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Antikapitalistisches Kino – Ein Gegenentwurf zu Hollywood

Vor rund 60 Jahren veröffentlichten zwei argentinische Filmemacher eines der spannendsten Manifeste der Filmgeschichte. „Toward a Third Cinema“ skizziert den Versuch eines anti-kapitalistischen und anti-imperialistischen Kinos und ist damit aktueller denn je. Ein Plädoyer für und ein Blick auf revolutionäres Kino.

Im Zuge der Coronapandemie leiden derzeit insbesondere die Kulturbranche und Kunstschaffende. Während kleine Kinos um ihre Existenz bangen, verzeichnen Streamingdienste Umsätze sowie eine kulturelle Einflussnahme wie nie zuvor. Dabei ist die enorme Bedeutung von Film kaum zu negieren: die Illustration von verschiedensten Ereignissen und Thematiken prägt und verändert unsere Perspektive auf gesellschaftliche Verhältnisse und vorherrschende Normen. Kein Wunder also, dass das Filmgeschäft oftmals profit- und elitenorientiert ist. Hierbei handelt es sich jedoch keinesfalls um eine neue Erscheinung.

Im Jahr 1969 entstand das Manifest „Toward a Third Cinema“ der argentinischen Filmemacher Fernando Solanas und Octavio Getino. In diesem beschreiben sie das kapitalistische Hollywood Kino ihrer Zeit und wie internationales Filmschaffen lange Zeit dazu bestimmt war, ideologische und ökonomische Interessen der Eliten zu befriedigen. Kino wäre damit vor allem eines: ein weiteres Konsumgut. Hollywood Kino vereinheitlichte den größten Teil des Films in der Welt. Außen vor blieben alle, die nicht zur herrschenden Klasse gehörten und eben auch die Filmmacher*innen selbst. Sie fanden sich im Zwiespalt unterschiedlicher Interessen wieder: Profit einerseits, soziale Verantwortung andererseits.

Der Gegenentwurf Solanas und Getinos ist das so genannte Third Cinema. Ein Kino, das dazu animiert, herrschende Klassen- und Machtverhältnisse kritisch zu hinterfragen. Eines, das den Kampf der unterdrückten Länder und Bevölkerungen gegen imperialistische Mächte sowie jegliche Form von Repression abbildet. Dabei werden Regisseur*innen als Teil eines Kollektivs angesehen, das die Massen zu revolutionärem Aktivismus aufruft. Der Stil des Dritten Kinos ist dokumentarisch. Er zeichnet sich durch die Verwendung von erschwinglichen Kameras und den Einsatz von nicht-professionellen Darsteller*innen aus, um eine möglichst realitätsnahe Abbildung der Ereignisse zu ermöglichen.

Die Entwicklung des Dritten Kinos

Feministische Filmemacherinnen aus dem Globalen Süden begannen, mit neuen Technologien und den vorgeschlagenen revolutionären Taktiken ihre eigenen Geschichten zu erzählen. So konnten unterschiedliche Vorstellungen von „Weiblichkeit” und der Position von Frauen innerhalb von Revolutionen illustriert werden. Ein solcher bedeutsamer Film ist beispielsweise Sarah Maldorors „Sambizanga” (Mosambik, 1972), der in Angola spielt. Dort entdeckt eine Frau im Kampf gegen die herrschende Partei MPLA ihr revolutionäres Bewusstsein.

Insgesamt sind beispielsweise auch der taiwanesische, iranische oder chilenische Filmmarkt in den letzten drei Jahrzehnten geradezu explodiert, in Abgrenzung zur Vormachtstellung Hollywoods und Mitteleuropas. In Nigeria und Ghana entstanden immer mehr Filme mit Video- und Digitalkameras, die eine Kultur verbildlichen, die vom Hollywood- sowie europäischen Kino nicht abgebildet wird.

Allerdings verloren viele Werke den dokumentarischen Anspruch des Third Cinema, nicht zuletzt, weil es einfacher wurde, Filme zu finanzieren. Andere ästhetische Ausdrucksformen, die vom hegemonialen Hollywood-Kino beeinflusst wurden, gewannen an Attraktivität. Inzwischen haben Elemente des Third Cinema ihren Weg bis nach Hollywood gefunden.

Einige seiner Vertreter*innen wie Satyajit Ray, Glauber Rocha oder Ritwik Ghatak tauchen heutzutage im bürgerlichen Filmkanon auf. So scheint das Third Cinema nicht gänzlich aus der Geschichte verschwunden zu sein. Fraglich jedoch ist, inwiefern es inzwischen selbst zu einem Unterhaltungsfilm wurde, der, anstatt zu revolutionärem Aktivismus aufzurufen, nur noch dazu dient, der bürgerlichen Schicht den Kampf der Unterdrückten, oder Perspektiven abseits der eurozentristischen Norm zu zeigen.

Solanas und Getino eröffnen uns in ihrem Manifest, dass „[d]ie Geburt eines Dritten Kinos […] das wichtigste revolutionäre künstlerische Ereignis für unsere Zeit bedeutet“. Lasst uns diesen Satz und das revolutionäre Potential von Kino nicht vergessen. Ein Kino, das den Kampf gegen Kapitalismus, Rassismus und Patriarchat illustriert!

Dieser Beitrag erschien in gedruckter Form in der Critica, verfasst haben ihn Zoë Dackweiler und Darian Nöhre.

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