Schafft die Fernsehtalkshows ab

15. Mai 2017 - 12:02 | | Kultur | 1 Kommentare

Polit-Talkshows prägen unser Bild von Politik. Aber Politik ist weder Theater noch Expertenstreit. Schafft sie ab, um unsere politische Kultur zu retten, fordert Alexander Hummel

Sonntagabend, 21:45 – in der ARD läuft Anne Will. Gerade lief Tatort. Der Blutdruck ist dank der wöchentlichen Portion Mord und Totschlag noch leicht erhöht. Wer jetzt noch nicht müde genug ist ins Bett zu gehen, aber schon so müde, nur noch auf der Couch sitzen bleiben wollen, schaut sich zumindest in die ersten Minuten einer neuen Runde desPolit-Theaters an. Dramatische Musik, ein möglichst provokatives Diskussionsthema – irgendwas mit Islam und ImmigrantInnen – und polarisierende Gäste sollen dafür sorgen, dass auch nach dem Tatort Quote und Zuschauerblutdrucken oben bleiben.

Drei bis viereinhalb Millionen ZuschauerInnen lassen jede Woche den Fernseher eingeschaltet, wenn Anne Will wieder einmal das Phantasma der Verständigung inszenieren. Sie wird wieder einmal scheitern und wieder einmal werden daraus keine Konsequenzen gezogen werden. Die Diskurssimulation wird auch nächste Woche wieder aufgeführt werden. The show must go on. Schließlich gilt die Verständigung als Grundlage der Demokratie – so dozierte es schon Jürgen Habermas, der gefeierte Philosoph der alten Bundesrepublik.

Langweile der immergleichen Scheinverständigung

Wie schlechte Dramen laufen Fernsehtalkshows im Prinzip immer gleich ab. Doch als was erscheint nun Politik in dieser Inszenierung? Es lohnt sich dafür die wesentlichen Elemente einer jeden Aufführung einzeln zu betrachten. Zunächst wären da die Requisten: Meist bestehen diese aus fünf Stühlen angeordnet in einem Halbrund, Moderationskarten und kleinen Videos, die immer dann eingespielt werden, wenn die Diskussion wieder einmal ins Stocken gerät. Sie sollen die Langweile der Scheinverständigung durchbrechen, denn sonst drohen die ZuschauerInnen abzuschalten.

Daneben kennt jede Inszenierung seine ProtagonistInnen. Man findet dort ParteipolitikerInnen, VerbandsfunktionärInnen, UnternehmerInnen und WissenschaftlerInnen. Gemein ist ihnen allen, dass sie im Rahmen der Fernsehtalkshow irgendwie als ExpertInnen gelten, deswegen dürfen sie in der Runde sitzen. Die einzigen, die nicht in der Runde sitzen, aber dennoch in der Fernsehtalkshow live zu Wort kommen dürfen, sind die Betroffenen. Sie werden am Rande der bühnennahen Zuschauerränge platziert und einmal pro Show lässt die Moderation die Betroffenen zu Wort kommen.
Die ZuschauerInnen lernen daraus: als betroffener Mensch kann man zwar seine Probleme schildern, die Probleme lösen können aber Betroffene nicht selbst. Sie müssen auf PolitikerInnen und ExpertInnen hoffen, die Lösungen für ihre Probleme finden. Fernsehtalkshows befördern dadurch eine Stellvertretermentalität gegenüber der Politik.

Thema der Sendung ist „Integration per Gesetz – wer soll zu Deutschland gehören?“ 2017 reicht das, um den Schein journalistischer Objektivität zu wahren. Tatsächlich sind Diskussionen mit einer solchen Leitfrage Wasser auf die Mühlen der RechtspopulistInnen.

Und hier wären wir beim letzten und entscheidenden Element einer jeden Inszenierung: dem Thema oder auch Sujet, wie es in der Sprache des Theaters gerne heißt. Blickt man auf die letzten eineinhalb Jahre Talkshow-Theater, sind sie etwa so vielfältig wie die Musik von Helene Fischer. Laut einer Erhebung des Bundestagsabgeordneten Marco Bülow, behandelte im Zeitraum zwischen Oktober 2015 bis März 2017 jede vierte Sendung speziell das Thema Migration und jede zweite Sendung des Themenkomplex aus Flüchtlinge, Islam , Terror, Populismus und Extremismus. „In nur sechs von 204 Sendungen wurde über Armut und Ungleichheit diskutiert. Wichtigen Themen wie NSU, Rassismus und rechte Gewalt wurde zum Beispiel jeweils nur eine Sendung gewidmet. Klimawandel kam sogar gar nicht vor,“ schreibt Bülow.

Verzahnt mit den politischen Erregungszyklen

Die Themensetzung der beinahe jeden Abend zu sehenden deutschen Polittalkshows ist eng mit den politischen Erregungszyklen verzahnt. Was in der Politik auf der Agenda steht, weil es als relevant für Zeitgeist und Wahlen gilt, geben zu einem nicht unerheblichen Teil die abendlichen Fernsehtalkshows vor und für die deutschen Fernsehtalkshows ist relevant was Quote bringt, d.h. vor allem das neue, aufregende und emotionale oder halt irgendwas mit Islam und ImmigrantInnen.

Fernsehtalkshows befördern dadurch die Kurzlebigkeit der Politik. Sobald ein Thema seinen Neuigkeitscharakter verliert, können sich politische Akteure nicht länger in Fernsehtalkshows damit profilieren. Wollen sie weiter prominent bleiben, müssen sie nun zum nächsten politischen Erregungszyklus einen Beitrag leisten können. Um sich in ein Thema einzuarbeiten sind dabei die politisch-medialen Erregungszyklen zu kurz. Typische Talkshow-PolitikerInnen können daher keine echten ExpertInnen sein, sie müssen sich stattdessen nur als solche inszenieren.

Max Weber sagte einmal, dass Politik ein langsames Bohren dicker Bretter mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich wäre. Fernsehtalkshows inszenieren hingegen Politik als kurzlebigen Streit von Schein-ExpertInnen, bei denen die Betroffenen von der Diskussion ausgeschlossen werden. Sie befördern die Passivität der Menschen und sind eine Gefahr für die Demokratie.

Talkshows bringen mit viel Effekthascherei wenig Klarheit, viel Irrtum und keinen Funken Wahrheit. Wir müssen sie abschaffen, um die politische Kultur zu retten.

Über den Autor

Critica ist die Studierendenzeitung des SDS (http://www.linke-sds.org/media/critica/)

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