„Pride“ – Vereint gegen Thatcher

31. Mai 2016 - 15:26 | | Kultur | 0 Kommentare

Im Großbritannien der 1980er Jahre unterstützen schwul-lesbische Aktivistinnen und Aktivisten streikende Bergarbeiter. Doch die wollen das gar nicht, zumindest am Anfang.

Großbritannien im Sommer 1984: Schon seit Monaten streiken im ganzen Land Bergarbeiter gegen die Privatisierung und Schließung ihrer Kohleminen. Sie bekommen die volle Härte des Staatsapparats zu spüren. Die Regierung von Premierministerin Margaret Thatcher kürzt die staatliche Unterstützung für die Streikenden, schließt deren Kinder von der Schulspeisung aus und vielen Bergarbeiterfamilien werden Strom und Gas abgestellt. An den bestreikten Minen geht die Polizei mit äußerster Brutalität gegen die Arbeiter vor und die Presse hetzt gegen den Ausstand, wie es wahrscheinlich nur der britische Boulevard kann.

Mark Ashton kommt das alles sehr bekannt vor: »Diese Bergarbeiter werden genauso schikaniert wie wir«. Mark ist ein Aktivist der Londoner Schwulen- und Lesbenszene. Tatsächlich ist das Großbritannien der Thatcher-Ära kein angenehmer Ort, um homosexuell zu sein: Ausgrenzung, Polizeischikanen und homophobe Übergriffe gehören zum Alltag. Es ist die Zeit, in der die Krankheit Aids erkannt wird – für die Konservativen ein willkommener Anlass, um gegen die »Perversen« zu hetzen.

Mark will sich mit den Streikenden solidarisieren. Gemeinsam mit einigen Gleichgesinnten gründet er die Gruppe »Lesben und Schwule für Bergarbeiter« (LGSM, »Lesbians and Gays Support the Miners«). Der Buchladen eines Aktivisten wird zur Zentrale der Gruppe, die Mitglieder schwärmen aus, um Geld für die Kumpel zu sammeln.

Doch die Spenden an den Mann zu bringen, gestaltet sich schwieriger als erwartet. Da die Gewerkschaftsführung die Anfragen der Gruppe ignoriert, beschließen die Mitglieder, in die walisische Bergbauregion zu reisen, um ihre Solidarität persönlich kundzutun. Als die Städter mit ihrem bunt bemalten Kleinbus in der grauen Reihenhaussiedlung Onllwyn ankommen, stoßen sie zunächst nicht nur auf Gegenliebe. Doch schon bald entsteht eine Freundschaft zwischen den Dorfbewohnern und den LGSM-Aktivistinnen und -Aktivisten.

Auf einfühlsame Weise und mit viel Humor erzählt »Pride«, wie praktische Solidarität Menschen verändern kann: Im vereinten Handeln gegen einen gemeinsamen Feind schwinden gegenseitige Ressentiments und Vorbehalte.

Zu schön, um wahr zu sein? Mitnichten. »Pride« basiert auf einer wahren Begebenheit. Die LGSM existierten wirklich. Die Organisation gründete sich 1984 in London und hatte später Ableger in ganz Großbritannien. Allein die Londoner Aktivistinnen und Aktivisten sammelten über 20.000 Pfund für die Bergarbeiter und organisierten obendrein ein erfolgreiches Benefiz-Konzert.

Indem er ihre Geschichte erzählt, stellt sich Regisseur Matthew Warchus in die Tradition des sozialkritischen britischen Kinos. Er reicht mit seinem Streifen vielleicht nicht an die Vielschichtigkeit eines Ken Loach heran. Stattdessen ist »Pride« ein unterhaltsamer Gute-Laune-Film, ohne jedoch ins Flache abzugleiten. Er bleibt immer politisch – und authentisch. Denn die Macher haben sich im Vorfeld intensiv mit ihrem Thema auseinandergesetzt. Zeitgenössische Fotos inspirierten den Look des Films und Drehbuchautor Stephen Beresford sprach mit zahlreichen Aktivisten von damals. »Beim Schreiben«, erzählt er, »merkte ich schon bald, dass die Wahrhaftigkeit der Anker des ganzen Drehbuchs war, deswegen wollte ich mich davon gar nicht zu sehr entfernen«.

Dementsprechend entspringt auch die eindrucksvollste Geschichte des Films der Realität: Im Sommer nach dem Streik veranstaltet die Londoner Schwulen- und Lesbenszene ihre jährliche Gay Pride, eine Demonstration für Anerkennung und Gleichberechtigung. Anders als sonst führen dieses Mal keine schwul-lesbischen Aktivisten den Umzug an, sondern: hunderte walisische Bergarbeiter.

Eine Besprechung von Marx21.

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