„Klasse und Kampf“ – kein Buch über Klassenkampf

Wer den Titel „Klasse und Kampf“ liest, erwartet eine linke Kampfschrift oder zumindest eine ebensolche theoretische Abhandlung. Doch das Bändchen von Christian Baron und Maria Barankow ist keines von beidem. Das Büchlein ist eher eine Sammlung von kleinen literarischen und autobiographischen Texten des who is who der derzeit stark beachteten Klassenliteratur und Klassismusdebatten.

Aus vielfältigen literarischen und autobiographischen Perspektiven schildern Christian Baron, Sharon Duduo Totoo, Katja Oskamp, Francis Seeck, Anke Stelling Klassenerfahrungen von unten. Von Klassenkampf handelt das Buch hingegen an keiner Stelle. Der Klassen-„Kampf“ besteht im Ringen der sehr verschiedenen Autorinnen und Autoren mit ihrer Klassenherkunft und der daraus resultierenden gesellschaftlichen Zurückweisung.

Vielfältige Sichtbarkeit der Klasse von unten

„Klasse und Kampf“ reiht sich ein in die Renaissance der Klassenliteratur und das ist auch gut so. Mehrere Jahrzehnte wurden in der westlichen Welt Klassenerfahrungen von unten unsichtbar gemacht. Zwei Jahrzehnte wandelte die Karikatur des Prolls durch verschiedene Formate des Privatfernsehens. Mit der Realität hatten diese Darstellungen wenig bis nichts zu tun. Die normale Arbeitswelt und Lebenswelt des unteren Drittels der Gesellschaft kommt in den Medien – und damit gesellschaftlich – überhaupt nicht vor. Die verschiedenen Autorinnen und Autoren glorifizieren „ihre“ Klasse keinesfalls. Unten sein, dass machen die Beiträge klar, ist oft ein Kampf, ob gemeinsam erlebt und noch öfter allein.

Eindrücklich schildert der Schriftsteller Clemens Meyer sein Durchwurschteln im – teils kleinkriminellen – Milieu einer ostdeutschen Stadt. Berührend schreibt Christian Baron vom Sterben seines Großvaters und dem Problem seiner Tante mit der unbezahlten Beerdigung. Francis Seeck widerlegt eindrücklich das Vorurteil der ungebildeten Armen und zeigt anhand ihrer hoch gebildeten, aber Geld-armen Familie, wie auch sie Ringen und um Anerkennung kämpfen. Sharon Dudua Otoo zeigt hingegen schlicht ihren Kampf als alleinerziehende Mutter mit Künstlergehalt während der Pandemie und den ausfallenden Einnahmen. Kübra Gümüsay wechselt die Perspektive und steuert ein kurzes Stück über die voneinander entfremdeten Lebenswelten der verschiedenen Generationen türkischer MigrantInnen bei. Schorsch Kamerun beschreibt in einem Rede- und Textfluss das Problem und die Dilemmata des punkigen Dagegenseins und kontrastiert das mit dem Blick auf scheinbar saturierte Linke. Das alles liest sich meist schnell und spannend weg – ohne beliebig zu werden. Das Buch kommt an keiner Stelle aufklärerisch oder bevormundend daher und variiert Eindringlichkeit und Kurzweiligkeit.

Das Buch zeigt, dass die Klassenverhältnisse unten vielfältiger sind als die bisherigen Debatten. „Klasse und Kampf“ handelt von Prekären, hoch gebildeten Prekären, migrantischen und weiblichen Sichtweisen auf die Klasse unten. Die Autorinnen und Autoren kreisen eindrücklich um Scham und manchmal den Stolz der Klassenherkunft. Die meisten AutorInnen sparen auch den Bruch mit der eigenen Herkunft nicht aus, den der Weg an die Universität oder das professionale Schreiben bedeutete. Denn nicht wenige AutorInnen mussten sich von ihrer Herkunft weit entfernen um „Anzukommen“ in der gesellschaftlichen Respektabilität des Schreibens, Veröffentlichens und (Vor-)Lesens. Klar wird: Man kann aus der Klasse aufsteigen, entkommen aber, kann man ihr nie.

Wohin?

Verdienstvoll und unterhaltsam zugleich ist das Bändchen von Christian Baron und Maria Barankow. Nur wer eine Perspektive aus der Klasse sucht, wird von diesem Büchlein enttäuscht. Lediglich Schorsch Kameruns Beitrag verhandelt die fehlende gemeinsame Klassenperspektive von unten und die ausbleibende Überwindung der Verhältnisse. Schade eigentlich, denn die Sichtbarkeit der Klassengesellschaft kann nur der Anfang sein, aber sie ist ein wichtiger Anfang.

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