Organisieren – Kämpfen – Gewinnen – Für „Gewerkschaften als Bewegungen“.

5. September 2016 - 12:47 | | Politik | 2 Kommentare
Aus der Krise zur Erneuerung? Gewerkschaften zwischen Sozialpartnerschaft und sozialer Bewegung

Leben wir in einer Streikrepublik? Erleben wir einen neuen Aufschwung gewerkschaftlicher Stärke? Droht das wirtschaftliche Leben durch renitente Beschäftigte und streitlustige Gewerkschaftsfunktionäre lahm gelegt zu werden? Das sind Fragen, die zumindest weite Teile der Mainstreampresse in den letzten anderthalb Jahren beschäftigt haben. Um es kurz zu machen: Nein, leider nicht.

Wir leben nach wie vor in einer Welt, in der Kapitalmacht expandiert und Gewerkschaften in der Defensive und der Orientierungssuche sind. Es gibt eine Vielzahl von Hoffnungsfunken, aus denen eine nachhaltige Erneuerung unserer Gewerkschaften entstehen könnte – vorausgesetzt, wir setzen uns dafür aktiv ein, sie im Betrieb und darüber hinaus als „soziale Bewegung“ aufzubauen.

Zeiten der Schwäche

Es ist richtig, zuletzt nahmen die Arbeitskampftage zu. Im historischen Vergleich befinden sie sich jedoch noch immer auf einem niedrigen Niveau. Möglicherweise, das wird sich zeigen müssen, erleben wir eine Trendwende. Aber: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Immerhin liegt ein langer Winter hinter uns. Seit Ende der 1970er Jahre sehen sich die deutschen Gewerkschaften wirtschaftlichen und staatlichen Eliten gegenüber, die immer weniger Bereitschaft zu Konzessionen zeigen. Das gilt für fast alle Sektoren. Arbeitsintensivierung, Senkung der direkten und/oder indirekten Lohnkosten, Flexibilisierung der Tarifpolitik und Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen finden sich überall, ob nun in der Automobilindustrie (enorme Steigerungen der Arbeitsproduktivität und Arbeitszeitflexibilisierung, Outsourcing), im Handel (Teilzeit und geringfügige Beschäftigung, Angriffe auf das Tarifgefüge, Arbeitsverdichtung) oder an den Universitäten (Zerstörung eines wissenschaftlichen Mittelbaus, Kettenverträge). Im politischen Feld vollzog sich etwa simultan eine lange Wende zum Neoliberalismus, die im Kern im Umbau hin zu einer Art strafenden Wettbewerbsstaatlichkeit bestand: Strafende Mobilisierung der Arbeitskraft (Agenda 2010), Förderung von Unternehmen (steuerliche Entlastungen, Subventionspolitik) und eine sozial-moralische Umerziehung in der Zivilgesellschaft, die auf die Stigmatisierung von angeblich Faulen und Arbeitsunwilligen hinauslief. Die Ergebnisse sind bekannt: Wachsende Ungleichheit und Unsicherheit, schärfere Spaltungslinien innerhalb der arbeitenden Klassen und ein fruchtbarer Boden für menschenfeindliche Ideologien, seien es nun Rassismen (vorneweg Islamophobie) oder Sexismen.

Das Ergebnis war aber auch ein enormer Verlust gewerkschaftlicher Stärke, die sich bereits an einfachen Zahlen ablesen lässt. Seit langem nimmt die Zahl der Beschäftigten, die nach Tarifverträgen und/oder in einem Betrieb arbeiten, in dem Betriebs- oder Personalräte mitbestimmen, ab. 1996 arbeiteten in Westdeutschland 66 % und in Ostdeutschland 48 % aller Beschäftigten im Rahmen eines Flächentarifs, im Jahr 2014 waren es im Westen nur mehr 47% und im Osten 28%. Durch einen Betriebsrat wurden 1996 51% aller Westdeutschen und 43 aller Ostdeutschen, die in der Privatwirtschaft beschäftigt waren, vertreten. Wiederum 18 Jahre später kamen nur noch 43 % im Westen und 33 % im Osten in den Genuss der betrieblichen Mitbestimmung. Die Zahl der gewerkschaftlich Organisierten ist ebenfalls rasant gesunken. 1989 waren nach Angeben des DGB 7.861.120 Beschäftigte in einer seiner Einzelgewerkschaften organisiert, 2014 waren es noch 6.104. 851 – trotz der Vergrößerung der Zahl der Erwerbspersonen im Zuge der Vereinigung 1990 (DGB 2015). 1990 betrug der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder an allen abhängig Beschäftigten (gewerkschaftlicher Organisationsgrad) noch gut 36 %, 2012 waren es noch etwa 22 %. Das alles deutet auf geringere gewerkschaftliche Durchsetzungs- und Mobilisierungsfähigkeit hin.

Die Gründe für diese Schwächungen liegen allerdings nicht nur in der härteren Gangart von Kapital und Staat. Man muss nur einen Blick in die Geschichte werfen. Gewerkschaften feierten Erfolge – etwa im späten Kaiserreich oder der frühen Bundesrepublik – im Angesicht von Gegnern, die es nicht weniger ernst meinten, als die neoliberalen Eliten der jüngsten Vergangenheit. Neben industriellen Umbrüchen, die zur Veränderung der Zusammensetzung der arbeitenden Klassen führten (Bedeutungsverlust ganzer Branchen und Berufszweige, Entstehung ganz neuer, in denen gewerkschaftliche Arbeit neu erfunden werden musste und muss) findet sich die Erklärung in erster Linie in der lang anhaltenden falschen strategischen Wahl, die eine politische Mehrheit in unseren Gewerkschaften getroffen hat. Anstatt dem Klassenkampf von oben mit konfliktorientierten Strategien von unten zu begegnen, hielten viele an den Erfahrungen und Routinen der sog. Sozialpartnerschaft fest.

Hoffnungsfunken – Arbeitskämpfe, Organisierungskampagnen und beteiligende Gewerkschaftsarbeit

Das ist auch heute noch so, allerdings gibt es viele Hoffnungsfunken in Betrieben und Gewerkschaften, die von Besserem träumen lassen. Sie zeigen, dass im Alten etwas Neues wächst, wenngleich das Neue noch nicht geboren ist.

Werfen wir zunächst einen Blick auf die eingangs erwähnten Arbeitskämpfe: Seit den 1980ern wurden in erster Linie defensive Streikkämpfe geführt, die auf die Angriffe der Beschäftiger antworteten. Noch in den 1990ern bis 2005 gab es eine nur sehr niedrige Streikrate, seit 2010 steigt aber auch diese wieder an und erreichte in der ersten Hälfte 2015 einen neuen Höchststand. Auf rund 1,1 Millionen Streikende entfielen etwa 2 Millionen Arbeitskampftage. Mehr Streiktage und Streikende hat es seit über einem Jahrzehnt nicht mehr gegeben. Sicherlich, eine Arbeitskampfdichte wie in der Vergangenheit ergab sich (bisher) bei weitem nicht. Die Unterschiede sind immer noch beträchtlich. In den Jahren 2005 – 2013 entfielen auf 1000 Beschäftigte im Jahresdurchschnitt rund 16 Streiktage. Zwischen 1950 und 1954 waren es 75, zwischen 1970 und 1974 waren es 55 und im Zeitraum von 1980 bis 1984 waren es 48 Streiktage. Dennoch könnten wir vor einer Trendumkehr stehen. Darauf deutet zumindest der in jüngster Vergangenheit zu beobachtende Anstieg von Tarifikonflikten hin, in denen Streiks notwendig wurden. 2007 gab es davon 82, 2014 waren es 214. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass 80 % dieser Streiks und 90% der Streiktage im Dienstleistungssektor stattfanden. Wichtig ist dabei aber auch die Qualität der Streiks, zum Teil haben sie wieder einen offensiven Charakter, wie etwa die Tarifkämpfe der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) oder die in den Sozial- und Erziehungsdiensten zeigten, die ver.di führte.

Zuweilen lassen sich auch Organisierungsbewegungen beobachten, die aus den Betrieben selbst kommen. Und auch im Kreis der hauptamtlichen Gewerkschaftsfunktionäre setzten in der jüngeren Vergangenheit Lernbewegungen ein, die z. B. in Experimenten mit neuen Formen der Organisierung (»Organizing«) oder Mitgliederbeteiligung (»bedingungsgebundene Tarifpolitik«) mündeten. Sie teilen eine Diagnose: Die Erosion gewerkschaftlicher Durchsetzungsfähigkeit wird eher beschleunigt, wenn darauf vertraut wird, Geschäftsführungen würden Beschäftigteninteressen einfach anerkennen und berücksichtigen. Denn diese Anerkennung fußt letztlich auf der Mobilisierungsfähigkeit der Belegschaften. Wo diese Handlungsmacht in Form aktiver Belegschaften fehlt, dürften gewerkschaftliche Erfolge kaum mehr wahrscheinlich sein. Entsprechend zielen neuere gewerkschaftspolitische Ansätze darauf ab, diese lebendige Mitgliederbasis aufzubauen, die Konflikte eigenständig führen will und kann.

Sehr verschiedene Erfahrungen wurden bisher gemacht. Experimenten mit öffentlichen Druckkampagnen (Stichwort Lidl- und Schleckerkampagne) stehen Erfahrungen mit Organizingprojekten oder neuen Ansätzen in der Tarifpolitik, der sog. bedingungsgebundenen Tarifarbeit, gegenüber. Die IG Metall hat in den vergangenen Jahren z.B. eine organisationsinterne Ressourcenumschichtung betrieben, die darauf zielt die Organisation zu einer sog. Erschließungsgewerkschaft zu machen. Neben die Professionalisierung der eigenen Kampagnenarbeit traten auch systematische und zentral aufgelegte Organisierungsprojekte, etwa in der Windenergiebranche oder in den Zuliefererketten der Automobilindustrie. Dieser organisationspolitische Umbau der IG Metall war bisher durchaus erfolgreich, denn immerhin konnte der Mitgliederverlust nicht nur gestoppt werden, in jüngster Vergangenheit wurden auch wieder – moderat – steigende Mitgliedszahlen gemeldet. Und auch tarifpolitisch kann die IGM auf einige Erfolge blicken, auch in Branchen, die zuvor gewerkschaftlich kaum organisiert und damit auch nicht tarifgebunden waren. So gelang es etwa in der Windenergiebranche mit Hilfe einer Organizingkampagne, die Firma REpower zum Abschluss eines Tarifvertrages zu bewegen. Weitere Kampagnen, etwa beim Branchenführer Enercon, einem offen antigewerkschaftlichen Unternehmen, laufen.

Ähnliche Organisationslernprozesse finden sich auch bei den Gewerkschaften NGG und ver.di. Die NGG hat bereits Ende der 1990er Jahre einen Reformprozess eingeleitet, der es ihr ermöglichte, als kleine unabhängige Gewerkschaft innerhalb des DGB weiterzubestehen. Auch in diesem Fall wurden personelle und finanzielle Mittel umstrukturiert und stärker auf die aktive Mitgliederarbeit gelenkt. Im großen Maßstab geht es darum auch bei der Reform »Perspektive 2015« von ver.di, durch die hauptamtlichen GewerkschaftssekretärInnen mehr Zeit für die »kollektive Gewerkschaftsarbeit«, d.h. die interessenpolitische Arbeit mit Aktiven in den Betrieben und Gewerkschaftsgremien gegeben werden soll. Praktisch, so ein ver.di-Hauptamtlicher, „bedeutet das, dass man überhaupt wieder die Möglichkeit hat, Luft zu holen und darüber nachzudenken, wie man die frei gewordene Zeit jetzt sinnvoll für die gewerkschaftliche Organisierung von Betrieben einsetzen kann, für die man vorher gar keine Kraft hatte, oder von denen es hieß, da kommt man nur sehr schwer rein. Natürlich muss man das auch machen – ein Selbstläufer ist das nicht.“

Vom Funken zum Feuer?

Aber wie wird aus den einzelnen Funken ein Feuer? Zunächst ist eine nüchterne Bewertung nötig. Ein starker Fokus auf Organisierungskampagnen macht noch keine „bessere“ Gewerkschaft, die dazu in der Lage wäre, den Angriffen von oben nicht nur zu begegnen, sondern auch die Spaltungslinien zwischen den Beschäftigten zu überwinden. Diese Einigung aus der Vielfalt heraus zu erreichen ist aber eine der zentralen Herausforderungen, denen wir uns heute gegenübersehen. Im schlechtesten Fall – und diese Fälle gibt es durchaus häufiger – entsteht lediglich eine Art „Aktivierungsapparat“, der auf steigende Mitgliederzahlen setzt und dabei ein instrumentelles Verhältnis zu den Beschäftigten pflegt. Diese werden dann für Organisationsziele aktiviert, anstatt aktiv und demokratisch von unten die Organisationsziele festzulegen. Meines Erachtens ist das aber keine ausgemachte Sache. Was aus diesen zarten Pflänzchen wird, hängt davon ab, was wir aus ihnen in unseren Gewerkschaften machen – zum Teil sicherlich auch im Streit mit anderen.

Und dennoch: So sehr aus den positiven Trends und Beispielen gelernt werden kann und so sehr sie zum praktischen Ausgangspunkt für die Erneuerung von Gewerkschaftsmacht gemacht werden sollten, so sehr bleiben sie bislang noch isoliert. Bisher fehlt eine fehlende Alternativkonzeption von Gewerkschaftsarbeit. Damit ist eine praktisch werdende Vision gemeint, in die die einzelnen Ansätze eingebunden werden können. Diese Vision könnte die „Gewerkschaft als Bewegung“ sein. Einzelne gewerkschaftliche Kämpfe, etwa die Auseinandersetzungen bei der Berliner Charité oder die Tarifbewegung in den Sozial- und Erziehungsdiensten 2015, geben einen Vorgeschmack darauf, wie derartige Gewerkschaftsarbeit aussehen könnte. Ich will abschließend lediglich einige weitergehende Thesen darüber formulieren, was eine „Gewerkschaft als Bewegung“ ausmachen könnte. Es versteht sich von selbst, dass sie nicht am Schreibtisch, sondern lediglich im Betrieb erfunden werden kann.
Als erste große Industriegewerkschaft entwickelten die Canadian Auto Worker diese Strategie in den 1980er Jahren. Kim Moody, Mitbegründer des Gewerkschaftsnetzwerks Labor Notes, hat die »Gewerkschaft als Bewegung« folgendermaßen charakterisiert: „Die Gewerkschaft als Bewegung ist zutiefst demokratisch, da dies der beste Weg ist, um die Stärke der Vielen zu mobilisieren und so ein Maximum an wirtschaftlicher Verhandlungskraft zu entfalten. Sie ist kämpferisch und konfliktorientiert in den kollektiven Verhandlungen, weil sie glaubt, dass Konzessionen hier zu mehr Konzessionen woanders führen – ein Angriff auf einen ist für sie ein Angriff auf alle. Sie versucht Forderungen aufzustellen, die zu mehr Arbeitsplätzen führen und der ganzen Lohnabhängigenklasse nützen. Aufgrund der Einsicht, dass dort die größte Durchsetzungsfähigkeit entsteht, kämpft sie für den Aufbau von Macht und Organisierung am Arbeitsplatz und im Betrieb. (…). Sie multipliziert ihre politische und soziale Macht, indem sie Verknüpfungen mit anderen Sektoren der Lohnabhängigenklasse herstellt, sei es zu anderen Gewerkschaften, sei es zu Stadtteilgruppen und -organisationen, sei es zu sozialen Bewegungen. Sie kämpft für alle Unterdrückten und vergrößert auf diesem Weg ihre eigene Macht.“ Die „Gewerkschaft als Bewegung“ aufzubauen heißt daher meines Erachtens mehrere Schritte gleichzeitig zu gehen.

1) Gewerkschaft als Gegenmacht: Mit älteren gewerkschaftspolitischen Ansätzen teilt der Ansatz, dass er strategisch auf den Aufbau autonomer Gegenmacht setzt. Diese zielt, wie der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Köln-Leverkusen, Witich Roßmann, es ausdrückt, „[…] auf die selbstbestimmte Kontrolle der Arbeits- und Lebensverhältnisse von Arbeitnehmern gegenüber den Zugriffen des Kapitals auf Arbeitszeit und Arbeitsleistung, und sie äußert sich ökonomisch als Errichtung von Verwertungsschranken für das Kapital […] und politisch als Einschränkung der Direktionsmacht des Kapitals.“

2) Organisationsmacht in den Betrieben aufbauen: Vor diesem Hintergrund wären Organisierungsstrategien in erster Linie darauf auszurichten, die Möglichkeit und die Fähigkeit der Beschäftigten, Macht in den Betrieben auszuüben, zu stärken. „Diese Art von Macht beginnt am Arbeitsplatz […] und in der Gewerkschaft vor Ort. Mitgliederbeteiligung, die Rechenschaftspflichtigkeit der Führung und Gewerkschaftsdemokratie sind unverzichtbare Momente einer Macht, die von Millionen von Menschen an einem Platz und auf eine Weise ausgeübt werden kann, die das Kapital beeinflussen. Der gelegentliche Tarifstreik ist wichtig, reicht aber nicht aus. Hände und Verstand der Lohnabhängigen müssen nicht nur die Produktion, die Distribution von Waren und das Gewährleisten von Dienstleistungen zu bestimmten Zeiten unterbrechen, sondern müssen dabei sein, um sie zu jeder Zeit zu kontrollieren. Es ist eine Macht, die Zirkulation des Mehrwerts zu regulieren, der das Lebenselixier des Kapitals ist. […]. Starke und lebendige Organisationsstrukturen im Betrieb und am Arbeitsplatz sind das wichtigste Prinzip gewerkschaftlicher Erneuerung.“ (Kim Moody)

3) Organisierung der Organisierten – Gewerkschaftliche Bildungsarbeit als Befähigung zur Selbsttätigkeit: Ob es eine »Gewerkschaft als Bewegung« geben kann, hängt davon ab, ob Lohnabhängige in den Betrieben und an der gewerkschaftlichen Basis selbst interessenpolitisch aktiv werden. In den letzten Jahren wurde sehr oft für die ‚Organisierung der Unorganisierten’ plädiert. Das war und ist vollkommen richtig. Gleichzeitig darf dabei die Organisierung der bereits Organisierten nicht aus den Augen geraten. Neue Formen der betriebsnahen Bildungsarbeit, die darauf zielen, das Selbstbewusstsein, die Selbstaufklärung und die interessenpolitische Selbsttätigkeit der abhängig Beschäftigten zu fördern, wären zu erproben und zu entwickeln. Ihren Ausgangspunkt nimmt betriebsnahe Bildungsarbeit von den konkreten betrieblichen (Konflikt-) Erfahrungen, bei denen sie aber nicht stehenbleibt. Nicht eine technische Schulung (wie z.B. des Betriebsverfassungsgesetzes oder des Tarifrechts, die zweifelsohne wichtig sind), sondern die Vermittlung »soziologischer Phantasie« ist primäres Ziel einer derartigen Bildungsarbeit – nicht die Vermittlung des für wahr gehaltenen Wissens, sondern die politische Mündigkeit und Selbsttätigkeit stünden im Zentrum dieser Bildungsarbeit.

4) Gesellschaftliche Macht und gesellschaftspolitischer Anspruch: Gewerkschaften als Bewegungen können sich allerdings nicht auf die Ausübung von Macht in Betrieben und Arbeitsmärkten beschränken. »Gesellschaftliche Macht« aufzubauen, bedeutet – als strategisches Ziel der Gewerkschaft –, Unterstützung durch andere gesellschaftliche Gruppierungen und Organisationen zu gewinnen und so Solidaritätsnetzwerke zu knüpfen. Gesellschaftliche Macht basiert auf gelebten Solidaritätsnetzen. Auf der Seite der Gewerkschaften setzt dies die Fähigkeit voraus, breitere gesellschaftlicher Diskussionen zu initiieren und ausstrahlende Kampagnen durchzuführen, um politische Hegemonie, und sei es nur punktuell, zu erringen. Professionell geplante Öffentlichkeitsarbeit kann dabei eine wichtige Rolle spielen, zentral ist aber die Schaffung einer »sozialen Öffentlichkeit« in Betrieben, lokalen Gewerkschaftsgliederungen und Kommunen.

5) Für inklusive Solidarität als Leitmotiv gewerkschaftlichen Handelns streiten: Die »Gewerkschaft als Bewegung« versteht sich nicht nur als möglichst effizientes Mittel, um die Interessen der bereits Organisierten durchzusetzen. Das unterscheidet sie etwa von Berufsgewerkschaften, die in jüngster Vergangenheit durch ihre Streikfähigkeit und -bereitschaft Aufsehen erregt haben. Effizienz ist wichtig. Aber zugleich nimmt sie eine weitere Perspektive ein, versteht sich als Teil einer breiteren Bewegung der abhängig Beschäftigten. Aufgrund der Belegschaftsspaltungen und der sozialen Klassenfragmentierung, die im Zuge der langen Wende zum Neoliberalismus entstanden sind, ist dieses Leitmotiv vielleicht so wichtig wie noch nie. Die »Gewerkschaft als Bewegung« kombiniert deshalb den Aufbau von Macht, die direkt in den Händen der Beschäftigten liegt, mit einer Strategie, die darauf abzielt umfassende Klassensolidarität zu schaffen und die bestehenden Macht- und Herrschaftsstrukturen zu verändern. In diesem Sinne sieht sich die »Gewerkschaft als Bewegung« als Teil einer breiteren Klassenbewegung der Lohnabhängigen. Gewerkschaftspolitik wird von ihr in einer Allgemeinwohlperspektive entwickelt, die nicht nur den in Lohn und Brot Stehenden nützt, die über vergleichsweise gute Löhne und sichere Arbeitsverträge verfügen, sondern auch den Erwerbslosen, den prekär Beschäftigten und den Schwächsten der Gesellschaft. Elementar ist dafür eine Orientierung auf Bündnisse mit anderen Initiativen und Organisationen von Lohnabhängigen, beispielsweise Erwerbslosenorganisationen oder MieterInneninitiativen.

6) Für die Demokratisierung der Wirtschaft kämpfen: Eine konsequente gewerkschaftliche Gegenmachtpolitik macht mehr oder weniger direkt die Kontrolle über die Arbeitsprozesse, die Steuerung der Unternehmen und – in einer weiteren Perspektive – die Demokratisierung der Wirtschaft zum Thema. Ohne sie dürften sich Alternativen zur Sozialpartnerschaft kaum realisieren lassen. Das ist so, weil eine konsequente Gegenmachtpolitik die Verfügungsgewalt des unternehmerischen Einzelkapitals ebenso herausfordert, wie auf längere Sicht die des Gesamtkapitals. Wenn Gewerkschaften die Interessen der Lohnabhängigen also unabhängig von den Unternehmensinteressen vertreten wollen, wird relativ schnell die Frage nach nicht-gewinnorientiertem Wirtschaften und alternativen Formen der Unternehmens- und Wirtschaftssteuerung aufgeworfen. Zwei Ebenen der Demokratisierung lassen sich unterscheiden, die betriebliche und die gesamtwirtschaftliche. Von Wirtschaftsdemokratie ist nur dann zu reden, wenn auf beiden die Entscheidungshoheit nicht mehr privaten Eigentümern obliegt. Die betriebliche Demokratisierung führt zur Verschiebung der Macht und der Verantwortung Privateigentümer auf die Belegschaft). Diese Form der Demokratie wäre am einzelnen Arbeitsplatz zu verwurzeln, würde aber die gesamte Leitung des Betriebes und des Unternehmens in die Hände der Belegschaft legen – nicht in Form einer Mitbestimmung einiger weniger Repräsentanten der Belegschaft am Tische der Privatbesitzer, sondern durch demokratische Institutionen, die der Gesamtbelegschaft Kontroll- und Planungstätigkeiten und derart die Ausübung wirklicher Macht erlauben. Wirtschaftliche Demokratisierung macht allerdings an den Grenzen der Unternehmen nicht halt. Sie zielt darauf ab, Formen kollektiven Eigentums zu etablieren, die zur Eigeninitiative der Arbeitenden anhalten. Diese demokratisierten Unternehmen können innerhalb einer demokratischen Rahmenplanung der Wirtschaft – jenseits chaotischer Marktprozesse und ohne den Aufbau von Kapitalmacht – wirtschaften. Gemeineigentum an Produktionsmitteln und Mitwirkungsrechte der Bevölkerung bei der wirtschaftlichen Planung sind dafür grundlegend. Es ist wahr: Angesichts der eklatanten Schwäche der sozialistischen Linken und kämpferischer Gewerkschaften klingt das alles nach Zukunftsmusik. Tatsächlich handelt es sich um eine konkrete Utopie, deren Verwirklichung im Morgen den Bruch mit den Mächten von heute voraussetzt. Ohne eine Diskussion darüber, wird uns das nicht gelingen.

Ein Beitrag von Thomas E. Goes dessen Buch „Aus der Krise zur Erneuerung? Gewerkschaften zwischen Sozialpartnerschaft und sozialer Bewegung.“diesen Monat erschienen ist.

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2 Kommentare

  • 1
    Harald Stubbe says:

    Wer glaubt dass Milionäre (Auch wenn sie Gewerkschaftsvorsitzende sind) die Interessen der ArbeiterInnen vertreten wird nie eine Änderung erreichen. Jeder vertritt seine Interessen am besten selbst. Noch besser mit vielen Gleichgesinnten. Gewerkschaft muss in Deutschland neu erschaffen werden