Warum Psychoanalyse unsere Chance auf Befreiung sein kann

4. Dezember 2018 - 14:39 | | Politik | 2 Kommentare

Die Psychoanalyse fristet heute auch in der linken Bewegung ein Schattendasein. Kaum an Unis oder therapeutischen Praxen vertreten, verschwindet sie nach und nach aus dem Bewusstsein der Menschen und wird zu einer Randwissenschaft, die nur für wenige zugänglich ist. Sie ist schlicht zu einem Mythos geworden. Dabei steckt in der Psychoanalyse vieles davon was wir dringend in der linken Bewegung brauchen und was ein Teil unserer Befreiung vom Kapitalismus und anderen Widersprüchen sein kann. Darum wird es Zeit die Debatte wiederzubeleben. 

Viele haben schon Mal in ihrem Leben von der Psychoanalyse gehört, können sich aber selten was darunter vorstellen außer, dass es um den Sex mit der Mutter und anderes verrücktes Zeug geht. Freuds Theorie ist zugegebenermaßen etwas crazy und nicht grade leicht zu verstehen aber sie ist nicht abgedreht. Freud und anderen Psychoanalytiker*innen ging es immer darum die menschliche Seele und ihre Funktionen zu verstehen, anstatt bessere Wege zu finden diese zu „heilen“. Mit der Traumdeutung hat Freud einen Grundstein für das Verständnis des Unbewussten gelegt der bis heute eigentlich gängig ist. Kurz gesagt geht es darum, dass das was wir uns wünschen oder wollen nicht immer mit dem übereinstimmt was real ist. Deswegen müssen wir unsere Wünsche verdrängen, das zu verschiedensten Problemen führt und auch dazu, dass wir es trotzdem sagen nur eben durch die Blume. Und es geht genau darum zu verstehen wie diese Blume funktioniert.

Dieser neue Ansatz hat gleich viele Anhänger*innen finden können, die sich auch prompt an die Ausarbeitung dieser Theorie gesetzt haben. Sie alle haben sich an Freud abgearbeitet, aber sie alle verband die Grundlage der Psychoanalyse. Doch sie Psychoanalyse war nicht nur eine Theorie. Auch wenn sie vieles aus Philosophie oder Literatur geklaut hat, hat die Psychoanalyse auch eine Praxis. Die war für die damalige Zeit revolutionär. Zu der Zeit waren alle Wissenschaften die sich mit der Seele beschäftigt haben in einer Sackgasse. Auf Gutglück wurden Methoden ausprobiert um „Geisteskrankheiten zu heilen“. Von der berüchtigten Elektroschocktherapie bis hin zu Medikamenten wurde alles versucht um den Menschen wieder „normal“ zu machen. Diesen Anspruch hat die Psychiatrie und Psychologie, in Form der Verhaltenstherapie, bis heute nicht verloren. Im Gegensatz dazu versuchen Psychoanlytiker*innen Menschen durch eine Sprachtherapie zu helfen. Das erfordert eine lange Ausbildung.

Und die ist nicht einfach. Sie beinhaltet umfassende Kenntnisse des Unbewussten und dauert lange. Ein*e angehende Psychoanalytiker*in muss fünf Jahre eine dafür vorgesehene Ausbildung zusätzlich zum Studium absolvieren um praktizieren zu können. Das passt nicht ins deutsche universitäre System, denn mit der Bologna Reform ist die Schnelligkeit des Studiums entscheidender als die eigentliche Qualität. In dieses Schema passt die Psychoanalyse nicht. Neben klassischen Techniken der Psychoanalyse und der Theorie, sollte ein*e Psychoanalytiker*in, um besser behandeln zu können, auch viele kulturelle, literarische oder gesellschaftliche Kenntnisse haben.

Da ist die Verhaltenstherapie viel ökonomischer. Sie ist nicht nur einfacher in das neoliberale Bildungssystem integrierbar sondern auch in den Neoliberalismus selbst. Denn in der Verhaltenstherapie geht es darum Menschen den schnellsten und einfachsten Umgang mit seinen Problemen zu zeigen, damit sie so schnell wie möglich wieder in den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft integriert werden. Dass es die Probleme nicht löst sondern nur kaschiert, wissen die Verhaltenstherapeut*innen selbst. Doch hier gilt das alte kapitalistische Kredo: „Es ist nicht das beste System aber das einzige das funktioniert.“ Der Krisenzustand des Kapitalismus überträgt sich dann auch auf die*den Einzelne*n. Die dauerhafte Krise des Kapitalismus wird dann zu einer dauerhaften ungelösten persönlichen Krise. Für eine linke Bewegung kann das keine Lösung sein. Ständige Feuerwehreinsätze schaffen keine gemeinsame antikapitalistische Perspektive. Dabei liegt die Alternative auf der Hand.

Die Psychoanalyse ist aber nicht bloß „Medizin“, sie hilft uns uns selbst zu verstehen und in welchen Zusammenhängen wir stehen. Kein Wunder ist daher, dass die Psychoanalyse ihren eigenen Weg in die linke Bewegung gefunden hat. In seinem Aufsatz „Die Zukunft einer Illusion“ hatte, der eigentlich konservative, Freud das kapitalistische System als Erzeuger vieler psychischer Störungen benannt und eingestanden, dass es bei einer solchen Güterverteilung nicht lange gut gehen wird. Aber auch andere Psychoanalytiker*innen haben zu einer eine psycho-politischen Befreiung beigetragen. Wilhelm Reich machte die Verbindung zwischen antikapitalistischem Kampf und Psychoanalyse. Mit Jacques Lacan hat der Feminismus neue Argumente im Kampf gegen das Patriachat gewonnen. Mit Frantz Fanon der eigentlich ein Psychiater war aber durchaus was von Psychoanalyse verstand, wurde eine Verbindung zwischen Kolonialismus und psychischen Störungen entdeckt. Hier öffnet die Psychoanalyse für uns die Möglichkeit mit unseren eigenen Problemen besser umzugehen. Und wenn wir erst einmal sehen was die Probleme verursacht können wir daran arbeiten sie für uns zu beseitigen. Erst im Kleinen und dann wenn wir uns stark genug fühlen im Großen.

Die Psychoanalyse ist also mehr als eine Therapieform für die geplagte Seele, sie ist eine Wissenschaft über den Menschen in Zusammenhängen, von der wir alle profitieren können wenn wir uns mit ihr beschäftigen. In unserem alltäglichen Leben das so oder so aus ständigen Kämpfen besteht können wir die Erkenntnisse der Psychoanalyse zu unserem Vorteil nutzen. Das trägt dazu bei, dass wir unsere Probleme nicht stillschweigend hinnehmen, sondern als etwas sehen was immer im Zusammenhang mit den politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten unserer Zeit steht. Die Psychoanalyse kann also Teil einer Befreieungsperspektive auf vielen Feldern unseres täglichen Kampfes um Gegenhegemonien sein.  

Über den Autor

Julius ist Publizist und Blogger mit dem Schwerpunkt auf Literatur und Literaturkritik. Seit Jahren engagiert er sich in Politik und Bewegung.

2 Kommentare

  • 1

    Dank für die Überlegungen. Aber Psychoanalyse ist am Prozess ihrer Mariginalisierung in den genannten Institutionen slber beteiligt. Sie könnte sich mehr von gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen auf die Probe stellen lassen und sich ändern. Verbunden mit Fehlleistungen.
    Karl-Josef Pazzini, Psychoanalytiker

    • 1.1

      Sehr geehrter Herr Pazzini

      ich stimme Ihnen im Grunde zu. Durch die Rückzugsgefechte der letzten Jahrzehnte hat sich die Psychoanalyse bzw. ihre Institutionen in eine missliche Lage manövriert. Genau deswegen halte ich eine neue Diskussion für unerlässlich nicht nur für das Überleben der Wissenschaft sondern auch für die gesellschaftliche Auseinandersetzung. Selbstverständlich kann ein solcher Artikel nicht alle Probleme der Psychoanalyse reflektieren und wiedergeben. Dafür bräuchte es einen anderen und größeren Raum.

      Mit den besten Grüßen

      JZK