Migrantenstadl – Deutschland aus migrantischer Sicht

3. Juli 2016 - 15:10 | | Kultur | 0 Kommentare
Migrantenstadl

Das Buch zu dem erfolgreichen Blog „Migrantenstadl“ ist im März erschienen und absolut lesenswert. In Texten und Bildern wird ein Blick auf die Gesellschaft geworfen, aus der Perspektive on hier Menschen mit Migrationshintergrund, Tunay Önder und Imad Mustafa.

Unter dem ersten Text steht „bitte rappen“ und wie ein Rap wirkt das Buch an manchen Stellen auf den Leser. Häufig muss man bei aller Ernsthaftigkeit des Hintergrundes und vieler Texte lächeln, hin und wieder wirklich lachen. Ein schönes Beispiel daür ist „das migrantenstadl manifest“, neben Forderungen, die bei etwas anderer Formulierung sehr ernst zu nehmen sind, wie z.B. „Einführung des Wahlrechts für Migrant_innen, sofort und überall“, findet sich „kostenlose Kopftücher für alle, Migranten und nicht-Migranten“ .

Es finden sich jedoch nicht nur Texte, die sich direkt oder indirekt mit Migranten oder Migration beschäftigen. In „Sachlich bleiben oder ab in die Sammelzelle“ geht es um die Frage, ob man Solidarität in dieser Gesellschaft ausleben kann. So heisst es dort „Ganz sicher aber darf Solidarität nicht in echtem und hitzigen Zusammenhalt sichtbar werden“. Die Schlussfolgerung, die daraus gezogen werden könnte, ist das „Solidarität lieber überwiesen werden sollte“. Ein kurzer nachdenklich machender Text zur Realität von gelebter Solidarität.
Es finden sich neben politischen, philosophischen und sozialen Texten auch lyrische wie etwa „Blockupy in Reih und Glied“ , in dem die Grenzen der Demonstrations- und Meinungsfreiheit in knappen, präzisen Worten aufgezeigt werden oder „Propaganda“, wo es um den Sinn von Begriffen wie Wahrheit, Recht und ähnlichem geht.

Dazwischen finden sich auch einige Texte in arabischer Sprache, Briefe und Fotos aus Palästina sowie Abbildungen von Transitdokumenten ebenfalls aus Palätina. Auch wenn man nicht arabisch spricht, sprechen diese Bilder für sich. Unter dem Titel „Checkpoint, Border, Terminal. All the same“ ist eine Befragung beschrieben, wie sie Palästinenser und ihre Familien bei der Einreise nach Israel immer wieder erleben.

Dem Thema „Sprache“ sind verschiedene Texte in unterschiedlicher Form gewidmet, so z.B. der „Wörterayntoff“, in dem es um Wörter geht, die sich aus mehreren Sprachen zusammensetzen oder die neue Interpretationen und Anwendungen erfahren haben, häufig auch eine der Muttersprache angepasste Schreibweise. „Der Wörterayntoff versteht sich als ein Archiv, das sich stetig weiterentwickelt und marginalisierte Sprach- und Sprechrealitäten beleuchtet und in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt; denn manchmal, so unser Credo, erschlieβt sich das Wesen einer Sache erst dann, wenn man sie vom Rand her denkt“. Auch aus dem Bereich „Sprache „ stammt die „Zusammenhäng zwischen Ton und Tun“ überschriebene Sammlung von lautmalerischen türkischen Begriffen und Auszüge aus einem „Sprachhilfe – zur Verständigung zwischen türkischen und deutschen Mitarbeitern in deutschen Betrieben“.
Politische Texte bilden den Schwerpunkt dieser Textsammlung, wie z.B. die äuβerst lesenswerten Überlegungen zu „Salafismus zwischen Sicherheitsdiskurs und Jugendsubkultur“, in dem der Autor sich u.a. fragt, warum zu Themen wie Salafismus und Djihadismus groβe Zahlen von Studien und Untersuchungen veröffentlicht werden, während dem Thema rechter Terror nur sehr wenig Beachtung geschenkt wird, obgleich dieser in Deutschland erheblich mehr Leben gefordert hat.

Ein Artikel ist einem Thema gewidmet, dass sich wie auch dort beschrieben, dem Interesse, aber wohl auch der Kenntnissse der breiteren Öffentlichkeit völlig entzieht. Unter der Überschrift „Sotschi, mon amour! Oder: Der blutige Tanz auf Massengräbern“ beschäftigt sich Hikmet Kayahan mit der Nordkaukasusfrage und dabei insbesondere mit dem Genozid an den Tscherkessen, deren letzte Hauptstadt Sotschi war. Er greift die Geschichte dieses Volkes insbesondere im Zusammenhang mit der Winterolympiade in Russland 2014 auf, die in Sotschi stattfand. Für den Autor steht dabei die Frage im Vordergrund, wie mit historischem Unrecht umgegangen wird. Ein Kochrezept, das man wirklich nachkochen kann, macht die Erinnerung an dieses vernichtete Volk lebendig.
Ebenfalls um die Wahrnehmung von Unrecht und Ungerechtigkeit geht es in „Brief für Gaza“, der die Situation in Palästina, die Realität des Zionismus und die Wahrnehmung im Bewusstsein des Westens Thema hat. Dem Brief vorangestellt ist ein Zitat der Autorin Susan Abulhawa „What Western Media refer to as a conflict is, in fact, the destruction of an entire people; the erasure of their history; the removal of a distinct and named geographic and sociocultural space that has existed since early antiquity”.
Neben den beschriebenen Texten finden Reflexionen im Rahmen von Theaterprojekten, weitere lyrische Texte, sogenannte “Berichte aus der Peripherie” und viele anderen Überlegungen und Diskurse rund um die Themen Migration, Rassismus, Terror und Integration Eingang in dieses Buch.

In einigen der abgedruckten Texten wird ein Wort für Menschen mit migrantischer Abstammung verwendet, das Eingang in den Duden und die allgemeine Sprache finden sollte: „Mehrheimische“.
Das „Migrantenstadl“ ist ein Lektüre, die immer wieder überrascht, nachdenklich, manchmal traurig macht und auch Anlass zum Lächeln gibt. Zur Lektüre dringend empfohlen, bestellt werden kann es hier.

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