Die Angst der „Old Labour“ vor dem Sieg von Jeremy Corbyn

13. August 2015 - 12:46 | | Politik | 0 Kommentare
Jeremy Corbyn - lewishamdreamer / Flickr
Jeremy Corbyn – lewishamdreamer / Flickr

Sie brauchen es jetzt nicht mehr länger vortäuschen. Lange Zeit haben wir gehört, dass Liz Kendall die Labour-Spitzenkandidatin ist, die die Konservativen am meisten fürchten. Die rechtsgerichteten Medien und die Tories behaupten immer, sie haben Angst davor, dass Labour den rechtesten, der Tories am ähnlichsten Kandidaten wählt – den, den die Konservativen und die rechten Medien hofieren und preisen, und ihn dann zu ihrem Anführer machen.

Das ist seither Teil einer tiefgründigen ideologischen Strategie, dass wenn es nur oft genug wiederholt wird, ihre Annahme, dass die Wählerschaft in den Grundsätzen rechts ist und alle politischen Fragen mit rechts beantwortet werden müssen, für selbstverständlich gehalten wird.

Diese Behauptung kann jetzt nicht mehr bestehen. Nachdem sie Jeremy Corbyn aufstellten, haben sie ihn ausgelacht. Nun bringen sie einen Schwall von Panik und Hass vor. Jeden Tag gibt es ein neues Gerede um dasselbe Thema.

Corbyns Unterstützer machen sich reumütig klein vor dem Medieninquisition: Sie wollten eigentlich gar nicht, dass er eine Chance bekommt. Labours rechter Flügel droht sich abzuspalten, wenn Corbyn gewinnt. Parlamentsmitglieder von Labour planen im Geheimen einen Putsch, wenn Corbyn gewinnt. Es geht wieder zurück zur sozialdemokratischen Partei, wenn Corbyn gewinnt (man kann nur hoffen, dass das wahr wird). Es geht zurück in die 1970er, wenn Corbyn gewinnt. Zurück zur UdSSR, wenn Corbyn gewinnt. Sputnik triumphiert wieder, wenn Corbyn gewinnt. Die Kommunisten verschwören sich, um die Labour-Partei an sich zu reißen, so Harman (Harriet Harman, Oppositionsführerin der Labour, Anmerkung) die darauf drängte, die Wahl abzusagen.

Es ist aber nicht nur die reaktionäre Presse: Es geht ständig so, von populistisch Rechts bis Mitte Links. Die Koryphäen der Liberalen, von Jonathan Freedland bis Helen Lewis, Suzanne Moore oder Anne Perkins; alle zeigen die selbe boshaft herablassende Haltung: Corbyns Anhänger sind einfältig und dumm, Rüpel aus altsteinzeitlicher Vergangenheit, Hysteriker, die nur mit Emotionen und Hormonen denken, Hippies mit Sonnenstich, die außer über Regenbögen und weiche Wolken wenig nachdenken. Nicht einmal dieser noch relativ freundliche Beitrag des Guardian kann sich zurückhalten: „Sie verstehen die nuancenreichen Botschaften der anderen Kandidaten nicht und runzeln nur die Stirn, um ihr Unverständnis zu zeigen“. Und so weiter.

Um es klar zu sagen. Der Kandidat, den die Konservativen am meisten fürchten, ist Jeremy Corbyn. Sie wissen, dass wir nicht 1981 haben, und sie wissen, dass er kein unberechenbarer Egomane ist. Sie wissen, dass in einem ideologisch instabilen Klima, in welchem die vorherrschenden Parteien ein zunehmend unsicheres Verhältnis mit ihrer Basis haben, Unerwartetes passieren kann.

Das ist genau das Gegenteil dessen, was der ehemalige Premierminister Tony Blair gesagt hat: Es gibt nicht so etwas wie eine Garantie, ein „traditionelles Ergebnis“ einzufahren. Sie können schlicht nicht wissen, was das Ergebnis wäre, wenn Corbyn gewänne, weil sie sich gar nicht vorstellen konnten, dass er überhaupt eine Chance hat.

Und bemerkenswerterweise hat er wirklich eine Chance. Das Meinungsforschungsinstitut YouGov platziert ihn ungefähr 20 Prozentpunkte vor seinen nächsten Rivalen Andy Burnham und sprechen ihm eine komfortable Führung auch bei den Zweitpräferenzen zu. Das mag falsch sein, aber so falsch kann es nicht sein. Selbst wenn man bedenkt, dass die Zahl derer, die noch unschlüssig sind bei einem Fünftel der Befragten liegt, ist er sicherlich weit weg von „aus dem Rennen zu sein“.

Also, er kann es schaffen. Es heißt nicht, er wird es auch: der rechte Labour-Flügel ist ideenreich und gut vernetzt. Der Spitzen der Project-Fear-Artikel gegen Corbyn in der Presse – inklusive der liberalen Medien – die Corbyn in kindischster Art und Weise zu diffamieren, könnten erfolgreich sein. Wir hoffen aber, dass sie es nicht sein werden. Wir hoffen, dass die Labour-Mitglieder aus dem Verinnerlichen von Niederlagen und der Hoffnungslosigkeit ausbrechen. Hoffen wir, dass sie sauer genug sind, immer benutzt missbraucht, misshandelt und herabgelassen von den „Experten“ zu werden, und vor allem von einem „Mistkerl“ wie Blair, und es für Project Fear nach hinten losgeht.

Corbyn könnte also gewinnen. Das bedeutet aber nicht, dass ich die 3 Pfund bezahlen werde und mich als Anhänger dazuzugesellen und für ihn zu stimmen. Im Moment gibt es ziemlich viele Trittbrettfahrer – so wie bei den Grünen letztes Jahr – und der Labour-Party einfach beizutreten und dann wieder zu verlassen, ist aber nutzlos.

Warum sollte man für Corbyn stimmen, wenn man sich nicht ihm anschließt und unterstützt und versucht, die Labour-Party wieder aufzubauen? Er wird schwach genug sein gegenüber der gefestigten Machtbasis der alten rechten Bürokratie, ohne den ganzen Haufen an Leuten aus der Basis, die, sobald die Wahllokale schließen, gehen werden am Tag danach. Corbyn wird nicht gewinnen, wenn er von außen diejenigen hineinzuziehen versucht, die kein Interesse an Labours Langzeitperspektive haben, die keine Identifikation verspüren. Er wird stattdessen nur siegen, wenn er Labour erschüttert und neue Mitglieder gewinnt, die sich gerade politisiert haben.

Noch wichtiger aber ist, dass ich nicht einmal glaube, dass Corbyn den Verfall, auch bekannt unter der „Pasokifikation“ („pasokification“, engl.), aufhalten kann. Nicht einmal, wenn er den Luxus haben sollte, eine Basis zu haben, die bewusst daran arbeitet, Labour von unten her zu erschüttern und eine soziale Bewegung zu schaffen, wie Corbyn es beabsichtigt.

Ich denke, ein Sieg Corbyns würde für die Linke neue Möglichkeiten eröffnen. Es würde die Sparer in die Defensive drängen. Es würde den Gewerkschaftlern, den Beschäftigten im Gesundheitswesen, den Aktivisten gegen Kürzungen im Wohlfahrtstaat, den Antirassisten, und jeder Gruppe, der Labour gerade volle Verachtung schenkt, Selbstvertrauen geben.

Der rechte Labour-Flügel ist ideologisch schwach, politisch ist es jedoch nicht. Seine Basis im Volk ist viel dünner, als sie es einmal war, aber ihre bereits gefestigte institutionelle Macht ist erheblich, während die Linke beim Aufbau einer Basis fast wieder von null anfangen muss. Sie hatte in den vergangenen 30 Jahren keine führende Position mehr innerhalb der Labour gehabt.
Labours strukturelle Beziehungen zum Staat, zur Wirtschaft und den Medien, stärken die Macht der Rechten ganz besonders. Corbyn, als der Anführer, wäre eine leichte Beute für Angriffe von Rechts, und so würde er unter ständigen Beschuss bestehen, linken Positionen abzuschwören.

Er würde eine Verantwortung spüren, eine geeinte Opposition zu den Tories herzustellen, zu verhindern, dass sein Schattenkabinett auseinanderfällt, und den Druck auf Öffentlichen Dienst und Medien zu begrenzen. Er würde fortlaufend gezwungen sein, Kompromisse einzugehen, von seinem derzeit moderat linken Programm. Seine Führung wäre unglaublich angreifbar. Kurz gesagt: der Zustand der Labour ist nichts, was man innerhalb einer neuen Führungsperiode ändern kann, da es das Ergebnis dessen ist, was in den letzten Jahrzehnten durch „Klassenkämpfe“ und dem, was dabei rauskam, aufgelaufen ist.

Das ändert aber nichts an der Gesamtsituation. Es bedeutet auch nicht, dass wir keine Verantwortung haben, Corbyn zu unterstützen, Project Fear zu untergraben, auf allen Wegen, die uns zur Verfügung stehen. Nicht nur die Linke in der Labour schwach, es ist die Linke als Ganzes.

Ja, Corbyn wäre ziemlich isoliert an der Spitze und Erfolge im Stile einer Sturzgeburt sind sehr anfällig. Ja, er wird versuchen, die Waage zugunsten der Linken zu kippen, in einer Lage, in der unsere Kräfte so unglaublich aufgebraucht sind.

Ein ganz struktureller Aspekt der heutigen Situation, dass in einem größer werdenden Vakuum, geschaffen durch den Niedergang der traditionellen Parteienbindung, Einzelne und auch Gruppen plötzlich Einfluss nehmen können, unabhängig von ihren eigentlichen sozialen Herkunft, wenn das, was sie sagen, ideologisch Zuspruch in der gelebten Wirklichkeit finden. Wir schaffen so etwas nicht einfach nur mit Willenskraft. Wir müssen vielmehr mit dem Wenigen, was wir an Vorteilen haben, arbeiten.

Corbyn hat den Durchbruch geschafft, und dieser gibt uns Möglichkeiten. Es wäre dumm und unverantwortlich, darauf zu verzichten.

Ein Artikel von Richard Seymour dem Autor von verschiedenen Büchern wie „The Liberal Defence of Murder“ und „Against Austerity“. Er schreibt auf Lenin’s Tomb, der Artikel erschien zuerst im Jacobin Magazin, übersetzt aus dem Englischen von Martin Dudenhöffer, BA in Politikwissenschaften und Hispanistik an der Uni Mannheim.

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