Was geschah mit Sandra Bland?

5. August 2015 - 08:00 | | Politik | 0 Kommentare
Solidaritätsdemo mit den Opfern von Ferguson in New York City, Foto: The All-Nite Images CC BY-SA 2.0

Ganz gleich, wie die Umstände von Sandra Blands Tod tatsächlich ausgesehen haben – an den Händen der Polizei klebt Blut. Sandra Bland. Sprecht ihren Namen aus. Die 28-jährige Afroamerikanerin wurde mit ihrem Tod in einer texanischen Gefängniszelle im vergangenen Monat eines der jüngsten Opfer rassistischer Polizeigewalt in den USA – ihr Name reiht sich ein auf einer immer länger werdenden Liste solcher Opfer.

Am Freitag, den 10. Juli wurde Bland auf ihrem Heimweg von einem Bewerbungsgespräch für eine unwesentliche Verkehrsordnungswidrigkeit angehalten. Drei Tage später fand man sie in einer Gefängniszelle in Hempstead, Texas, tot auf – laut den dortigen Beamten hatte sie sich selbst das Leben genommen, indem sie sich mit einem Müllbeutel aufgehängt hatte. Familie und Freunde von Bland jedoch weigern sich, diese Version der Geschichte stillschweigend hinzunehmen und verlangen eine unabhängige Obduktion und Untersuchung ihrer Todesumstände. Unabhängig davon, zu welchen Ergebnissen eine solche Untersuchung kommen wird – und ob sie, falls sie überhaupt zustande kommt, glaubhaft sein wird –, waren die Umstände der Festnahme untragbar, rassistisch und zutiefst ungerecht. Ihr Blut klebt an den Händen der Polizei.

Bland war erst kurz zuvor aus der Gegend um Chicago nach Texas gezogen, um einen Job an der Prairie View A&M University, einem historisch schwarzen College, anzunehmen, wo sie 2009 ihren Abschluss gemacht hatte. Am 10. Juli wurde sie vom texanischen Polizisten Brian Encinia angehalten, da sie bei einem Spurwechsel nicht geblinkt hatte. Videoaufnahmen aus der Armaturenbrettkamera des Einsatzwagens, die am 21. Juli nach immer lauter werdenden Beschwerden seitens Familie und Freunden von Bland sowie Black Lives Matter-Aktivisten im ganzen Land schließlich von den Behörden herausgegeben wurden, zeigten, dass Bland innerhalb weniger Minuten nach dem Anhalten gewaltsam zum Verlassen des Fahrzeugs gebracht worden war und von Encinia bedroht wurde, da sie sich geweigert hatte, ihre Zigarette auszumachen. Die Aufnahmen zeigen, wie Encinia seine Elektroschockpistole zieht, auf Blands Gesicht richtet und zu ihr sagt „I will light you up“ – „Dir werde ich Feuer unterm Hintern machen“. Wie auf der Tonspur der Aufnahme zu hören ist, stellte Bland Encinia – einschließlich der Abschnitte, in denen er sie außerhalb des Bildbereichs gezerrt hatte – mindestens vierzehn Mal die Frage nach dem Grund für Handschellen und Festnahme. Der Polizist jedoch gab zu keinem Zeitpunkt eine Antwort, obwohl er dazu gesetzlich verpflichtet gewesen wäre.

„Sie haben mich gerade mit dem Kopf auf den Boden geknallt!“

In seinem Festnahmebericht stellte Encinia seine Version der Tatsachen dar, hierbei unterschlug er jedoch wichtige Angaben wie beispielsweise die Tatsache, dass er Bland mit seiner Elektroschockpistole bedroht hatte. Encinia behauptete, Bland festgenommen zu haben, nachdem sie ihn ins Bein getreten hatte. Es überrascht wenig, dass dieser Angriff angeblich außerhalb des Erfassungsbereichs der Armaturenbrettkamera stattgefunden hatte. Passend dazu wurden auch die weiteren Übergriffe, denen Bland ausgesetzt war, nicht von der Kamera aufgenommen. Videoaufnahmen von Passanten allerdings zeigen, wie Encinia Bland zu Boden wirft, während sie schreit: „Sie haben mich gerade mit dem Kopf auf den Boden geknallt! Ist ihnen das völlig egal? Ich kann nichts mehr hören!“ Während sie in den Einsatzwagen gedrängt wird, dankt Bland dem Passanten dafür, dass er den Vorfall aufgezeichnet hat, selbst nachdem Encinia die Person aufgefordert hatte, das Filmen einzustellen und den Ort zu verlassen.

Bland wurde unter dem Vorwand des Angriffs auf einen Polizeibeamten festgenommen, obwohl mittlerweile dank Aufnahmen sowohl der Armaturenbrettkamera als auch des Passanten feststeht, dass Encinia sie widerrechtlich aus dem Fahrzeug gezwungen und daraufhin tätlich angegriffen hatte. Am Tag darauf telefonierte Bland von der Polizeiwache in Waller County aus mit ihrer Schwester und teilte ihr mit, dass sie festgenommen worden war, jedoch immer noch nicht wisse, weshalb. Sie gab außerdem an, dass ihr Arm vermutlich durch den tätlichen Übergriff gebrochen oder angebrochen worden war. Am Morgen des 13. Juli, nachdem sie das Frühstück verweigert hatte, bat Bland angeblich bei einem Gefängnisangestellten darum, einen Anruf tätigen zu dürfen. Zwei Stunden später wurde sie an einem Müllbeutel hängend aufgefunden. Eine Obduktion am Tag darauf stellte als Todesursache Selbstmord durch selbstverschuldetes Ersticken fest.

Freunde und Familie von Bland weigern sich, anzuerkennen, dass eine gesunde junge Frau, die gerade am Anfang eines neuen Lebensabschnitts stand, sich umgebracht haben soll – genau drei Tage, nachdem sie ihren Traumjob an ihrer Alma Mater angenommen hatte. Sharon Cooper, die Schwester von Sandra Bland, äußerte gegenüber Journalisten auf einer Pressekonferenz in Chicago: „So wie ich Sandy gekannt habe, ist das für mich absolut nicht nachvollziehbar.“ Elton Mathis, Bezirksstaatsanwalt von Waller County, gab am 21. Juli bekannt, dass Blands Tod im Polizeigewahrsam nun vom FBI als möglicher Mordfall untersucht würde. Auch die Texas Rangers haben mittlerweile eine Untersuchung eingeleitet. Viele weitere Aspekte dieses Falls sind verdachterregend. Nach Veröffentlichung der Videoaufnahmen aus dem Einsatzwagen wiesen Beobachter darauf hin, dass das Material offensichtlich – und stümperhaft – bearbeitet worden war. So ist zum Beispiel in einer Szene des Videos zu sehen, wie der Fahrer eines Abschleppwagens auf den Einsatzwagen von Encinia zugeht, bevor er sich wieder aus dem Bild bewegt. Etwa 25 Sekunden später erscheint derselbe Fahrer erneut und geht Bild für Bild identisch wieder aus dem Bild, während die Tonspur mit Encinias Stimme ohne Unterbrechung weiterläuft. Journalist Ben Norton stellte diverse andere Unstimmigkeiten fest, unter anderem die Tatsache, dass das Video keinen Zeitstempel aufweist. Dieser ist normalerweise Standard für Polizeiaufnahmen – ein weiterer Hinweis darauf, dass das Material möglicherweise bearbeitet oder anderweitig manipuliert worden war.

Am 22. Juli veröffentlichten die Behörden von Waller County als Reaktion auf die Anschuldigungen der Manipulation von Beweismitteln ein neues Video und gaben an, die offenbar in Schleife gezeigte Szene sei eine „technische Störung“ und keine Manipulation gewesen. Angehörige von Bland und zahlreiche Aktivisten jedoch verlangen Rechenschaft und glauben dieser Erklärung nicht. Encinia wurde mittlerweile Berichten zufolge auf einen Verwaltungsposten versetzt, nachdem die Untersuchung ergeben hatte, dass er „gegen der Richtlinien der Dienststelle bezüglich Verkehrskontrollen sowie dienstliche Höflichkeitsregeln verstoßen“ hatte.

Schwarze und Weiße werden auf separaten Friedhöfen beerdigt

Der Tod von Sandra Bland fällt in ein Klima erhöhten Bewusstseins und vermehrter Dokumentation der Kriminalisierung junger Afroamerikanerinnen durch Strafverfolgungsbehörden. Es handelt sich hierbei jedoch um kein neues Phänomen – die Kriminalisierung von Schwarzen in Waller County im Speziellen und Texas im Allgemeinen spiegelt die Kriminalisierung schwarzer Amerikaner im ganzen Land wieder. Herschel Smith, ein ehemaliger Aktivist vor Ort, äußerte dazu, dass in diesem Teil des Landes das Schwarzsein bedeute, man müsse „auf jeden einzelnen i-Punkt und t-Strich achten“ – wer sich also nicht peinlich genau an alle Regeln hält, setzt alles aufs Spiel. Waller County, 95 Kilometer nördlich von Houston, hat 45.000 Einwohner, ein Viertel davon sind schwarz. Wie der gesamte Bundesstaat hat auch dieser Ort eine lange und deprimierende Geschichte von Rassenkonflikten und Segregation. Rassismus und Polizeigewalt gegen Schwarze sind in diesem Staat, der als letzter die Emanzipationserklärung angenommen hatte, an der Tagesordnung. Der Fanatismus ist hier so verwurzelt, dass bis heute sogar die Toten noch getrennt ruhen – Schwarze und Weiße werden auf separaten Friedhöfen beerdigt. Glenn Smith, Sheriff von Waller County, war früher Polizeichef von Hempstead, der Hauptstelle des Bezirks. Im Jahr 2007 war er wegen Anschuldigungen rassistischen Verhaltens zusammen mit vier weiteren Beamten beurlaubt worden. 2008 wurde er schließlich aufgrund von Anklagen „erniedrigender Leibesvisitationen“ an jungen Schwarzen seines Amtes als Polizeichef enthoben. Trotz alledem gewann er noch im selben Jahr die Wahl zum Sheriff von Waller County. Im Jahr 2012 schließlich, dem selben Jahr in dem ein 29-jähriger Mann mit Namen James Howell erhängt in seiner Zelle des Gefängnisses von Waller County aufgefunden wurde, gewann Smith auch die Wiederwahl – der damalige Fall weist laut Aktivisten verblüffende Ähnlichkeit mit dem von Sandra Bland auf. DeWayne Charleston, Bezirksanwalt von Waller County, gab gegenüber dem Guardian an, Waller sei „der rassistischste Bezirk im Bundesstaat Texas, einem der wohl rassistischsten Staaten des Landes… Hier herrscht Rassismus von der Wiege bis zur Bahre.“

Durch das wachsende Bewusstsein für die Brutalität, der schwarze Männer und Frauen seitens der Strafvollzugsbehörden ausgesetzt sind, stellt sich bei immer mehr Menschen die Erkenntnis ein, dass den Angaben der Polizei zur eigenen Absicht und Vorgehensweise nicht zu trauen ist. Die Polizeigewalt hat in den Vereinigten Staaten besonders gegen Afroamerikaner epidemische Ausmaße angenommen – wie die Fälle Eric Garner, Mike Brown, Ramarley Graham, Rekia Boyd und zahlreiche weitere, deren Namen es nicht in die Schlagzeilen geschafft haben, zeigen. Auch ist die Polizeigewalt keineswegs beschränkt auf Erwachsene. Einen Monat zuvor wurden einige schwarze Kinder, die in McKinney, Texas, die ersten Tage ihrer Sommerferien genießen wollten, von Rassisten gestellt und ein 14-jähriges schwarzes Mädchen wurde von einem weißen Polizisten zu Boden geworfen und dort festgehalten, der überdies seine Pistole zog und sie in Richtung der umstehenden Kinder schwenkte. Kein schwarzes Leben ist also sicher vor dem amerikanischen Rassismus.

Nur den Aktivisten der Black Lives Matter-Bewegung ist es zu verdanken, dass Fälle von Polizeigewalt offengelegt werden und die Öffentlichkeit sich mit der rassistischen Gewalt auseinandersetzen muss, der Afroamerikaner tagtäglich durch den Staat ausgesetzt sind. Dieselben Organisierenden und AktivistInnen, die auch Querverbindungen zur systematischen und vom Staat wohlwollend in Kauf genommenen Gewalt gegen LGBTQ-Menschen, besonders Nicht-Weiße, herstellen, haben die Diskussion darüber angestoßen, was für ein Land es hinnimmt, dass seine meistgefährdeten Bürger in dieser Art und Weise und in einem solchen Ausmaß Übergriffen ausgesetzt sind und ermordet werden. Die wachsende und viele Bevölkerungsgruppen einschließende Black Lives Matter-Bewegung fordert beständig ein besseres Verständnis der staatlichen Gewalt gegen Schwarze in den USA. Neben der Schaffung von Bewusstsein hat die Bewegung auch konkrete Forderungen – sowohl gesetzgebender als auch sozialer Natur – und entwickelt sich mehr und mehr zu einer neuen und wachsenden Bürgerrechtsbewegung. Diese steht nun vor der Aufgabe, nicht nur ein Bewusstsein für die Gewalt zu schaffen, der Nicht-Weiße in den USA ausgesetzt sind, und besonders für die extreme Brutalität gegen nicht-weiße Frauen und Mädchen, welche Anlass für die Verbreitung des Hashtags #SayHerName („Sprich ihren Namen aus“) auf Social Media war. Die Bewegung muss auch eine starke und inklusive politische Kraft für die Konfrontation aller staatlichen Gewalt werden und ein Bewusstsein dafür erzeugen, dass Rassismus nicht nur ein Schandfleck auf der Vergangenheit des Landes, sondern vielmehr fest in der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Struktur der USA verankert ist. Rassistische Gewalt gegen Afroamerikaner steckt in jeder Faser der US-Amerikanischen Gesellschaft und macht die Herrschaft über alle unterdrückten Bevölkerungsteile und die gesamte Arbeiterklasse erst möglich. Wenn die vergangenen 11 Monate seit den Unruhen von Ferguson, Missouri, eines gezeigt haben, dann ist es die Tatsache, dass die amerikanische Polizei mit „dienen und schützen“ nicht viel am Hut hat – zumindest nicht, wenn es um die Arbeiterklasse und nicht-weiße Menschen geht.

Black Lives Matter

Dieser Tage erleben wir, wie eine neue Generation junger, nicht-weißer Menschen Stärke aus der aufkeimenden Bewegung zur Verteidigung von Recht und Würde der Schwarzen schöpft. Wo vormals gezögert wurde, Polizeigewalt zu dokumentieren oder sich einzumischen, wird nunmehr öffentliche Aufmerksamkeit gesucht und es gibt Ansätze der Organisierung für einen langfristigen Freiheitskampf.

Brutale Morde an schwarzen Menschen waren der Auslöser für die Black Lives Matter-Bewegung, doch eine besondere Rolle in ihr nehmen all die mutigen und entschlossenen Angehörigen von Opfern sowie Aktivisten in Gemeinden des ganzen Landes ein, die solche Lynchmorde von heute nicht mehr hinnehmen wollen, und die durch ihr unablässiges Pochen auf Gerechtigkeit den wahren Charakter der amerikanischen Polizei sowie des Straf-Unrechtssystems ans Licht gebracht haben.

Wie also geht es weiter? Eine Parole der Black Lives Matter-Bewegung lautet: „Indict! Convict! Send the killer cops to jail! The whole damn system is guilty as hell!“ – „Klagt sie an! Verurteilt sie! Mörderpolizisten ins Gefängnis! Das ganze verdammte System ist schuldig!“ Mit zunehmender politischer Reife der Bewegung gilt es, Rechenschaft und Gerechtigkeit für Sandra Bland und alle anderen Opfer einzufordern. Auch Geneva Reed-Veal, Mutter von Sandra Bland, fand auf der Beerdigung ihrer Tochter Worte, die zeigen, dass auch sie nicht aufhören wird, im Namen ihrer Tochter für Gerechtigkeit zu kämpfen:

„Es ist etwas geschehen, das die Welt verändern wird… Meine Aufgabe ist es jetzt, nach Texas zurückzukehren und der Ungerechtigkeit im Süden Einhalt zu gebieten… Ich muss mein Kind begraben. Sie war nicht mein Häftling, sie war nicht meine Verdächtige – sie war mein Kind… Und wenn ich dieses Kind begraben habe, bin ich bereit… Das bedeutet Krieg.“

von Crystal Stella Becerril & Todd St. Hill erschienen auf jacobinmag.com. Aus dem englischen von Marion Wegscheider.

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