Die schwarzen Bolschewisten

2. Juni 2017 - 16:09 | | Politik | 0 Kommentare

Paul Heidemann erzählt die kaum bekannte Geschichte der African Blood Brotherhood, die die erste Generation der schwarzen sozialistischen Kader in den USA rekrutiert und ausgebildet hat. Zwei Dinge passierten im November, die für Radikale interessant sein sollten.

Erstens, das Aufbegehren antirassistischer Aufstände auf Universitätscampus zeigt eindrucksvoll, dass die Black Liberation Movement, welche durch die „Black Lives Matter“-Bewegung ins Leben gerufen wurde, noch nicht verebbt ist. Zweitens, der 98-jährige Jahrestag der Oktoberrevolution markiert den Punkt, an dem die Arbeiterklasse ihrer Befreiung vom Kapitalismus am nahesten gekommen ist.

Diese Ereignisse scheinen komplett zusammenhangslos. Welche beiden Dinge könnten weniger miteinander zu tun haben, als antirassistische Aufstände auf amerikanischen Campus und der Jahrestag einer Revolution, die am Rande Europas in einem ganz überwiegend weißen Land stattfand?

So seltsam es auch heute aussehen mag, für eine vorherige Generation von schwarzen Radikalen wäre die Verbindung zwischen dem Aufbegehren von Mizzou und dem bolschewistischen Sieg offensichtlich gewesen.

In der Realität haben zur Zeit der Revolution schwarze Radikale in den ganzen USA die Geschehnisse in Russland mit Begierde verfolgt, voller Überzeugung, dass in dem Sieg von Lenins Bolschewisten in der Oktoberrevolution auch für ihren eigenen Befreiungskampf essentielle Lehren steckten. Schwarze Aktivisten jeglichen Hintergrundes diskutierten den Grund der Revolution, von Nationalisten wie Marcus Garvey bis zur NAACP von W.E.B. Du Bois.

Von all diesen Gruppen war eine der radikalsten (und deshalb bis heute unbekanntesten) Gruppen die African Blood Brotherhood (ABB). Die ABB war eine kleine Organisation, die landesweit wahrscheinlich nie die 3.000 Mitglieder überschritt.

Ihre Bedeutung überstieg bei weitem ihre Mitgliederzahl, da Mitglieder der ABB früh den Kern der schwarzen Kader der Kommunistischen Partei bilden würden, was sie in den 1930er und 1940er Jahren zur Rekrutierung von abertausenden schwarzen Mitgliedern und zum militanten Kampf für die Befreiung der Schwarzen befähigte.

Die ABB wurde 1919 von Cyril Briggs gegründet, einem Immigranten von der karibischen Insel St. Kitts. Briggs war während des ersten Weltkrieges Schriftsteller für eine der größten schwarzen Zeitungen in Harlem, doch wurde aufgrund pazifistischer Schriften gefeuert. Er ließ sich jedoch nicht beirren und gründete sein eigenes Blatt, „The Crusader“, das als Propagandaorgan für seine radikale, schwarze und nationalistische Politik diente.

Briggs gründete die ABB als Antwort auf den „roten Sommer“ von 1919, der nach einer grausamen Welle von Lynchmorden und Rassenunruhen benannt wurde, die in jenem Jahr ausbrachen. Sie wurde als eine Art Geheimgesellschaft für schwarze Selbstverteidigung gegen rassistische Gewalt gegründet. In der Werbeanzeige, die im „The Crusader“ anlässlich ihrer Gründung erschien, forderte Briggs seine Leser heraus, da „nur solche sich bewerben brauchen, die bereit sind, bis zum Limit zu gehen.“

Als Briggs mit der Zeitschrift begann, war seine Politik die des radikalen schwarzen Nationalismus. Ursprünglich von Woodrow Wilsons Rede über „das Recht der Nationen auf Selbstbestimmung“ inspiriert, realisierte Briggs schnell, dass Wilson nicht die Absicht hatte, diese wohlwollenden Worte auf die kolonialisierte Welt anzuwenden.

Von der öffentlichen Politik desillusioniert, fing Briggs an zu argumentieren, dass die Befreiung der kolonialisierten Welt und der schwarzen Amerikaner in den USA nur durch militärischen Widerstand gegen Rassismus und Staat durchgesetzt werden könne.

Mit beißendem Humor ausgestattet, fand Briggs Vergnügen im Aufzeigen der Schwachstellen der weißen Gesellschaftsschicht. Als Antwort auf den Versuch des Justizministeriums gegen seine Zeitung während des Krieges hart durchzugreifen, veröffentlichte er schadenfroh die Schlagzeile „Wir Reizen das Geweißte Justizministerium.“

Der Staat richtete seine Aufmerksamkeit gegen das Journal aufgrund einiger Straftaten, wie zum Beispiel „Missbrauchs am weißen Mann.“ Briggs trug die staatlichen Repressionen wie eine Auszeichnung voller Stolz und erklärte, dass „um in den Augen von Crackerdom als ‚gut erzogen‘ zu gelten, wir gezwungen wären unsere Publikation einzustellen.“ [A.d.R.: „cracker“ war ein abwertender Begriff für Weiße].

In seinem ersten Jahr spendete „The Crusader“ den Ereignissen in Russland nicht wirklich Aufmerksamkeit. Briggs war, obwohl in die Zusammenarbeit mit Radikalen in der Socialist Party interessiert, kein ursprünglicher Marxist. Er war gegenüber den weißen Arbeitern in den USA und Europa misstrauisch, zu oft hatten sie die Kolonialabenteuer ihrer Länder unterstützt oder wurden direkt Ausführende der Gewalt gegen schwarze Menschen.

Zur Verdeutlichung; Briggs hatte keine Illusionen über die herrschende Klasse des Landes, der er einen großen Anteil der Schuld für die Unterdrückung gab, welcher schwarze Menschen ausgesetzt waren. Doch der Aufruf zum interrassischen Aufstand gegen das Kapital schien ihm ein Risiko zu sein, dass der schwarzen Leben nicht wert war.

Ende 1919 (um die Gründung der ABB herum) begann Briggs indes sich mehr für Marxismus und Sozialismus zu interessieren. Zweifellos von dem lebhaften intellektuellen Milieu des Radikalismus in Harlem beeinflusst, in welchem politische Größen wie Hubert Harrison regelmäßig marxistische Theorien in den Straßenecken lehrten, las sich Briggs tiefer in den Marxismus ein.

Die Philanthropie von Andrew Carnegie in „The Crusader“ diskutierend, empfahl Briggs seinen Lesern Marx Schrift „Wert, Preis und Profit“ über den wahren Ursprung der Millionen des Stahlbarons. Er behauptete, dass der kapitalistische Profit durch die Ausbeutung der Arbeiter generiert wird und dass weiße Arbeiter genauso unter dieser Ausbeutung leiden, wie es schwarze Arbeiter tun. Er gewann außerdem ein weitreichendes Interesse an der Idee des Primitiv-Kommunismus und schrieb einige Werke über die Analyse des sozialen Systems Afrikas und seinem Bezug zur vorliegenden Thematik.

Zur selben Zeit richtete Briggs seine Aufmerksamkeit vermehrt auf das, was in Russland passierte. Er war deutlich von den Fortschritten der Sowjets bei der Bekämpfung des Antisemitismus beeindruckt, dessen Intensität in Russland mit jenem anti-schwarzen Rassismus in den USA vergleichbar war.

Als die Geißel der Rassenunruhen und Lynchmorde 1919 im ganzen Land um sich griff, blickte Briggs voller Hoffnung nach Russland, wo nur ein paar Jahre zuvor die Pogrome gegen die Juden ähnliche Ausmaße angenommen hatten. Denn nun, obwohl die Regierung nur angebliche Pogromtäter verfolgte und verhaftete, waren mit Leo Trotsky und Gregory Zinoviev Juden in führende Positionen der Arbeiterräte gewählt worden.

Während er den Tulsa Aufstand von 1921 diskutierte, nach dem sich Schwarze aus Oklahoma, die es gewagt hatten gegen die brutale Gewalt von Weißen anzukämpfen, nun in der Haft wiederfanden, bemerkte er, dass Tulsa beispielhaft zeige, „was für eine Art der Gerechtigkeit den Juden im kapitalistisch-zaristischen Russland widerfahren ist, bevor sich die Arbeiter aller Rassen in ihrem Zorne erhoben und die kapitalistisch-zaristische Kombination gestürzt haben… Nun erlangen die Arbeiter aller Rassen Gerechtigkeit – in Russland. Wie lange noch werden die Schwarzen in Amerika dem kapitalistischen Unsinn zum Opfer fallen?“

Briggs war außerdem von der Art und Weise beeindruckt, mit der die Bolschewiken die Kolonialfrage lösten. Kurz nach der Machtübernahme veröffentlichten die Sowjets all jene Geheimverträge, die das Zarenreich mit den anderen kapitalistischen Mächten hinsichtlich des Schicksals der Kolonien unterschrieben hatte. Somit offenbarten sie, dass selbst sich miteinander im Krieg befindliche kapitalistische Staaten zusammen arbeiteten, um ihre Kolonien zu sichern.

Russland war selber eine Kolonialmacht, da es dutzende von asiatischen Nationen in Ketten hielt. Die Bolschewiken beendeten auch diese Praktik, da sie all jenen kolonialisierten Staaten das Recht auf Selbstbestimmung garantierten.

Aktionen wie diese veranlassten Briggs zur ironischen Feststellung, dass die Bolschewiken „ein schlechtes Beispiel für die versklavten Völker unter britischer und französischer Herrschaft [sind].“ Die imperialistischen Verbrechen rezitierend, fragte Briggs: „Ist das die ‚Demokratie‘, für welche die Ausbreitung des Bolschewismus eine Bedrohung darstellt? Dann sollte Gott die Ausbreitung des Bolschewismus in Europa, Asien und Afrika und in jedem Land, wo Unterdrückung herrscht, unterstützen!“

Briggs wachsende Identifikation mit dem Marxismus und der Russischen Revolution veranlassten ihn und den Rest der ABB-Führungsriege der Kommunistischen Partei im Sommer 1921 beizutreten.

Die anderen Führer, die ihm folgten, waren unter anderem Richard B. Moore, der der berühmteste Redner der Partei in Harlem werden würde; Harry Haywood, welcher einer der Cheftheoretiker der Partei bezüglich der „Schwarzen-Frage“ für die kommenden Dekaden werden sollte und Claude McKay, ein Poet jamaikanischer Abstammung, dessen „If We Must Die“ zum Schlachtruf der Schwarzen im Widerstand gegen Lynchmorde werden sollte.

Briggs und die anderen schwarzen Radikalen schauten nach Russland, da sie der Überzeugung waren, dass Rassismus und Kolonialismus nicht ohne einen kompletten Neustart der Gesellschaft besiegt werden könnten.

Sie kamen auf mehrere Wege zu diesem Schluss. Die Jubelrufe und Brutalität der weißen Herren spitzten sich während des Roten Sommers von 1919 zu und vernichteten den Gedanken, dass Rassismus durch das Verändern des eigenen Verhaltens, wie es die Anhänger von Booker T. Washington dachten, oder durch ein schrittweises Ändern der Gesetze, wie es die Strategie der NAACP war, eliminiert werden könnte.

Zur gleichen Zeit machte die explosionsartige Ausbreitung von Protesten in Italien, Russland und den USA (die 1919 die größte Streikwelle in ihrer Geschichte erlebten) Hoffnung, dass eine andere Welt möglich ist. Vor diesem Hintergrund sahen schwarze Radikale wie Briggs die Befreiung der Schwarzen als Teil eines weltweiten Aufbegehrens gegen Unterdrückung.

Heutzutage sind solch große Ambitionen hinsichtlich der Befreiung selten. Die Jahrzehnte der neoliberalen Beschallung und die parallele Schwächung der Befreiungsbewegungen machen es sehr schwer sich einen globalen Kampf gegen jegliche Form der Unterdrückung vorzustellen.

Eine daraus folgende Konsequenz ist, dass radikale Bewegungen jeder Couleur an einem sehr begrenzten Horizont leiden, auf wesentlich geringere Ziele als die Befreiung aller hoffend. Unter diesen Bedingungen ist es für angehende Rassisten nicht unüblich, dass sie ihre Bemühungen beim Ändern des eigenen Verhaltens, oder jenes ihrer Umgebung, einschränken.

Die Mächte, die Briggs und eine ganze Generation an schwarzen Radikalen zum Blick nach Russland zwangen, sind immer noch da. Obwohl Lynchmord nicht mehr die Rolle spielt, die er eins in der Unterdrückung der Schwarzen spielte, hat moderne Polizeigewalt gezeigt, dass sie diesen Ball ohne große Probleme aufnehmen kann. Schwarze Amerikaner leiden auch heute noch genauso unter staatlicher und weißer Gewalt, wie sie es 1919 taten.

Genau wie damals dient internationale Solidarität immer noch als Mittel zur Schärfung des Profils radikaler Politik. Der inspirierende Austausch zwischen Demonstranten in Palästina und Ferguson im letzten Sommer hat uns daran erinnert, dass unsere Bewegung am stärksten ist, wenn sie sich selber mit allen Aufständen gegen Unterdrückung verbindet.

Die Geschichte von Briggs und seinen Kameraden dient auch heute noch als Inspiration für mehr Politik dieser Art. Obwohl wir immer noch in einer Zeit leben, die vieles von einer Niederlage der radikalen Bewegung hat, kann die Beziehung zwischen den schwarzen Radikalen und der Russischen Revolution uns an die Träume erinnern, die der radikalen Bewegung einst zu ihrem Höhepunkt verholfen haben.

Die Wiederentdeckung dieser Träume ist Teil dessen, was notwendig ist, um diesen Zenit wieder zu erreichen – und hoffentlich zu überschreiten.

Ein Artikel von Paul Heideman veröffentlicht auf socialistworker.org und übersetzt Felix Wittmeier!

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