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Für eine politische Kultur der Vielen

HipHop ist in Deutschland nicht erst seit Kurzem auf Erfolgskurs. Nachdem dem Genre Ende der 2000er Jahre der Abstieg in die Bedeutungslosigkeit prophezeit wurde, rückten Künstler wie Casper oder Cro den deutschen Rap Anfang der 2010er Jahre aus dem Straßenimage zum Sound der kaufkräftigen bürgerliche Mitte und verwandelten ihn bis dato zum garantierten Kassenschlager. Der Hype zog über die Jahre unzählige neue Künstlerinnen und Künstler auf den Plan – die HipHop-Kultur hat sich unglaublich diversifiziert. Mittlerweile gibt es nahezu für jeden Sound und Inhalt ein flächendeckendes Angebot vom Underground bis zum Schützling der Musikindustrie. Dass sich selbst aus marxistischem Rap gutes Geld pressen lässt, zeigt der immense Aufstieg des Hamburger Rappers Disarstar.

HipHop war für mich als Konsument immer eine Energiequelle. Besonders, wenn er politisch aufgeladen ist. Nate57 begleitet mich seit meiner Jugend. Ich kann nicht mehr nachzählen, wie oft ich mir seine Mucke gegeben hatte, insbesondere wenn ich abgefuckt war von asozialen Chefs oder rassistischen Attacken. Dann habe ich Tracks wie „Immigranten“, „Blaulicht“ oder „Wie könnt ihr noch Fragen?“ auf Anschlag gedreht, laut mitgerappt und die konfuse Wut verwandelte sich in kreative Energie.

Das war wahrscheinlich einer der Gründe, warum ich dann selbst angefangen hatte, meine ersten Texte zu schreiben und mehr oder weniger stabil auf Beats zu rappen. Ich wollte Botschaften in die Welt verteilen, Musik als Schlüssel benutzen, um die Welt zu verändern. Also habe ich immer versucht, möglichst viel inhaltliche Schwere in die Texte zu packen. Erst später habe ich für mich festgestellt, dass die Ausbeutung von Kultur zu bloßen Agitationszwecken den kreativen Anteil zerstört und die Musik ästhetisch entleert. Botschaften, die hängen bleiben, kommen nicht aus theoretischen Konstrukten sondern entwickeln sich aus unserem Alltag, sie sind authentisch und menschlich. Und das ist wohl auch der hauptsächliche Grund, warum Nate57 oder Disarstar eine außerordentliche Beliebtheit bis tief in die marginalisiertesten Teile der Gesellschaft genießen und sich linker Szene- und Zeckenrap nicht aus seiner Bubble herausbewegt. Er scheitert an seinen eigenen Ansprüchen nach vorgeblicher politischer Reinheit. Außerhalb von Deutschland ist man da schon wesentlich weiter, Künstler wie JCole, Kendrick Lamar oder Joey Bada$$ in den USA, Nach oder ZPU in Spanien, Portavoz aus Chile oder Rappers School aus Peru beweisen, dass Rap politisch sein kann, ohne sich zwanghaft in moralischer Selbstgefälligkeit von der Mehrheitsgesellschaft abzugrenzen.

HipHop ist eine Kultur von unten. Und nicht immer, wenn erlebte gesellschaftliche Widersprüche in kreative Gefühlsausbrüche umgewandelt und auf Instrumentals gerappt werden, kann es den Ansprüchen von linken Intellektuellen zu 100 Prozent gerecht werden. Und das ist auch gut so. Sowohl in meiner eigenen Jugend und während meiner Zeit als Jugendsozialarbeiter waren auch anstößigere Texte immer ein guter Zugang, um existierende Problemfelder vom ökonomischen Abseits, Perspektivlosigkeit, Diskriminierungserfahrungen, Mobbing, Gewalt oder Drogenkonsum mit jungen Menschen zu thematisieren und auch die eigene Position in dieser Gesellschaft zu reflektieren.

Ich denke, dass nahezu jeder künstlerische Ausdruck in gesellschaftlichen Verhältnissen voller Widersprüche ihre Berechtigung und ihren Platz hat, ob wir die Mucke oder deren Inhalte jetzt feiern oder nicht. Rechter Rap hat in einer von rassistisch und ökonomisch ausgegrenzten Menschen geschaffenen Kultur natürlich keinen Zentimeter verloren. Wir sollten froh sein über Künstler, die sich fortschrittlich positionieren. Wir müssen an sie nicht zwingend die extra hohen Maßstäbe anlegen und gezielt nach der einen vorgeblich schwierigen Line suchen, um alles zu delegitimieren, was der Künstler jemals geschaffen hat. Wir sollten uns davor bewahren allzu schnell in Schnappatmung zu verfallen. Und unsere nahen Leute supporten, die tagtäglich ihren Beitrag dazu leisten, ihren Mitmenschen Lebensenergie zu spenden. Dann wird es vielleicht auch was mit den linken Mehrheiten in unserer Gesellschaft.

Musik von Leo Castro, findet ihr hier:

Von Leo Castro.

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