beispielsweise, sämtliche Volkswirtschaften unterminieren. Griechenland ist nur ein Beispiel davon.
Wissenschaftler_innen aus der Anthropologie, Politikwissenschaft und den Internationalen Beziehungen haben sich quer durch die Geschichte gut von der eigenen Regierung bezahlen und instrumentalisieren lassen. In der Hochzeit des Kolonialzeitalters genauso wie auch jetzt.

In den Kriegen in Irak und Afghanistan unterstützten amerikanische Anthropologen die eigenen Truppen tatkräftig mit Informationen über das ‚Wesen‘ der jeweiligen besetzten Bevölkerungen.

Eine derart offene, akademische Unterstützung neokolonialer Kriegstreiberei bleibt trotz allem eher eine Rarität.

Die koloniale Haltung, die hier angesprochen wird, ist viel subtiler und struktureller. Er beschreibt eine ‚Herrenmenschenhaltung‘, die alle, die von den eigenen, normalisierten Standards abweichen, nur den Zugang zur Uni erlaubt wenn sie sich kulturell assimilieren oder wenn sie sich auf ihre Arbeitskraft reduzieren lassen. Es ist diese Art des Umgangs mit Mitmenschen, die hier diskutiert wird.

Rassismus der ‚Klugen‘

Rassistische Vorfälle, die in den Medien ab und an hohe Wellen schlagen, sind ein guter Startpunkt, um die Universität als kolonialen Lernort zu diskutieren. Herrenmenschenhaltungen kochen gerne durch Rassismus und Chauvinismus hoch – sie waren immer schon die bevorzugten Ausdrucksformen des kolonialen Selbstverständnisses.

Neulich war es wieder soweit. Eine Leipziger Professorin hatte die Praktikums-Bewerbung eines indischen Studenten abgewiesen, mit der Begründung, sein Land habe ein Vergewaltigungsproblem. Biochemie-Professorin Annette Beck-Sickinger verursachte damit einen Sturm der Entrüstung bis nach Südostasien. Dort, wie auch hier, fühlen sich indische Männer stereotypisch visiert.

Die Bereitschaft der Professorin, alle Inder mit dem Kolonialklischee des lüsternen ‚Anderen‘ über einen Kamm zu scheren, überraschte. Blogkommentare wie „…und das für eine Professorin“ waren Gang und Gäbe. Diese Kommentare unterstreichen eine heimliche, gesellschaftliche Hoffnung: dass akademische Bildung gegen Rassismus schützt. Doch das tut es offensichtlich nicht.

Die Überzeugung, dass vor allem ‚dumme‘ Leute, sprich: nicht-akademisch geschulte Personen, sich rassistisch äußern, wurde schon lange als Humbug entlarvt. Aktuelle amerikanische Studien belegen dies nochmal wissenschaftlich: ‚kluge‘ Leute sind genauso rassistisch wie ihre ‚dummen‘ Pendants. Letztere verstecken es nur schlechter. Der Mythos Uni = Klugheit = interkulturelle Kompetenz wird hiermit mit Recht entzaubert.

Auch ein distanzierter Blick auf die personelle Zusammensetzung und Lehrinhalte akademischer Bildungsstätten unterstreicht: Universitäten sind konservative Orte, die gesellschaftliche Ungleichheiten eher abbilden und reproduzieren als aufbrechen.

Die weiße Akademie

Die Hoffnung, an der Universität einen utopischen Ort der politischen Progressivität zu finden, wird meistens schnell enttäuscht. Das war auch bei mir der Fall. Die erste Stunde in einem Geschichtsseminar reichte bereits, um einen Eindruck von der Homogenität der Studierendenschaft zu gewinnen.

Zum Einen: Meine Mitstudierenden waren alle genauso ‚weiß‘ wie ich. Werfen wir einen Blick auf die personelle Zusammensetzung der Universität – von Verwaltungspersonal bis Professor_innen – stellen wir schnell fest, dass die Uni nicht gerne POC-Lehrende einzustellen scheint.

Das gleiche kann gesagt werden über das Curriculum: Da, wo inhaltliche Viefalt stehen könnte, klafft eine große Lücke. Texte von People of Color? Nicht-bürgerliche Perspektiven? Mitnichten.
Und obwohl Differenzkategorien wie „race, class, gender“ besonders in kulturwissenschaftlichen Kreisen gebetsmühlenartig aufgerufen werden, bleiben die Diskussionen auch dort allzu sehr in homogener Eurozentriertheit verhaftet.

Assimilation zum Bürgerlichen

Was die erste Stunde in einem Geschichtsseminar ebenfalls lehrte: Viele waren nicht nur ‚weiß‘, ohne es zu wissen. Sie waren auch verdammt bürgerlich und angepasst. Studierende mit einem Arbeiterhintergrund? Wenig. Working poor? Gab es irgendwie auch nicht. Personen mit einem Lebenslauf so krumm wie eine abgestorbene Banane? Ich bin ihnen nur selten begegnet.
Der Weg durch die homogenisierte Uni bietet nicht viel Spielraum. Obwohl ich die Direktheit und Deutlichkeit der Sprache aus der Brüsseler Arbeiterschicht sehr schätze, ist sie als erstes untergegangen. Die Uni verlangt nämlich eine Assimilation zum Bürgerlichen. Man lernt bürgerlich zu sprechen, sich bürgerlich zu kleiden. Talkshow-reife Haltungen sind angesagt. Die Fremdsprache der Bürgerlichkeit ist den Lehrenden allerdings kaum bewusst –Wer ‚anders‘ spricht, wird häufig als weniger intelligent betrachtet und fällt viel leichter durch.

Menschenverwertung

Leuten aus nicht-bürgerlichen Schichten müssen somit die ‚richtige‘ Sprache und Haltung beigebracht werden. So deutlich sagt das selbstverständlich kaum jemand, weder an der Uni noch seitens der Politik. Offizielle Rhetorik: alle sind willkommen, Diversität ist erklärtes Ziel.

Allerdings weniger aus einer demokratischen Selbstverständlichkeit heraus, sondern vielmehr, weil Deutschland sich keine Verschwendung von Talenten leisten kann. Maximale menschliche Ressourcenoptimierung ist dementsprechend der zentrale Gesichtspunkt von vielen Untersuchungen und auch der Charta über die fehlende Diversität inner- und außerhalb der Universitäten.

In der starken Fokussierung des Themas ‚Zugang‘ schwingt auch mit, dass sich alle benachteiligten Gruppen brav anpassen werden an die bestehenden Normen, sowie sich gerne verwerten lassen, sobald sie es an die Uni schaffen. Die Uni ändert unilateral ihre ‚Anderen‘. Letztere dürfen kaum das Gleiche von ihrer Institution erwarten, so scheint es.

Kolonialhaltung 2.0

Die Assimilation zur weißen Bürgerlichkeit an der Uni, sowie die Reduzierung von den ‚Anderen‘ auf ihren wirtschaftlichen Nutzen und die Verengung der Inhalte auf verwertbare Intellektualität: All das läuft zwar recht zivil bzw. ohne Peitsche ab, muss aber unbedingt kolonial genannt werden.

Kolonialismus war schon immer ein Wirtschafts- und Subjekt-förderndes Projekt, das eine idealisierte weiße Bürgerlichkeit mobilisierte, um Distanz und Nähe zu seinen ‚Anderen‘ zu schaffen. Mit der kolonialen Haltung sollten die ‚Anderen‘ zivilisiert und diszipliniert werden – sowohl die in der Kolonie in Übersee als auch die Daheim: die Unangepassten, die Nicht-bürgerlichen, die Aufmüpfigen, die Progressiven.

Die Bücher von Herbert Spencer, dem Gründungsvater des Sozialdarwinismus (der maßgeblich zur Rechtfertigung des kolonialen Eroberungszuges beigetragen hat), zeigen nicht nur einen prototypischen Rassismus auf. Spencer outete sich auch als ein Hasser von Frauen, von Arbeitern, und jeglicher Art von Opposition gegen den wirtschaftlichen und sozialen Status Quo.

Der Kolonialismus schadete allen. Genauso wie die homogenen und homogenisierenden Verhältnisse an der Universität heute. Im Gegensatz zu Spencer verlautet die Universität zwar keinen biologischen Überlebenskampf der Fittesten. Trotzdem wird unabgebrochen über ‚Exzellenz‘, ‚Elite‘, und die ‚Besten‘ geredet.

Die Rhetorik mag ein wenig sanfter sein, die Implikationen sind die gleichen: wer nicht taugt, fliegt raus. Zufällig sind es meistens die Gleichen, die fliegen und die bleiben. So funktioniert die akademische Kolonialhaltung 2.0 eben.
 

Der Autor Johnny Van Hove, geb. in Brüssel, schließt gerade seine Promotion über die Kongo-Diskurse in U.S. Amerikanischen Medien ab (1800-heute). Er ist der Gründer und Sprecher der wissenschaftskritischen Bildungsorganisation Grassrootsakademie.de. Er schreibt regelmäßig für Nachrichtenmedien in Belgien, den Vereinigten Staaten und Deutschland, besonders über (post)koloniale Themen.

Über den Autor

4 Kommentare

  • 1
    Beton sagt:

    Vielen Dank für den interessanten Artikel!
    Leider muss ich sagen, dass sich viele der hier angesprochenen Dinge, aus eigener Erfahrung heraus, bestätigen lassen. Besonders die „homogenisierte Uni“, die aus einem Großteil der Studentinnen und Studenten eine ebenso gleichförmige Masse kreiert, nehme ich mitunter stark wahr.

    Viele sind sich den Verwertungsprinzipien gar nicht bewusst und haben sich ihnen deshalb unbewusst komplett unterworfen. Es ist ja irgendwie Normalität. Dass Dinge hinterfragt werden und die Systeme innerhalb (und natürlich auch außerhalb) der Universitäten als nicht gottgegeben angesehen werden ist „Unnormalität“.
    Wir sind zu sehr an Bequemlichkeit gewöhnt.

  • 2
    aloo masala sagt:

    Hallo,

    die Vorwürfe gegen Beck-Sickinger konnten nicht bestätigt werden. Der Studierendenrat der Uni Leipzig, der sich stark gegen Rassismus einsetzt, hatte nach Drängen Einsicht in den umstrittenen E-Mail Verkehr erhalten und anschließend eine Pressemitteilung herausgegeben. Demzufolge und nach Rücksprache mit dem Studierendenrat sieht es so aus, dass die Vorwürfe gegen Beck-Sickinger unhaltbar sind und die Darstellung des indischen Studenten eine Fälschung ist.

    Beste Grüße

    aloo masala