Die Macht der Migration

11. Februar 2019 - 16:02 | | Politik | 1 Kommentare

Kaum etwas wird so oft diskutiert wie Migration, diejenigen, die selbst migriert sind kommen dabei aber eher selten zu Wort. Das von Massimo Perinelli herausgegebene Werk „Die Macht der Migration“ ändert das und stellt linke Perspektiven über Migration in den Vordergrund und Migration als Chance dar.

Die Beiträge in dem Werk, in dem zehn verschiedene Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und Aktivistinnen von Günter Piening interviewt werden, beschäftigt sich mit einer Vielzahl von Fragen zur Migration. „Das Buch versteht sich somit auch als Beitrag, um Migrationspolitik als Transformationsprojekt zu begreifen“, heißt es in der Einführung und macht damit deutlich: Es geht nicht ausschließlich darum, Migration als etwas Normales zu verstehen, sondern auch um die Frage, wie Migration als positive verändernde Kraft verstanden werden kann. Die renomierte Migrationssoziologin Naika Foroutan, die im ersten Interview zu Wort kommt, zieht Resümee über die Entwicklung und die Bedeutung des Begriffs „postmigrantisch“ und was er für die Gesellschaft bedeutet.

Sie schließt das Interview mit einem Fazit, welches mutmacht: „Kürzlich las ich den schönen Vergleich, dass erstmals seit Langem die Leute nicht mehr nur auf die Straße gehen, um sich beim Marathon einer Selbstoptimierung hinzugeben, sondern um für demokratische Werte zu demonstrieren. Das ist doch eine schöne postmigrantische Entwicklung.“

Der Gewerkschafter Peter Birke dagegen betrachtet migrantische Klassenkämpfe, die Entwicklung der Rolle von Gewerkschaften im Migrationsprozess und die Frage, wo diese noch scheitern. Dabei macht er deutlich, warum abstrakte Solidarität nicht reicht und die Arbeiterbewegung aus dem Fundus ihrer Werte schöpfen muss. Dies bedeutet für ihn auch eine Kritik am rein nationalorientierten Wohlfahrtsstaatmodel. Dem stellt er eine universalistische Perspektive entgegen: „Soziale Rechte gründen sich in der gemeinsamen Existenz in einem Gemeinwesen und müssen darum für alle gelten. Viele Konflikte in der Geschichte der Arbeiterbewegung können im Spannungsverhältnis dieser beiden Pole gelesen werden. Es wäre wichtig, diesen Konflikt immanent anzusprechen und Positionen, die Wohlfahrt als universales Prinzip verstehen, das ein Recht für alle Anwesenden begründet, zu stärken.“

Vassilis S. Tsianos, Kanak-Attak-Aktivist, stellt in seinem Interview eine Kritik am Solidaritätsbegriff ins Zentrum und fordert stattdessen Sozialität der Subalternen. So berechtigt seine Kritik an den Abhängigkeitsverständnissen linker Bewegungen zu Migranten auch sein mag, so wenig nachvollziehbar seine grundsätzliche Kritik an der Solidarität. Denn statt diese konkret auszuformulieren, wird der Versuch unternommen, einen wichtigen Wert durch neue Formen zu ersetzen, ohne eine Synthese von alten Idealen und neuen Ideen zu versuchen.

Paul Mecheril erläutert ausgehend von den Werten, die sich die Gesellschaft selbst gibt, das Problem Rassismus in ihr anzuerkennen und eine mögliche daraus folgende Krise der Legitimität. Auch die reine Willkommenskultur stellt er in Frage und fordert ein Umdenken: „Das ist mehr und anderes als jene Barmherzigkeit, die in Deutschland als eine Art nationaler Selbstgenuss im Sommermärchen der Barmherzigkeit 2015 gefeiert wurde. Solidarität ist mehr und anderes, da es den Anderen auch als politisches Subjekt anerkennt, das für sich sprechen kann und darf.“

Während die Beiträge von Tsianos und Mecheril eher abstrakt und im theoretischen Diskurs verhaftet sind, erläutert Ulrike Hamann die Situation in den Willkommensiniativen. Dabei greift sie die Veränderung auf, die diese verursacht haben, sowohl in der Gesellschaft als auch für die teilhabenden Individuen. Trotz der vielen positiven Aspekte sieht sie auch Kritisches in diesen Bewegungen, wenn sie mangelnde Öffentlichkeitsarbeit und auch die von einigen erwartete Dankbarkeit kritisiert.

Rainer Bauböck dagegen beschäftigt sich, an Hannah Arendt anknüpfend, mit der Frage des Staatsbürgerschaftsrechts und entwickelt daraus folgernd das Modell einer modernen Citizenship im Wahlsystem. Seine Perspektive stellt einen Fortschritt gegenüber dem Status Quo dar, warum er allerdings ein Wahlrecht auf allen Ebenen, für jene die lange in einem Land leben, nicht ausdefiniert, bleibt dagegen fraglich. Trotzdem stellt sein Beitrag einen lesenswerten Ansatz zur Frage des Wahlrechts dar.

„Die Anforderung an linke Feministinnen ist es also, im Sinne der postkolonialen Theorie die Prozesse zusammenzudenken – Sexismus und Rassismus, Imperialismus und Liberalismus. Wenn wir diese komplexeren Untersuchungen vornehmen, laufen wir nicht mehr so schnell in politische Sackgassen“, heißt es in María do Mar Castro Varelas Beitrag. Sie analysiert darin das Versagen von linken und feministischen Bewegungen im Umgang mit dem Status Quo, wie auch in der Verbindung von Kämpfen. Ihre postkoloniale Analyse und das Entwickeln einer Utopie stellt dabei eine hoffnungsfrohe Herangehensweise dar. Denise Garcia Bergt zeigt anhand der Kämpfe auf dem Berliner Oranienplatz die Notwendigkeit, dass Geflüchtete selbst ihre Stimme erheben, statt im Paternalismus zu verweilen.

Bernd Kasparek stellt in seinem Beitrag das Grenzregime in Frage und analysiert, wie dieses weiterentwickelt werden kann. Mag man seinen Beitrag als zu positiv zur EU sehen, so sind seine Gedanken zur Entwicklung des Grenzregimes und zur Überwindung des Abschottungssystems doch sehr lesenswert. Der abschließende Beitrag kommt von der Soziologin Manuela Bojadžijev, die eine Überarbeitung des linken Koordinatensystems fordert, um eine Verbindung von Kämpfen zu sehen und das Positive dieser als Chance betrachtet.

Insgesamt liefert das Buch viele spannende Ansatzpunkte und mag man auch nicht mit jedem einzelnen Punkt übereinstimmen, so stellt es bestehende Ideen in Frage und entwickelt neue Utopien. Schön fasst dies Bernd Kasparek zusammen, wenn er aus der Utopie eine konkrete Frage entwickelt: „»No nation, no border« ist in der Tat keine Politik, aber ist vielleicht eine Utopie, die die richtige Frage aufwirft, wie wir zu einem Moment kommen, wo eine bestimmte Kategorisierung von Menschen keine Rolle mehr spielt.“

Über den Autor

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Ich habe 2009 die Freiheitsliebe gegründet aus dem Wunsch, einen Ort zu schaffen, wo es keine Grenzen gibt zwischen Menschen. Einen Ort an dem man sich mitteilen kann, unabhängig von Religion, Herkunft, sexuelle Orientierung und Geschlecht. Freiheit bedeutet immer die Freiheit von Ausbeutung. Als Autor dieser Webseite streite ich für eine Gesellschaft, in der nicht mehr die Mehrheit der Menschen das Umsetzen muss, was nur dem Wohlstand einiger Weniger dient.
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Ein Kommentar

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    Avatar Karl Krähling says:

    Wesentliche Herausforderungen, die zunehmend in die Politik einfließen, scheinen nicht andiskutiert worden sein – oder hat diese der Rezensent überlesen: die Folgen der Migration für das Gesundheitswesen, die Sozialversicherungen, das Bildungssystem und den Wohnungsmarkt – wie auch für die Etablierung eines durchsetzbaren Mindestlohns, von den Folgen der Segregation, Ausschluss und Selbstausschluss bestimmter Communities für heranwachsende Mädchen oder Frauen gar nicht zu reden.