Nach Sexismus fragen, heißt die Machtfrage stellen – Im Gespräch mit Anna Schiff

27. August 2016 - 11:11 | | Gesellschaft | 0 Kommentare
Anna Schiff

Vor wenigen Wochen ist die Broschüre der Rosa-Luxemburg-StiftungIst doch ein Kompliment …. Behauptungen und Fakten zu Sexismus“ erschienen, die sich nicht nur mit Sexismus im Allgemeinen auseinandersetzt, sondern auch mit den deutschen Debatten und dabei auch die Diskussion um die Übergriffe in Köln in den Blick nimmt. Wir haben mit der Autorin Anna Schiff über die gesellschaftliche Debatte, „rassistischen Antisexismus“ und den Umgang mit sexistischen Äußerungen gesprochen.

Die Freiheitsliebe: Wie nimmst du die gesellschaftliche Debatte um Sexismus wahr, gab es eine Veränderungen in den letzten Jahren?

Anna Schiff: Ich denke, dass die sozialen Medien hier eine neue Sichtbarkeit geschaffen haben. Das sehen wir aktuell am #teamginalisa.

Die Freiheitsliebe: Unter anderem beschreibst du die Fälle von Waltraud Schoppe, die im Bundestag 1983 das Ende des Sexismus forderte, und von Laura Himmelreich, die Brüderles Äußerungen zur ihrer Oberweite, veröffentlichte. Welche Veränderungen erkennst du zwischen beiden Fällen?

Anna Schiff: Was die konservativen Reaktionen betrifft sehe hier vor allem eine Nicht-Veränderung. Das ist ja gerade der Punkt. Das wir es hier mit einem festen Setting an Reaktionen, wie Verharmlosung, Opferbeschuldigung oder Leugnung, zu tun haben, die suggerieren – alles okay, hier muss die Gesellschaft nichts tun. Was natürlich nicht stimmt. Aber es gibt nach wie vor Menschen, die von den gesellschaftlichen Verhältnissen profitieren und daher Interesse daran haben, dass alles so bleibt wie es ist. Aber es muss auch gesehen werden, dass es natürlich Frauen wie Schoppe zu verdanken, dass Sexismus in einer breiten Öffentlichkeit, etwa ausgelöst durch den Artikel von Himmelreich, besprochen werden kann. Feminismus ist eben ein Langzeitprojekt.

Die Freiheitsliebe: Du gehst auch auf die Debatte nach Köln ein, in der auf einmal selbst aus deutschen Rechtsaußen vermeintliche Antisexisten wurden. Ist dieser Antisexismus wirklich glaubhaft, welche Motivation steckt dahinter?

Anna Schiff: Stimmungsmache gegen als fremd konstruierte Menschen. Hier wird schlichtweg Politik mit Angst gemacht, die vorher selbst geschürt wurde. Außerdem wir hier mit einer bestimmten gesellschaftlichen Erzählung gearbeitet, sie sich von der Kolonialzeit bis jetzt erhalten hat: Weißer Mann rettet weiße Frauen vor fremden/ schwarzen Männern. Auch Migrantinnen wurden in der Silvesternacht Opfer von Übergriffen – dieses wichtige Detail taucht meistens gar nicht auf. Vermeintlicher Anti-Sexismus beziehungsweise Feminismus, der sich einer rassistischen Rhetorik bedient, hilft nicht Sexismus abzuschaffen, den Sexismus fußt auf Macht, nicht Fremdheit, schadet aber all jenen, die ohnehin von Ausgrenzungen betroffen sind.

Die Freiheitsliebe: Warum wird versucht Rassismus und Sexismus gegeneinander auszuspielen?

Anna Schiff: Sexismus beziehungsweise sexualisierte Gewalt sind Dinge, die es nicht geben sollte, daher wird entweder so getan, als gäbe es sie nicht oder als wären es Probleme der anderen, die diese Fremden importiert hätten. In beiden Fällen kann sich die Mehrheitsgesellschaft so ihrer selbst vergewissern, ohne wirklich über Machtgefälle sprechen zu müssen. Sind weiße Männer aus der Mittelschicht Tätern, dann lügen die Frauen, sind die Täter die anderen, dann wird ihnen geglaubt, aber zum Preis dafür, dass nicht mehr über Sexismus, sondern über Fremdheit diskutiert wird. Das sind Pseudo-Diskussionen, die die bestehenden Machtverhältnisse schützen.

Die Freiheitsliebe: Vor Köln hieß es oft Sexismus sein kein oder nur ein kleines Problem, wie antwortest du auf solche Behauptungen?

Anna Schiff: Nach Sexismus fragen, heißt immer auch die Frage nach der Macht zustellen und wie diese gerechtfertigt wird. Ein stabiles Element in dieser Machterzählung ist die Behauptung, dass es gar kein gesamtgesellschaftliches Problem gäbe. Wenn du ein Problem hast, dann ist es dein eigenes, privates. Mit Rassismus ist das ja ganz ähnlich.

Die Freiheitsliebe: Abschließend wie geht man mit jemand um, der eine sexistische Äußerung getätigt hat, sich aber nicht bewusst ist, wie diese wirken kann?

Anna Schiff: Die Äußerung ansprechen, das Gespräch suchen und erklären, was daran problematisch ist. Aber es kommt darauf an, wie das Gespräch geführt wird und vor allem auch zwischen wem, also darauf, ob es hier ein Machtgefälle gibt. Niemand möchte sich gerne den Schuh des Sexisten anziehen. Mit Rassismus ist das ja ganz ähnlich. Was natürlich nicht heißt, dass wir nicht alle ständig sexistische und rassistische Überzeugungen reproduzieren, einfach weil sie ein prägender Faktor unsere Gesellschaft sind und wir sie daher verinnerlicht haben. Aber es macht das Sprechen über diese alltäglichen Sexismen und Rassismen so schwer. Jemanden als Sexisten zu „outen“, finde ich daher wenig produktiv, einfach weil dann selten ein echtes Gespräch noch möglich ist. Es ist aber nichtsdestotrotz sehr wichtig Stellung zu beziehen auch und gerade in alltäglichen Situationen. Schwieriger ist das natürlich, wenn es ein Machtgefälle gibt. Wenn ein Mathelehrer beispielsweise im Unterricht öfter witzig gemeinte Bemerkungen fallen lässt, dass Mädchen kein Talent für Mathe hätten, dann ist es für eine einzelne Schülerin oder einen Schüler natürlich eine mutige Aufgabe das im Unterricht anzusprechen, denn hier stehen möglicherweise Noten auf dem Spiel. Hier könnte es eine Lösung sein, mit dem/der Klassensprecher_in zu reden oder dem/der Vertrauenslehrer_in.

Die Freiheitsliebe: Danke dir für das Gespräch

Über den Autor

Ich habe 2009 die Freiheitsliebe gegründet aus dem Wunsch, einen Ort zu schaffen, wo es keine Grenzen gibt zwischen Menschen. Einen Ort an dem man sich mitteilen kann, unabhängig von Religion, Herkunft, sexuelle Orientierung und Geschlecht. Freiheit bedeutet immer die Freiheit von Ausbeutung. Als Autor dieser Webseite streite ich für eine Gesellschaft, in der nicht mehr die Mehrheit der Menschen das Umsetzen muss, was nur dem Wohlstand einiger Weniger dient.
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