Der Kampf um den Wald – Wie einige Hundert WaldbesetzerInnen dem Energieriesen RWE die Stirn bieten

4. Dezember 2017 - 15:09 | | Politik | 0 Kommentare
By mohamed challouf (Own work) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Matschig und kalt ist es am vergangenen Mittwoch im Hambacher Forst. Auf einem durchweichten Pfad betritt man den Wald, seitlich vorbei an einem Wall aus Ästen und Zweigen. Man schlittert mehr, als dass man geht.  Fünfzig Meter weiter passiert man einen knietiefen Graben, der den Weg quer durchschneidet, und schlängelt sich anschließend an einem weiteren Wall aus Holzstücken und Reisig vorbei.

Hier kommt so leicht kein Fahrzeug mehr in den alten Wald, dessen Existenz bereits seit dem Mittelalter urkundlich belegt ist. Ein naturnaher „Maiglöckchen-Stieleichen-Hainbuchenwald“. Große alte Bäume unter deren Dach die nächste Generation Wald natürlich heranwächst und ein Waldboden, der nicht aussieht wie frisch gefegt. Das  liegen gebliebene Holz ist Lebensraum für Pilze und Insekten. Hier ist gleich eine ganze Reihe seltener oder geschützter Arten zu Hause, wie z.B. die Bechsteinfledermaus, die Haselmaus, der Springfrosch und der Mittelspecht. Unübersehbar aber auch die Wunden, die fünf Jahre Kampf für seine Rettung dem Hambacher Forst zugefügt haben. Eine Lichtung, wo vor wenigen Jahren noch hohe Bäume standen. Wo Waldbesetzer ihre Baumhäuser gebaut hatten, ließ RWE sie vertreiben und die Bäume roden.

RWE, der Name steht für das drohende Ende des alten Waldes. Der Energieriese aus Essen betreibt im Rheinischen Braunkohlerevier drei große Tagebaue: Inden, Garzweiler und Hambach. Hier werden seit Jahrzehnten ganze Ortschaften umgesiedelt, Grundwasser bis in Tiefen von mehr als 500 Metern abgepumpt und der Boden aufgerissen, damit riesige Schaufelradbagger Braunkohle fördern können, die dann mit vielen Kilometer langen Förderbändern und einer betriebseigenen Eisenbahn in derzeit  drei Großkraftwerke transportiert und verbrannt wird. Diese drei, Neurath, Niederaußem und Weisweiler, belegen die Plätze zwei bis fünf auf der Liste der größten CO2-Schleudern Europas. Ihre Namen sind Synonyme für Klimaerwärmung.

Um ihren unersättlichen Braunkohlehunger zu stillen, frisst sich der Tagebau jedes Jahr von Norden her weiter in den Wald. Zwischen Oktober und Februar ist Rodungssaison und RWE fällt mehr als 8.000 über 150 Jahre alte, wertvolle Bäume. So geht das schon seit vielen Jahren und von ursprünglich 5.500 Hektar sind heute noch gerade mal ein Zehntel des Hambacher Forstes übrig. Dieses Jahr war der Konzern spät dran. Erst die Klimakonferenz, die ein Vorgehen gegen die Waldbesetzerinnen und Waldbesetzer im Vorfeld politisch unmöglich machte. Dann kam dem Energieriesen noch ein einstweiliges partielles Rodungsverbot des Verwaltungsgerichts Köln dazwischen, so dass RWE sein Zerstörungswerk erst nach dem Urteil vom vorvergangenen Freitag (24.11.) wirklich beginnen konnte. Doch gerade erst mit großem Polizeiaufgebot gestartet, war am Dienstag schon wieder alles vorübergehend vorbei. Das Oberverwaltungsgericht Münster (OVG) verpflichtete auf Betreiben des BUND NRW das Land Nordrhein-Westfalen vorläufig sicherzustellen, dass RWE von weiteren Rodungs- und Abholzungsmaßnahmen im Hambacher Forst absieht. Dies sei zur Vermeidung „irreversibler Zustände“ erforderlich. Seit Dienstag, 28. November 18:00 Uhr, schweigen die Kettensägen.

Die mehreren hundert Aktivistinnen und Aktivisten im Hambacher Forst sind daher am Mittwochmorgen wieder etwas optimistischer, nachdem sie sich schon auf die Räumung ihrer um die dreißig Baumhäuser in den von Abholzung bedrohten Teilen des Waldes vorbereitet hatten. Sie haben in der  Nacht um ein Lagerfeuer auf dem stillgelegten Teilstück der A4 gefeiert. Die Autobahn musste vor einigen Jahren zwischen der Anschlussstelle Düren und dem Kerpener Kreuz auf einer Länge von knapp 17 Kilometern verlegt werden. Der Tagebau kam ihr immer näher. Die alte Trasse liegt nun im Rodungsgebiet. Die Stimmung ist also recht gut in „Gallien“, einem von drei Baumhausdörfern. Einige Baumretter leben hier schon seit mehreren Jahren, viele bleiben nur für wenige Wochen oder ein paar Tage. Manches Baumhaus hat einen Heizofen, eine Spüle und einen Gaskocher, einige erstrecken sich über bis zu drei Etagen. Trotzdem ist das Leben unter den Baumkronen nicht einfach. Es braucht schon eine starke Überzeugung um auf fließend Wasser und eine Dusche zu verzichten. In den kommenden Wochen ist wohl erst mal Zeit, zu Hause die Wäsche zu waschen und ein warmes Bad zu nehmen. Entschieden ist der Wettlauf zwischen Kohleausstieg und Kettensäge aber noch keinesfalls.

Die Energiewende in Deutschland stagniert, das Land hat seine CO2 Bilanz seit 2009 nicht mehr verbessert. Die Solarenergie ist weitgehend ausgebremst und auch der Ausbau der Windkraft wird behindert. Noch schlimmer ist die politische Lage in NRW. Hat es die alte rot-grüne Landesregierung schon nicht geschafft, den Braunkohleausstieg auf den Weg zu bringen, so fällt Schwarz-Gelb durch aktive Behinderung des Ausbaus erneuerbarer Energien auf. Ihr geplantes Abstandsgebot von 1.500 Metern zu Wohngebieten und die Beendigung der Privilegierung von Windrädern als Bauvorhaben im Wald, reduzieren die potentiellen Flächen für diese Anlagen um 80 Prozent. Dabei ist NRW im Klimaschutz ein Entwicklungsland. Im vergangenen Jahr wurde fast jede zweite Kilowattstunde des hier produzierten Stroms durch Braunkohleverstromung gewonnen, nur etwa ein Zehntel stammte aus regenerativen Quellen. Damit liegt man weit unter dem Bundesdurchschnitt von über 30 Prozent. Dies ist umso gravierender, da das Industrieland NRW für ein Drittel des bundesweiten CO2 Ausstoßes verantwortlich ist.

Wie es mit dem Hambacher Forst weiter geht, wird stark davon abhängen, wie breit der Widerstand gegen die Abholzung sein wird. Das Bewusstsein für die Notwendigkeit eines unverzüglichen Ausstiegs aus der Braunkohlewirtschaft wächst. Die Proteste auf den Klimacamps, bei den rote Linien Aktionen und den Grubenbesetzungen werden stärker. Auch die Baumretterinnen und -retter brauchen Solidarität und freuen sich über Besuch und Unterstützung. Wer sich einmal bei einem Waldspaziergang einen Überblick über den Forst und den Widerstand für seinen Erhalt verschaffen möchte, hat am Sonntag, den 10. Dezember wieder Gelegenheit dazu.

Das OVG hat unterdessen am Freitag (01.12.) einen Vergleichsvorschlag unterbreitet: RWE soll bis zum 31. Dezember 2017 keine weiteren Abholzungs- und Rodungsmaßnahmen durchführen, während das Land NRW ein Sachverständigengutachten dazu einholt, ob die bewaldete Fläche mit Blick auf die Bechsteinfledermaus die Kriterien für ein FFH-Gebiet erfüllt. Die Parteien haben bis zum 15. Dezember Zeit um das Angebot anzunehmen. Wenn sie dies tun, dann herrscht bis Neujahr Frieden im Wald, tun sie es nicht, dann ist noch nicht absehbar, wann mit der Abholzung wieder begonnen wird.

Über den Autor

Hanno von Raußendorf ist Kreissprecher der Linken Bonn und Mitglied im Landesvorstand der Linken NRW. Einer seiner Schwerpunkte ist der Klimaschutz.
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