Weshalb linke Politik nicht antireligiös sein sollte

2. März 2018 - 12:02 | | Politik | 2 Kommentare

Religionen sind ambivalent – wie jede andere Weltanschauung auch. Religionen haben emanzipatorische Seiten und ebenso autoritäre Seiten. Sie können auf Befreiung drängen und sie können Herrschafts- und Unterdrückungsintrument sein. Es gibt christliche Fundamentalisten ebenso wie islamische. Beide versuchen Menschen in eine enges Korsett von Reglementierung zu zwängen und stabilisieren damit bestimmte Herrschaftsverhältnisse.

Aber es gibt ebenso auch die religiösen Sozialisten und die Theologie der Befreiung. Die christlichen Basisgemeinden in Lateinamerika haben wesentlich zur Überwindung der rechten Diktaturen in Lateinamerika in den letzen Jahrzehnten beigetragen, sie haben für Menschenrechte, für soziale und individuelle, gekämpft. Dass die Herrschenden versuchen, Einfluss auf diese emanzipatorischen Traditionen zu bekommen, um sie in ihrem Sinne umzudeuten, sollte nicht überraschen. Ähnliche Prozesse gab und gibt es ja auch in linken Parteien und Organisationen.

Religiös zu sein schließt also keineswegs aus, kapitalistische Produktionsverhältnisse zu kritisieren, sich für soziale Gerechtigkeit, für Frieden, Demokratie und Umweltschutz einzusetzen, also für eine Verbesserung der Lebensverhältnisse und für emanzipatorische Projekte. Das sind Schnittmengen zum politischen Programm der Linken.

Unter der Voraussetzung, dass demokratische Parteien keine Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaften sind, sondern politische Interessengemeinschaften, die gemeinsame Ziele verfolgen und gesellschaftlich mehrheitsfähig machen wollen, macht es keinen Sinn, als linke Partei eine antireligiöse Position einzunehmen. Damit grenzt man lediglich mögliche politische Bündnispartner aus, die man für politische Veränderungen aber dringend braucht. Mit einer Ausgrenzung von Bündnispartnern bedient man letztlich die Interessen derjenigen, die den status quo nicht geändert haben wollen.

Die Linke nimmt für sich zudem in Anspruch, eine demokratische und plurale Partei zu sein. Dann muss sie konsequenterweise auch mit einer Pluralität der Ableitungen der gemeinsamen politischen Interessen umgehen können bzw. umgehen lernen – das war im übrigen auch Gründungskonsens der Linken. Zumal Die Linke als Partei nicht in der Lage ist und auch nicht die Aufgabe hat, die ethisch-moralischen Grundlagen zu bilden, von denen sie lebt. Das ist eher die Aufgabe von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften. Das gilt im übrigen für alle politischen Parteien, da sie nicht nur nach außen, sondern auch im inneren einer zugespitzten Konkurrenzlogik unterliegen, die die Herausbildung solidarischen Handelns kaum zulässt bzw. ihr entgegensteht.

Ein weiterer Aspekt sind die Menschenrechte. Religionsfreiheit und Weltanschauungsfreiheit – beide gehören zusammen und werden in den einschlägigen Menschenrechtsdokumenten immer gemeinsam genannt – sind Teil der Menschenrechte. Festgehalten ist das in Artikel 18 des UN Zivilpakts von 1966. In Absatz 1 heißt es dort: (1) Jedermann hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit. Dieses Recht umfasst die Freiheit, eine Religion oder eine Weltanschauung eigener Wahl zu haben oder anzunehmen, und die Freiheit, seine Religion oder Weltanschauung allein oder in Gemeinschaft mit anderen, öffentlich oder privat durch Gottesdienst, Beachtung religiöser Bräuche, Ausübung und Unterricht zu bekunden. (https://www.zivilpakt.de/religionsfreiheit-3354/)

Insofern sich Die Linke als Verteidigerin der Menschenrechte (von denen sie auch selbst in nicht geringem Maße profitiert als Partei, die sich kritisch zu den bestehenden Herrschaftsverhältnissen verhält) versteht und darstellt, und in sofern sie Rassismus und Diskriminierung von Minderheiten bekämpft, sollte sie diesen Teil des internationalen Menschenrechtskodex ernst nehmen und verteidigen.

Da Religionen und Weltanschauungen ja nicht abstrakt existieren, sondern immer an reale Menschen als Träger*innen solcher Art Überzeugungen gebunden sind, mündet eine antireligiöse Haltung fast zwangsläufig in einer Diskriminierung der Träger und Trägerinnen dieser Überzeugungen. Beispiele dafür gibt es auch in der Linken im Blick auf Kopftuch tragende muslimische Genossinnen.

Das verträgt sich schlicht nicht mit den Menschenrechten. Das verträgt sich nicht mit dem politischen Programm der Linken. Das verträgt sich aber auch nicht mit einer marxschen Konzeption von Religionspolitik.

Letzteres hat Michael Ramminger in „Die Linke und die Religionskritik“ sehr gut herausgearbeitet. Religionskritik nach Marx, so lässt sich Michael Ramminger zusammenfassen, bezieht sich auf die Formen ideeller Repräsentation gesellschaftlicher Verhältnisse. Ramminger hat das in seiner Definition von Religion gut auf den Punkt gebracht: „Die Religionsdefinition lautet dann: Religion ist eine spezifische Realitätsinterpretation, die sich in Institutionen (Traditionen und Organisationen), Überlieferungen (Schriften und Symbolen) und Praktiken (Gebete, moralischem Verhalten) ausdrückt und die zu einem bestimmten, aber nicht ausschließlichen Teil als Sprechakte, symbolische Handlungen oder Lektüreerlebnisse, die auf meta-empirische Dimensionen verweisen, verstanden werden können. Dadurch wird die Realität Menschen auf dauerhafte Weise fassbar, d.h. Religion produziert oder projeziert sozialen Sinn. Oder kurz gesagt: Sie bietet a) Identität, b) Handlungsorientierung, c) sie legitimiert oder deligitimiert die Macht und hat d) ein umfassendes Weltbild. Damit unterscheidet sich Religion dann tatsächlich nicht substantiell von anderen Formen ideeller Repräsentation, weshalb ja auch Marx die Religionskritik auf den Kapitalismus anwenden konnte.“ (Michael Rahmung: Die Linke und die Religionskritik. In: Franz J. Hinkelammert, Urs Eigenmann, Kuno Füssel, Michael Ramminger: Die Kritik der Religion. Der Kampf für das Diesseits der Wahrheit. Münster 2017, S. 9).

Lege ich diese Interpretation der marxschen Religionskritik zugrunde, dann macht es politisch keinen Sinn, eine antireligiöse Position einzunehmen. Das mag man für sich privat gerne tun, nur ist das ohne jede politische Relevanz. Religionsgemeinschaften – aber auch Parteien – bestimmen längst nicht mehr die „Realitätsinterpretation“ bzw. die „Formen ideeller Repräsentanz“ der gesellschaftlichen Verhältnisse. Das haben Marketingstrategen und Werbeagenturen als die „Priester“ des Kapitalismus übernommen, die längst den Kapitalismus als Sinn konstruierende Nachfolgerin von Religionen durchgesetzt haben.

Religionskritik hat heute genau hier anzusetzen. Der Linken ist eine Religionskritik in diesem zu empfehlen statt eines unpolitischen antireligiösen Habitus, der sich pauschal und undifferenziert gegen jede Form religiöser Bindung von Menschen richtet und der letztlich in persönlicher Diskriminierung endet, eben weil er unpolitisch ist und zur Veränderung politischer Verhältnisse nichts beizutragen vermag.

Ein Beitrag von Jürgen Klute, Autor des Europa Blogs und saß für die Linke im Europaparlament.

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