Die Kinder von Hoy – Die Erfahrungen von Hoyerswerda

Grit Lemke hat mit „Die Kinder von Hoy“ einen dokumentarischen Roman über ihren Heimatort Hoyerswerda vorgelegt. Sie skizziert darin die Ursprünge einer Stadt, die am Reißbrett entworfen und aus Bauelementen zu riesigen Wohnkomplexen zusammengesetzt wurde. Eine Stadt, die die Energieversorgung der Republik sicherstellen sollte.

Eine Stadt, in der mit der harten körperlichen Arbeit über Jahrzehnte auch der Zusammenhalt gewachsen war. Und schließlich eine Stadt, in der eben jener Zusammenhalt durch die politischen Umbrüche der neunziger Jahre vollständig aufgekündigt wurde. Lemke nimmt die Perspektive einer Heranwachsenden ein. Erzählt episodenhaft. Verdichtet eigene Erinnerungen mit O-Tönen aus Interviews und gibt dem Lebensgefühl ihrer Mitmenschen einen Ausdruck. 
In Berlin, schreibt sie zu Beginn des Buches, konnten Menschen Leander oder Jacob heißen. Wer so hieß, studierte Kunst, Schauspiel oder Film studieren. In Hoyerswerda hießen alle Thorsten oder Thomas, und es war klar, mit einem solchen Namen bestieg man eines Tages den Bus nach Pumpe und arbeitete als Brikettierer. Oder als Maschinistin für Wärmekraftanlagen. Oder als Baggerfahrer im Tagebau. Traumberufe waren das nicht, aber die Produktion von Kohle, Gas und Energie war das Herzstück der Stadt. Es gab den Rhythmus vor, nicht nur im Alltag, auch im Leben. Schichtbusse rollten ins Gaskombinat Schwarze Pumpe. Selbst der Schulunterricht passte sich diesem Takt an.
Nicht zufällig ging der Herbst ’89 in Hoyerswerda später los als anderswo. Die Menschen schienen in den neuen Wohnkomplexen zufriedener als in Städten wie Leipzig, wo alles zerfiel. Hier gab es keinen Altbau, in dem es durchregnete. Hier mussten die Briketts nicht in den vierten Stock geschleppt werden. In Hoyerswerda haben die Menschen gut verdient. Es war Geld da und fließend Wasser. Der politische Umbruch erreichte die Stadt dennoch, verdichtete sich zum Strukturbruch und stellte das Leben auf den Kopf. Es war, als würde man über schwankenden Boden gehen, schreibt Lemke. Das Leben im neuen Gesellschaftssystem sei gewesen, als erlerne man neu, ein Auto zu fahren. Immerzu musste man darüber nachdenken, wann gekuppelt, geschaltet oder gebremst wird. Unsicherheit prägte den Alltag. Ein Lebensgefühl, das die gesamten Neunziger anhalten sollte.

Schon bald kam es zu „Personalanpassungen“. Den Anfang machte die Kokerei. Die Belegschaft im Schnitt nicht älter als dreißig Jahre. Es war der erste Betriebsteil von Pumpe, der geschlossen wurde. Am Ende sollten 20.000 allein in Hoyerswerda und mehr als 100.000 in der Lausitz ohne Job da stehen. Kohle, Gas und Energie standen schon lange nicht mehr für Wohlstand, Sicherheit und Zukunft. Orientierungen brachen weg. Gewissheiten. Im Januar 1991 der Golfkrieg. Dann Springerstiefel und Bomberjacken. Die Stadt teilt sich plötzlich in politisch linke und politisch rechte Wohnkomplexe. Das Zusammenleben lud sich politisch auf. „Hoy“ war für seine Einwohner lange eine wärmende Haut, schreibt Lemke. Doch im Herbst 1991 begann diese zu platzen. Schicht für Schicht. Rechte Schläger patrouillierten in den Straßen, verbreiteten Terror. Überfälle auf linke Jugendzentren und Privatwohnungen. Schwarze Liste sorgten für Angst.

Ein Muss

Ungeschönt schildert Lemke, wie sich auch das Leben derjenigen änderte, die nicht bereit waren, sich in den rechten Mob einzureihen. „Durch die Stadt bewegt man sich nur noch auf dem Fahrrad, schnell und immer auf Umwegen. Bevor man die Haustür aufschließt, sieht man sich um und überlegt, ob man das Licht im Treppenhaus anmacht, wissend, wie sinnlos das ist. Irgendwann hören wir ganz auf, uns zu treffen. Jetzt ist jeder mit seiner Angst allein.“ Schließlich setzt der Exodus ein. Vor allem junge Menschen kehren ihrer Heimatstadt resigniert den Rücken. 
Grit Lemke gelingt ein berührender Blick auf die Klasse der abhängig Beschäftigten, den tiefen gesellschaftlichen Umbrüchen jener Zeit schutzlos ausgeliefert. Eine ungeschminkte Darstellung derjenigen, die mit ihrer täglichen Arbeit einst die Republik wärmten und schließlich im Korridor politischer und sozialer Unwägbarkeiten aufgerieben wurden. Ihr Blick zeigt schonungslos, Strukturbrüche sind Klassenerfahrungen, in denen die Welt der Arbeit unter die Räder gerät, wenn sie sich nicht gemeinsam dagegen stemmt. Das Buch ist ein Muss für alle, die in den 1990er Jahren in Ostdeutschland erwachsen werden mussten. Und lesenswert, wenn man die Dramatik jener Zeit verstehen will. 

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