Was passiert, wenn Jeremy Corbyn tatsächlich gewinnt?

31. August 2015 - 14:11 | | Politik | 1 Kommentare
Jeremy Corbyn - lewishamdreamer / Flickr
Jeremy Corbyn – lewishamdreamer / Flickr

Es ist ein Genuss, den verständnislosen Zorn zu beobachten, der sich im rechten Labour-Flügel angesichts der Erkenntnis entwickelt, dass Jeremy Corbyn tatsächlich die Führung gewinnen könnte. Besonders die „Blairites“, die Blairisten, hatten es bereits zutiefst verabscheut, dass Ed Miliband sich 2010 die Partei unter den Nagel gerissen hatte, die sie als ihr rechtmäßiges Eigentum betrachten. Nach Milibands Niederlage im Mai waren sie sich ihres Erbes sicher gewesen. Stattdessen reist nun Corbyn, ein „scharf linker“ Abgeordneter, den sie verachtet und ignoriert hatten, siegessicher durchs Land und spricht vor begeisterten Mengen.

Die Wut des rechten Flügels lässt sich schön an einem besonders lächerlichen antimarxistischen Angriff von Jonathan Jones im Guardian ablesen, der schrieb: „Als sozialistischer Student in den 1980er-Jahren habe ich das Bewusstsein verinnerlicht, dass die UdSSR ein ‚staatskapitalistisches’ System gewesen sei, das niemals den wahren Sozialismus erreicht hätte. Diese Illusion zerbrach, als ich am Moskauer Flughafen in einer Schlange für Haferschleim anstand, der aus riesigen Wannen geschöpft wurde und ein Getränk in einem Laden kaufte, in dem es getrennte Kassen für jede der kleinen Warenabteilungen gab. Was ich sah, war reiner Sozialismus.“

Hm? Wie bitte? Ich habe die Schriften von Marx recht genau gelesen. Wo genau steht dort, dass „reiner Sozialismus“ Haferschleim und getrennte Kassen für verschiedene Produkte erfordert? Was hat das mit seiner Vision einer kommunistischen Gesellschaft zu tun, in der der Leitsatz „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ gilt? Es ist ja gut und schön den Marxismus abzulehnen, aber man sollte sich doch bitte seine Artikel nicht vom eigenen Unterbewusstsein schreiben lassen. An anderer Stelle enthält dieselbe Guardian-Ausgabe (unter hörbarem Zähneknirschen) ein positives Interview mit Corbyn, in dem dessen eigene Erklärung für seinen Erfolg zusammengefasst wird: „Eine breitere, globale linke Welle, die die Präsidentschaftskampagne des sozialistischen US-Senators Bernie Sanders aus Vermont trägt, den Erfolg von Syriza in Griechenland und rapide anwachsende Unterstützung von Podemos in Spanien.“

Meiner Meinung nach liegt er damit genau richtig. Was wir gerade beobachten können ist, dass England vor der wachsenden Radikalisierung, die nahezu ein Jahrzehnt Wirtschaftskrise – vom marxistischen Blogger Michael Roberts als „lange Depression“ bezeichnet – und Sparpolitik hervorgebracht haben, nicht gefeit ist

Blairisten

Ich glaube allerdings, wir müssen mehr tun, als die Entwicklung (und die Abscheu der Blairisten) einfach nur zu genießen. Corbyn ist so erfolgreich, dass wir anfangen müssen, die Frage zu stellen, was im Falle seines Sieges passieren soll. Zunächst wäre es ein großer demokratischer Erfolg. Allerdings sollten wir uns nicht er Illusion hingeben, dass die Labour Party eine demokratische Organisation ist. Sie hat zwei große, oligarchische Machtmittelpunkte – die Parliamentary Labour Party (PLP) und die Bürokratie der Gewerkschaften.

Es lohnt sich, den Fall von George Lansbury zu analysieren, der nach der schrecklichen Niederlage von 1931 Vorsitzender der Labour Party wurde. Lansbury war ein Held des linken Flügels, der Anführer des Kampfes des Ostlondoner Viertels Poplar gegen die Austeritätsversion der 1920er-Jahre. Der Historiker AJP Taylor nannte ihn „den liebenswertesten Charakter in der modernen Politik“. Lansbury allerdings war automatisch zum Vorsitzenden geworden, da alle anderen Minister von Labour entweder ihre Sitze verloren hatten oder zu den Tories übergelaufen waren. Als er erstmals seinen christlichen Pazifismus in Sachen Außenpolitik herausstellte, wandten sich die Gewerkschaftsführer – in Gestalt von TUC-Generalsekretär Walter Citrine und Transportarbeiterführer Ernest Bevin – brutal von ihm ab. Nach einer Demütigung durch Bevin auf der Parteikonferenz von 1935 trat Lansbury schließlich zurück.

Die Kräftekonstellation ist heute anders. Corbyn gewinnt, jedoch nicht automatisch sondern durch eine Flutwelle der Begeisterung. Und er hat die meisten Gewerkschaftsführer hinter sich. Das ist schon an sich interessant. Meiner Vermutung nach zeigt sich darin eine große Ungeduld angesichts der konsequenten Weigerung der Labour-Führung im Parlament, sich für die arbeitende Bevölkerung einzusetzen. Wenn Corbyn also gewinnt, hat er starke Rückendeckung. Allerdings wird er auch einer feindseligen PLP und einem Schattenkabinett gegenüberstehen, aus dessen Reihen sich schon viele kategorisch dagegen ausgesprochen haben, unter ihm zu arbeiten. Und natürlich würden Medien und Tories auf der Lauer liegen und keinen noch so kleinen Patzer unbeachtet lassen.

Das alles wird Corbyn zweifellos klar sein. Entscheidend ist jedoch, welche Schlüsse er daraus zieht. Wenn er versucht, den rechten Flügel zu beschwichtigen, wie es Michael Foot, der Vorsitzende von 1980 bis 1983 versucht hatte, gräbt er sich sein eigenes Grab. Seine Kraft kann er nur weiterhin aus der außerparlamentarischen Bewegung ziehen, die um ihn entstanden ist.

Ein Artikel von Alex Calinicos veröffentlicht im Socialist Worker, aus dem Englischen übersetzt von Marion Wegscheider

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Ein Kommentar

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    Corbyn, der keine sozialistischen, sondern keynsianistische ansichten hat, als scharf-links zu bezeichnen, ist natürlich unsinn. er beruft sich auf den sozialdemokraten bernie sanders und die sozialdemokr. verräter von syriza. wenn calinicos, der vorsitzende der socialist workers party, dies genauso sieht, bleibt die frage inwieweit er selbst und seine SWP auch nach rechts gerückt sind. da sich die swp nach ihrem vergewaltigngsskandal eh fast zerlegt hat, könnte der rest eigentlich gleich bei labour eintreten.