Die Freiheit ist noch auf dem Weg nach Gaza – Im Gespräch mit Zohar Chamberlain Regev

1. August 2018 - 10:17 | | Politik | 1 Kommentare
Zohar Chamberlain Regev im Gespräch mit dem Musiker und politischen Kommentatoren Jonathan Ofir an Bord der Al Awda in Kopenhagen, Dänemark.

Zohar ist gerade gegen Kaution aus dem israelischen Gefängnis freigekommen. Wie sie dort gelandet ist, und was das mit der katastrophalen Lage Gazas und Palästinas und mit israelischer Politik und Piraterie zu tun hat, erklärt die israelische Staatsbürgerin in diesem Interview.

Christoph Glanz: Danke, dass du dir in dieser schwierigen Situation die Zeit genommen hast, um unsere Fragen zu beantworten. Erkläre uns bitte: Was ist die “Freedom Flotilla Coalition” (FFC)? Was ist eure Mission?

Zohar Chamberlain Regev: Die “Freedom Flotilla Coalition” besteht aus einer Reihe nationaler und internationaler Kampagnen und Organisationen, die bereits seit mehr als einem Jahrzehnt die illegale und unmenschliche Blockade, die durch Israel über den Gazastreifen verhängt wurde, kritisch herauszufordern. Unsere Mission ist es, ein Bewusstsein für die Verstöße gegen die Bewegungsfreiheit der Palästinenserinnen und Palästinenser in Gaza zu schaffen und durch gewaltfreie direkte Aktionen internationalen Druck  aufzubauen, der Israel dazu animieren soll, die Blockade aufzuheben.

Christoph Glanz: Warum ist die Lage in Gaza so verzweifelt? Warum haltet ihr Israel für diese Zustände verantwortlich?

Zohar Chamberlain Regev: Der Gazastreifen wird von über zwei Millionen Palästinenserinnen und Palästinenser bewohnt, von denen 70% Flüchtlinge von 1948 sind. Es ist der dichtbesiedeltste Ort der Welt und hat mehr als ein halbes Jahrhundert unter militärischer Besatzung gelitten. Manche nennen den Streifen ein Freiluftgefängnis, allerdings werden die meisten Gefängnisse nicht regelmäßig bombardiert. Die Zivilbevölkerung Gazas ist Opfer einer Kollektivstrafe und ist als direktes Resultat der Blockade nicht nur nicht in der Lage die eigene Wirtschaft zu entwickeln, sondern kann ohne humanitäre Hilfe nicht einmal überleben, da es selbst an der basalsten Infrastruktur mangelt.

Als Besatzungsmacht ist Israel verantwortlich für das Wohlergehen der Bevölkerung Gazas. Faktisch profitiert Israel indirekt von der internationalen Hilfe, die direkt nach Gaza geht, denn diese lindert damit das Leiden, das Israel verursacht hat.

Christoph Glanz: Wie lange habt ihr von Bergen in Norwegen -dem Startpunkt der Flotilla- bis ins Mittelmeer mit Kurs auf Gaza gebraucht? Welche Häfen habt ihr angesteuert und welche besonderen Erlebnisse hattet ihr?

Die Al Awda auf ihrem Zwischenstop im Hafen von Wilhelmshaven. Im Vordergrund lokale Unterstützer der FFC mit BDS-Schriftzug.

Zohar Chamberlain Regev: Die Al-Awda (arab. für: Rückkehr), unser größtes Schiff, hat Bergen am 30. April verlassen. Wir haben Häfen in Norwegen, Schweden, Dänemark, Deutschland, den Niederlanden, dem britischen Kanal, Frankreich, Spanien, Portugal und Italien angefahren. Diese dreimonatige Reise war uns genauso wichtig wie das eigentliche Ziel. Die Palästinenserinnen und Palästinenser in Gaza haben uns gebeten, unsere Stimmen in ihrem Namen zu erheben. In jedem Hafen haben wir an den unterschiedlichsten Veranstaltungen teilgenommen, alle organisiert von den jeweiligen lokalen Unterstützergruppen: es gab öffentliche Debatten, Demonstrationen, Kulturveranstaltungen, Empfänge durch Politikerinnen, Politiker und Institutionen. Wir haben viele Aktivistinnen und Aktivistengetroffen, die durch unser Beispiel ermutigt wurden neue, kreative Wege zu gehen, um eine Politik mit mehr Respekt für die Menschenrechte durchzusetzen. In Kopenhagen passierten wir tausende Menschen auf unserem Weg in den Hafen, die somit die Gelegenheit hatten, unsere Boote zu bestaunen und sich zu fragen, was es damit auf sich hat. In Amsterdam waren wir Teil einer Parade durch die Kanäle. In Paris wurde den kleineren Segelschiffen Mairead und Falestine zwar nicht erlaubt anzulegen, aber wir standen dennoch im Zentrum des Medieninteresses. Im Norden Spaniens hat das Regionalparlament abgestimmt, uns zu unterstützen und von der Zentralregierung zu verlangen Druck auf Israel aufzubauen, die Blockade zu beenden. In Cádiz hatten wir die Möglichkeit an einer Konferenz mit Palästinenserinnen und Palästinensern aus der Westbank teilzunehmen. Die Bürgermeister Neapels und Palermos haben unsere Boote besucht und ihre Unterstützung zugesichert.

Diese Art von Graswurzelbewegung wird bewirken, dass die Gerechtigkeit sich durchsetzt.

Christoph Glanz: Was geschah am 29. Juli? Warum gibt es kein Videomaterial von der Übernahme eures Schiffes?

Zohar Chamberlain Regev: Am Sonntag segelten wir in internationalen Gewässern 46 Meilen vor der Küste Gazas, als wir von der israelischen Marine kontaktiert wurden. Sie verlangten unseren Zielhafen zu wissen. Wir antworteten darauf, dass wir mit ihnen nichts zu besprechen hätten, da wir als norwegisches Schiff das Recht auf eine unbehelligte, friedliche Durchfahrt haben.

Um 13:30 wurden wir zuerst von Kriegsschiffen umringt und dann von maskierten Soldaten geentert. Diese übernahmen die Kontrolle über das Boot, nachdem sie gewaltsam die Menschenkette durchbrochen hatten, die versucht hatte, die Brücke zu schützen. Mindestens zwei Aktivisten, Charlie und Mike, wurden dabei getasert, im Gesicht und am Hals. Mindestens vier Menschen wurden mit Kabelbindern gefesselt; diese waren so eng, dass sie die Blutzirkulation zu den Händen kappten. Der Kapitän und der Chefmaschinist wurden dann durch Schläge zur Kooperation gezwungen, um das Schiff fahrtüchtig zu halten. Unsere persönlichen Sachen einschließlich unserer Pässe wurden uns weggenommen und wir wurden gegen unseren Willen in den Hafen von Ashdod gebracht.

Diese Operation stellt einen Akt der Piraterie dar und die Besatzungsarmee hat kein Interesse daran, ihn öffentlich bekannt zu machen. Daher gehörte es zu den ersten Maßnahmen der Soldaten an Bord, uns alle Kameras, Handys und anderen elektronischen Geräte wegzunehmen. Alle Übertragungen wurden blockiert und soweit ich weiß, wird das konfiszierte Material selten zurückerstattet. Sie haben halt nicht gerade den Wunsch, dass ihre kriminellen Akte offen sichtbar sind.

Christoph Glanz: Wie ist die Situation zum jetzigen Zeitpunkt? Was ist mit dir und den anderen Aktivistinnen und Aktivisten?

Zohar Chamberlain Regev: Alle an Bord der Al Awda mussten sich  erkennungsdienstlich behandeln lassen sobald wir in Ashdod ankamen; das beinhaltete Metalldetektoren, Scans, körperliches Absuchen gefolgt von medizinischer Untersuchung und einer Befragung. Die internationalen Aktivistinnen und Aktivisten wurden den Einwanderungsbehörden übergeben und zu einem Gefängniszentrum namens Givon überstellt. Mittlerweile wurden einige von ihnen außer Landes geschafft und andere müssen sich noch einer Verwaltungsanhörung im Rahmen des Deportationsprozesses stellen.

Als eine von zwei israelischen Staatsangehörigen, wurde ich schnell durch diesen Prozess geschleust und dann in Polizeigewahrsam genommen. Die gegen uns erhobenen Anklagen hörten sich recht schwerwiegend an, aber dann wurden wir befragt und auf Kaution freigelassen, was die Frage aufwirft, ob es nicht einfach die Absicht war, uns einzuschüchtern.

Christoph Glanz: Wieviele Boote der Flotilla sind noch auf dem Weg? Wann ist geplant, dass sie die Nähe Gazas erreichen?

Zohar Chamberlain Regev: Leider haben die beiden kleinen Segelboote die letzte Wegstrecke nicht geschafft. Die Freedom ist jedoch weiterhin auf ihrem Weg nach Gaza und wir hoffen, dass sie in den nächsten Tagen ihr Ziel erreichen wird.

Christoph Glanz: Was ist deine Botschaft an die Lesenden, die dieser Geschichte folgen? Was können sie tun?

Wie menschenunwürdig die Situation in Gaza verdeutlicht der Umgang mit Trinkwasser. le Rechte: www.visualizingpalestine.com 2012. Mittlerweile

Zohar Chamberlain Regev: Unsere Bemühungen mit der Flotilla sind nur ein Vorwand, um über Palästina, über die Besatzung und das Unrecht der Blockade gegen Gaza sprechen zu können. Was geschehen muss, ist, Israel zur Verantwortung zu ziehen.

Es ist wichtig, klar zu machen, dass die Aufrechterhaltung der Blockade und der Besatzung sehr teuer für Israel wird und zwar sowohl ökonomisch als auch ethisch. Die israelische Zivilbevölkerung mag das nicht erkennen, aber ihr eigener wirtschaftlicher Kampf hat viel damit zu tun, wie viele Ressourcen des Landes in die Unterdrückung der Palästinenser*innen gesteckt werden. Wir streben nach einer gemeinsamen Zukunft und diese wird nur möglich sein wenn individuelle und kollektive Menschenrechte für alle garantiert werden können- und darum segeln wir wieder und wieder. Diese Aktion richtet sich in keiner Weise gegen Menschen, vielmehr bezweckt sie, uns alle daran zu erinnern, dass es eine Vorbedingung der Menschlichkeit ist, mit anderen solidarisch zu sein und sich hinter sie zu stellen, wenn sie Freiheit und Gerechtigkeit verlangen.

An die Menschen gerichtet, die diesen Artikel lesen, würde ich gerne sagen, dass es ihre Verantwortung ist, die mediale Blockade zu durchbrechen- sprecht mit euren Familien, euren Freunden, euren Kindern! Schafft eine öffentliche Debatte, die die Kritik am Bruch von Menschenrechten zulässt und zwar unabhängig davon, wo dieser stattfindet!

Um die Blockade zu durchbrechen, müssen wir eine Massenbewegung schaffen, die die Menschenrechte verteidigt und unsere Regierungen dazu zwingt, zu handeln- und endlich Sanktionen gegen Israel zu ergreifen.

 

 

(Dem Artikel werden fortlaufend Updates hinzugefügt.)

Zohar Chamberlain Regev lebt seit 14 Jahren in Spanien und ist offizielle Vertreterin/ Aktivistin der Freedom Flotilla Coalition auf der Al-Awda.

Das Interview führte Christoph Glanz, Palästina-Aktivist aus Oldenburg.

Über den Autor

Ein Kommentar

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    Hans Schafgans says:

    Nacio en 1953 en Colonia y he conocido las consequencias de la II Weltkriegs en mi familia. Estoy comprometido con la lucha por los derechos humanos.