Über die Untrennbarkeit von Fußball und Politik

9. Januar 2019 - 10:49 | | Kultur | 1 Kommentare

Auch heute noch geistert in vielen Teilen der Fußball-Fankultur das Dogma „Fußball muss unpolitisch sein“ durch die Stadionränge. Zwar gibt es Vereine und Fanszenen, die klar politische Stellung gegen Rechts beziehen. Doch ist die politische Pflicht des Fußballs mit einer Abgrenzung zu Fremdenfeindlichkeit getan, oder bräuchte der Fußball, gerade in den verhältnismäßig unkommerziellen unteren Ligen, eine viel stärkere Debatte darüber, ob und welche politischen Inhalte auch für den Fußball unabdingbar sind?

Mittlerweile gibt es in den ersten fünf Ligen Fußball-Deutschlands vermutlich nur noch wenige Vereine, die noch nie Begriff der Politik konfrontiert wurden.  Sei es durch rassistische Kommentare von den Zuschauerrängen, einer Fanszenen die plötzlich Rechten eine Heimat gibt und Verbindungen in die organisierte rechte Szene hat oder nur durch die Anfrage der nächstgelegenen Flüchtlingsunterkunft, ob man denn vergünstigt Karten für ein Heimspiel bekommen könne. Fakt ist: Ein beachtlicher Teil der deutschen Vereinslandschaft engagiert sich mittlerweile klar gegen Rechts. So hat beispielsweise die Kampagne „Nazis raus aus den Stadien“ von Regionalligist SV Babelsberg 03 etliche prominente Bundesligateams (beispielsweise Borussia Dortmund, den VfB Stuttgart oder Werder Bremen) als Unterstützer gewonnen.

Der BVB betreibt sogar ein sehr aktives und vehementes Engagement um die „Gelbe Wand“ frei von Rassismus zu halten; die Vorkommnisse um die mittlerweile aufgelöste rechte Hooligangruppe „0231Riot“ zeigen jedoch deutlich, dass selbst die bemühtesten Vereine noch deutlich mehr tun müssten. Vor allem in den Spielklassen unterhalb der Bundesliga häufen sich Vorkommnisse mit und wegen Neonazis. Energie Cottbus (Regionalliga Nordost) oder die Hammer Spvg (Oberliga Westfalen) seien an dieser Stelle angeführt um aufzuzeigen wo in jüngerer Zeit Naziproblemen auf den Tribünen wenig beziehungsweise gar nichts entgegengesetzt wurde.

Doch bekanntermaßen lässt sich die Debatte zu Themen im Fußball zumeist auf zwei Perspektiven herunterbrechen, die der Vereine und die der Fans, konkreter der Fanszenen. Die Ultrabewegung hat die deutschen Kurven fest im Griff, was richtig und wichtig ist. Dennoch geht damit in vielen Fällen ein Problem einher, denn nicht selten vertreten die Fanszenen die Meinung, dass es im Fußballalltag und in der Unterstützung des Vereins ausschließlich um den „kleinsten gemeinsamen Nenner“ gehen dürfe: die Liebe zum Verein. Außen Vor sind dabei sämtliche anderen Perspektiven und Ansichten zu allen Themen der Welt, ob zur Musik, zum Lieblingsbier oder eben auch zur Politik. So kommt es dann, dass immer wieder Neonazis diese rigorose Trennung zwischen dem Fußball und allen anderen Themen nutzen, um Fuß auf den Rängen zu fassen, was nicht selten zur Etablierung rechter Kreisein Stadien führt. Zum Glück erkennen jedoch immer mehr Fanszenen diese Problematik an und sind zumindest „Gegen Nazis“, was jedoch zur Eingangs erwähnten Frage nach dem Ausreichen der Abgrenzung zu Nazis zurückführt.

Denn nicht selten ist innerhalb der deutschen Fankultur die Meinung vorherrschend, dass eine Fanszene, welche klare Kante gegen Rassismus, Homophobie und Antisemitismus zeigt bereits eine „politische Szene“ sei, beispielsweise die des SV Babelsberg 03 (Regionalliga Nordost) oder die Ultras vom Kiezclub FC St. Pauli (2. Bundesliga). Doch ist Politik nicht eigentlich viel mehr als Antirassismus und Engagement gegen Diskriminierung jedweder Art? Könnte man nicht sogar soweit gehen und sagen, dass was im Fußball häufig als „politisch“ gewertet und entsprechend intensiv von Verfechter*innen der Trennung von Politik und Fußball verteufelt wird eigentlich gar keine großen politischen Inhalte darstellt, sondern lediglich das Bekenntnis zu den elementaren Basiswerten gesellschaftlichen Zusammenlebens ist?

Fußball ist schon immer der Sport der „einfachen Menschen“, der arbeitenden Bevölkerung gewesen. Als dieser wurde er in England populär und als diesen lieben ihn nach wie vor seine Fans. Fußball war schon immer auf der ganzen Welt ein „Arbeitersport“, der für die arbeitenden Massen am Wochenende eine wichtige, für viele sogar die wichtigste, Freizeitgestaltung darstellt. Eine derartige Ansammlung von Menschen mit den gleichen ökonomischen Interessen, nämlich entgegen denen des Kapitals als antagonistische Klasse, mobilisiert sich sonst kaum mit solcher Regelmäßigkeit. Entsprechend wichtig wäre ein politisches Bewusstsein der Stadiongänger*innen, um die Bühne der Fankurven für die eigenen ökonomischen Interessen zu nutzen denn kein arbeitender Mensch profitiert langfristig ansatzweise von kapitalistischen Mechanismen wie Rationalisierung. Man stelle sich vor, die Fans als arbeitende Masse würden den Schulterschluss wagen um konsequent und solidarisch für eine Verbesserung ihrer eigenen ökonomischen Situation zu kämpfen. Eine derartige Form des organisierten politischen Ausdrucks gibt es in Deutschland, abgesehen von den neoliberalen Gewerkschaften, sonst nirgends.

Allerdings stellt ein solches aufkeimendes politisches Bewusstsein im Jahr 2019 lediglich Wunschdenken dar und natürlich ist klar, dass um solche hochgesteckten Ziele zu erreichen ein langer Weg, bestehend aus Aufklärung und differenzierter Auseinandersetzung, gegangen werden muss.

Dabei wäre es doch für die Fanszenen als organisiertes Kernstück der jeweiligen Fans schon ein großer und wichtiger erster Schritt zu erkennen, dass eine sachlich richtige Kritik an der turbomäßig voranschreitenden Kommerzialisierung des Fußballs nicht ohne eine Kritik der kapitalistischen Verhältnisse einhergehen kann. Protestaktionen wie das Fernbleiben von zu teuren Auswärtsfahrten (wie beispielsweise die Bayern in der Champions League in Anderlecht) schaffen „dem Antikommerziellen“ zwar eine gewisse mediale Präsenz, allerdings bekämpfen solche Aktionen lediglich die Symptome und nicht die systematische Ursache des „Problems“. Entsprechend wäre eine klare antikapitalistische Haltung der Fanszenen zwar nicht gleichbedeutend mit der sofortigen Lösung aller Probleme, die der moderne Fußball basierend auf dem wirtschaftlichen System der Weltordnung mit sich herumschleppt, jedoch wäre sie die einzige Möglichkeit dem als „den Fußball zerstörenden“ Prozess rational entgegenzuwirken.

Daraus resultierend kann man es im Umkehrschluss noch klarer formulieren: Entwickelt die Fankultur als emotionales Rückgrat des Fußballs keine antikapitalistische Haltung ist das gleichbedeutend mit der Akzeptanz der Kapitalisierung des Fußballs und um es hart zu sagen: Eine Resignation und ein Aufgeben vor der Veränderung des Massensports Fußball hin zum Akkumulationsgegenstand des Kapitals. Und wenn dieser antikapitalistische Kampf schon nicht geführt wird, um den Fußball vor seiner vollständigen Kommerzialisierung zu retten, dann ist er auch hinsichtlich der wirtschaftlichen Verhältnisse außerhalb der Stadien, also die arbeitenden Menschen betreffend, nicht realistisch. Was mit einer großen Sicherheit dazu führen wird, dass mittelfristig überall in Europa Verhältnisse wie in England entstehen: Die Menschen können sich die Eintrittskarten als Resultat ihrer ökonomischen Situation schlicht nicht mehr leisten. Wenn das der Preis dafür sein soll, dass man wenigstens konsequent das Dogma des „unpolitischen Fußballs“ in seinen Fankurven praktiziert hat, dann kann man letztlich wirklich sagen, Verfechter dieses Quatsches haben den Fußball wirklich scheinbar nie geliebt.


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Anfang 20 | Student | Politisch aktiv bis Armut und Ausbeutung auf der Welt nicht mehr existieren | „Seid vor allem immer fähig, jede Ungerechtigkeit gegen jeden Menschen an jedem Ort der Welt im Innersten zu fühlen“ – Che Guevara.
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