Antisemitismus als Waffe – vollste Solidarität mit Jules El-Khatib!

Vor ein paar Tagen verkündete mein Freund und Kollege Jules El-Khatib auf Facebook, dass er zum Landessprecher der NRW-Linkspartei gewählt wurde. Was darauf folgte, ist ein Lehrstück darüber, wie der Begriff des Antisemitismus als politische Waffe zum Mundtotmachen von Andersdenkenden missbraucht wird. Und wie Rassismus funktioniert. Nicht der von rechts – der von „links“. Vollste Solidarität mit Jules!

Als Disclaimer sei vorangestellt, dass Jules und ich als Redakteure mit ein paar anderen zusammen Die Freiheitsliebe betreiben. Er hat sie 2009 gegründet, ich bin seit 2015 dabei. Wer die Seite kennt, weiß, dass wir uns bei allen Kämpfen dieser Welt stets auf die Seite der einfachen Menschen stellen, Gewalt ablehnen und unser Kampf der gegen jeden Rassismus ist – antimuslimischen Rassismus und Antisemitismus spielen wir nicht gegeneinander aus, sondern bekämpfen beide.

Nach Jules‘ Ernennung zum Sprecher der NRW-Linken ergoss sich auf Social Media ein Hateshitstorm über ihn, wie ich ihn nicht für möglich hielt. Von den Rechten erwarten wir nichts anderes, schließlich hat Jules „ausländische“ Roots – von den „Linken“ anno 2021 leider aber auch nicht. Von der Splitterfraktion der rechten „Linken“, den Antideutschen, die mit ihrer ethnonationalistischen Ein-Punkt-Programmatik den Staat Israel ins Zentrum jeglichen Diskurses stellen und seine rechtsextreme Regierung mit dem Knüppel „Antisemitismus“ vor jeglicher Kritik zu immunisieren versuchen. Wer den Rechtsaußen Premier Netanyahu kritisierte oder heute den Faschisten Bennett – der damit prahlte, wie viele Araber er in seinem Leben schon ermordet hat –, wer ein Ende der Bomben auf Gaza oder der Besatzung des Westjordanlands fordert, ist in den Augen der rechten „Linken“ ein Rechter, ein „Antisemit“. Sie werfen mit dem Urteil „Antisemitismus“ um sich, als wäre es Konfetti, und führen den Begriff damit der Bedeutungslosigkeit zu. Wir müssen diesen historisch unendlich wichtigen Begriff vor diesen Leuten schützen.

Rechte „Linke“ wünschten sich dann, Jules solle nach Gaza zurückkehren (er kommt aus Köln) und solle dort von der nächsten Bombe der israelischen Luftwaffe getötet werden. „Linke“ Mordfantasien. Andere forderten, er solle abgeschoben werden. Wohin eigentlich? Die 80 Kilometer von Essen zurück nach Köln?

Die rechte Facebook-Seite „Anti marx21“ – laut der Die Freiheitsliebe ein „antizionistisches Propagandamedium“ sei – stalkt Jules, durchforstet sein Social Media der letzten Jahrzehnte und kommt zum Schluss, er sei ein „fast schon legendärer anti-israelischer Hetzer“. Sascha Lobo – der mit dem Iro, der feuerrote „Linke“, für den auch Alexandria Ocasio-Cortez „Antisemitin“ ist – retweetet, Jules verbreite „antizionistische Propaganda“. Die angeführten „Beweise“ der rechten „Linken“ lassen ihre Schlussfolgerungen faktisch nicht zu. Der auf Twitter wohl am häufigsten angeführte „Beweis“ für Jules‘ Judenhass ist ein Foto, das ihn an der Gedenkstätte von Jassir Arafat in Ramallah zeigt: klarer Fall von „Antisemitismus“, meinen sie. Ist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier also auch ein Judenhasser? Der hat sich gar verbeugt vorm toten Friedensnobelpreisträger Arafat und an derselben Stelle, wo Jules auf dem Foto zu sehen ist, einen Blumenkranz niedergelegt. Oder Clinton und Rabin? Barak, Netanyahu und Papst Johannes Paul II.? Die haben dem lebenden Arafat sogar die Hand geschüttelt. Alles „Antisemiten“?

Die, die auf Social Media mit „Antisemitismus“ auf Jules schießen, sind in aller Regel nicht-jüdische Deutsche. Nicht Jüdinnen und Juden aus der Innenperspektive, sondern sie bestimmen von außen, was Antisemitismus und Anti-Antisemitismus zu haben seien. Dass diese Kinder auch linke Jüdinnen und Juden im Westen, in Deutschland, den USA, in Israel, als Antisemit*innen diffamieren, wenn diese sich das Recht herausnehmen, zum Palästisrael-Konflikt eine von der ihren abweichende Meinung zu haben, ist grotesk, ist obszön. Die rechten „Linken“ wollen auch bestimmen, was Jüdisch-Sein bedeutet, schrecken nicht davor zurück, linken jüdischen Gruppen wie Jewish Voice for Peace ihr Jüdisch-Sein abzusprechen, linke Juden wie Noam Chomsky sind bei ihnen „self-hating jews“. Was kümmert es diese deutschen Nicht-Juden, was Jüdinnen denken? Die rechten „Linken“ maßen sich an, in ihrem Namen zu sprechen.

Jules ist ein aufrichtiger Mensch. Er hat Werte, universelle Werte, die nicht hier das eine, dort das andere bedeuten. Sein Kampf kennt keine Willkür oder Hautfarbe.

Dieser Text will nicht in Jules‘ Namen sprechen oder ihn verteidigen – wer ihn kennt, weiß, dass er das ganz gut alleine hinbekommt. Dieser Text verfolgt zweierlei Absichten. Ich spreche Jules meine vollste Solidarität aus, meinem Kumpel und Kollegen, einem der Aufrichtigen, der das Herz am linken Fleck hat und noch weiß, was das Wort Menschlichkeit bedeutet. Wir alle stehen immer hinter dir. Und vor dir.

Zweitens ist dieser Text eine Kampfansage an euch Verirrte dort draußen, die ihr euch in eurer menschenfeindlichen Rhetorik vollständig verrannt habt. Ihr wisst doch genau, dass eure „Argumente“ nicht überzeugen – was ist sonst der Grund, dass ihr nicht den Diskurs, den Streit sucht, um uns in euer Boot zu holen? Nein, ihr wollt keinen Austausch, wollt nicht überzeugen, nicht streiten – ihr wollt mundtot machen. Vernichten, ausschalten. Und dafür bedient ihr euch ohne jede Scham, ohne jeden Anstand oder historisches Bewusstsein der mächtigsten politischen Waffe, die im deutschen Politsprech existiert. Ihr spuckt den sechs Millionen von Hitler vernichteten Jüdinnen und Juden ins Gesicht, wenn ihr an eueren Laptops sitzt und auf Menschen wie Jules mit dem „Antisemitismus“-Knüppel einschlagt.

Ihr steht auf der falschen Seite der Geschichte.

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3 Antworten

  1. Das ist eine typische Hasskampagne, die davon ablenken soll, was los ist:
    Im Januar 2021 hat die große jüdisch-israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem, die über Jahrzehnte mit den verschiedensten israelischen staatlichen Institutionen zur Verbesserung der Menschenrechtssituation versuchte zusammenzuarbeiten, eine Studie veröffentlich. Darin erhebt B’Tselem, wie schon z. B. zahlreiche Südafrikaner:innen, v.a. auch jüdische Apartheidgegner in früheren Jahren, den Vorwurf des israelischen Apartheidregimes im gesamten historischen Mandatspalästina.
    https://www.btselem.org/topic/apartheid
    Die US-amerikanische sehr bekannte Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch folgte im April dieses Jahres mit genau dem gleichen Vorwurf – Apartheidregime.
    Lassen wir uns nicht von solchen wirklich unsinnigen Angriffen die kostbare Zeit stehlen. Kämpfen wir für die Überwindung dieser Apartheid-Verhältnisse im israelischen Herrschaftsgebiet. Ich bin sicher, dann werden auch dieses Hassattacken ganz schnell aufhören. Ganz im Übrigen haben die Menschen in diesem Land wirklich eine bessere Zukunft verdient, mit gleichen Rechten für alle „From the Jordan River to the Mediterranean Sea.“

  2. Es wäre zielführend und die Argumentation unterstützend, wenn ihr die Schreibweise rechte „Linke“ in: rechte, sogenannte „Linke“ ändert.

  3. Solidarität mit Jules !
    Unsere internationalistische Arbeit wird nicht geringer werden dürfen in Zukunft, denn im Koalitionsvertrag der Ampel (Seite 155) steht es in Stein gemeißelt: „die Sicherheit Israels ist deutsche Staatsräson“ . Hatten wir etwas anderes erwartet als diese völlig einseitige Parteinahme für einen siedlerkolonialistischen Staat, der sich Apartheid in Israel und den besetzten Gebieten und eine sich immer mehr brutalisierende militärische Besatzung in der Westbank leistet? Israel, das vor wenigen Tagen die Fertigstellung einer Todesbarriere feierte, die Gazas 2 Millionen Menschen für 3,5 Milliarden Schekel mit 2 Millionen Kubikmeter Beton, 140 Tonnen Eisen und Stahl, die niemals rosten werden, einschließlich Sensoren, die auf jede Hacke eines Hamas-Mitglieds reagieren, für die Ewigkeit wegsperren will. Eine tief in die Erde gegrabene Todesmauer um das größte Freiluftgefängnis dieser Erde . Alles weiterhin unter den Augen einer offensichtlich gleichgültigen , stummen Komplizenschaft der internationalen politischen und diplomatischen Öffentlichkeit. Besonders sticht hier die Bundesregierung hervor, die sich ganz vehement gegen eine Anklage Israels wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor dem ISG stemmt. PalästinenserInnen als „Fußnote“ deutscher Außenpolitik, bei ständiger gebetsmühlenartiger Verurteilung palästinensischen Widerstandes als „Terrorismus“ – den israelischen Staatsterrorismus gegen PalästinenserInnen lässt man passieren…
    Wer das laut sagt wie Jules, ist halt ANTISEMIT – und BAK Shalom darf sich weiterhin komfortabel in der LINKEN. einrichten,- da versagen wir immer wieder auf der ganzen Linie in unserer Partei.

    Wie muss ein Linker heutzutage „Links sein“ – ich denke da wie Clemens:
    https://www.youtube.com/watch?v=t6EQ8zDADxk

    Ich bin froh, sehr froh, mit Genossen wie Jules gemeinsam kämpfen zu können.
    Solidarität mit Jules !
    Kerstin
    DIE LINKE. Hannover

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