1968: Welt in Aufruhr

2. Dezember 2018 - 12:00 | | Politik | 0 Kommentare

1968 war ein Jahr indem sich viel bewegte, vor allem Studierende gingen weltweit auf die Straßen. Wir stellen euch vier internationale Beispiele von Protestbewegungen vor.

Frankreich

Im medialen Diskurs des heutigen Frankreich wird der Mai 1968 häufig als eine romantische Revolution junger Studierender präsentiert,die sich gegen eine moralische, sexuell konservative Ordnung stellten. In Wahrheit war der Mai ‘68 der größte Generalstreik der französischen Geschichte: die 1960er Jahre waren zunehmend von Arbeiterkämpfen in vielen Bereichen geprägt. Und das in einer Zeit, als der französische Kapitalismus nach einem Nachkriegsboom erste Anzeichen des Schwächelns zeigte.Aufständisch geworden durch die Massaker im Algerien- und Vietnamkrieg, waren es insbesondere die Pariser Studierenden, die die Proteste in Gang brachten:Anfang Mai erfuhren sie brutale Polizeigewalt, welche die Bevölkerung empörte.Unter dem Druck der Arbeiterinnen und Arbeiter riefen die Gewerkschaften zum Generalstreik auf. Die Produktion stand still.

Kein Ende des Streiks

Obwohl die Kommunistische Partei Frankreichs (PCF) gegenüber den demonstrierenden Studierenden erst misstrauisch war, suchte ein Teil der jungen Arbeiterinnen den Schulterschluss mit ihnen. Gemeinsam debattierten sie in besetzten Fakultäten und Fabriken. Aufgrund dieses Kraftverhältnisses verhandelten die Gewerkschaften soziale Maßnahmen und Zugeständnisse mit der Regierung und den Arbeitgebern, und riefen zu Ruhe und „sozialem Dialog“ auf. Aber die Arbeitenden auf der Straße gaben sich nicht zufrieden und ließen den Streik nicht enden. Der Mai ‘68 war kein normaler Streik, er war einer evolutionäre Zeit. Der Streik ging weiter und als de Gaulle die Nationalversammlung auflöste, ergriffen die Gewerkschaftsführung der kommunistischen Gewerkschaft CGT und die PCF wieder die Parole der„Volksregierung“ (gouvernement populaire)von 1936 auf, aber sie blieben dabei streng legalistisch, auf Wahlen fokussiert. Doch die gaullistische Regierung profitierte von der Unterstützung der Rechten und Reaktionäre aller Art durch Massendemonstrationen. Nach und nach kamen den Streikenden Zweifel und sie nahmen die Arbeit wieder auf als de Gaulles Partei die Wahlen gewann. Der Mai ‘68 hat gezeigt, dass die Arbeitenden das Potential das System zu verändern. Was er aber auch zeigte,ist, dass die Arbeiterklasse diese Chance, an die Macht zu kommen und den Kapitalismus zu stürzen, schnell erkennen und nutzen muss.

USA

Im Jahre 1968 erreichten die sozialen Bewegungen der USA bedeutsame Meilensteine ihres Ringens um Frieden und Bürgerrechte. Am 11.4. unterzeichnete die US-Regierung den zweiten Civil Rights Act, der die Benachteiligung von Menschen beim Häuserkauf oder Mietvertrag aufgrund ihrer Hautfarbe, Religion oder Nationalität verbot. Die Tragik hinter dieser progressiven Regelung war, dass der Bürgerrechtler Martin Luther King Jr. sie nicht mehr miterlebte.

Er fiel eine Woche zuvor einem rassistisch motivierten Attentat zum Opfer. King hatte im August 1963 auf dem „Marsch nach Washington für Arbeit und Freiheit“ vor über 250.000 Menschenseine bekannte Rede „I have a dream“ gehalten. Obwohl King selbst in den eigenen Reihen wegen seines pazifistischen Kurses nicht ohne Kritik blieb, wirkt sein Einfluss bis heute. So hat zum Beispiel eine neue Bewegung gegen Ungleichheit in den USA sich nach Kings „Poor People‘s Campaign“ benannt.

Bevölkerung gegen den Krieg

Auch die Friedensbewegung erstarkte im Zuge der Eskalation des Vietnamkriegs. Die Tet-Offensive der FNL hatte den Krieg nicht nur in die Städte Südvietnams, sondern auch noch spürbarer in die US-amerikanischen Medien getragen. Von 1965 bis 1968 fiel die allgemeine Zustimmung der Bevölkerung zum Krieg von 61 Prozent auf 34 Prozent. Die in Vietnam eingesetzten Soldaten waren hauptsächlich junge Wehrpflichtige. Sie stammten zudem überproportional häufig aus den unteren sozialen Schichten, waren also vor allem weiße Working Class und People of Color. Entsprechend wurde der Vietnamkrieg zu einem der Hauptthemen von King, in denen er anprangerte, dass Schwarze in den USA nach wie vor in allen Bereichen des Alltags diskriminiert werden, während sie in Vietnam an vorderster Front die Drecksarbeit erledigen.

Verpasste Chancen

Trotz einiger Überschneidungen beider Gruppen wurde insbesondere in der Friedensbewegung immer wieder darüber gestritten, inwiefern man gemeinsam kämpfen könne und wolle. Bei der Black Panther Rally in Oakland am 12.11.1969 machte Angela Davis deutlich, warum es so wichtig gewesen wäre, gemeinsam zu kämpfen: „In order for the anti-war movement to be effective, it has to link up with the struggle for black and brown liberation in this country with the struggle of exploited white workers.“

Polen

Nicht nur West-, auch Osteuropa wurde von Protesten erschüttert. Das beste Beispiel ist der Prager Frühling, doch auch in Polen gingen Studierende für ein besseres Leben auf die Straße. Schon vor 1968 gab es immer wieder Proteste gegen die zu einem sowjetischen Sattelitenstaat degradierte stalinistische Diktatur, etwa der Posener Aufstand im Jahr 1956. 1965 wurden die Studierendenführer Jacek Kuroń und Karol Modzelewski festgenommen als sie einen echten Kommunismus  forderten, 1966 der bekannte Philosoph Leszek Kołakowski aus der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei ausgeschlossen. In Folge des Prager Frühlings verschärfte die Regierung ihre Zensur und Repression gegen Oppositionelle. Gleichzeitig wurde eine antisemitische Kampagne gestartet, auf Befehl eine jüdisch-zionistische Verschwörung zur Zerstörung Polens herbei phantasiert, Listen über jüdische Parteimitglieder angelegt und Juden aus dem Militär getrieben. Schon seit Anfang der 60er entwickelte sich eine nationalistische und antisemitische Strömung innerhalb der Regierungspartei, welche dennoch komplett kremltreu war.

Für kulturelle Freiheit und demokratischen Sozialismus

Am 30. Januar wurde die Aufführung des Theaterstücks Totenfeier des Nationaldichters Adam Mickiewicz verboten, ein brisantes Stück,thematisierte es doch den Kampf um Freiheit gegen die russischen Besatzer.Direkt nach dem Verbot versammelten sich hunderte Demonstrierden vor dem Denkmal des Dichters in Warschau. Es kam es zu massiven Prosteten der Studierenden für kulturelle Freiheit und einen demokratischen Sozialismus. Doch blieben die Studierenden ohne breite Unterstützung isoliert und ihr Protest wurde niedergeschlagen. Die Folgen waren eine  Säuberungs- und Verhaftungswelle, sowie die Drangsalierung jüdischer Studierender. Wegen den Berufsverboten waren viele Studierende gezwungen als Arbeiterinnen und Arbeiter in die Fabrik zu gehen, wo sie weiter für eine Veränderung der Gesellschaft kämpften. Sechs Jahre später wurden die Komitees zur Verteidigung der Arbeiter gegründet, wo man viele ehemalige Studierendenfüher wiederfinden konnte.

Japan

Aus einer eurozentristischen Sicht kann man sagen, auch auf der anderen Seite der Welt fand die 68-Bewegung statt, nämlich in Japan. Auffällig sind die Ähnlichkeiten zwischen der Studierendenbewegung in Japan mit der in  Westdeutschland. Genauso wie in der BRD demonstrierten die japanischen Studierenden gegen die veralteten Strukturen an den Universitäten, die unzureichende Aufklärung über und Verarbeitung der japanischen Geschichte, sowie  gegen die Besetzung hoher Ämter durch Kriegsverbrecher. Ebenso war der Vietnamkrieg für viele ein bedeutender Anlass um auf die Straße zu gehen.

Widerstand gegen den Krieg

Als die USA, welche Japan offiziell bis 1951 besetzt gehalten hatten, einen Flugzeugträger in Sasebo, im Süden des Landes,stationierten, riefen der linksradikale Studierendenverband Zengakuren und die Gewerkschaften zu Massenprotesten auf. Tagelang kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Studierenden und Arbeiterinnen auf der einen und Polizei auf der anderen Seite. In Tokyo blockierten Zehntausende das Außenministerium. Fast die Hälfte der Studierenden Tokyos traten in den Streik.Es kam sogar zur Besetzung des Parlamentsgebäudes und der US-Botschaft. 1970 fanden die Antikriegsdemonstrationen ihren Höhepunkt als 750.000 Menschen gegen die Bombardierung Kambodschas demonstrierten.

Zerfall und Neubeginn?

In der darauffolgenden Zeit erschütterten den Zengakurenjedoch schwere Flügelkämpfe und er zerbrach zum Teil in maoistische undtrotzkistische Gruppen, welche sich gegenseitig bekämpften. So erfolgreicherdie Bewegung war, umso heftiger wurden die internen Streitigkeiten geführt.Insgesamt wurden um die fünfzig Studierenden in den Auseinandersetzungenzwischen den Fraktionen getötet. Bis 1975 brach die Studierendenbewegung insich zusammen. In Japan wurde es geschafft eine gemeinsame große Bewegung ausStudierenden und Gewerkschaften aufzubauen, daher ist ihr schnellerZusammenbruch eine besondere Tragödie. Zengakuren ist heutzutage in fünfGruppen gespalten und praktisch bedeutungslos. Dennoch bildet sich zurzeit einevielversprechende Antikriegsbewegung gegen die Remilitarisierung Japans durchdas für 2020 geplante Referendum zur Abschaffung des Artikel 9 der Verfassung,welcher Japan Krieg und den Unterhalt einer eigenen Armee verbietet.

Über den Autor

Critica ist die Studierendenzeitung des SDS (http://www.linke-sds.org/media/critica/)