Es geht um die Zukunft – 68 und wir

3. November 2018 - 12:00 | | Politik | 1 Kommentare

Es gibt Zeiten, in denen kaum jemand daran glaubt, dass eineandere Welt möglich ist. Dann gibt es Zeiten, in denen nur ein paar Überzeugtedaran glauben, dass der Kapitalismus nicht das Ende der Geschichte sein kann.Und dann gibt es noch Zeiten, in denen große Veränderungen für eine Vielzahl vonMenschen so nah zu sein scheinen wie nie zuvor. Zu Letzteren gehörte wohl das Jahr1968.

Es war weltweit die Zeit einer kollektiv gelebten und vor allem gefühlten konkreten Utopie: Die verschiedensten sozialen Bewegungen und Kämpfe zeigten damals, dass eine humanere Gesellschaft möglich ist. Dass unser Leben anders und freier gestaltet werden kann, dass Nazis kein Recht auf Posten und Propaganda haben, dass die koloniale Unterdrückung des globalen Südens durch den Westen und die rassistische Herrschaft in den USA durch den Zusammenschluss der Unterdrückten infrage gestellt werden können.1968 ist ein Beweis dafür, dass die Geschichte von Menschen gemacht wird.

 In Zeiten des Wandels

Der Charakter unserer Zeit scheint bisher noch unentschieden: Während Zehntausende gegen neue Polizeigesetze und das Sterben im Mittelmeer, mehr Personal in der Pflege oder bezahlbaren Wohnraum auf die Straße gehen, gewinnt auch die Rechte weiter an Zulauf. Mehrere Tausend Nazis ziehen prügelnd durch Chemnitz und jagen alle, die nicht in ihr Weltbild passen. Die Polizei? Schaut zu. Die Regierung? Warnt davor, dass unsere „liberalen Werte“ in Gefahr seien. Kein Wort zum jahrelang geschürten Rassismus, zum jahrelang ignorierten rechten Terror. In akuter Gefahr aber sind keine Werte, sondern Menschen und ihre Rechte. Doch um die scheint es den Herrschenden nicht zu gehen. Und so waren es in der Geschichte immer Menschen in Bewegung, die versuchten sich ihre Rechte und ein gutes Leben zu erkämpfen. Von der Existenz einer parlamentarischen Demokratie bis zur Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, vom Frauenwahlrecht bis zur Verfassten Studierendenschaft: Was uns heute wahlweise als „liberale Werte“ oder „soziale Marktwirtschaft“ präsentiert wird, ist in Wahrheit Ergebnis der Kämpfe von Gewerkschaften, Feministinnen, Sozialistinnen – von Menschen.
So auch 1968.
Erkämpft wurde damals in Westdeutschland zum Beispiel die Mitbestimmung von Studierenden und Mitarbeitenden in der Universität. In Gang gesetzt wurde eine Bildungsexpansion: Neugründung von Universitäten, Einführung von Gesamtschulen, verkleinerte Schulklassen, neue Lernmethoden. Entscheidend geschwächt wurde der Wiederaufbau einer faschistischen Partei, der NPD, die zuvor bei 7 Landtagswahlen über 5% holte und offenbart wurde die bis dahin verschleppte Aufarbeitung des deutschen Faschismus. Auf internationaler Ebene trugen die Antikriegsproteste und Aktionen in Deutschland ihren Teil dazu bei, dass die mächtigste Militärmacht der Welt in Vietnam eine Niederlage erlitt. In Folge von 1968 fand die Frauenbewegung zu neuer Stärke und die Gewerkschaften erlebten ihren bisher letzten großen Aufschwung.

Der große Aufbruch

1968 war also nicht die Geburtsstunde eines scheinbar „weltoffenen und liberalen“ Deutschlands, sondern ein Jahr der Kämpfe. BRD, USA, Mexiko, Frankreich, Brasilien, Tschechoslowakei, Jugoslawien, Großbritannien, Spanien, Japan, Palästina – das sind nur ein paar wenige der Länder, in denen vor allem – aber nicht nur – junge Menschen ihr Leben in die Hand nahmen. Der Philosoph Herbert Marcuse, der auf die Bewegungen in den USA und in Deutschland einen enormen theoretischen Einfluss ausübte, beschrieb das Gefühl, das diese Menschen vereinte, in seinem „Versuch über die Befreiung“ wie folgt: »Die jungen Rebellen wissen oder fühlen, dass es dabei um ihr Leben geht, um das von Menschen, das zum Spielball in den Händen von Politikern, Managern und Generälen wurde.« Und vielleicht noch entscheidender: Er beschrieb auch, dass dieses Gefühl verbunden war mit der Einsicht in die Möglichkeit von gesellschaftlicher Veränderung durch Auseinandersetzung und Konflikt. Was 1968 also auch auszeichnet, ist eine Kultur des Aufbegehrens: War Politik zuvor vor allem Aufgabe alter Männer in Parlamenten und Talkshows, so wurde sie jetzt zu einer Frage des Alltäglichen, zu einer Frage, die alle etwas angeht. Wer hat festgelegt, dass der Professor in seiner Autorität unantastbar oder die Art und Weise unserer Liebesbeziehungen vorgegeben ist? Wer hat bestimmt, dass Frauen an den Herd sollen? Wer hat gesagt, dass Eltern ihre Kinder schlagen dürfen? 1968 fand in vielen Feldern statt, und doch ging es um das Ganze. In Westdeutschland hatte eine zunächst relativ kleine Gruppe von Studierenden einen wichtigen Anteil an dieser politischen Kultur des Aufbegehrens. Der SDS („Sozialistischer Deutscher Studentenbund“), 1961 aufgrund seiner Radikalität aus der SPD ausgeschlossen, war Kristallisationspunkt und Antreiber der Proteste in den späten 60er Jahren. Er war keineswegs ein Debattierclub, spätestens als Rudi Dutschke den SDS maßgeblich prägte war seine Politik eine der Bewusstseinsbildung durch Kämpfe und Aktionen und damit auch von kalkulierter Provokation. So trug er dazu bei, dass aus einigen der Studierenden, von denen in einer repräsentativen Studie im Jahre 1959 noch die große Mehrheit angegeben hatte, sie würden gegen ein undemokratisches Regime keinen Widerstand leisten, für eine kurze Zeit die Speerspitze der größten antikapitalistischen Bewegung im Nachkriegsdeutschland wurde. Für ein paar Monate geriet die deutsche Regierung immer weiter unter Druck und Dutschke damit ins Rampenlicht. Dass die BILD ihn zum Staatsfeind Nummer 1 erklärte war Ausdruck der Tatsache, dass es der SDS war, der die Demo gegen den Besuch des Schahs von Persien 1967 die Proteste gegen die Notstandsgesetze oder den großen internationalen Vietnamkongress 1968 organisierte.

Auf ein Neues!

Die Revolution, die Veränderung des großen Ganzen, blieb aus. Den Studierenden gelang es nicht, die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich zu bringen. So schnell die Weltrevolution in die gefühlte Nähe Vieler gekommen war, so schnell wurde sie wieder Fernziel einzelner. Die Gründe dafür sind vielfältig, doch es lag auch daran, dass die „jungen Rebellen“ ihre Macht überschätzen, die Arbeiter*innenklasse, also letztlich all diejenigen, die im Laufe ihres Leben darauf angewiesen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, als zentrales Subjekt gesellschaftlicher Veränderung vernachlässigten. So heißt von 1968 lernen auch verstehen, dass wir als Studierende Teil eines größeren Ganzen sind. Wir können Prozesse anstoßen und auf Missstände aufmerksam machen, wir können unsere Studienbedingungen verbessern, die Welt aber können wir nur mit den Vielen, das heißt heute zum Beispiel im Bündnis mit der LINKEN, den Gewerkschaften und anderen sozialen Bewegungen verändern. 1968 standen junge Menschen wie wir vor schwierigen Entscheidungen: Ertragen wir weiter die Bilder des Krieges in Vietnam? Schauen wir einfach zu, wenn sich der Staat 20 Jahre nach Ende des Faschismus wieder an unseren Grundrechten zu schaffen macht? Lassen wir es zu, dass ein paar alte Männer unsere Zukunft und die des ganzen Planeten bestimmen? Millionen wählten damals den Weg des Mutes und waren nah dran, die Welt grundlegend zu verändern. Fragen wir uns also: In welchen Zeiten wollen wir leben? Denen des Aufbruchs oder denen des Niedergangs? Ich für meinen Teil will die Zeiten erleben, in denen wir all den Mist hinter uns lassen und uns eine Welt erkämpfen, wie sie noch niemand gesehen hat: eine Welt, in der wir Menschen gemeinsam und ohne Sorgen unser Leben genießen können. Denn darum geht es: um unser Leben. Wem wir es überlassen ist offen: den Politikern, Managern und Generälen oder uns selbst. Wir müssen uns entscheiden.

Über den Autor

Critica ist die Studierendenzeitung des SDS (http://www.linke-sds.org/media/critica/)

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