Die Internationale und ihr Bedeutung

30. Juli 2016 - 12:11 | | Kultur | 1 Kommentare
Arbeiterklasse

Eugène Pottier ist der Textdichter der „Internationalen“. Geboren 1816 in Paris, wuchs Pottier in einer Zeit auf, in der die Errungenschaften der Französischen Revolution von 1789 zunichte gemacht und die Monarchie wiederhergestellt worden war. In einer Zeit neuer sozialer Kämpfe brach er mit 13 Jahren die Schule ab und arbeitete mit seinem Vater im Transportwesen. Schon mit 14 Jahren wurden seine beiden Leidenschaften Politik und Dichtkunst sichtbar, als er sein erstes Lied „Vive la Liberté!“ nach der Julirevolution von 1830 schrieb. 1848 erkämpfte er auf den Barrikaden die zweite Republik, die nach kurzer Zeit wieder in der Monarchie endete.

Die Pariser Kommune

Zum ersten Mal in der Geschichte kam es im März 1871 in Paris zu einem Aufstand unter Führung der arbeitenden Bevölkerung. Innerhalb weniger Stunden wurde die Stadt übernommen und eine neue Form der Demokratie eingeführt: die Räterepublik. In den 72 Tagen der Pariser Kommune musste kein Mensch hungern oder obdachlos sein. Die bürgerliche Regierung musste aus der Stadt nach Versailles flüchten, aber sie entsandte im Juni ihre Soldaten, um die Kommune blutig zu zerschlagen. Nach den brutalen Massakern an den Kommunard_innen verfasste Pottier den Text der Internationalen und ließ darin Geschichte mit politischen Aussagen verschmelzen.

Gewidmet ist der Text der „Internationalen Arbeiterassoziation“ oder kurz „Internationale“. Sie bildete sich 1864 aus einem Zusammenschluss von Sozialisten, Anarchisten, nationalen Befreiungskämpfern und anderen radikalen Denkern. Unter ihnen war auch Karl Marx, der sich mit seinen Ideen der Arbeiterbefreiung durchsetzte und weitere wichtige Aspekte seiner Analysen in die Erklärungen der Internationale einfließen ließ.

Fatale Fehler

Eugène Pottier war bei den Aufständen und an der Pariser Kommune als Kommunalrat beteiligt. Wie die meisten Arbeiter_innen in Frankreich, war er Anhänger des Proudhonismus, einer Form des Anarchismus. Die Proudhonisten waren begeisterte Revolutionäre, deren politische Schwächen aber maßgeblich für die Niederlage der Kommune waren. Marx meinte, man hätte auf die Pariser Frauen hören und auf Versailles marschieren und die bürgerliche Regierung verhaften sollen.

Die Proudhonisten ignorierten die Gefahr, konzentrierten sich ganz auf die Errichtung der neuen Gesellschaft und erleichterten so den Sieg der Konterrevolution. Der Proudhonismus wurde mit der Kommune zu Grabe getragen, aber Pottiers „Internationale“ hat bis heute Bestand.
Der Text

Zur Zeit Pottiers waren Arbeiter_innen zu Hunger und Armut verdammt. Forderten sie ein besseres Leben, dann konnten sie dafür tatsächlich eingesperrt werden. Pottier ruft in der ersten Strophe der Internationalen auf:

Wacht auf, Verdammte dieser Erde,
die stets man noch zum Hungern zwingt!

In der ersten Strophe zeigt sich, wie diese Forderungen umgesetzt werden können:

Das Recht wie Glut im Kraterherde
nun mit Macht zum Durchbruch dringt.
Reinen Tisch macht mit dem Bedränger!
Heer der Sklaven, wache auf!
Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger
Alles zu werden, strömt zuhauf!

Pottier sieht Arbeiter_innen wie Marx als Lohnsklav_innen, die sich nur im gemeinsamen Kampf gegen ihre Unterdrücker_innen befreien können. Der Zusammenschluss aller Ungehörten kann in der Masse zur Revolution führen, die Macht, Rechte zu erkämpfen.

Es rettet uns kein höh’res Wesen,
kein Gott, kein Kaiser noch Tribun
Uns aus dem Elend zu erlösen
können wir nur selber tun!
Leeres Wort: des Armen Rechte,
Leeres Wort: des Reichen Pflicht!
Unmündig nennt man uns und Knechte,
duldet die Schmach nun länger nicht!

In der zweiten Strophe wird noch einmal betont, dass die Befreiung nur von den Unterdrückten selbst ausgehen kann. Der Staat wird als Instrument der herrschenden Klasse gesehen: Arme haben keine Rechte, Reiche keine Pflichten.

In Stadt und Land, ihr Arbeitsleute,
wir sind die stärkste der Partei’n
Die Müßiggänger schiebt beiseite!
Diese Welt muss unser sein;
Unser Blut sei nicht mehr der Raben,
Nicht der mächt’gen Geier Fraß!
Erst wenn wir sie vertrieben haben
dann scheint die Sonn‘ ohn‘ Unterlass!

Mit Partei ist die „Internationale“ gemeint, die als Ziel hatte, alle Arbeiter_innen unter ihrer Führung international zu vereinen. Der zweite Teil der Strophe nimmt Bezug auf die Massaker an den Kommunard_innen und fordert die Revolution, um eine freie Welt ohne Kapitalismus zu schaffen.

Der Refrain ruft schließlich zum letzten Kampf um Leben und Tod auf, wie beim Kampf um die Pariser Kommune. Er wurde im Vergleich mit dem französischen Originaltext etwas in seiner Bedeutung verändert. Aus „Die Internationale wird die Menschheit sein“ wurde in der deutschen Version „Die Internationale erkämpft das Menschenrecht“.

Völker, hört die Signale!
Auf zum letzten Gefecht!
Die Internationale
erkämpft das Menschenrecht!

Die Unterschiede in den Übersetzungen sind auf die damaligen politischen Verhältnisse zurückzuführen. In Deutschland war die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) die stärkste Arbeiterpartei und setzte kaum auf Selbstbefreiung, im Gegensatz zu den revolutionären Proudhonisten in Frankreich. Pottier hat eine weltweit verständliche Botschaft geschaffen, die den internationalistischen Charakter der Pariser Kommune festhält. Ohne Vorwissen spürt man, was der gemeinsame Kampf der Arbeiter_innen für die Menschheit bedeuten kann.

Ein Artikel von Jakob Zelger, der in der Linkswende erschien

Über den Autor

Ein Kommentar

  • 1
    Peter Kuske sagt:

    Zum Thema Arbeit und Armut (bzw. Ausgrenzung) noch etwas an dieser Stelle!

    Angst spielt wie immer, so oder so gesehen, eine wichtige Rolle um zu „regieren“!

    Man solle „keine Angst“ haben tönt es von der Politik – ein klares Kennzeichen übrigens von Psychopathen, die nicht imstande sind soetwas „zu haben“.

    Angst ist gut, von der Natur gegeben, die Politiker wollen uns weiß machen, man solle keine Angst haben, wie in einer Sekte, wo man auf Linie getrimmt werden soll.

    Angst kann einen vor gefährlichen Dingen im Leben schützen!

    Angst vor dem Jobverlust und einem Zwangssystem, in welchem unterschiedliche Druckmomente künstlich geschaffen wurden, um wieder in Reih und Glied sich einzufügen, ist etwa eine solche. Sogenannte „Faulheit“ (Ausspannen etc.) ist per se durch Untermenschentum geprägt – denken viele, sprechen es aber häufig nicht aus (Persönlichkeitsspaltung?).

    Jeder Mensch ist für sich als Wesen nicht dazu geboren, seinen größten Teil des Lebens zu arbeiten – was durch ein perfektioniertes System bis heute hin leider eher zum massenhaften Zwang als zur Ausnahme geworden ist. In diesem größten Teil des Lebens vergeht so viel Zeit für etwas, was nicht wieder aufholbar ist und erst in der letzten Lebensphase wird einem tatsächlich bewusst, was es mit dem Leben auf sich hatte. Man erhält aber keine Chance, dieses Vergangene zu korrigieren!

    Faulheit gilt in den westlichen Industrienationen als Todsünde. Wer nicht täglich flott und adrett zur Arbeit fährt, wer unbezahlte Überstunden verweigert, lieber nachdenkt als malocht oder es gar wagt, mitten in der Woche auch mal bis mittags nichtstuend herumzuliegen, läuft Gefahr, des Schmarotzertums und parasitären Lebens bezichtigt zu werden.

    Nein, stopp: Nur die armen Arbeitslosen fallen in die Schublade »Ballastexistenz«. Millionenerben, Banker- und Industriellenkinder dürfen durchaus lebenslang arbeitslos und faul sein. Sie dürfen andere kommandieren, während sie sich den Bauch auf ihrer Jacht sonnen.

    Früher glaubten viele Menschen an einen Gott. Wie viele heute noch glauben, da oben säße einer, der alles lenke, weiß ich nicht. Das ist auch egal. Gottes ersten Platz hat im modernen Industriezeitalter längst ein anderer eingenommen: Der »heilige Markt«. Der Finanzmarkt. Der Immobilienmarkt. Der Energiemarkt. Der Nahrungsmittelmarkt. Und der Arbeitsmarkt.

    Der Arbeitsmarkt ist, wie der Name schon sagt, zum Vermarkten von Arbeitskraft da. Wer kein Geld und keinen oder nur sehr wenig Besitz hat, verkauft sie. Die Eigentümer der Konzerne konsumieren sie, um daran zu verdienen. Das geht ganz einfach: Sie schöpfen den Mehrwert ab. Sprich: Der Arbeiter bekommt nur einen Teil seiner Arbeit bezahlt. Den Rest verrichtet er für den Gewinn des Unternehmers.

    Arbeit verkaufen, Arbeit konsumieren: So geschieht es seit Beginn der industriellen Revolution. Denn Sklaverei und Leibeigenschaft wurden ja, zumindest auf dem Papier, abgeschafft.

    Solange Furcht vor Strafe, Hoffnung auf Lohn oder der Wunsch dem Über-Ich zu gefallen, menschliches Verhalten bestimmen, ist das wirkliche Gewissen noch gar nicht zur Wort gekommen. (VIKTOR FRANKL)