Marx Ideen bieten Hoffnung für die Unterdrückten – Im Gespräch mit Alex Callinicos

1. Mai 2018 - 12:00 | | Politik | 1 Kommentare

In vier Tagen hätte Marx seinen 200 Geburtstag gefeiert, auch die bürgerliche Presse beschäftigt sich nun mit seinen Ideen und Analysen. Tenor ist dabei meist, dass seine Analysen wichtig sind seine revolutionären Ideen aber zu nichts gutem führen. Wir haben mit Alex Callinicos, Professor für Europäische Studien am King’s College London und Autor der revolutionären Ideen von Karl Marx, über Marx Ideen und deren Aktualität gesprochen.

Die Freiheitsliebe: Du hast das Buch die „Revolutionären Ideen von Karl Marx“ geschrieben, wie aktuell sind Karl Marx Ideen an seinem 200 Geburtstag?

Alex Callinicos: Sie sind sehr aktuell. Ein britischer Diplomat sagte, Karl Marx würde sich im Grabe umdrehen, wenn er sehen würde, was Russland Syrien antut. Das Beispiel zeigt,  Marx ist sehr präsent. Er ist aktuell auch für jeden, der die Welt ändern will, denn Marx hat aufgezeigt wie der Kapitalismus funktioniert. Selbst viele Mainstreampersonen verstehen,  dass Marx Theorien wichtig sind, um den Kapitalismus zu verstehen und erkennen sie als wichtig an. Marx ist aber nicht nur ökonomisch wichtig, sondern auch politisch. Denn er zeigte den Weg auf wie man den Kapitalismus überwinden kann, durch die Arbeiter, die sich organisieren und zusammenschließen um den Kapitalismus zu überwinden.

Die Freiheitsliebe: Viele Reformisten und Sozialdemokraten argumentieren, dass seine Analyse immer noch etwas Wichtiges und Richtiges an sich hat, aber seine Idee der Überwindung des Kapitalismus nicht aktuell ist. Würdest du dem zustimmen?

Alex Callinicos: Nein würde ich nicht. Wir sollten den Sozialdemokraten den Spiegel vorhalten. Bei einem Blick auf die Situation der Sozialdemokraten in Europa sehen wir auch, wohin ihre Unterstützung der neoliberalen Politik geführt hat. Die SPD in Deutschland zeigt wohin es führt, wenn Sozialdemokraten nicht mehr gegen den neoliberalen Kapitalismus kämpfen, sondern neoliberale Politik durchführen. Sie überlassen die Kritik an den Auswirkungen den Rechten. Was wir dagegen brauchen, ist eine Auferstehung der revolutionären Sozialisten, die Ideen der Hoffnungen und Lösungen für die gesellschaftlichen Probleme anbieten; die eine Stimme für die Unterdrückten und Ausgegrenzten sind.

Die Freiheitsliebe: Wenn wir uns die Welt anschauen,sehen wir keine größeren revolutionären Parteien. Wie können wir da auf eine revolutionäre Bewegung hoffen?

Alex Callinicos: Es ist wichtig deutlich zu machen, dass Revolutionen nicht von Parteien gemacht werden, sondern von Arbeitern und Unterdrückten. Wir haben das deutlich gesehen in der arabischen Revolution, aber auch in anderen revolutionären Prozessen. Revolutionäre Bewegungen sind ein notwendiger Bestandteil einer so ungerechten Welt, in der die Menschen verarmen und unterdrückt werden. 2011 hat auch gezeigt, dass das Fehlen von revolutionären Parteien auch zu sehr negativen Folgen führen kann, wenn falsche Kräfte die Führung übernehmen oder auch zu einer Schwächung der Bewegung.

Die revolutionären Organisationen sind aktuell sehr schwach, was immer noch eine Folge des Stalinismus ist. Durch diesen wurde Sozialismus gleichgesetzt mit etwas, dass ich als Staatskapitalismus bezeichnen würde. In den Augen der Menschen ist der Sozialismus dadurch mit Negativem verbunden und für uns Revolutionäre bedeutet es, dass unsere Aufgabe deutlich schwieriger ist. Unsere Aufgabe ist es, die Unterstützung für sozialistische Politik wieder aufzubauen, in dem wir über sozialistische Ideen reden, Marx Theorien auf die aktuelle Zeit anwenden und sie mit aktuellen Bewegungen verbinden, wie dem Kampf gegen die faschistische Rechte in ganz Europa.

Die Freiheitsliebe: Viele Menschen argumentieren, dass die arabische Revolution keine wirkliche Revolution war, da der Kapitalismus nicht angetastet wurde und es in vielen Ländern nichts verändert hat. Würdest du trotzdem sagen, dass es sich um Revolutionen handelt?

Alex Callinicos: Das waren definitiv richtige Revolutionen, wie ein Blick auf Ägypten und Tunesien zeigt. Lenin sagte Revolutionen geschehen, wenn die herrschende Klasse nicht mehr weiter machen kann und die Arbeiter nicht mehr wollen, genau das geschah in Ägypten und Tunesien. Die Proteste waren nicht geplant, sondern wurde von Massenbewegungen von unten durchgeführt.

Revolutionen sind offene Prozesse, sie können siegen oder geschlagen werden, wie in Ägypten. Sie können auch zu kleinen politischen Veränderungen führen, wie in Tunesien oder auch in der deutschen Revolution 1918. Im Falle Deutschlands würde auch niemand sagen, dass es keine Revolution war, nur weil sie nur politische und keine wirtschaftlichen Veränderungen brachte. Eine Revolution bedeutet, dass die Massen die Macht im Staat übernehmen können und ihre Macht einsetzen können, um nicht nur politische, sondern auch wirtschaftliche Veränderungen zu bringen.

Die Freiheitsliebe: Was können wir von Marx Analysen für heute lernen?

Alex Callinicos: Wir können viel lernen, aber man muss kein Marxist sein um zu sehen, dass das Wachstum der Populisten in Europa und den USA eine Folge der ökonomischen Krise ist. Politische Veränderungen haben immer auch eine Basis in den wirtschaftlichen Gegebenheiten. Die Analyse der Krise und Lösungen zur Überwindungen können am besten von Marxisten artikuliert werden.

Aus marxistischer Perspektive ist die Lösung der Probleme die Organisierung der Massen zur Überwindung des Kapitalismus, eine Lösung, die nur durch die Arbeitenden und Unterdrückten erreicht werden kann. Die Lösungen der Rechten und Faschisten sehen ganz anders aus, sie nutzen die Armut aus und schüren Hass und geben falsche Lösungen aus, wie das Attackieren von anderen Gruppen. Als Marxisten müssen wir also nicht die Situation analysieren, sondern auch Lösungen für Probleme finden und falsche Ideen bekämpfen.

Die Freiheitsliebe: Wie sieht die Situation in Europa, sind auch hier noch Revolutionen möglich? Gab es in Griechenland die Chance für eine Revolution?

Alex Callinicos: Ich denke es gab eine wirkliche Chance für einen alternativen Weg zu Neoliberalismus und Austerität. Die Linke, in Form von Syriza, hat diese Chance allerdings nicht genutzt, sondern Sparpakete umgesetzt und kapituliert. Statt einen alternativen Weg zu suchen, wurden die Grundlagen der Menschen weiter zerstört.

Wenn man Marx und Engels liest hat man den Eindruck, dass sie oft über optimistisch waren, aber das Schwerste in der Politik ist es genaue Prognosen zu erstellen. Ich denke man kann keine genauen Prognosen abgeben, was in den nächsten Monaten oder gar Jahren geschieht. Was wir allerdings sagen können ist, dass die Folgen der Krise noch spürbar sind, insbesondere im politischen Bereich. Das schafft die Bedingungen für das Entstehen von Massenbewegungen, aber eine genaue Prognose kann man allerdings nicht abgeben.

Die Freiheitsliebe: An welchem Punkt können aus Streiks und Bewegungen Revolutionen werden?

Alex Callinicos: Entscheidend dafür ist das, was ich schon vorher von Lenin zitierte, nämlich, dass die herrschende Klasse nicht mehr weiter machen kann und die Ausgebeuteten nicht mehr wollen. In anderen Worten: die Basis der herrschenden Ordnung, dass was Gramsci Hegemonie nannte, muss geschwächt sein. Es braucht darüber hinaus noch Bewegungen, die über die aktuellen Lösungen hinausgehen wollen und die Möglichkeit diese Lösungen umzusetzen.

Revolutionäre Sozialisten können nicht die Bedingungen schaffen für Revolutionen, aber sie können, wenn die Bedingungen vorhanden sind, auf diese reagieren und bis dahin möglichst viele Menschen organisieren. Jetzt müssen wir Bewegungen, wie die antirassistische Bewegungen, aufbauen und uns mit sozialistischen Theorien auseinandersetzen.

Die Freiheitsliebe: Danke dir für das Gespräch.

Über den Autor

Ich habe 2009 die Freiheitsliebe gegründet aus dem Wunsch, einen Ort zu schaffen, wo es keine Grenzen gibt zwischen Menschen. Einen Ort an dem man sich mitteilen kann, unabhängig von Religion, Herkunft, sexuelle Orientierung und Geschlecht. Freiheit bedeutet immer die Freiheit von Ausbeutung. Als Autor dieser Webseite streite ich für eine Gesellschaft, in der nicht mehr die Mehrheit der Menschen das Umsetzen muss, was nur dem Wohlstand einiger Weniger dient.
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