Ungarn 1956: Aufstand der Hoffnung

4. April 2016 - 09:00 | | Balkan21 | 1 Kommentare

Ungarn ist schwer in Verruf geraten. Wie kann das Land, das seit der Revolution von 1956 als besonders fortschrittlich galt, heute so unmenschlich mit Flüchtlingen umgehen? Eine Antwort liegt ganz offen vor uns: Die Revolution von 1956 wurde blutig niedergeschlagen, danach beherrschte Verzweiflung das Land. Die zweite Antwort liegt in den Umständen der Revolution begraben. Das Regime gegen das der 1956er-Aufstand ausgebrochen ist, nannte sich demokratisch und sozialistisch und die russischen Panzer, die tausende Menschen töteten, fuhren unter sozialistischer Flagge.

Die dritte Antwort hängt mit dem rücksichtslosen, neoliberalen Regime zusammen, das auf den Zusammenbruch der UdSSR folgte. 2006 tauchte ein Tonband auf, auf dem der sozialdemokratische Premierminister Ferenc Gyurcsány seiner Partei unumwunden gestand, dass seine Regierung die Menschen belogen und bestohlen hat. Die Sozialdemokratie stürzte ab und Orbán ergriff die Gelegenheit eine rechte Mehrheit zu etablieren.

Rätedemokratie entstand

Als die Revolution 1956 ausbrach, forderten die Menschen in den Fabriken und auf den Straßen die Einführung eines echten Sozialismus von unten. 1956 war Russland die Kontrolle über seine Satellitenstaaten entglitten. Nikita Chruschtschow hielt die berühmte „geheime“ Rede, in der er Verbrechen Stalins anprangerte, was die stalinistischen Führer in den Staaten der UdSSR schwächte.

Es gab plötzlich etwas Raum für demokratische Bewegungen. Zuerst kam es in Polen zu Protesten und als dort eine russische Intervention drohte, gingen in Ungarn die Menschen auf die Straßen. Aus diesem Protest am 23. Oktober entwickelte sich der Aufstand und daraus die Revolution.

Die demonstrierenden Student_innen wurden bald von zehntausenden Arbeiter_innen unterstützt. Die Regierung unter Mátyás Rákosi geriet in Panik und forderte russisches Militär an. Die Kämpfe dauerten mehrere Tage und die Macht ging auf Imre Nagy, einem Reformer und wichtigem Kontrahenten von Rákosi, über. Er brachte die Russen dazu abzuziehen.

Inzwischen war Budapest eine bewaffnete Stadt. Es entstanden revolutionäre Organe der Macht. Delegierte, die in den Universitäten, den Fabriken, Minen und Armeeeinheiten gewählt wurden, traten zu Ratsversammlungen zusammen und organisierten eine Selbstverwaltung, in die die Bevölkerung vertraute.

Gegen westlichen Kapitalismus

Oft wird die Revolution als eine einfache demokratische Revolution dargestellt. Aber es war den Akteur_innen völlig klar, dass sie nicht einfach ungarischen Staatskapitalismus mit westlichem Freien-Markt-Kapitalismus ersetzen wollten.

Die Bahnarbeiter von Györ etwa gaben ein Flugblatt heraus, auf dem zu lesen war: „Wir sind gegen eine Restauration des Landes für die Aristokratie und einer Restoration der Industrie und der Banken für die Kapitalisten. Genauso sind wir gegen eine jede Restoration der stalinistischen Rákosi-Clique.“
Enttäuschte Arbeiter_innen und Intellektuelle, die früher noch auf die Lügen der kommunistischen Partei hereingefallen sind und die den antifaschistischen Enthusiasmus der Nachkriegszeit am Leben hielten, sind 1956 nicht ins westliche Lager übergelaufen.

Der gemeinsame Nenner der meisten revolutionären Strömungen war demokratischer Sozialismus. Man war allgemein entschlossen die Großindustrie, die Banken, das Bildungswesen oder die Gesundheitsversorgung in Staatseigentum zu halten und die Arbeiter_innenräte mit Regierungs- und Verwaltungsaufgaben zu betrauen.

Ein junges Sowjetsystem war entstanden, aber wegen des tiefen Hasses auf die Stalinisten nannte es niemand so. Es war noch völlig unklar, welches Verhältnis diese Arbeiterräte oder Komitees zu der Regierung von Imre Nagy haben würden. Das sollte sich ab Montag den 3. November entscheiden. Die Arbeiter_innen hatten beschlossen wieder zu arbeiten, aber wie die Arbeit organisiert würde, war noch offen.

Staatskapitalistische Diktatur

Moskau ließ es nicht so weit kommen und entsandte ein zweites Mal Panzer. Die nun folgenden Kämpfe waren brutal und dauerten bis Dezember 1956. Insgesamt starben rund 2500 Menschen. 200.000 Menschen flohen aus Ungarn.

Die russische Führung machte den Kommunisten János Kádár zum neuen Staatschef. Er sollte Nagy und Volkshelden wie Pál Maléter ersetzen. Sie wurden 1958 hingerichtet. Damit war Ungarn aber noch lange nicht befriedet. Das neue Regime traf allerorts auf passiven Widerstand und einen hartnäckigen Generalstreik.

Dann herrschte 30 weitere Jahre lang die Diktatur der Bürokraten, die sich selbst kommunistisch nannte. Die treffendste Bezeichnung für dieses System ist Staatskapitalismus, denn die Kapitalgesellschaften waren zwar in Staatsbesitz, aber sie beuteten die Arbeiter_innen genauso aus, wie privates Kapital im Westen das tut. Gleichzeitig gab es weniger Freiheiten und Demokratie als im Westen.

1956 kämpften und starben die Arbeiter_innen für eine echte Demokratie, aufgebaut und kontrolliertdurch Arbeiter_innenräte von unten. Das ist eine Vision, die angesichts der vielen, scheinbar unlösbaren Krisen, wieder sehr aktuell ist.

Dieser Artikel erschien zuerst auf linkswende.org, von Manfred Ecker.

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Ein Kommentar

  • 1
    Valter sagt:

    Hmm die Frage war doch wie kann ein Land so unmenschlich mit Flüchlingen umgehen. Also warum agieren sie so. Dabei dann die Revolution von 56 einzuwerfen ist Unwissenheit und zeigt nur das der Gastbeitrag die Seele der Ungarn nicht kennt. Da muss man sich dann schon etwas mehr mit der Geschichte der Ungarn auseinandersetzen und noch weiter in die Vergangenheit schauen als nur das vergangene Jahrhundert zu betrachten und auch Gespräche mit dem Menschen im Land führen.