Das Modell Rojava – Demokratische Autonomie oder sozialistische Demokratie?

30. August 2015 - 12:29 | | Politik | 1 Kommentare

„Rojava“ bedeutet Westen und bezeichnet den westlichen Teil des kurdischen Siedlungsgebiets, der auf syrischem Staatsgebiet liegt. Rojava ist also Syrisch-Kurdistan. Es besteht aus den drei Kantonen Cizîrê, Kobanî und Afrîn. Seit Juli 2012 gibt es dort eine „demokratische Autonomie“ genannte Selbstverwaltung, nachdem sich die bewaffneten Einheiten des syrischen Staates zurück gezogen hatten.

Von Sascha Stanicic

Die führende politische Kraft in Rojava ist die PYD, die syrisch-kurdische Schwesterpartei der PKK. Weltweite Beachtung findet Rojava seit dem erfolgreichen Widerstand gegen den so genannten Islamischen Staat (IS) bei der Verteidigung der Stadt Kobanî (Hauptstadt des gleichnamigen Kantons) und der Rettung der EzidInnen, die vom IS in den irakischen Sengal-Bergen im Juli 2014 festgesetzt worden waren. Spätestens seitdem präsentieren viele Linke die demokratische Autonomie in Rojava als eine antikapitalistische Revolution, vergleichen dies mit dem Spanischen Bürgerkrieg 1936 bis 1939 und rufen zur – weitgehend unkritischen – Unterstützung von Rojava, der PYD und den von dieser dominierten Volksverteidigungseinheiten YPG und deren Frauenverteidigungseinheiten YPJ auf.

Die KurdInnen in Syrien

Die KurdInnen sind das größte Volk ohne eigenen Staat. Circa 4,5 Millionen KurdInnen leben in einem weitgehend zusammenhängenden Siedlungsgebiet, das in den heutigen Staaten Türkei, Iran, Irak und Syrien liegt. Nur im Norden des Irak konnte bisher eine kurdische Selbstverwaltung gebildet werden als Folge des Zerfallsprozesses des Iraks nach dem Angriffskrieg der USA und dem Sturz Saddam Husseins, der die KurdInnen während seiner Regentschaft brutal unterdrückt. Doch die dortige Selbstverwaltung, die sich durch die reichhaltigen Erdölvorkommen finanzieren kann, wird von korrupten pro-kapitalistischen Parteien dominiert: der Kurdisch Demokratischen Partei (KDP) von Masud Barzani und der Patriotischen Union Kurdistans (PUK) von Dschalal Talabani. Diese kooperieren eng mit den USA und dem Erdoğan-Regime in der Türkei. Im Iran und der Türkei sind die KurdInnen wichtiger nationaler und demokratischer Rechte beraubt und Opfer nationaler Unterdrückung. In der Türkei steht seit Ende der 1970er Jahre die PKK (Arbeiterpartei Kurdistans) unter der Führung Abdullah Öcalans an der Spitze des nationalen Befreiungskampfs. Dieser wurde über viele Jahre vor allem als Guerillakrieg geführt, der auch Mittel des individuellen Terrorismus einsetzte. In den letzten Jahren fand ein so genannter Friedensprozess zwischen der Türkei und der PKK statt, der jedoch mit den Luftangriffen des türkischen Militärs auf PKK-Stellungen seit Juli 2015 beendet wurde. Während die PKK über viele Jahre für einen selbständigen kurdischen Nationalstaat gekämpft hat, ist sie nach der Verhaftung von Abdullah Öcalan im Jahr 1999 und einer politischen Neuorientierung von dieser Forderung abgerückt und setzt sich nun für eine politische Lösung des Konflikts ein, die mit den Begriffen „Demokratische Autonomie“ und „Demokratischer Konföderalismus“ bezeichnet wird. Diese sehen Formen kommunaler demokratischer Selbstverwaltung im Rahmen der bestehenden Staatsgrenzen vor. In Türkisch-Kurdistan werden Aspekte der „demokratischen Autonomie“ in Form von Untergrund- bzw. Parallelstrukturen im Rahmen des türkischen Staates umgesetzt.1 In Rojava besteht seit Juli 2012, unter den Bedingungen von Bürgerkrieg und Belagerung, die Möglichkeit, dieses Konzept umzusetzen.

Das vor dem Hintergrund einer jahrzehntelangen Unterdrückung der KurdInnen in Syrien, die zu einer massiven Auswanderung in die syrischen Metropolen Damaskus und Aleppo führte und die sehr vielen KurdInnen über Jahrzehnte die syrische Staatsbürgerschaft und damit grundlegende Bürger- und Menschenrechte verwehrte. Seit Beginn der 1960er Jahre verschärfte sich diese Unterdrückung. Bis zu 350.000 KurdInnen wurden ausgebürgert, viele landeten im Gefängnis, kurdische LandbesitzerInnen wurden enteignet und AraberInnen auf diesem Land angesiedelt. Kurdische Sprache und Musik waren verboten.2

Revolution in Syrien

Im Zuge des Arabischen Frühlings, insbesondere der revolutionären Massenbewegungen in Ägypten und Tunesien, kam es auch in Syrien zu Massenprotesten und einer revolutionären Volksbewegung gegen das diktatorische Assad-Regime, das in den letzten Jahren einen neoliberalen Umbau der syrischen Gesellschaft zu verantworten hatte.

Diese Proteste ergriffen auch die kurdischen Gebiete. So fanden in der Stadt Amûdê schon im März 2011 einige der ersten Proteste in ganz Syrien statt.3 Das unter Druck geratene Assad-Regime machte den KurdInnen einige Zugeständnisse. So erhielt ein Teil im April 2011 das Recht auf die syrische Staatsbürgerschaft, was zu einer Abschwächung der Proteste, nicht aber zu ihrem Ende führte.4 Als dann am 7. Oktober 2011 der prominente kurdische Oppositionspolitiker Mishal at-Tammu getötet wurde – bis heute ist nicht geklärt, wer für die Ermordung verantwortlich zeichnet -, entwickelten sich neue Massenproteste in Syrisch-Kurdistan.5

In Syrien wurde die revolutionäre Massenbewegung in der Folgezeit zu einem stark religiös und ethnisch geprägten Bürgerkrieg, der faktisch ein Stellvertreterkrieg imperialer Mächte wurde. Während Russland und China das Assad-Regime unterstützen, setzte der Westen und die Türkei zuerst auf die Freie Syrische Armee und dann auch auf die islamistische Al-Nusra-Front, um das Assad-Regime zu stürzen, welches einen Unterstützungsposten des verhassten iranischen Regimes in der Region darstellt.

Selbstverwaltung

In den kurdischen Gebieten gelang es der PYD Strukturen aufzubauen, die einer parallelen Selbstverwaltung gleich kamen. Im Juli 2012 zogen sich dann die Sicherheitskräfte des syrischen Staates weitestgehend aus Rojava zurück und die PYD-geführte Selbstverwaltung konnte die Kontrolle übernehmen. Über die genauen Umstände dieser Ereignisse gibt es unterschiedliche Darstellungen. Während die PYD von einer Revolution spricht und betont, die Bevölkerung Rojavas habe die Militärstellungen der syrischen Armee umstellt und diese habe sich kampflos zurück gezogen, behaupten andere politische Kräfte der KurdInnen, es habe einen Deal zwischen dem Assad-Regime und der PYD gegeben.

Für letzteres scheint zu sprechen, dass in Rojava weiterhin Militäreinrichtungen der syrischen Armee operieren können, es die Kontrolle über strategisch wichtige Punkte wie den Flughafen und Bahnhof von Qami‘lo hält und die öffentlichen Angestellten ihr Gehalt weiterhin aus Damaskus beziehen.6 Die PYD hingegen begründet diese Situation damit, dass sie durch die Akzeptanz einer begrenzten Präsenz des Assad-Regimes den Ausbruch eines Bürgerkriegs in Rojava selbst verhindert. Sie weist darauf hin, dass es in anderen Situationen sehr wohl zu Gefechten zwischen der YPG/YPJ und der syrischen Armee gekommen sei, sie aber eine strikte Politik der „legitimen Selbstverteidigung“ betreibe, also auf jegliche offensive militärische Aktionen verzichtet.7

Zweifellos lassen alle Berichte aus Rojava darauf schließen, dass es sowohl eine starke Dominanz der PYD, als auch eine breitere Aktivierung und Einbeziehung von Teilen der Bevölkerung gibt.

MarxistInnen verstehen unter Revolutionen vor allem Ereignisse in denen die Massen als selbständiger Faktor den Lauf der Geschichte beeinflussen. Natürlich werden auch in klassischen Revolutionen politische Kräfte zur Führung der Bewegung, wie es die Bolschewiki im Verlauf des Jahres 1917 in Russland wurden. Aber der Prozess in Russland war doch viel mehr der einer sich spontan Bahn brechenden Massenbewegung, die sich von unten in Form der Arbeiter- und Soldatenräte eigene Machtorgane schaffte, in denen alle Parteien um Einfluss rangen und die nach sechs Monaten dann durch freie Wahlen zu den Räten eine bolschewistische Mehrheit erhielten, welche den bewaffneten Aufstand vom 7. November (nach neuer Zeitrechnung) führte. In Rojava scheint der Prozess doch viel mehr von Beginn an durch die PYD gelenkt worden zu sein, der es jedoch gelungen ist Teile, nicht nur, der kurdischen Bevölkerung einzubeziehen.

Die Ereignisse in Rojava markieren den Beginn eines revolutionären Prozesses, der zu einer Veränderung der politischen Machtverhältnisse geführt hat, die ökonomischen Grundlagen der Gesellschaft in Rojava aber unangetastet lässt. Dieser Prozess ist gefährdet nicht nur durch äußere Feinde, sondern auch durch seine inneren Strukturen, wie wir in diesem Artikel darlegen wollen.

„Demokratische Autonomie“ in Rojava

Zweifellos bestehen in Rojava aber, unter widrigen äußeren Bedingungen, gesellschaftliche Verhältnisse, von denen die meisten Menschen in der Region nur träumen können und die eine enorme Anziehungskraft auf Jugendliche, ArbeiterInnen und Unterdrückte ausüben.

Es gibt eine Demokratisierung der Verwaltungsstrukturen und die Bildung von „Räte“ genannten Organen auf kommunaler Ebene, die vielen Berichten zu Folge nicht unwesentliche Teile der Bevölkerung vor Ort in Diskussions- und Entscheidungsprozesse einbeziehen. Gleichzeitig gibt es zweifelsfrei starke Bemühungen die ethnischen Minderheiten in den drei Kantonen Cizîrê, Kobanî und Afrîn in die Verwaltung der Gesellschaft einzubeziehen und Diskriminierungen zu beenden. Produktionsgenossenschaften werden gefördert. Und vor allem kommt den Frauen eine besondere Rolle zu, gibt es eine Quotierung von vierzig Prozent bei den meisten Verwaltungsgremien und wird ein aktiver Kampf gegen Frauenunterdrückung und patriarchalische Strukturen geführt. All das wirkt wie der einzige Hoffnungsschimmer in einer Region, die von ethnischen und religiösen Bürgerkriegen, Terror des Islamischen Staates, imperialistischen Militärinterventionen und Kriegen, diktatorischen Regimes, nationaler Unterdrückung, Frauendiskriminierung geprägt ist.

Natürlich müssen alle demokratischen und sozialen Errungenschaften in Rojava genauso verteidigt werden, wie die drei Kantone insgesamt gegen Angriffe des Islamischen Staates oder, wie zu erwarten ist, der Türkei. Die Frage ist aber, ob Rojava tatsächlich ein Modell für die ganze Region ist, um Unterdrückung, Krieg, Terror, Ausbeutung zu überwinden, wie es die PKK und PYD behaupten. Ist die „demokratische Autonomie“ ein Weg, um den Kapitalismus zu überwinden und die religiös-sektiererischen Bürgerkriege zu stoppen? Wir haben uns in der Ausgabe Nummer 24 von sozialismus.info ausführlich mit dieser Frage von einem theoretischen Blickwinkel beschäftigt und sind zu einem negativen Ergebnis gekommen.8 Die praktische Realität in Rojava scheint unser Urteil zu bestätigen.

Die real existierenden Verhältnisse in Rojava sollten nüchtern betrachtet und nicht romantisiert werden. Ein Vergleich zur Spanischen Revolution der 1930er Jahre führt in die Irre, denn in Spanien war der Prozess einer sozialen Revolution im Gange, der Land- und Betriebsbesetzungen, Enteignungen und eine breite Mobilisierung der Arbeiterklasse mit eindeutig sozialistischer Zielsetzung beinhaltete.

Ökonomie

Rojava versteht sich selber als klassenübergreifendes – nicht klassenloses – Projekt und hat den Anspruch, die kapitalistischen Wirtschaftsverhältnisse (konkret: Privateigentum an Produktionsmitteln, gewinnorientierte Produktion, Konkurrenz und Marktbeziehungen) nicht zu überwinden, sondern diese in den Dienst der gesamten Gesellschaft zu stellen.9 So spricht der Gesellschaftsvertrag der drei Kantone, die „Verfassung“ Rojavas, vom Schutz des Privateigentums und der Duldung „legitimer Konkurrenz“. Das steht im Einklang mit den wirtschaftlichen Ideen Abdullah Öcalans, der sich nicht für eine vergesellschaftete und geplante Wirtschaft ausspricht, sondern Konkurrenz durch Wettbewerb ersetzen möchte.10 Das ist eine Illusion, die in einer landwirtschaftlich dominierten Gesellschaft wie Rojava noch etwas nachvollziehbarer ist, aber als Modell für Industriestaaten wie die Türkei oder den Irak, geschweige denn Europa und Nordamerika nicht taugen kann.

Plastischen Ausdruck findet dieser Versuch die Interessen der Reichen, Unternehmer und Grundbesitzer mit denen der armen Massen zu versöhnen in der Tatsache, dass Akram Kamal Hasu zum Premierminister des Kantons Cizîre wurde. Er gehört zu den reichsten Unternehmern Syriens.11

Aber auch Rojava ist Teil einer imperialistisch dominierten Weltwirtschaft. Es ist unmöglich dauerhaft autarke Inseln zu bilden, die sich dem Druck des Weltmarkts entziehen können und eine ökonomischen Aufbau, steigenden Lebensstandard und Fortschritt ermöglichen. Jede gesellschaftliche Veränderung jenseits des Kapitalismus muss sich international ausdehnen, um überlebensfähig zu sein.

Um sich aber zumindest für eine Zeit gegen diesen Druck zu verteidigen, ist ein Bruch mit marktwirtschaftlichen Wirtschaftsstrukturen nötig. Nur auf Basis einer verstaatlichten und demokratisch verwalteten Wirtschaft, ökonomischer Planung und einem staatlichen Außenhandelsmonopol ist das vorstellbar. Die „demokratische Autonomie“ in Rojava sieht nicht vor, Marktbeziehungen in der Wirtschaft zu beenden. Paradoxerweise kann sich aber unter den Bedingungen von Wirtschaftsembargo, Belagerung, Bürgerkriegsgefahr (bzw. realem Bürgerkrieg in dem Staat, dem sich die drei Kantone zugehörig fühlen) dieses Modell eher für eine Zeit behaupten. Frieden und wirtschaftlicher Handel mit den kapitalistischen Staaten der Region würde die auf Genossenschaften basierende Wirtschaft der „demokratischen Autonomie“ der Konkurrenz billiger Waren ausliefern und zerstören.

Viele Linke, und auch die PYD selbst, bezeichnen die Verwaltungsstrukturen Rojavas als ein Rätesystem direkter Demokratie. Liest man den Gesellschaftsvertrag der drei Kantone, so enthält dieser viele progressive Zielsetzungen. Insbesondere sind hier, wie gesagt, der multi-ethnische Charakter und die Rolle, die Frauen zugewiesen wird, zu erwähnen. Streik- und Demonstrationsrecht werden ebenso festgeschrieben, wie das Recht auf politisches Asyl und ein generelles Abschiebeverbot von Asylsuchenden. Monopolbildung ist verboten, was jedoch formell auch in der Bundesrepublik und der EU der Fall ist.

Das Verwaltungssystem erinnert aber mehr an bürgerlich-parlamentarische Demokratien mit einem hohen Maß an kommunaler Selbstverwaltung, als an sozialistische Rätedemokratie. Wahlperioden werden auf allen Ebenen auf vier Jahre fest geschrieben, jederzeitige Wähl- und Abwählbarkeit ist nicht vorgesehen. In dem Buch „Revolution in Rojava“ schreibt Ercan Ayboğa von der Möglichkeit der Abwahl in den Kommunalräten, was im Gesellschaftsvertrag aber nicht ausdrücklich erwähnt wird. Auch gibt es keine Begrenzung des Einkommens von gewählten VertreterInnen, was eine entscheidende Voraussetzung dafür ist, bürokratische Strukturen zu verhindern und wirkliche soziale Gleichheit zu erreichen. Auch wenn diese Strukturen mit den Begriffen „Räte“ und „Kommissionen“ bezeichnet werden, machen sie eher den Eindruck klassischer bürgerlich-parlamentarischer Wahlsysteme statt tatsächlicher direkter Demokratie. Die „Räte“ scheinen auch weniger zur Aufgabe zu haben, politische Richtungsentscheidungen zu treffen, sondern tatsächlich vor allem das Funktionieren der Verwaltung aufrecht zu erhalten.

In Anerkennung, dass diese Strukturen aber nur einen Teil der Bevölkerung erfassen, werden nun außerdem zusätzliche Parlamentswahlen vorbereitet, was zu einer Doppelstruktur der gesellschaftlichen Leitung und Verwaltung führen soll, aber den repräsentativen Charakter der Verwaltungsstrukturen wahrscheinlich verstärken wird.12

Kein Staat in Rojava?

Den VertreterInnen des Konzepts der „demokratischen Autonomie“ ist es gleichzeitig wichtig, ihr Gesellschaftsmodell von staatlichen Gesellschaftsmodellen abzugrenzen. Sie erwecken den Eindruck, als gebe es in Rojava keinen Staat mehr.

Alle Berichte aus Rojava müssen mit Vorsicht genossen werden. Das gilt sowohl für solche aus der PYD und ihrem Umfeld, als auch für Berichte zum Beispiel der Barzani-kontrollierten Nachrichtenagentur Rudaw aus dem Nordirak. Zu hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Informationen und Darstellungen von Ereignissen vor allem interessengeleitet sind. Natürlich müssen die Verhältnisse auch im historischen Kontext betrachtet werden. Keine Revolution könnte alle Überbleibsel der alten Gesellschaft in Denkweisen, Traditionen, Verhaltensmustern etc. über Nacht hinter sich lassen. Das gilt umso mehr, wenn die Gesellschaft von ökonomischer Rückständigkeit und einer Kriegssituation oder Belagerung geprägt ist.

Aber leider gibt es einige Hinweise, dass auch in Rojava Anspruch und Wirklichkeit auseinander fallen. So gibt es Berichte des britischen Journalisten Patrick Cockburn, die von ethnisch motivierten Übergriffen von YPG-Einheiten sprechen. Dies können Einzelfälle sein, die sich aus der Geschichte der Region erklären lassen und möglicherweise gegen Teile der arabischen Bevölkerung gerichtet sein, die in den 1960er Jahren und später in der Region auf Land angesiedelt wurden, das KurdInnen gehörte. Problematisch ist, dass die PYD zur Frage dieser AraberInnen scheinbar keine eindeutige Position hat. Während die PYD immer die Einbeziehung aller Bevölkerungsschichten in ihr Gesellschaftsprojekt betont, wird der PYD-Vorsitzende Salih Muslim mit den Worten zitiert: „Eines Tages werden diese Araber, die in die kurdischen Gebiete gebracht wurden, ausgewiesen werden müssen.“13

Auch gibt es Berichte von Repression gegen politische Demonstrationen anderer Parteien, so zum Beispiel gegen die Yekîtî Partei (Kurdische Demokratische Einheitspartei in Syrien).14 Auch wenn solche Berichte aus der Ferne schwer zu beurteilen sind, müssen sie ernst genommen werden.

Eines scheint zumindest klar zu sein: wenn man den Staat, im marxistischen Sinn, als Formation bewaffneter Menschen zur Aufrechterhaltung bestimmter Macht- und Eigentumsverhältnisse betrachtet, dann ist es offensichtlich, dass in Rojava ein durch die PYD und YPG dominierter Staat existiert und kein Selbstverwaltungsprojekt jenseits staatlicher Strukturen. Armee (YPG, YPJ), Polizei (Asayî), Gefängnisse und separater Justizapparat – was soll das darstellen, wenn nicht einen Staat? Vielleicht einen demokratischeren Staat, als es andere Staaten sind. Jedoch ist kommunale Selbstverwaltung und wirkliche Selbstverwaltung der gesamten Gesellschaft inklusive der Staatsorgane, Außenpolitik etc. zweierlei.

Aussichten

Das Schicksal Rojavas wird nicht nur, und nicht einmal in erster Linie, in Rojava selbst entschieden. Der Verlauf der Bürgerkriege in Syrien und Irak, der militärischen Auseinandersetzungen zwischen der Türkei und der PKK, vor allem aber der Klassenkämpfe in der Region sind entscheidend, um dem kleinen Rojava eine Überlebensperspektive zu bieten. Deshalb sollten PKK und PYD alles dafür tun, um die Einheit der arbeitenden und verarmten Massen in der Region über ethnische und religiöse Grenzen hinweg herzustellen. Das ist die entscheidende Voraussetzung, um den Vormarsch des Islamischen Staates zu stoppen, aber auch die herrschenden Regimes zu stürzen und den Imperialismus zu vertreiben. Der multi-ethnische Anspruch Rojavas kann dabei eine wichtige Rolle spielen. Die Tatsache, dass seit dem Kampf um Kobanî eine Zusammenarbeit mit dem US-Imperialismus und den pro-kapitalistischen kurdischen Parteien von Barzani und Talabani stattfindet und Vieles den Eindruck macht, dass die Betonung von der Multiethnizität Rojavas wieder stärker auf den kurdisch-nationalen Befreiungskampf gelegt wird (was durch die Angriffe des türkischen Militärs auf die PKK noch verstärkt werden könnte), lässt befürchten, dass diese Chance vertan werden könnte.

Die aktuellen Selbstmordanschläge der PKK, die auch einfache türkische Wehrpflichtige treffen und die Kooperation der PYD mit der vom US-Imperialismus angeführten Anti-IS-Allianz sind Hindernisse auf dem Weg zu einer solchen Einheit, weil sie den reaktionären Kräften in die Hände spielen, die ethnische Spaltung zu vertiefen. Es mag verständlich sein, die militärische Hilfe der US-Streitkräfte bei der Schlacht um Kobanî in Anspruch genommen zu haben, aber dies mit politischen Aussagen zu verknüpfen, die den Eindruck erwecken, PYD und USA verfolgten in der Region dieselben Ziele ist ein schwerer Fehler.15 Der IS konnte sich unter einem Teil der sunnitischen Bevölkerung eine Basis schaffen, weil diese unter US-Interventionen und -Dominanz seit Jahren leiden. Jeder Luftangriff der USA in der Region mag zwar unmittelbar IS-Stellungen zerstören, aber treibt potenziell mehr Sunniten in die Arme der Terrorbande.

Nun unterstützen die USA Erdoğans Angriffe gegen die PKK und lassen die KurdInnen fallen. Das bestätigt unsere Warnungen vor Zusammenarbeit mit dem US-Imperialismus und die Notwendigkeit eine unabhängige, multiethnische und sozialistische Arbeiterbewegung aufzubauen. Es kann sein, dass die US-Luftangriffe eine unmittelbare Hilfe waren, den IS vor Kobanî militärisch zurückzuschlagen, nun ist die Gefahr aber größer denn je, dass Kobanî zwischen dem IS und einem türkisch-amerikanischen Bündnis zerrieben wird.

Die Region braucht eine sozialistische Perspektive. Einheit der einfachen Bevölkerung, Kampf gegen alle reaktionären Kräfte, seien sie Islamisten oder Baathisten, und gegen den Imperialismus müssen dafür die Eckpunkte sein. Rojava ist ein Sonnenstrahl im Arabischen Winter, aber Rojava muss zu wirklich demokratischer Rätedemokratie und sozialistischer Politik übergehen, wenn es überleben und der Region einen Ausweg aufzeigen will.

Dieser Artikel basiert zu einem großen Teil auf Informationen aus den Büchern „Krieg und Revolution in Syrisch-Kurdistan“ von Thomas Schmidinger (Wien, 2014) und „Revolution in Kurdistan“ von Anja Flach, Ercan Ayboğa und Michael Knapp (Hamburg, 2015) Es war nicht möglich, in allen Fragen zu überprüfen, ob diese im Sommer 2015 noch alle zutreffen oder durch neuere Entwicklungen aufgehoben wurden.

Sascha Stanicic ist verantwortlicher Redakteur von sozialismus.info und Bundessprecher der SAV. Er ist aktiv in der LINKEN Berlin-Neukölln und der Antikapitalistischen Linken (AKL). Der Beitrag wurde zuerst in der Zeitung „Solidarität“ veröffentlicht

1 Demokratische Autonomie in Nordkurdistan, Mesopotamien Verlag, 2012
2 Flach, Ayboğa, Knapp – Revolution in Rojava, Seite 44ff., Hamburg 2015
3 Schmidinger – Krieg und Revolution in Syrisch-Kurdistan, Seite 111, Wien 2014
4 Ebd., Seite 112
5 Ebd., Seite 114
6 Ebd., Seite 120
7 Flach, Ayboğa, Knapp – Revolution in Rojava, Seite 194ff, Hamburg 2015
8 Claus Ludwig – Demokratische Autonomie oder Sozialismus: Apos Zeitreise in die Utopie, in: sozialismus.info Nr. 24
9 Artikel 41 und Artikel 42 im Gesellschaftsvertrag der Kantone Cizîrê, Kobanî und Afrîn
10 Zitiert in: Ebd.
11 Schmidinger – Krieg und Revolution in Syrisch-Kurdistan, Seite 141, Wien 2014
12 Flach, Ayboğa, Knapp – Revolution in Rojava, Seite 109/110, Hamburg 2015
13 www.mesop.de/pyd-leader-warns-of-war-with-arab-settlers-in-kurdish-areas/
14 Schmidinger – Krieg und Revolution in Syrisch-Kurdistan, Seite 144, Wien 2014
15 www.rudaw.net/english/interview/03072014

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