Was lasen die 68er?

23. Mai 2018 - 12:00 | | Kultur | 0 Kommentare

Vor 50 Jahren begann eine Revolte, die die alte Bundesrepublik aufrüttelte. Doch welche AutorInnen prägten die Studierenden, die die Gesellschaft umgestalten wollten? Unsere Buchempfehlungen

Frantz Fanon – „Verdammte dieser Erde“

Frantz Fanon war ein karibisch-französischer Psychiater, der im algerischen Bürgerkrieg auf der Seite der Befreiungsfront (FLN) Menschen behandelte. Unter diesem Eindruck schrieb er Verdammte dieser Erde, einen Essay über Entkolonialisierung, in welchem er Ursachen, Formen und Folgen des Kolonialismus psychoanalysierte und Schlussfolgerungen für die Befreiung zog. Es erschien 1961 mit einem Vorwort von Jean-Paul Sartre, der es vor allem für die Desillusionierung und Beschämung der KolonisatorInnen lobte. Doch Fanon geht weiter; er beschreibt die Notwendigkeit des vollständigen Rückzugs der Kolonialmächte und der eigenständigen Entwicklung der entkolonisierten Völker sowie die Überwindung der kolonialgesellschaftlichen Widersprüche auf dem Weg zur Selbstständigkeit. Für die 68er war Fanons Werk wichtig als theoretische Grundlage und als argumentatives Rüstzeug im Kampf gegen kolonialistische Ignoranz. Sie solidarisierten sich mit der Dritten Welt und hofften geradezu auf deren Befreiung als Moment der Revolution. So veranstaltete der SDS 1968 einen Vietnam-Kongress und solidarisierte sich mit dem vietnamesischen Befreiungskampf gegen die USA. Kolonialismus ist bis heute nicht überwunden. Trotz eigener Staaten werden die Völker der sogenannten Dritten Welt in neokolonialer Gefangenschaft gehalten: Das Spardiktat des Internationalen Währungsfonds verbietet ihnen den Aufbau einer verarbeitenden Industrie und hält sie als Rohstofflieferanten in Abhängigkeit zu den ehemaligen Kolonialmächten. Der Internationale Strafgerichtshof veranstaltet Prozesse gegen Dritte-Welt-Politiker, ohne europäische und amerikanische ÜbeltäterInnen zu richten. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion nehmen auch direkte militärische Interventionen in den ehemaligen Kolonien rasant zu. Wer Fanon liest, erkennt die heutige Situation in vielen damaligen Textpassagen wieder und erhält obendrein Einblick in progressive Alternativen zu der Abhängigkeit dieser Länder.

Herbert Marcuse – „Versuch über die Befreiung“

 Das Buch Der eindimensionale Mensch von Herbert Marcuse, dem kritischen Theoretiker der Emanzipation, wie ihn der berühmte ehemalige SDS-Aktivist Hans-Jürgen Krahl nannte, ist wohl sein bekanntestes. Sein hier eher pessimistischer Grundton gegenüber der Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse speist sich aus der Erkenntnis, dass die Herrschaftsverhältnisse im Kapitalismus gerade deswegen so schwer zu verändern sind, weil sie ein eindimensionales und somit positivistisches Denken der Individuen herstellen. Sie manipulieren, „verblenden“ die Menschen, die das System somit tagtäglich unkritisch reproduzieren. Ein Jahr nach den Ereignissen von 1968 veröffentlichte Marcuse seinen Essay Versuch übe r die Befreiung . Seine Beobachtungen aus dieser bewegten Zeit verändern seine Sicht auf die Verblendung der Menschen. Nun schreibt er optimistisch und unglaublich pathetisch: „Neuerdings hat sich diese bedrohliche Homogenität gelockert; eine Alternative bricht jetzt in das repressive Kontinuum ein“. Es sind vor allem die Studierendenbewegung und die „kämpferischen Minderheiten“, die sich gegen die Kolonialherrschaft des Westens auflehnen. In diese legt Marcuse neue Hoffnung. Es ist der Entwurf einer Revolutionstheorie, deren Begriff von Befreiung weit über die bloße Sozialisierung der Produktionsmittel hinausgeht. Es geht, wie Krahl Marcuse verteidigt, um die „konkrete Utopie des Kommunismus“, die in den Kämpfen der 68er zu Tage kommt. Manchmal wirkt die triebtheoretische Begründung Marcuses schräg, wenn er argumentiert, dass einer Revolution die grundlegende Veränderungder Triebstruktur vorauszugehen hat: „andere Reaktionen des Körpers und des Geistes“ müssen etabliert werden. Doch zugleich ist hier eine Erkenntnis angelegt, die zu oft in revolutionstheoretischen Debatten unter den Tisch fällt: dass jede Strategie ihr Subjekt nicht abstrakt verstehen darf, sondern als konkrete, lebende und fühlende Menschen: „Die heutigen Rebellen wollen neue Dinge in neuer Weise sehen, hören und fühlen; sie verbinden Befreiung mit dem Auflösen der gewöhnlichen und geregelten Art des Wahrnehmens.“ Insofern lohnt es sich auch heute, einen genauen Blick auf den von Marcuse entwickelten Leitbegriff einer „Neuen Sensibilität“ zu werfen. Nicht nur, weil er die Dimension politischer Strategie bespricht, die den Menschen in seiner wirklichen Existenz versucht wahrzunehmen, sondern auch, weil kaum ein anderer Begriff die Dimension der Sensibilität jener Zeit so treffend auf den Punkt bringt. Politik ist, so lernt man mit Marcuse, auch ein emotionales Unterfangen.

Rosa Luxemburg – „Sozialreform oder Revolution?“

 Vor dem Ersten Weltkrieg war in der ArbeiterInnenbewegung und der SPD ein Grundsatzstreit ausgebrochen. Kann der Sozialismus durch viele kleine Reformen, die letztlich das Leben der ArbeiterInnen verbessern oder nur durch eine große Auseinandersetzung mit den herrschenden Eliten, eine Revolution, erreicht werden? Auf der einen Seite dieses sogenannten Revisionismusstreits machte sich der Flügel um Eduard Bernstein, der ehemalige Sekretär von Friedrich Engels, für eine Politik der kleinen Schritte stark, bei der das Endziel an Bedeutung verliert und es vielmehr (nur) um ganz konkrete Verbesserungen der Lebenslage geht. Dagegen trat Rosa Luxemburg dafür ein Reformen als Element einer revolutionären Praxis zu begreifen. Mit Reformen alleine ist der Sozialismus nicht zu erreichen, allerdings bieten sie die Möglichkeit die Bedingungen der politischen Auseinandersetzung zugunsten der ArbeiterInnen zu verbessern. Mit der Wiederentdeckung des linken Denkens 1968 waren auch maßgeblich utopische Vorstellungen verbunden die politischen Verhältnisse mit revolutionärer Gewalt umzuwerfen. Rosas Schrift gab den AktivistInnen einen Ansatz zur Hand ihren revolutionären Anspruch und Reformpolitik zusammenzudenken. Sie lieferte ihnen – insbesondere in Westdeutschland, wo keine Parteien von Relevanz links der SPD existierten – eine Idee davon, wie es nach dem Scheitern der Aufstände in Paris oder Prag politisch mit der Bewegung weitergehen könnte. Sei es nun in der DKP, der SPD oder verschiedenen linken Kleingruppen. Auch heute ist diese Frage nach wie vor relevant. Schaut man sich den Zustand der SPD an und ihre Unfähigkeit positive Visionen zu entwickeln und voranzutreiben, so kann man erahnen, welche langfristigen Auswirkungen der Sieg der bernsteinischen Reformpolitik in diesem Konflikt hatte. Insofern kann Luxemburgs Schrift heute noch als Intervention für die Bewahrung utopischen Denkens in der Politik und der Sehnsucht nach der Überwindung aller unmenschlichen Verhältnisse werden. Ohne diese Elemente ist linke Politik langfristig nicht denkbar.

Shulamith Firestone – „The Dialectic of Sex: The Case for Feminist Revolution”

Shulamith Firestone ist eine radikalfeministische Vertreterin der US-amerikanischen Frauenbewegung. Geschlechter versteht sie als Klassen, die die Grundlage aller Unterdrückung bilden. Frauen sind demnach als ganze Klasse ökonomisch abhängig  von Männern, weil sie für das Gebären und Betreuen der Kinder verantwortlich gemacht werden. Ähnlich wie bei Simone de Beauvoir ist Geschlecht keine biologische Gegebenheit, sondern wird erst durch die Gesellschaft sozial und kulturell aufgeladen. Ausgangsort für diese Unterdrückung ist laut Firestone die Kleinfamilie, in der die Mutter die Kinder versorgen muss. Der Vater ist frei davon. In den Familien werden die Kinder auch erst zu „Männern“ und „Frauen“ gemacht. Auf dieser Gegenüberstellung und der daran anschließenden Hierarchisierung von Männern über Frauen baut die gesamte westliche Kultur auf. Die romantische Liebe in der Kleinfamilie und zwischen den Geschlechtern dient so allein der Verschleierung von Unterdrückung. Firestone fordert eine Revolution, um die Geschlechterunterschiede zu überwinden. Ausgangspunkt dessen ist die Selbstbefreiung der Frauen: sowohl von der „Tyrannei der Fortpflanzung“, von der ökonomischen wie politischen Abhängigkeit vom Mann als auch sexuell. Als Grundvoraussetzung dafür sieht sie die Abschaffung der Familie. Firestones Buch war besonders für die Zweite Frauenbewegung sehr wichtig. Ihre scharfe Kritik an der männlich dominierten Studierendenbewegung traf den Nerv vieler AktivistInnen. Feminismus und Geschlechterfragen sollten nicht länger als nachrangig gelten. Noch heute tragen Frauen die Hauptverantwortung für Kinder und andere zu versorgende Menschen in den Familien und der Gesellschaft. Sie arbeiten viel häufiger in schlecht bezahlten und wenig anerkannten Berufen, in denen es um die Versorgung anderer geht. In Deutschland wird von Frauen mehr als doppelt so viel Hausarbeit verrichtet wie von Männern.

Über den Autor

Critica ist die Studierendenzeitung des SDS (http://www.linke-sds.org/media/critica/)