Fatima Al-Fihri – Vorreiterin des marokkanischen Feminismus

Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von den Dead Feminists (bearbeitet von Jakob Reimann).

Stereotypische Bilder von Frauen aus mehrheitlich muslimischen Ländern sind die der ungebildeten Frau und wenn sie gebildet war, dann ist sie es, so heißt es oft,  nur als Folge des westlichen Einflusses (besonders durch Missionierung und Kolonisation). Die Realität aber ist, dass muslimische Frauen in allen Regionen und zu unterschiedlichen Zeiten der Geschichte beim Kampf für Gerechtigkeit, Partizipation und Bildungsteilhabe an vorderster Stelle aktiv waren.

Ein Artikel von Yasmine Souhil

Fatima al-Fihri: Gründerin der weltweit ersten Universität

Eine besondere Frau ist dabei Fatima al-Fihri (800-880). Sie  gründete im Jahr 859 die bis heute älteste noch bestehende Bildungseinrichtung der Welt, die Universität al-Qarawiyīn und die Qarawīyīn-Moschee in Fès, Marokko. Die Tochter des wohlhabenden Kaufmanns Mohammed Al-Fihri, konnte das Privileg der Bildung schon früh genießen. Anstatt sich von dem geerbten Reichtum ihres Vaters persönlich zu bereichern, setzte sich Fatima für wohltätige Zwecke innerhalb ihrer Gemeinde ein und stiftete die Qarawīyīn-Moschee mit Universität, in der sie sich bis zu ihrem Tod engagierte. Gelehrt wird bis heute nicht nur der Koran und Fiqh (islamische Rechtswissenschaft) sondern auch Astronomie, Geografie, Mathematik, Medizin, Chemie, Geschichte und Musik.

Al-Fihri kann als eine Vorreiterin betrachtet werden, eine Frau mit Visionen und eines der wichtigsten weiblichen Bildungsstifterinnen weltweit. Besonders ist, dass eine einzige Frau, ohne Widerspruch aus der männlichen Community, einer der wichtigsten sozialen Entwicklungen der Welt, die Gründung einer öffentlichen Universität, den Weg ebnete. Ihr Einsatz ist insofern wichtig, weil sie sich nicht dem Egoismus hingab und im Sinne der Gemeinschaft einen Ort für religiösen, politischen und kulturellen Austausch und Diskussionen schaffte.

Der Kampf um Bildung und Teilhabe

Eine Absolventin der Universität al-Qarawiyīn war Malika El Fassi (1919–2007), eine der ersten marokkanischen Feministen. Zuerst unter dem Pseudonym El Fatate und später Bahitate El Hadira schrieb sie diverse Artikel, Stücke und Romane. Schon vor der Unabhängigkeit verurteilte sie die miserablen Bedingungen von marokkanischen Mädchen und Frauen, die ihres Rechts auf Bildung beraubt worden sind. Einer ihrer ersten Artikel wurde bei den Kolumnen des ,,Almaghrib‘‘ (1937) mit dem Titel ,,Alfatat“ (Das junge Mädchen) veröffentlicht, eine der ersten Publikationen des feministischen Journalismus in Marokko. Marokkanische Frauen gehörten zu den ersten Demonstranten gegen die französische Kolonialmacht. Dazu gehörte El Fassi, die beim nationalen Befreiungskampf  aktiv war und als einzige Frau unter 66 Männern, den Unabhängigkeitsvertrag 1944 unterschrieben hat. 1947 öffnete sie an der Universität al-Qarawīyīn für Frauen den Weg in die universitäre Bildung und kämpfte bis ans Lebensende u.a. gegen Analphabetismus.

Auf feministische Bewegung in der Politik und in Parlamenten, kann in diesem Rahmen nicht eingegangen werden, doch wichtig ist anzumerken, dass Marokko im weltweiten Ranking über die Repräsentation von Frauen in Parlament, gerade Platz 118 von 179 Ländern belegt. Marokko besetzt mit 48% Platz 22 in Ranking der Länder mit der höchsten Analphabetenrate, im Vergleich zu Männern sind Frauen viel stärker betroffen und in ländlichen Gebieten ist die Zahl fast doppelt so hoch. Marokkanische Frauenbewegungen haben verschiedene Programme für die Verbesserung der Partizipation von Frauen in Gang gesetzt. Die vorgestellten Frauen leisteten klar Pionierarbeit, doch in der feministischen Narrative fehlen die Stimmen weiterer Aktivistinnen aus den unteren Milieus. Die Schere zwischen arm und reich ist unheimlich groß, die Frauen, die eben nicht aus dem intellektuellen und meist städtischen Milieus stammen, müssen genau so viel Aufmerksamkeit erhalten. In ländlichen Gebieten, können junge Mädchen meist weiterführende Schulen nicht besuchen, da die nächstgelegene Schule nicht erreichbar ist. Hier gründete z.B. die Jugendliche Latifa Lakhrati in der Region Bouya eine Genossenschaft für Dattelkaffee und trug so früh für die (finanzielle) Unabhängigkeit junger Frauen bei. Die Gründung diverser hauptsächlich weiblich dominierter Genossenschaften ist ein landesweites Phänomen zur Verbesserung ihrer unterprivilegierten Lage, aber auch Bildungsangebote von Frauen für Frauen jeden Alters steigen rasant an.

Unterdrückung per Gesetzt: Die Mudawana

Artikel 5 der marokkanischen Verfassung besagt, dass alle MarokkanerInnen vor dem Gesetz gleich sind. Doch diese Gleichheit, lässt sich immer noch nicht auf alle Bereiche übertragen. Viele Gesetzte sind immer noch frauendiskriminierend und zeigen eine Lücke zwischen Gesetzestext und Lebensrealität. Die eingeleiteten Reformen (2004) der neuen Mudawana (marokkanisches Familienrecht) sind insbesondere dem Aktivismus der Frauen zu verdanken, eine Verbindung aus selbstbezeichneten säkularen und muslimischen Feministen. Die Erneuerungen, wie u.a. die Abschaffung der Gehorsamkeitspflicht der Frauen, die Erhöhung des Ehefähigkeitsalters auf 18 oder die Einschränkung der Polygamie sind alles zwar Fortschritte, jedoch keinesfalls zufriedenstellend. Die Moudawana brachte den Frauen keine vollständige rechtliche Emanzipation. Sie bevorzugt, wenn überhaupt die wohlhabenden und privilegierten Frauen. Frauen, die insbesondere von Armut, Analphabetismus, Arbeitslosigkeit und jede Art von Missbrauch und Diskriminierung zu leiden haben, bleiben die Verlierer.

Quo vadis?

Die Lage marokkanischer Frauen ist immer noch eine sehr schlechte, Frauenrechte werden immer  noch von der Regierung beschnitten und genau deshalb gehen auch am 8. März 2017 unterschiedliche Frauenbewegungen auf die Straße. Das Erbe von Fatima Al-Fihri als Vorreiterinnen des marokkanischen Feminismus motiviert Frauen aus verschiedenen Milieus sich gegen Unterdrückung und für das Recht auf Teilhabe und Bildung einzusetzen. Ihr religiöser Hintergrund zeigt, dass die bis heute bestehende Ungleichbehandlung zwischen Männern und Frauen nicht von der Religion diktiert wird, sondern ein Ergebnis von soziökonomischer Benachteiligung und gesellschaftlichen Bräuchen ist, in der die Verantwortlichen unglücklicherweise die Religion als Rechtfertigung für die Unterdrückung instrumentalisieren. Es betont die ungemeine Signifikanz von Bildung als Präventionsmittel gegen religiösen Extremismus und Quelle der Macht sich gegen patriarchale Strukturen zu wehren. Der Zugang zu Bildung war und ist eine kleine Revolution für die marokkanischen Frauen und muss weiter ausgebaut werden, nur so ist der weltweite Kampf für gleichberechtigte zivile, ökonomische, politische und geschlechtsspezifische Gerechtigkeit zu gewinnen.


Einen weitern spannenden Artikel von Yasmine findest Du hier.

Das Titelbild wurde freundlicherweise von den Dead Feminists, Chandler O’Leary und Jessica Spring, zur Verfügung gestellt und von Jakob Reimann bearbeitet.

http://www.deadfeminists.com/

Dieser Artikel ist Teil unseres Specials zum Internationalen Frauentag am 8. März.

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