Kolumbien: Ist der Klassenkampf schon vorüber?

23. Januar 2019 - 11:18 | | Politik | 1 Kommentare

Mit großem Getöse griffen Guerillaorganisationen, wie die selbsternannten Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia – Ejército Popular – kurz: FARC) und die Ejército de Liberación Nacional (kurz: ELN) im Laufe des 20. Jahrhunderts zur Waffe und versprachen die Befreiung der Arbeiterklasse. Durch einen Bombenanschlag, vergangenen Donnerstag, auf eine Polizeikaserne im Herzen der Hauptstadt Kolumbiens, bei dem mehr als 20 Personen getötet und über 60 weitere verletzt wurden, wird dieser lange vor sich hin schwelende Konflikt wieder aktuell. Doch was ist nach jahrzehntelangen Auseinandersetzungen und der Demobilisierung der FARC im Jahre 2016 vom Klassenkampf übrig? Von Salvatore Mancuso.

Schaut man auf das Kolumbien des 20. Jahrhunderts, so blickt man auf eine der gewaltsamsten Geschichten Lateinamerikas. Geprägt von politischen Unruhen, intellektuellen Brandstiftern und einer prosperierenden Drogenökonomie. Man blickt auf eine blutige Vergangenheit. Von der schier grenzenlosen Gier nach Macht und Reichtum angeführt, ist ein Teil der Bevölkerung eines scheinbar demokratischen Staates zum Autor eines brutalen Bürgerkrieges geworden, in dem klare Fronten von Beginn an nicht existierten. Nichtstaatliche Gruppierungen greifen zur Waffe, um ihre Ideologie durchzusetzen und den Staat auf gewaltsame Weise in die Knie zu zwingen. Unbeteiligte werden entführt, erpresst, ermordet und schnell wird klar, dass in diesem Krieg keiner gewinnen kann, zu groß sind die Verluste, die auf Seiten der Bevölkerung verzeichnet werden, zu groß sind der Frust und die Rachewünsche, als dass die Beilegung des Konfliktes auf einfachem Wege zu erreichen wäre.

Unzufriedenheit schlägt in Wut um

Am 09. April 1948 erstreckte sich ein politisches Erdbeben durch die Kolumbianische Republik. An diesem Tag fiel der damalige liberale Präsidentschaftskandidat Jorge Eliécer Gaitán einem Mordanschlag zum Opfer. Nach jahrelanger Misswirtschaft, betrieben von der konservativen Partei, trat der Anwalt Gaitán auf das politische Parkett und versprach den Sozialstaat zu stärken und eine Verbesserung der Lebensbedingungen von Millionen in Armut lebenden Menschen. Bevor der Präsidentschaftswahlkampf in die heiße Phase gehen sollte, streckte ihn ein geistig Verwirrter nieder, durch drei Schüsse aus einer Handfeuerwaffe vor seiner Kanzlei in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá. Was in den Folgejahren als Bogotázo in die Geschichtsbücher eingehen sollte setzte eine massive Widerstandsbewegung in Gang, durch die das Land bis heute nicht mehr zur Ruhe kommt.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht über den gewaltsamen Tod Gaitáns über das Radio. Während der Mörder von wütenden Passanten durch Lynchjustiz getötet und an den Füßen durch die hübsch gepflegten Straßen der Hauptstadt vor den Präsidentenpalast geschliffen wurde, rumort es in weiten Teilen des Landes. Die Bilanz: schätzungsweise 2.000 Tote Zivilisten und hunderte Verletzte. Es folgen zehn Jahre der gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen der Zivilbevölkerung und den staatlichen Kräften, die sogenannte Phase der Violencia (dt.: Gewalt), in der etwa 200.000 Menschen ihr Leben verloren.

In dieser Phase der Unruhen formieren sich, angeführt von Kadern der kommunistischen Partei, Widerstandsgruppen, die anfänglich hauptsächlich aus Bauern und Proletariern zusammengesetzt waren. Inspiration finden die jungen Guerrilla Gruppen in der kubanischen Sierra Maestra, wo sich der argentinische Arzt Ernesto „Che“ Guevara de la Serna und der kubanische Jurist Fidel Castro Ruz mit einer kleinen Gruppe Guerrilleros gegen das Batista-Regime stellten. Diese neue Form des bewaffneten Widerstandes mündete im Januar 1959 in der Verbannung des Diktators Fulgencio Batista und der Ausrufung des sozialistischen Kubas. Diesen Weg wollten auch die kolumbianischen Widerstandskämpfer gehen und bildeten im Laufe des 20. Jahrhunderts diverse linksgerichtete Guerrillaorganisationen, um die vom Staat unterstützten Paramilitärs und die Staatsmacht in die Knie zu zwingen.

Drogenbaron oder Revolutionär?

FARC Truppen, 2002

Die wohl stärkste und einflussreichste Guerrilla war die FARC. Die bekennenden Marxisten -Leninisten suchten durch den bewaffneten Kampf die Befreiung der Arbeiterklasse und die Errichtung einer Diktatur des Proletariates nach marxistischem Vorbild. Doch schnell verwischten die Konturen zwischen Revolutionsbestrebungen und Drogenökonomie. Als heranwachsender Weltlieferant für Kokain verhalfen die FARC dem Lande zum wenig beneidenswerten Beinamen des Koka-Königs. Sicherlich muss viel Geld beschafft werden, um den asymmetrischen Krieg gegen die von den USA bis zum Anschlag mit Waffentechnik versorgte kolumbianische Armee anzukommen. Doch bleibt die Frage berechtigt, ob Allianzen mit Drogenkartellen und Menschenhändlern in diesem Ausmaß nur dem Ziel der Revolution dienten.

Größter Abnehmer des Kokains waren und sind die USA. Ende der achtziger Jahre wurden mehrere hundert Tonnen Kokain jährlich in die USA geschmuggelt und die Kartelle und die kooperierende FARC badeten im neuen Reichtum. Doch damit nicht genug: Es ist bis heute unbekannt wohin die Millionen Dollar, die durch den Drogenhandel erwirtschaftet wurden, in den Strukturen der FARC versickerten. Keinen einzigen Cent haben sich weder der langjährige FARC-Kommandant Manuel Marulanda, noch irgendein anderer Kämpfer in die eigene Tasche gesteckt. Doch da das Geld anscheinend nicht reichte, erpresste Kommandant Marulanda durch Entführungen und Erpressungen hunderte tausend Dollar. Revolution? Fehlanzeige!

Was bleibt?

In einem beispiellosen Friedensprozess zwischen dem Friedensnobelpreisträger und kolumbianischen Präsidenten Juan Manuel Santos und der FARC wurde 2016 im kubanischen Havanna ein Friedensvertrag unterzeichnet, der die gewaltsamen Auseinandersetzungen in die Vergangenheit verbannen sollte, zugleich aber die sozialen Kriege zwischen arm und reich nicht antastet. Die Guerrilleros verpflichteten sich unter Aufsicht einer UN Mission ihre Waffen abzulegen, um dafür im Gegenzug für zwei Legislaturperioden Sitze im Parlament für die frisch gegründete Partei Fuerza Alternativa Revolucionaria del Común (FARC) zu erhalten.

Was nach außen hin als Meilenstein verkauft wurde, ist nun ein riesiger Trümmerhaufen. Die kolumbianische Gesellschaft ist tief gespalten in FARC Befürworter und FARC Gegner; die mehr als 300.000 Toten und Millionen von Vertriebenen scheinen einem willkürlichen Schicksal ausgesetzt zu sein. Kein Vergeben und kein Vergessen, skandieren die FARC-Gegner auf kolumbianischen Straßen und fordern die Todesstrafe für ehemalige Guerrilleros, die nun unbehelligt in die Gesellschaft reintegriert werden sollen. Hinzu kommt, dass die USA im Laufe des Krieges gegen die Guerrilla unzählige Militärbasen im ganzen Land errichtet haben und sich Kolumbien nun als Schützling des großen nordamerikanischen Bruders präsentieren muss.

Nachdem die letzte verbleibende Guerrillaorganisation Ejército de Liberación Nacional (kurz: ELN) vergangenen Donnerstag mit einem Autobombenanschlag auf eine Polizeiakademie im Herzen der Hauptstadt Bogotá wieder auf sich aufmerksam gemacht hat, kommen bei den Kolumbianern wieder alte Bilder hoch. Bei dem Anschlag starben 21 Menschen und knapp 70 wurden verletzt. Es ist nicht lange her, dass das Land von Terroranschlag zu Terroranschlag nicht einmal Zeit hatte die Scherben wegzukehren und aufzuatmen und plötzlich scheint die Zeit des Schreckens wieder zum Greifen nahe. Prompt hat der rechtskonservative Präsident Iván Duque reagiert und den laufenden Friedensprozess mit der ELN für beendet erklärt. Die außer Kraft gesetzten Haftbefehle gegen zehn Rebellenführer sind wieder in Kraft und die Hetzjagd beginnt von vorn. Tatsächlich ist der von der ELN ausgeführte Bombenanschlag ein erbärmlicher Hilferuf, um aus der Bedeutungslosigkeit emporzusteigen. Der Anschlag zeugt jedoch von einer nach wie vor tief gespaltene Gesellschaft, in welcher die Schere zwischen arm und reich soweit gespreizt ist, dass man sie schwerlich wieder zu schließen vermag. Für viele scheint der gewaltsame Weg als letztes legitimes Mittel.

Die Drahtzieher des Bombenanschlags müssen zweifelsfrei zur Rechenschaft gezogen werden. Es ist jedoch auch an der Zeit den Verteilungskampf anzugehen und Kolumbien wieder eine Perspektive zu geben. Das Sozialsystem muss gestärkt und der Einfluss US-Amerikanischer Großkapitalisten minimiert werden. Doch der neoliberale und wirtschaftsnahe Präsident Iván Duque verspricht keine Besserung.

„Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.“ (Karl Marx) Das gilt auch für Kolumbien und seine Bevölkerung. Solange sich die Kolumbianerinnen und Kolumbianer dem Kapitalismus unterwerfen und Waffengewalt irrtümlicherweise als einzige Alternative im Kampf gegen Unterdrückung erscheint, rückt der Frieden in weite Ferne.

Über den Autor

Salvatore Mancuso
Salvatore Mancuso arbeitet am Max Planck Institute for the Study of Societies.
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Ein Kommentar

  • 1
    Avatar Dilek Abbas says:

    Das ist ein solide ausgearbeiteter Artikel. Toll einmal ein Streiflicht über die Geschichte der Guerilla auf einen Blick zu sehen.
    Frage : wie verkleinert man den Einfluss von yankee Kapitalisten in einem mit den USA tief befreundeten Land? Liefert gerne mehr Infos darüber.