Wir müssen uns mit den Reichen anlegen – Im Gespräch mit Katja Kipping

3. Juni 2017 - 11:36 | | Politik | 0 Kommentare
Katja Kipping (Foto: Linke NRW/ flickr.com/ CC-Lizenz)

In den letzten Jahrzehnten ist die Spanne zwischen Armen und Reichen immer weiter auseinandergegangen, Versprechen auf mehr soziale Gerechtigkeit hört man pünktlich zum Wahlkampf von allen Parteien. Eine der wenigen Parteien, die sich immer sozial positioniert hat, ist die Linke, wir haben mit Katja Kipping gesprochen.

Critica: Viele Studis machen sich Gedanken über ihre Zukunft und glauben nicht länger an berufliche Sicherheit nach ihrem Studium – zurecht?

Katja Kipping: Wir müssen Einiges grundlegend ändern, wenn wir nicht wollen, dass unbezahlte Praktika oder Hartz IV für viele nach dem Studium auf der Tagesordnung stehen. Wir müssen auch für andere Arbeitsbedingungen an den Hochschulen streiten, damit das Springen von einer befristeten Stelle zur nächsten nicht jegliche Planbarkeit des eigenen Lebens verunmöglicht.

Critica: Was hat sich in den letzten 30 Jahren verändert, dass sich diese Unsicherheit entwickeln konnte?

Katja Kipping: Spätestens seit der Wende hat die neoliberale Elite ganze Arbeit beim Abbau sozialer Sicherheiten geleistet. Wohnraum und Energie wird laufend privatisiert, Mieten steigen. Statt die Möglichkeiten des technischen Fortschritts und der Digitalisierung für alle nutzbar zu machen, wird Arbeit nur unterschiedlich verteilt: die einen arbeiten zu viel, die anderen gezwungener Maßen wenig oder gar nicht. Technischer Fortschritt muss in Form von Zeitwohlstand allen zugutekommen.

Critica: Was kann gegen diese Prekarisierung getan werden?

Katja Kipping: Ich glaube, dass der Wunsch nach Veränderung gerade unter jungen Menschen immer größer wird. Und gleichzeitig wächst die Erkenntnis, dass man selbst mitanpacken muss. Das zeigen der große Einsatz in der Flüchtlingssolidarität, die steigenden Eintrittszahlen in DIE LINKE und die wachsende Teilnahme an Demos gegen Rechts oder zum Frauen*kampftag. Sich auf der Straße und an den Unis einzumischen, ist der wichtigste Schritt. Wir müssen uns mit den Reichen anlegen und Reichtum von oben nach unten umverteilen. Und wir müssen die Arbeit umverteilen – eine Arbeitswoche um die 30 Stunden genügt. Im Leben aller sollte gleich viel Zeit für Erwerbsarbeit, Familienarbeit, gesellschaftliches Engagement und Muße sein.

Critica: Du hast den Themen Migration, Flucht und Rassismus ein ganzes Buch gewidmet. Wie haben die vielen Geflüchteten, die nach Deutschland gekommen sind, dieses Land verändert?

Katja Kipping: Da denkt man natürlich als erstes an brennende Flüchtlingsunterkünfte und den Aufstieg von Pegida und AfD. Man muss aber auch an die Millionen Menschen denken, die sich in der Flüchtlingssolidarität engagiert haben oder noch immer tun. Ich denke, dass sich auch viel Menschlichkeit verbreitet hat, sie ist nur oft noch zu leise. Unsere Aufgabe ist es, jetzt für gleiche Rechte für alle zu kämpfen und dafür, dass niemand Angst davor hat, anders zu sein. Dieses Ziel zu erreichen, geht uns alle an.

Über den Autor

Critica ist die Studierendenzeitung des SDS (http://www.linke-sds.org/media/critica/)