Juden gegen Rassismus: „Der Zentralrat spricht nicht in unserem Namen“

13. Dezember 2015 - 16:35 | | Politik | 5 Kommentare
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Jüdische Berliner haben gegen die Position des Zentralrats der Juden protestiert, der ein Limit für Flüchtlinge befürwortet. Ein Gespräch mit Yossi Bartal aus Jerusalem, der seit zehn Jahren in Berlin wohnt. Zusammen mit anderen jüdischen antirassistischen AktivistInnen organisierte eine Kundgebung unter dem Motto „Nicht in unserem Namen – Juden gegen Rassismus“.

Wladek Flakin: Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden, fordert eine Obergrenze für Geflüchtete in Deutschland. Wie reagiert die jüdische Community in Berlin auf derartige Aussagen?

Yossi Bartal: Es gibt viele jüdische Communities und auch viele Juden/Jüdinnen, die keiner solchen angehören. Juden/Jüdinnen in Deutschland vertreten fast alle Positionen, die in der Gesellschaft zu finden sind – bis auf die der NPD. So gibt es auch viele rechtspopulistische und rassistische Einstellungen, auch Leute, die auf Pegida-Demos gehen. Es gab aber auch viele, die bestürzt auf die Äußerungen von Schuster reagiert haben und sich im Gegenteil für die Rechte von Geflüchteten einsetzen.

Wladek Flakin: Wie lief die Kundgebung „Nicht in unserem Namen“ Ende November?

Yossi Bartal: Bis zu 100 Menschen versammelten sich. Der Zentralrat spricht in unserem Namen, obwohl wir keine Mitglieder sind. Wir wollen nicht, dass er Pauschalisierungen und Vorurteile gegen MigrantInnen verbreitet. Für uns ist das Recht auf Asyl nicht verhandelbar – vor allem aufgrund unserer familiären Geschichten. Fast jedeR von uns hat Familienangehörige verloren, weil sie kein Visum bekommen haben und weil kein Staat seine Grenze für sie aufmachte.

Wladek Flakin: Mit seiner Forderung nach Obergrenzen positioniert sich Schuster in der Nähe von RechtspopulistInnen von AfD und CSU. Entstehen hier neue Allianzen?

Yossi Bartal: Allianzen zwischen israelischen und europäischen Rechten existieren seit vielen Jahren. Die SiedlerInnenbewegung lädt auch immer wieder rechtsextreme PolitikerInnen aus Europa nach Israel ein. Ich sehe es nicht als besondere Entwicklung, dass konservative deutsche Juden/Jüdinnen die CSU oder die AfD unterstützen. Sie sind halt Deutsche, und manche von ihnen werden auch rechts und rassistisch wählen, solange diese rechten Parteien nicht zu offensichtlich Antisemitismus verbreiten.

Wladek Flakin: Unter jüdischen BerlinerInnen wird kontrovers diskutiert, ob es gefährlich ist, durch migrantisch geprägte Viertel wie Neukölln mit einer Kippa zu laufen. Wie schätzt du die Situation ein?

Yossi Bartal: Diese Diskussion ist für mich seltsam. Erstens tragen deutsche Juden/Jüdinnen normalerweise keine Kippa in der Öffentlichkeit. Zweitens kann man hier überall antisemitische Anfeindungen erleben – meiner Meinung nach eher in einem Brandenburger Kaff als in Neukölln.

In Vierteln wie Neukölln und Kreuzberg leben heute Tausende Juden/Jüdinnen, vor allem aus Israel. Die Zahl hat in den letzten Jahren enorm zugenommen. Die meisten fühlen sich sicher und verstecken sich keineswegs; sie lesen Bücher auf Hebräisch in der Bahn und sprechen laut hebräisch, wenn sie in arabischen Restaurants essen.

Es ist allerdings nicht überraschend, dass es auch hier manchmal zu Gewalt und Anfeindungen kommt – vor allem aufgrund der angespannten Situation in Israel/Palästina. Man kann aber nicht davon sprechen, dass es in den genannten Stadtteilen besonderes schlimm ist. MigrantInnen zu Hauptverdächtigen für Antisemitismus zu machen, ist faktisch falsch und zutiefst rassistisch. Die Zahlen zeigen ganz klar, dass antisemitische Verbrechen vor allem von Deutschen ausgehen. (5 Prozent aller antisemitischen Straftaten werden von Migranten begangen)

Wladek Flakin: Gibt es unterschiedliche Wahrnehmungen seitens jüdischer Menschen aus Israel, Deutschland, Russland und anderen Ländern?

Yossi Bartal: Natürlich gibt es große Unterschiede: Israelis in Deutschland sind liberaler, säkularer und linker eingestellt als die Mitglieder der jüdischen Gemeinden. (Eine neue Studie zeigt, dass Israelis in Berlin auch viel linker sind als der Durchschnitt in Israel.) Darüber hinaus sind sie stärker von der israelischen Politik desillusioniert, während Juden/Jüdinnen, die hier geboren sind, die rassistische Besatzungspolitik eher unterstützen.

Solche Einstellungen beeinflussen auch die Reaktionen auf die Geflüchteten aus dem Nahen Osten. Die Israelis hier verstehen besser, dass der Hass vieler AraberInnen – besonders bei PalästinenserInnen und LibanesInnen – gegen den Staat Israel keinem pathologischen Antisemitismus entspringt. Vielmehr handelt es sich um eine nachvollziehbare Reaktion auf Besatzung und Krieg. Wenn man wie der Vorsitzende des Zentralrats die israelische Politik richtig findet, sogar für heilig erklärt, dann müssen die AraberInnen irrational und hasserfüllt sein. Diese rassistische Logik wendet sich dann auch gegen SyrerInnen, die hier her kommen und sich für die israelische Politik nicht so sehr interessieren.
Das Interview erschien zuerst auf „Klasse gegen Klasse“

Über den Autor

Seit 2006 arbeite ich als Journalist in Deutschland – seit 2015 auch für die Freiheitsliebe. Ich mag dieses Medium, weil linke Strömungen aus der ganzen Welt debattieren können. Ich schreibe hauptsächlich über die Arbeiter*innenbewegung sowie das amerikanische Doppelkontinent – Polemik mag ich manchmal auch. Ich arbeite an der Zeitung Klasse Gegen Klasse von der Revolutionären Internationalistischen Organisation (RIO).

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5 Kommentare

  • 1
    Django Schins sagt:

    Falsch: Jüdische Berliner haben gegen die Position des Zentralrats der Juden protestiert, der ein Limit für Flüchtlinge befürchtet, weil er Muslime mit mehr Antisemitismus gleichsetzt.

    Richtig: Jüdische Berliner haben gegen die Position des Zentralrats der Juden protestiert, der befürchtet, dass den Flüchtlingen kein Limit gesetzt wird, weil er Muslime mit mehr Antisemitismus gleichsetzt.

  • 2
    ha Kohen sagt:

    Tja, was kann man schon von international-sozialistischen Fanatikern wie dem Genossen Flakin und seinen Artgenossen anderes erwarten? Die Wirklichkeit leugnen, damit sie ihre totalitäre Ideologie weiter pflegen können. DIE sprechen nicht im Namen von Juden und Israelis, auch wenn die sich das einbilden.

  • 3

    Mich würde interessieren, ob die Gruppe „Juden gegen den Rassismus“ meine Blueprinttheorie.de falsifizieren könnte, mit der ich behaupte, dass der auch von ihren Mitgliedern gebrauchte psychologistische Antisemitismusbegriff – persönliche Judenfeindschaft = „Antisemitismus! – den Zionisten in die Hände arbeitet, handelt es sich um deren Erfindung: DER ZIONISTISCHE ANTISEMITISMUSBEGRIFF http://wp.me/sxqev-4289

  • 4

    Ich verstehe nicht ganz, was das mit Rassismus zu tun haben soll – es geht doch darum, dass in Deutschland (und im durch deutsche Politik in Mitleidenschaft gezogenen Österreich) Fremde Einheimischen gegenüber bevorzugt werden; das geht schon so weit, dass soziale Not Einheimischer vollkommen von „den“ NGOs ausgeblendet wird (wie ich zumindest für Österreich sagen kann). Da wird dann ganz allgemein gesprochen, um konkret wieder nur über Flüchtlinge zu reden und zu vergessen, dass auch Einheimische KONKRET in Not sind, schikaniert werden, arm sind. Siehe https://alexandrabader.wordpress.com/2015/12/15/asyl-parallelwelten/ und was die Position von Juden betrifft, scheint der Flüchtlingshype ja auch der Verdrängung zu dienen, nämlich dass Nachbarn und Mitmenschen von Nachbarn und Mitmenschen denunziert, verraten, eingesperrt, deportiert, ermordet wurden; dh Lernen aus der Vergangenheit misst sich am Umgang mit hier Lebenden und nicht darin, Leute, die an die Grenzen drängen, mit allem zu überhäufen (während Obdachlose keine Decken etc. bekommen)

  • 5

    Sind Juden, die gegen die aktuelle Einwanderungspolitik sind, eigentlich rechte Juden oder Nazi Juden? Den Gedankengängen der Gutmenschen und Lügenpresse folgend ist das doch die konsequenteste Interpretation?! Traurig aber wahr.